Frauen im Sozialismus: Generation 1920–1930

geschrieben von: Dr. Heike Schimkat
veröffentlicht 22. Januar 2019
Die interviewten Frauen der Generation 1920-30 haben als Zeitzeuginnen nicht nur die DDR erlebt, sondern Systemwechsel und Neuanfänge vor deren Gründung und nach deren Auflösung. Besteht darin das Besondere ihres Blicks auf das Leben von Frauen im Sozialismus?

Die älteste Generation von Zeitzeuginnen im OWEN-Projekt Frauengedächtnis blickte auf ein breites Spektrum gesellschaftspolitischer Ereignisse und Strukturen zurück. Mehrfach erlebten sie den Zusammenbruch eines Systems: der Weimarer Republik 1933, des faschistischen Staates 1945 und des sozialistischen Staates 1990. Sie erfuhren aber auch Neuanfänge wie die Gründung der DDR und den Beitritt zur BRD. Ist dies das Besondere an ihrer Perspektive? Die Frauen erzählten von Inflation und Arbeitslosigkeit, über ihre Schulzeit und den Arbeits- und Kriegshilfsdienst, ihr privates und gesellschaftliches Leben. Insbesondere der Zweite Weltkrieg prägte ihren Lebensverlauf und ist die Basis ihres historischen Verstehens.

Krieg als prägendes Lebensereignis

In nur wenigen Interviews blieben Kriegserlebnisse ausgespart, oft nahmen sie viel Raum ein. Die Angst ums Überleben war ihren Biografien eingeschrieben, unabhängig von sozialer oder politischer Zugehörigkeit – Angst auf der Flucht, in Verstecken, in bombardierten Städten. Als Zivilpersonen erlebten sie eine sich auflösende Infrastruktur und rechtlose Räume, in denen physische Zerstörung aller Art alltäglich war. Sie waren Augenzeuginnen von Gewalt gegenüber Amts- und Militärpersonen, ZwangsarbeiterInnen, Mitmenschen, und vor allem Gewalt gegen Frauen, auch gegen sie selbst.

Erstaunlich viele berichteten von Lagern, in denen sie als Zivilpersonen interniert waren, in sowjetischen Lagern oder für Vertriebene. Das war für viele traumatisch, ebenso wie Inhaftierungen politisch Andersdenkender oder Diskriminierungen wegen jüdischer Herkunft.

Der Verlust von Angehörigen, von Hab und Gut, Entbehrungen und Hunger waren wiederkehrende Themen, aber auch, wie Familien wieder zusammenfanden. Schwangerschaft und die Wohn- und Nahrungssituation wurden beschrieben sowie die Aufnahme oder Versorgung von Flüchtlingen.

Die enorme Differenziertheit der lebensgeschichtlichen Erinnerungen trifft besonders auf die Jahre von 1933 bis 1945 zu. In diese Zeit fielen Kindheit und Jugend, der sie sich als alltäglicher Realität, bisweilen „spannend“ und „erfahrungsreich“1 erinnerten. Noch heute kennen sie Lieder, die sie im Bund Deutscher Mädel lernten, weil diese ihnen besonders gefielen und sie sie oft gemeinsam sangen. So erinnern sie sich an einzelne Erlebnisse positiv, als beste gemeinsame Zeit, wie eine Frau zum Beispiel, die ihren später invaliden Ehemann im Arbeitsdienst kennengelernt hatte. Häufig berichteten sie von der Rückkehr psychisch und körperlich Versehrter oder von Gefallenen. Der politische Kontext wurde dabei teilweise ausgeblendet, ebenso die Rolle von Frauen in dieser Zeit.2

Aus den Geschichten spricht auch, wie die jungen Frauen nach dem Krieg selbstverständlich den Verlust männlicher Arbeitskräfte ausglichen. Die soziale Sicherungsarbeit schloss mit ein, familiäre Traumata, Entwurzelung und Konflikte zu bearbeiten, aber auch die Älteren zu pflegen – und war in erster Linie die Aufgabe der Frauen.3 Auffällig viele Interviewte kämpfen als ältere Frauen mit den gesundheitlichen Folgen der Kriegsjahre.

