Faszination für Widersprüche – der Nachlass Irene Stoehr
1941 wurde Irene Stoehr als Irene Beer in Brieg (Schlesien) geboren. Ihr Vater Karl Willy Beer war Journalist, ihre Mutter Lucie Beer Hausfrau. Sie selbst beschrieb ihr Elternhaus als „relativ liberal“1.
Im Alter von vier Jahren floh Irene mit ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihrer Schwester aus Schlesien nach Berlin, wo sie aufwuchs und den größten Teil ihres Lebens verbringen würde.2 Nach ihrem Abitur folgten ein Studium der Soziologie, Politikwissenschaften, Psychologie und Pädagogik in Berlin und München, die Heirat mit Jochen Stoehr 1965 und ein Umzug in eine Spandauer Trabantenstadt.3 Den Sommer und Herbst 1968 als Höhepunkt der Studentenbewegung verpasste Stoehr, da sie sich von einem schweren Unfall erholen musste.4
Der Abschied vom bürgerlichen Leben
Erst in den frühen 1970er-Jahren stieß sie, frisch geschieden (aber weiterhin mit dem Namen ihres Ex-Mannes), zur Frauenbewegung.5 Nach dem Studium hatte sie in verschiedenen wissenschaftlichen Anstellungen gearbeitet und auch geforscht. 1975 wurde sie dann Fachhochschullehrerin an der FH Hildesheim und auf Lebenszeit verbeamtet. Auch in Hildesheim gab es feministische Frauengruppen und Stoehr brachte sich dort ein, aber „fürs Lesbische hatte man in Hildesheim noch nicht so viel Toleranz wie in Berlin“6, wie sie am eigenen Leib erfahren musste: So waren sie und ihre Freundin einer Weinstube verwiesen worden, da sie sich geküsst hatten. Außerdem wollte Irene Stoehr endlich wieder forschen, ihre Lehrtätigkeit in Hildesheim befriedigte sie nicht. 1977 kündigten Stoehr und ihre Freundin ihre Jobs (Stoehr sogar ihren Beamtenstatus), packten ihre Sachen, zogen nach Berlin und fanden dort eine blühende feministische Bewegung vor.7 Stoehr selbst schrieb in einer unvollendet gebliebenen Rückschau: „[Ich] empfand diese zweite Hälfte der 1970er Jahre […] als eine Hochphase der Neuen Frauenbewegung: Die strotzte vor Selbstbewusstsein, Lebendigkeit und Empathie, erfand laufend neue Formen und Themen und verschaffte sich viel Respekt von ungewohnten Seiten.“8
Später beschrieb sie in einem Interview, wie die Besuche im ersten Berliner Frauenzentrum ihrem Leben eine Richtung gegeben hätten und fügte mit dem Stoehr-typischen Augenzwinkern hinzu, es sei „peinlicherweise ein Mann“ gewesen, der sie auf dieses Zentrum aufmerksam gemacht hatte.9 Doch nicht nur die Neue Frauenbewegung hatte Stoehr zurück nach Berlin gebracht. An der Freien Universität Berlin trat sie im selben Jahr eine Assistenzstelle am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an. Die auf fünf Jahre befristete Stelle im Fachgebiet Frauenarbeit und Frauenbewegung war laut Stoehr „Frauenbewegung pur“10 mit Selbsterfahrungsgruppen und Plena. Hier begann sie, an dem Thema zu arbeiten, das sie bis an ihr Lebensende beschäftigen würde: die historischen Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert.11 Stoehr gehört damit zu den Pionierinnen der Frauen- und Geschlechterforschung in Deutschland.
