„Ein Angriff auf eine* ist ein Angriff auf uns alle!“ – aktuelle feministische Kämpfe gegen den sexistischen Normalzustand

verfasst von
  • Sabrina Zachanassian,
veröffentlicht 08. Juni 2022
Feministischer Aktivismus ist so relevant wie eh und je – sexuelle Gewalt, Frauen*morde oder sogenannte Lebensschützer versuchen noch immer Frauen* in die Knie zu zwingen. Wie geht feministischer Widerstand heute und was sind die Themen? Eine Betrachtung sächsischer Realitäten.

Feministischer Widerstand ist jahrhundertealt. Heute wie damals kämpfen Frauen* gegen diskriminierende Gesetzgebungen ebenso wie gegen konkrete, sexistische Gewalt im unmittelbaren Nahbereich. Die Aktivist*innen kämpfen lokal, verstehen sich aber als Teil einer globalen feministischen Widerstandsbewegung. Im Folgenden werden exemplarisch Einblicke in aktuelle queerfeministische Protestbewegungen in Sachsen gegeben, die die Feministische Bibliothek MONAliesA in einem Projekt bearbeitet und dokumentiert hat.

„Kein Gott, kein Staat, kein Gebärautomat!“ – die Pro Choice-Bewegung

Der Kampf für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen ist so alt wie die Frauenbewegung selbst. Legal sind sie deshalb in Deutschland auch nach 150 Widerstandsjahren noch lange nicht. In der DDR waren Abtreibungen seit 1972 legal. Trotz starken feministischen Widerstandes wurde diese progressive Regelung beim Beitritt der ostdeutschen Gebiete in die Bundesrepublik verworfen und der Schwangerschaftsabbruch auch für die ostdeutschen Frauen* wieder zu einer Straftat.1 Was in der Zweiten Frauenbewegung in den 1970er Jahren einen Schwerpunkt feministischer Arbeit darstellte, ist durch das Erstarken christlich-fundamentalistischer Gruppen und die Verschärfung der Abtreibungsgesetze in einigen Ländern brandaktuell – der Kampf um körperliche und reproduktive Selbstbestimmung. 

Besonders das christlich-konservative Milieu im sächsischen Erzgebirge bietet Abtreibungsgegner*innen alljährlich den passenden Rahmen, um in sogenannten Schweigemärschen um vermeintlich ungeborenes Leben zu trauern. Seit 2007 treffen sich in Annaberg-Buchholz misogyne, nationalistische, homo- und transfeindliche Kräfte.2  Seit 2014 formiert sich Widerstand gegen diese sogenannten Schweigemärsche. Pro Choice, der internationale Name der Protestbewegung, steht dabei für den Kampf um die freie Entscheidungsgewalt, ein Kind austragen zu wollen oder nicht. Andernfalls werden Frauen* zu „Gebärautomaten“3 , können sie bei ungewollter Schwangerschaft nicht über ihren Körper entscheiden. 

Demosprüche und Demoroute im Rahmen des Feministischen Straßenfests 2018 in Annaberg-Buchholz

Das Bündnis Pro Choice Sachsen, bestehend aus Gruppen aus Dresden, Leipzig, Chemnitz und dem Erzgebirge, organisiert nun in jedem Jahr die Gegenproteste mit bis zu 800 regionalen und überregional angereisten Teilnehmer*innen. Wie andernorts fordern die Aktivist*innen die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, eine flächendeckende Sexualaufklärung und den kostenlosen Zugang zu Verhütungsmitteln. Auch „kämpfen [sie] für eine Gesellschaft, in der es keine Rolle spielt, ob ein Kind mit oder ohne Behinderung auf die Welt kommt.“4

Foto der Kleiderbügelaktion "Weg mit §218 StGB", 2021

Neben der alljährlichen Organisation dieser Gegenproteste sind Pro Choice Leipzig und Sachsen durch politische Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit sichtbar. So verteilt Pro Choice Leipzig unter anderem mit Forderungen versehene Kleiderbügel im öffentlichen Raum. Der Kleiderbügel ist ein Utensil, mit dem ungewollt Schwangere versuchen, unter lebensbedrohlichen Umständen selbst einen Schwangerschaftsabbruch herbeizuführen. Er verweist darauf, dass Abtreibungen durch ein Verbot nicht seltener, sondern nur gefährlicher werden.5 Zudem klären sie über die häufig prekäre Versorgungslage für Abtreibungen auf und berichten in Podcasts über Abtreibungsregelungen in anderen Ländern.6

Pro Choice Sachsen veröffentlichte 2020 eine Broschüre, in der unter anderem darauf hingewiesen wird, dass die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und christlicher Glaube kein Widerspruch sein muss und informiert über den faschistoiden Hintergrund der Lebensschutzbewegung.7

Dem schweigenden Trauerzug der Fundamentalist*innen setzt Pro Choice Sachsen mit der Initiative Abtreibungsgeschichten seit 2020 wortreiche Erfahrungsberichte von Menschen entgegen, die abgetrieben haben.8

Pro Choice Sachsen, Faltblatt "Leben schützen: Abtreibung legalisieren", 2020

„Wir wollen leben…“ – die Initiative #keinemehr und ihr Kampf gegen Femizide

Am 8. April 2020 wurde im Leipziger Auwald eine Frau von ihrem Expartner ermordet, weil sie eine Frau war.

