Cover der ersten Ausgabe der Johannesviertel Frauenzeitung
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Frauenmediaturm – Feministisches Archiv und Bibliothek; Signatur: Z108:1974-0
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Johannesviertel-Frauenzeitung – Von Frauen für Frauen geschrieben

verfasst von: Imke Dyck
veröffentlicht 18. Juli 2022
Die Johannesviertel-Frauenzeitung wurde 1974 von der Sozialistischen Frau-engruppe Darmstadt herausgegeben. Die Macherinnen wollten mit der Stadt-teilzeitung den Austausch von Frauen auf lokaler Ebene fördern und setzten sich darin unter anderem für die Abschaffung des § 218 ein.

Die Johannesviertel-Frauenzeitung erschien in einer Zeit, in der sich Zeitungen zu einem wichtigen Kommunikationsmedium für die Frauengruppen entwickelten. Die Frauen verschafften sich Gehör und vernetzten sich miteinander – bis auf die lokale Ebene wie zum Beispiel einem Stadtviertel. In Darmstadt begannen Frauen Anfang der 1970er Jahre, sich politisch zu organisieren. 1971 gründeten sie innerhalb der Sozialistischen Arbeitergruppe (SAG) eine eigene sozialistische Frauengruppe, weil sie nicht mehr nur als ‚Anhängsel‘ ihrer Männer und Freunde an den Sitzungen teilnehmen wollten. Zwei Jahre später lösten sich die Frauen dann ganz von der SAG und schlos-sen sich mit weiteren engagierten Frauen zur Sozialistischen Frauengruppe Darmstadt zusammen.1 Die Frauengruppe organisierte verschiedene Aktionen wie beispielsweise zum Muttertag 19732 und war für die zweite Ausgabe der Frauenzeitung – Frauen gemeinsam sind stark verantwortlich, die seit 1973 im Rotationsprinzip von verschiedenen Frauengruppen herausgegeben wurde.3 Darin plante die Gruppe, die Arbeit im Stadtviertel zu intensivieren, um mehr Frauen zu erreichen4 – einen Monat später erschien die erste Ausgabe der Johannesviertel-Frauenzeitung.

Johannisviertel-Frauenzeitung, H. 2 1974
Johannisviertel-Frauenzeitung, H. 3 1974

Die Herausgeberinnen

„Wir sind eine Gruppe von Frauen im Alter von 20 bis 35 Jahren, Berufstätige, Studentinnen, Hausfrauen und Mütter. Wir haben uns zusammengeschlossen, weil wir mit unserer Situation unzufrieden sind, weil wir einfach gemerkt haben, daß vieles, was für unsere Freunde und Ehemänner selbstverständlich ist, uns nicht zugestanden wird.“5 So steht es auf der Titelseite der Nullnummer der Johannesviertel-Frauenzeitung – Von Frauen für Frauen geschrieben aus dem Jahr 1974. Es sind noch drei weitere Ausgaben für dieses Jahr nachgewiesen, danach wurde die Zeitung wieder eingestellt. Die Seitenanzahl des DIN A4 großen Blättchens variiert zwischen 6 und 16 Seiten. Die Titelseiten ziert ein mit der Faust zerschlagener Venusspiegel sowie eine Zeichnung von Mädchen und Frauen, die sich an den Händen halten. Die Zeitung richtete sich an die Frauen im Johannesviertel in Darmstadt, „um auch mit den Nachbarinnen über unsere gemeinsamen Probleme zu reden“6 .

Das Private ist politisch

Die „gemeinsamen Probleme“ waren insbesondere solche rund um das Recht auf Abtreibung, Verhütung sowie die gesellschaftliche Situation von Müttern. Häufig standen dabei die Verhältnisse vor Ort, im Johannesviertel beziehungsweise in Darmstadt, im Vordergrund. So erschien die zweite Ausgabe nur wenige Tage vor der Bundestagsdebatte zur Reform des § 218 am 25./26. April 1974 und widmete sich fast vollständig diesem Thema. Die Frauen forder-ten die ersatzlose Streichung des Paragrafen.7 Ein lokaler Bezug war dadurch gegeben, dass der Darmstädter CDU-Bundestagsabgeordnete Gerhard Pfef-fermann im Bundestag für ein sehr eng gefasstes Indikationsmodell eintrat.8 In der nächsten Ausgabe – inzwischen war die Fristenlösung verabschiedet worden, CDU und CSU berieten jedoch bereits über eine Verfassungsklage9 – erschien ein Beitrag unter dem Titel Fristenlösung allein reicht nicht. Darin forderten die Macherinnen der Zeitung, dass der Staat auch die Frauen unter-stützt, die bereits Kinder haben oder sich welche wünschen, indem er die Vereinbarkeit von Kind und Beruf fördern und insgesamt bessere Lebensbedin-gungen für Familien schaffen sollte.10 Dann stellten sie ein Projekt in ihrer Nachbarschaft vor, bei dem die BewohnerInnen Eigeninitiative ergriffen und selbst eine kinderfreundlichere Umgebung geschaffen hatten.11 Neben diesen Themen der Frauenbewegung wurden aber auch andere Aspekte behandelt, die die Nachbarschaft bewegten. So informierten die Frauen über Bauvorhaben im Johannesviertel und klärten über die Rechte von MieterInnen auf.12