Bestechende Ambivalenzen
Auch wenn Irene Stoehr in einem Interview 2019 bescheiden summierte, sie sei in die Neue Frauenbewegung „wenn überhaupt – vor allem schreibend und lesend involviert“ gewesen, war sie doch immer wieder in ganz zentrale Gruppen eingebunden.12 Schon 1976 war sie beispielsweise Teil der Organisationsgruppe der ersten Frauensommeruniversität in Berlin. Auf der ersten ‚Sommeruni‘ ging es unter anderem um die Frage nach unbezahlter Hausarbeit als zentrale Stütze des Kapitalismus. „Damals wurde mir klar, dass es dumm war, die weibliche Hausarbeit gering zu schätzen, sondern dass sie vielmehr aufzuwerten und zu bezahlen sei. Dies fanden wir für den ‚Hausfrauenlohn‘ Streitenden natürlich nicht etwa konservativ oder gar ‚reaktionär‘ wie die meisten anderen Feministinnen, die uns unter anderem vorwarfen, mit finanziellen Anreizen die ‚Frauenrolle‘ zementieren zu wollen. Vielmehr argumentierten wir […], dass der kapitalistische Staat zusammenbrechen würde, wenn er das wahre Fundament seiner eigenen Existenz – nämlich die unbezahlte Hausarbeit der Frauen – angemessen entlohnen müsste. Obwohl ich schon damals fürchtete, dass eine solche Revolution ausbleiben könnte, oder auch gerade deshalb, erlag ich der bestechenden Ambivalenz dieser Argumentation.“13 Später wurde Stoehr selbst Teil der internationalen ‚Lohn für Hausarbeit‘-Kampagne.14
Ambivalenzen beschäftigten Irene Stoehr nicht nur in Bezug auf ‚Lohn für Hausarbeit‘. Nach Auslaufen ihrer Stelle an der FU Berlin arbeitete sie zwei Jahre für die feministische Zeitschrift Courage.15 Sie eckte an mit ihren historischen Abhandlungen, musste sich hitzigen Diskussionen stellen. 1983 veröffentlichte die Courage ihren Artikel Machtergriffen? Deutsche Frauenbewegung 1933. Darin setzte sie sich mit Positionen des sogenannten ‚gemäßigten‘ Teils der Frauenbewegung zur Zeit der Machtübernahme auseinander und zeigte die ambivalenten Positionen einiger Protagonist*innen auf, aber auch den Unterschied zwischen NS-Gebärpolitik und der ‚organisierten Mütterlichkeit‘ (so benannte es Stoehr) der Frauenbewegung. Nach der Veröffentlichung wurde ihr vorgeworfen, sie verharmlose die Gleichgültigkeit und das Versagen des Bundes Deutscher Frauenvereine 1933 und glorifiziere den NS-Mutterkult. Bei einer öffentlichen Aussprache in der Courage-Redaktion wurde sie „in der Luft zerrissen“, schrieb Elisabeth Meyer-Renschhausen später.16 „Es ging heftig zu, wenngleich in den Grenzen demokratischer Gepflogenheiten, gewissermaßen gemäßigt“, erinnerte Stoehr sich selbst.17
Schon hier wurde deutlich, was die Arbeit von Irene Stoehr auch in der Forschung ausmachen sollte: eine Begeisterung dafür, sich eben nicht aus einer Perspektive des Zeitgeists mit historischen Themen auseinanderzusetzen. In ihrer Beschäftigung mit der historischen Frauenbewegung arbeitete sie bewusst nicht zum radikalen Flügel um Anita Augspurg und Minna Cauer. Stoehr wendete sich dem ‚gemäßigten‘ Flügel zu.18 Später forschte sie zu den ‚konventionellen‘ Frauenorganisationen der 1950er-Jahre, wie dem Deutschen Frauenrat, und zeigte auf, wie dort Frauenrechte ganz konkret vorangetrieben wurden.19 Auch auf aktivistischer Ebene blieb Stoehr streitbar: Ähnlich wie Monika Jaeckel stellte sie sich als überzeugt kinderlose Frau hinter das Müttermanifest, welches eine Mütter- und Kinderfeindlichkeit in der Frauenbewegung kritisierte, und sorgte auch damit für Irritation.20
Prekäre Forschung