Diese Gewalttat ist kein tragischer Einzelfall, sondern Ausdruck des patriarchalen Geschlechterverhältnisses. Jeden dritten bis zweiten Tag tötet in Deutschland ein cis Mann eine Frau*.9

Der Mord gab einer weiteren Protestbewegung den Anstoß – die Initiative #keinemehr in Leipzig kämpft seither gegen Femizide und männliche Gewalt. Inspiration war die südamerikanische NiUnaMenos-Bewegung – keine weitere getötete Frau*. Diese entwickelte sich bereits 2015 in Südamerika zu einer feministischen Massenbewegung und initiierte einen weltweiten Aktivismus.10

Der Begriff Femizid beschreibt die „Tötung von Frauen und weiblich gelesenen Menschen aufgrund ihres Geschlechts“.11 Die Motive sind männliches Besitzdenken und Misogynie; die Morde ein Instrument der Versicherung männlicher Macht.12 Wie die Pro Choice-Bewegung ist demnach auch der Kampf gegen Gewalt an Frauen* ein Kampf für das Selbstbestimmungsrecht.

Die Skandalisierung männlicher Gewalt ist nicht neu, sondern stellte bereits in der Frauenbewegung der 1970er und 1980er Jahre einen Schwerpunkt dar. Eine globalere und medial noch präsentere Sichtbarkeit habe das Thema Gewalt an Frauen* jedoch erfahren, indem die NiUnaMenos-Bewegung die drastischste Form von patriarchaler Gewalt in den Fokus rücke und auf diese Weise gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit erreiche – so ein Mitglied von #keinemehr Leipzig.13

In Argentinien, Mexiko und Spanien beschreibt der Begriff Femizid bereits einen eigenen Straftatbestand. Deutsche Gerichte werten Morde an Frauen* oftmals nicht als Femizide und ignorieren damit die patriarchalen, gesellschaftlichen Ursachen. In den Medien ist immer noch verharmlosend von ‚Eifersuchtstat‘ und ‚Familiendrama‘ die Rede. So auch beim Mord an Myriam Z. in Leipzig. In einem Artikel der Leipziger Volkszeitung heißt es: „Für ein Drama von solcher Tragweite gibt es manchmal keine Erklärung.“14

Als seien Femizide ein kulturelles und nach Deutschland importiertes Problem, ist nicht selten von einem angeblich rückständigen Frauenbild des Täters oder von ‚Ehrenmord‘ die Rede, sobald der Täter einen muslimischen oder Migrationshintergrund hat.15

Auch gegen derlei mediale Verharmlosung, Individualisierung und rassistische Interpretation von Männergewalt kämpft die Initiative #keinemehr Leipzig. Ihr offener Brief16 und ein Beitrag der Schriftstellerin Bettina Wilpert in der Leipziger Volkszeitung17 stießen eine Debatte zu frauen*diskriminierender Berichterstattung an.18 Sie fordern eine mediale Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt an Frauen*, ohne „Täter-Opfer-Umkehr und rassistische Auslagerungsversuche.“19

Die Gruppe #keinemehr Leipzig hat sich auch das zur Aufgabe gemacht, was sächsische Politik und Justiz bisher versäumten: Sie dokumentieren die Femizide in Leipzig seit 2011, stellen Gedenktafeln an den Tatorten auf und machen die Gewalt an Frauen* so sichtbar.20

In ihren Forderungen knüpfen die Aktivist*innen an die Kämpfe der Zweiten Frauenbewegung an und verlangen mehr Frauenhäuser und Beratungsstellen sowie eine intensivere Präventions- und Jungen*arbeit21 . Sie deklarieren: „Wir wollen leben.“22

Fotos von Gedenktafeln: Femizide in Leipzig
Demorede: "Keine ist vergessen! Es heißt Femizid"

„Betroffen sind einige, gemeint sind wir alle!“ – Initiativen gegen sexuelle Gewalt in der linken Szene

2016 und 2018 wurden auf dem linken Musikfestival Monis Rache auf Dixiklos übergriffige Videos ohne Kenntnis und Zustimmung der gefilmten Personen aufgenommen und auf Pornoseiten veröffentlicht. 