Blick auf die DDR

Zum Interviewzeitpunkt hatten die Biografinnen die längste Zeit ihres Lebens in der DDR gelebt. Ihr historischer Blick ist geprägt durch Erfahrungen davor und danach. Sie sozialisierten sich in den Gründungs- und Aufbaujahren der DDR neu. In der Nachkriegszeit ging es zunächst ums Überleben. Sie fanden irgendwo Arbeit, ob im Gemeindebüro oder Betrieb. Einige ergriffen die Gelegenheit und wurden Neulehrerinnen, die seit 1946 ausgebildet wurden. Viele orientierten sich beruflich um, andere setzten frühere Tätigkeiten fort. Die ungelernte Schneiderin, Stickerin oder Glasschleiferin arbeitete in Heimarbeit oder in der Industrie. Sie waren tätig als Krankenschwester, Kindergärtnerin, in Gastronomie und Handel, als Sekretärin, Bibliothekarin, Übersetzerin. Sie arbeiteten als Bäuerin in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) oder als Agraringenieurin. Sie studierten oder lehrten an der Arbeiter- und Bauern-Fakultät oder an Hochschulen. „Dies war die Generation, die als erste freiwillig oder unfreiwillig mehrheitlich Zugang zu außerhäuslicher Erwerbsarbeit und damit zu einem eigenen Einkommen erhielt.“4 Der Frauenanteil der Erwerbstätigen betrug 1950 40 Prozent5, der Anteil der weiblichen Erwerbstätigen an der weiblichen Bevölkerung 1955 schon 52,5 Prozent6. Außerdem gab es noch zahlreiche Hausfrauen.

Während der Aufbaujahre stellten viele Frauen neue Weichen für ihre eigene Lebensgestaltung. Oft lernten sie ihre Partner bei der gemeinsamen Arbeit kennen. Hochzeit und Familiengründung fielen in diese Zeit. Sie engagierten sich beruflich und gesellschaftlich, im Wohngebiet, Elternaktiv oder im Arbeitertheater, ob als Hausfrau oder als Berufstätige. Einige wurden Parteimitglied, andere waren engagiert ohne Mitgliedschaft und begründeten das mit ihren Erfahrungen von 1933 bis 1945. Wieder andere wirkten gesellschaftlich aktiv in Kirchen und blieben auf Distanz zu staatlichen Organisationen.

Ihre Erinnerungen an die DDR bewegen sich in einem Spannungsfeld, das es lohnt zu hinterfragen. Inwiefern artikulieren sie eine gefühlte Skepsis gegenüber Formen jedweder ideologischen Verfestigung? Welche Rolle spielt dabei ein anderes Verständnis des Politischen aus der Nachkriegszeit, in der Frauen mit „großer Selbstverständlichkeit politische Aufgaben und weitreichende Verantwortung übernahmen“7, vor allem für lebensnotwendige Alltagsfragen, zum Beispiel ihre Mütter in den Frauenausschüssen, die seit August 1945 existierten und die zumeist in den im März 1947 gegründeten DFD eingebunden wurden?

Die sozialistische Erfahrung im Rückblick

An die Anfangsjahre der DDR erinnerten sich die Biografinnen gegenüber späteren Entwicklungen oft positiv. Überraschend war aber, was sie nicht erzählten, denn im Rückblick wurde von vielen die sozialistische Erfahrung kaum explizit thematisiert. Das ist das eigentlich Erstaunliche dieser Interviews. Erklärbar vielleicht durch den Aufnahmezeitpunkt um die Jahrtausendwende, die Entwertung gelebter DDR-Erfahrung im Zuge des Beitritts zur BRD sowie damit, dass ihnen vieles aus der DDR noch so selbstverständlich war, dass es keiner Erwähnung bedurfte.

Finden sich stattdessen Ideen emanzipatorischer sozialistischer Lebensgestaltung implizit in den Interviews?
Welche Rolle spielt die Frauenpolitik in der Gründungs- und Aufbauzeit der DDR?
Wie greifen gesellschaftliche Entwicklungen und individuelle Lebensgestaltung ineinander?

In welchen Geschichten verbirgt sich beispielsweise die Parole ‚Die Frau steht ihren Mann‘? Dort, wo es um ‚schwere Arbeit‘, also typisch männliche Tätigkeiten geht? Welches Selbstverständnis steckt in dem Narrativ einer LPG-Bäuerin, die gemeinsam mit Männern mit der Sense mäht? Was schwingt mit, wenn sie selbst ihre Tätigkeit lobten und ihre berufliche Leistung oder gesellschaftliche Arbeit anerkannt wurde?
Welche Geschlechterverhältnisse haben sie gelebt? Bei ihren Großeltern herrschten traditionelle Geschlechterbeziehungen, ihre Eltern erwarteten von ihnen Verlobung und Heirat. Sie hingegen favorisierten ein anderes Geschlechterverhältnis mit neuem Frauenbild und moderner Partnerschaft.