Nach ihrer Zeit bei der Courage übernahm Irene Stoehr zusammen mit Eva-Maria Epple die Zeitschrift Frauen und Schule und benannte sie um in Unterschiede.21 Ab 1984 arbeitete sie außerdem wieder wissenschaftlich, im Rahmen verschiedener Forschungsaufträge, unter anderem zur Geschichte der ‚bürgerlichen‘ Frauenbewegung und zu Hausarbeit und weiblicher Ökonomie. In den 1990er-Jahren forschte sie zur Berliner Frauenpolitik nach 1945, zu Politik, Geschlecht und Kaltem Krieg; in den frühen 2000er-Jahren recherchierte sie zu Berliner Agrarökonomen im Nationalsozialismus und zur Verbindung zwischen Friedensbewegung und Mütterlichkeit in der Nachkriegszeit. Irene Stoehr arbeitete dabei immer ohne festen Lehrstuhl, in befristeten Arbeitsverhältnissen.22
Die Prekarität ihrer Arbeit und die immer wiederkehrenden Phasen der Arbeitslosigkeit entmutigten Irene Stoehr nicht. 1999 promovierte sie nur einige Jahre vor ihrem Renteneintritt mit einer kumulativen Dissertation an der Universität Hannover. Auch die Rente hielt Irene Stoehr nicht davon ab, weiter historisch zu forschen. 2016 vertiefte sie sich noch einmal in das Thema Friedensbewegung und Mütterlichkeit und arbeitete mit Materialen zu WOMAN aus dem Kasseler Archiv der Deutschen Frauenbewegung.23 Ihr geplantes Buch zur Frauenbewegung der 1950er-Jahre konnte sie jedoch nicht mehr fertigstellen.
Viel Zeit verbrachte Stoehr aber auch an der Krummen Lanke, einem Berliner See in der Nähe ihres kleinen Gartenhauses in Lichterfelde, oder beim Wanden, etwa in den Wäldern Alaskas, wo sie einmal eine Nacht singend auf einem Ast verbrachte, nachdem sie sich verlaufen hatte.24 2018 wurde bei Irene Stoehr Knochenkrebs diagnostiziert. Sie starb am 26. Februar 2023 in ihrem Gartenhaus.
Der Bestand Irene Stoehr im FFBIZ
Bereits kurz nach ihrem Tod kam Irene Stoehrs Nachlass ins FFBIZ – das feministische Archiv, das sie 1978 als „feministisches Gedächtnis“ mitgegründet hatte.25 Er umfasst in erster Linie Materialien zu ihrer Forschung und macht deutlich, wie intensiv und umfangreich sie in Archiven für ihre Publikationen recherchierte. Überliefert sind beispielsweise ihre Arbeitsnotizen, Bestelllisten aus den Archiven und einige Originaldokumente, welche Stoehr während ihrer Recherchearbeiten erhielt. Auch ihre Tätigkeit in wissenschaftlichen, politischen und aktivistischen Netzwerken ist im Nachlass gut dokumentiert. Die Privatperson Irene Stoehr wird etwa in Form von Tagebüchern und Korrespondenzen sichtbar.
Der Bestand bietet einen Ausgangspunkt, um sich näher mit der Forschung von Irene Stoehr auseinanderzusetzen, aber auch, um breiter gefächerte Forschungsfragen, etwa nach den prekären Arbeitsbedingungen der frühen Frauen- und Geschlechterforschung, zu bearbeiten. Angesichts ihres bewegten Lebenslaufs wäre es auch wünschenswert, dass in Zukunft biografisch zu Irene Stoehr gearbeitet wird. Mit Ablauf der Sperrfrist 2028 kann dazu auch in den persönlichen Dokumenten recherchiert werden.26 Irene Stoehr selbst hat zu Lebzeiten einen Wunsch formuliert, wie kommende Generationen mit dem Erbe der feministischen Bewegungen umgehen sollten: „Ich wünsche mir […], dass junge Feministinnen die Frauenbewegungen vor ihnen zur Kenntnis nehmen in ihren Widersprüchen und Vielfältigkeiten, möglichst ohne Vorurteile, positive oder negative.“27
- Schug, Lisa
- Digitales Deutsches Frauenarchiv
- CC BY-SA 4.0
Fußnoten
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1
Jenny, Maria-Amancay: Widersprüche, Ambivalenzen und Verschrobenheiten – Irene Stoehr, in: Buchinger, Birgit / Böhm, Renate / Groszmann, Ela (Hg.): Kämpferinnen. Wien 2021, S. 155–173, hier S. 155.