Johannisviertel-Frauenzeitung, H 0 1974
Johannisviertel-Frauenzeitung, H. 1 1974

In der Johannesviertel-Frauenzeitung lassen sich Themen, Bedeutung und Praxis der autonomen Frauenpresse gut nachverfolgen. Neben weiteren lokalen und regionalen Publikationen ermöglicht die Zeitschrift einen Blick auf die breite Streuung der Bewegung und bietet Einblicke in die von der Frauenbewegungsforschung bislang vernachlässigten Aktivitäten abseits der Metropolen.

 

Stand: 18. Juli 2022
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Verfasst von
Imke Dyck

Geb. 1996, Studium der Public History mit dem Schwerpunkt Neuere und Neueste Geschichte/Zeitgeschichte an der Universität zu Köln, studentische Mitarbeiterin im Haus der Geschichte, 2021 Praktikum im FrauenMediaTurm.

Empfohlene Zitierweise
Imke Dyck (2022): Johannesviertel-Frauenzeitung – Von Frauen für Frauen geschrieben, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/johannesviertel-frauenzeitung
Zuletzt besucht am: 14.08.2022
Lizenz: CC BY-SA 4.0
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Fußnoten

  • 1Häntschke, Ruth et al. (Hg.): Darmstädterinnen im Aufbruch. Autonome Frauenprojekte der letzten Jahrzehnte, Darmstadt 2018, S. 12 f.; Die Redaktionsgruppe: Wer wir sind, in: Frauenzeitung – Frauen gemeinsam sind stark, 2. Jg., 1974, H. 2, S. 2 [FTM, Z-Ü101].
  • 2Häntschke et al. (Hg.): Darmstädterinnen im Aufbruch, S. 13-15; Berichte über die Muttertagsaktion auch hier: Frauenzeitung – Frauen gemeinsam sind stark, 2. Jg., 1974, H. 1, S. 3 [FTM, Z-Ü101].
  • 3Frauenzeitung – Frauen gemeinsam sind stark, 2. Jg., 1974, H. 2 [FTM, Z-Ü101]. Mehr zur Frauenzeitung auch hier: Hitz, Julia, 22.2.2019: Selbstvergewisserung und gemeinsames Forum: FRAUENZEITUNG -Frauen ge-meinsam sind stark, Zugriff am 18.07.2022 unter https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/selbstvergewisserung-und-gemeinsames-forum-frauenzeitung-frauen-gemeinsam-sind-stark.
  • 4Frauenzeitung – Frauen gemeinsam sind stark, 2. Jg., 1974, H. 2, S. 6 [FTM, Z-Ü101].
  • 5Zu dieser Zeitung, in: Johannesviertel-Frauenzeitung – Von Frauen für Frauen geschrieben, 1. Jg., 1974, H. 1, S. 1 [FrauenMediaTurm (im Folgenden FMT), Z108].
  • 6Ebenda.
  • 7Für die ersatzlose Streichung des § 218, in: Johannesviertel-Frauenzeitung, 1. Jg., 1974, H. 2, S. 2 [FMT Z108].
  • 8Der Abgeordnete Pfeffermann zum § 218, in: Johannesviertel-Frauenzeitung, 1. Jg., 1974, H. 2, S. 6‒10 [FMT Z108].
  • 9FMT, PD-SE.11.12: Reform des § 218 nahm letzte parlamentarische Hürde. Schwangerschaftsabbruch inner-halb der ersten drei Monate wird erlaubt, in: Süddeutsche Zeitung, 30. Jg., 1974.
  • 10Fristenlösung allein reicht nicht, in: Johannesviertel-Frauenzeitung, 1. Jg., 1974, H. 3, S. 1‒3 [FMT Z108].
  • 11Frühlingsfest am Viktoriaplatz, in: Johannesviertel-Frauenzeitung, 1. Jg., 1974, H. 3, S. 4‒6 [FMT Z108].
  • 12Denen ist doch egal, was aus und wird, in: Johannesviertel-Frauenzeitung, 1. Jg., 1974, H. 1, S. 2‒5; Johan-nesviertel: Modernisierungszone, in: Johannesviertel-Frauenzeitung, 1. Jg., 1974, H. 4, S. 6‒9 [FMT Z108].
Ausgewählte Publikationen
Häntschke, Ruth / Koch-Schäfer, Kirsten / Obermüller, Barbara: Darmstädterinnen im Aufbruch. Autonome Frauenprojekte der letzten Jahrzehnte, Darmstadt 2018.