Die Kriegs- und Nachkriegsjahre veränderten die gesellschaftliche Position von Frauen grundlegend. Es gab Frauenhaushalte, zum Teil über drei Generationen, die bis heute bestehen. „Dies war die erste Generation, in der der gesellschaftliche Status von Frauen nicht mehr primär über die Herkunftsfamilie und vor allem den Status ihrer Ehemänner definiert wurde und wo alleinerziehende Frauen, die ledig beziehungsweise geschieden waren, nicht mehr zwangsläufig diskriminiert wurden.“8 Allerdings gaben einige verheiratete Frauen ihren Beruf auf, um die Karriere des Mannes zu unterstützen und für die Kinder zu sorgen.

Weitere implizite Themen umreißen Alltagserfahrungen und das Familienleben als ein Beispiel sozialistischer Lebensform. Dazu gehören Berichte über Ehe und Scheidungen. Ebenso illustrieren Aussagen zu Urlauben, Schule und Ausbildung ihrer Kinder und Enkel samt ihren anderen politischen Ansichten das Familienleben in der DDR, eingeschlossen kinderreiche sowie sorbische Familien.

Die Biografinnen beschrieben sich meist als Teil einer Gemeinschaft, ob im Familienverband, in der LPG, im Dorf oder Betrieb, in der Gesellschaft, in der sie lebten. Sie korrigierten typische Stereotype gegenüber Ostdeutschen und der DDR, thematisierten Ost-West Beziehungen und West-Kontakte zu DDR-Zeiten oder deren Verbot. Sie schätzten auch die neuen Möglichkeiten nach 1989, um an Kontakte vor 1949 anzuknüpfen (Klassentreffen, Reisen an Orte ihrer Kindheit und Jugend).

Wichtig war ihnen zudem das Thema Alterssicherung, sowohl im historischen Kontext (die ‚Kriegswitwenrente‘ ihrer Mütter im Ost-West-Vergleich) als auch der Bezug eigener Rente in der DDR und der heute ‚kleinen‘ Rente.

Das Besondere dieser Generation sind die vielen erlebten gesellschaftspolitischen Umbrüche und Neuanfänge – die Gelassenheit, Offenheit, Distanziertheit oder Vorsicht, mit der sie dies betrachten.

Autor*in
Dr. Heike Schimkat

Sozial-/Kulturanthropologin (PhD University of Toronto), promovierte zu Transformationserfahrungen von Frauen in den neuen Bundesländern am Beispiel des (DFD-)Frauentreffs Sundine, Forschungsschwerpunkte: Ethnografie, Biografie, Diversity (Gender, Age). 
Leitung des DDF-Projekts in der ZtG-Genderbibliothek/HU Berlin.
 

Fußnoten

  • 1. Beyer, Marina: Tagungsbericht über die internationale Konferenz "Frauengedächtnis" - Zukunft braucht Erinnerung. Frauenleben der Aufbaugeneration in Mittel- und Osteuropa nach dem 2. Weltkrieg, in: Berliner Journal für Soziologie, 11. Jg., 2001, H. 1, S. 113.
  • 2. Vgl. Ariadne (Stunde Null. Kontinuitäten und Brüche), 11. Jg., 1995, H. 27, 72 S.
  • 3. Hofmann, Michael / Ring, Dieter: Mütter und Töchter - Väter und Söhne. Mentalitätswandel in zwei DDR-Generationen, in: BIOS, 6, 1993, 2, S. 207.
  • 4. Beyer, Tagungsbericht, S. 111.
  • 5. Statistisches Jahrbuch der DDR 1987, Berlin 1988, S. 17.
  • 6. Winkler, Gunnar: Frauenreport ’90, Berlin 1990, S. 63.
  • 7. Schröter, Ursula: Die DDR-Frau und der Sozialismus - und was daraus geworden ist, in: Kaufmann, Eva et al. (Hg.): Als ganzer Mensch leben. Lebensansprüche ostdeutscher Frauen, Berlin 2000, S. 14.
  • 8. Beyer, Tagungsbericht, S. 111.
Ausgewählte Publikationen
Richter, Anna S.: Intersektionalität und Anerkennung. Biographische Erzählungen älterer Frauen aus Ostdeutschland, Weinheim 2018.