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2
Meyer-Renschhausen, Elisabeth: Der Hausbesuch. Im Haus der Kutscherin [online], abgerufen am: 19.09.2024 unter: https://taz.de/Der-Hausbesuch/!5593568/.
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3
Jenny: Widersprüche, Ambivalenzen und Verschrobenheiten, S. 156.
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4
Ebenda, S. 156 f.
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5
Ebenda, S. 157.
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6
Meyer-Renschhausen: Der Hausbesuch.
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7
Jenny: Widersprüche, Ambivalenzen und Verschrobenheiten, S. 159.
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8
Stoehr, Irene: Nach COURAGE [online]. Ein unvollständig gebliebener Rückblick, Zugriff am: 20.09.2024 unter: https://couragefrauenzeitung.de/irene-stoehr.
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9
Jenny: Widersprüche, Ambivalenzen und Verschrobenheiten, S. 157.
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10
Ebenda, S. 159.
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11
Ebenda, S. 159 f.
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12
Ebenda, S. 161.
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13
Stoehr: Nach COURAGE.
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14
Jenny: Widersprüche, Ambivalenzen und Verschrobenheiten, S. 158 f.
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15
FFBIZ-Archiv B Rep. 500 Acc. 951-4.
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16
Meyer-Renschhausen: Der Hausbesuch.
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17
Stoehr: Nach COURAGE.
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18
Meyer-Renschhausen: Der Hausbesuch.
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19
FFBIZ-Archiv B Rep. 500 Acc. 951–20-61.
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20
Jenny: Widersprüche, Ambivalenzen und Verschrobenheiten, S. 163 ff.
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21
Jacobi, Juliane: Irene Stoehr (16.2.1941–26.2.2023), in: Feministische Studien, 41. Jg., 2023, H. 2, 327–332, hier S. 327.
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22
FFBIZ-Archiv B Rep. 500 Acc. 951–3-5.
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23
Das WOMAN-Archiv hatte Stoehr selbst zuvor ausfindig gemacht und an das AddF vermittelt.
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24
Decker, Kerstin: Nachruf auf Irene Stoehr: Eine Gleich- und Weichenstellerin, abgerufen am: 20.09. 2024 unter: https://www.tagesspiegel.de/berlin/nachrufe/nachruf-auf-irene-stoehr-eine-gleich-und-weichenstellerin-9650069.html.
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25
Jenny: Widersprüche, Ambivalenzen und Verschrobenheiten, S. 166.
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26
Alle privaten Dokumente im Nachlass unterliegen einer Sperrfrist bis 2028, wohingegen alle Dokumente zur Forschungsarbeit frei zugänglich sind.
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27
Jenny: Widersprüche, Ambivalenzen und Verschrobenheiten, S. 167.
Ausgewählte Publikationen
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Stoehr, Irene: Berliner Agrarökonomen im „Dritten Reich“: von Max Sering zu Konrad Meyer – ein „machtergreifender Generationswechsel“ in der Agrar- und Siedlungswissenschaft. Herausgegeben von den Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fachgebieten der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Berlin: Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fachgebiete der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität, 2001.
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Stoehr, Irene: Emanzipation zum Staat? Der Allgemeine Deutsche Frauenverein – Deutscher Staatsbürgerinnenverband (1893–1933). Pfaffenweiler 1990.
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Stoehr, Irene / Pawlowski, Rita: Die unfertige Demokratie. 50 Jahre „Informationen für die Frau“, Berlin 2002.