Aufgedeckt hat diese frauen*feindlichen Gewalttaten die Journalistin Patrizia Schlosser in ihrer Dokumentation Spannervideos: Wer filmt Frauen auf Toiletten?23 . Dank ihrer Recherchen und der Zuarbeit eines Kreises der Festival-Organisator*innen waren der Täter und seine Verbrechen bereits im Oktober 2019 bekannt: Es handelte sich um einen Aktivisten aus der Leipziger linken Szene und Mitarbeiter auf dem Festival Monis Rache.

Die Mehrheit der Betroffenen allerdings wurde erst mit Veröffentlichung der Dokumentation am 7. Januar 2020 in Kenntnis gesetzt. Nicht nur die Verbrechen an sich, sondern auch das Vorgehen der Mitwissenden sorgte bundesweit in linken Kreisen für Entrüstung. Die wenigen Personen, die bereits 2019 informiert waren, entschieden nicht nur eigenmächtig, den Namen des Täters geheim zu halten, sondern auch über die Art des Umgangs mit dem Täter, ohne die Betroffenen einzubeziehen. Diese Alleingänge und massive Intransparenz führten zu einem Täterschutz gewohnt patriarchaler Manier.24 Der Täter hielt sich noch monatelang weitestgehend unbehelligt in seinem sozialen Umfeld auf.

Aus diesem Klima heraus organisierten sich sehr schnell bundesweite Zusammenschlüsse von Betroffenen in den sozialen Medien. Im Januar 2020 gründete sich die Gruppe Mora in Leipzig, die in einem Statement die Empörung unter den Betroffenen zu einer Kampfansage wendete: „Aus unserer Verletzung wird Wut, aus unserer Angst Solidarität.“25

Mora arbeitet seitdem die Vorfälle und den Umgang in der linken Szene mit den sexuellen Gewaltverbrechen auf. In mehreren Statements reflektiert die Gruppe das Ausmaß sexueller Gewalt: „Immer wieder versuchen Männer, Macht über unsere Körper zu bekommen. Nirgends sollen wir uns sicher fühlen, nicht nachts, nicht im öffentlichen Raum, nicht einmal auf der Toilette.“26

Bettina Wilpert identifiziert diese Form des Voyeurismus als Absicherung männlicher Macht, die sich über die Abwertung des Weiblichen* herstellt – in diesem Falle das Filmen weiblich gelesener Menschen in intimen und erniedrigenden Situationen.27 Wie bei den Femiziden handelt es sich also auch hier nicht nur um eine individuelle Straftat. Die Tragweite dieser Vergehen wird erst vollends bewusst, wenn man sie vor dem Hintergrund des patriarchalen Geschlechterverhältnisses betrachtet: „Betroffen sind einige, gemeint sind wir alle!“28

Der Begriff der toxischen Männlichkeit macht verstärkt die Runde. Sexuelle Gewalt sei demnach eng mit Männlichkeit verknüpft. Gefordert wurde nicht zum ersten Mal in der linken Bewegungsgeschichte, dass linke Gruppen, in denen Männer aktiv sind, zu Antisexismus und Männlichkeitskritik arbeiten.29

F*Antifa Leipzig: Redebeitrag zu Spannervideos
Foto von Plakat: Scheisz auf Struktur, das Problem bist du!

Mora hat es sich zur Aufgabe gemacht, die „Wut zu bündeln“ und „auf die Straße zu tragen.“30 My body is not your porn war die Losung einiger Kundgebungen 2020 und 2021 in Leipzig und Berlin.

Ganz konkret wurde der feministische Aktivismus im April 2021, als sich Interessierte digital zu einer Problemlösungswerkstatt trafen – Social Hackathon genannt. Entwickelt wurden Lösungsansätze zur Verhinderung sexueller Gewalt auf Festivals. Ein anderthalbstündiges YouTube-Video fasst die Maßnahmen zusammen.31

Die Gruppe Mora indes arbeitet an einem Buch zur Dokumentation und Analyse der digitalen, sexuellen Gewalt – ein Zeugnis feministischer Erinnerungspolitik.32

Alle hier vorgestellten Protestbewegungen entstanden als Reaktion auf sehr unterschiedliche Anlässe. Es ist den Aktivist*innen jedoch bewusst, dass die Übergriffe allesamt Ausdruck des gleichen patriarchalen Frauen*hasses sind: „Ein Angriff auf eine* ist ein Angriff auf uns alle!“33 Zugleich verweist die Losung auf die Solidarität mit allen Opfern patriarchaler Gewalt. Was die aktuellen Protestbewegungen eint – und auch historisch mit der Frauenbewegung verbindet –, ist der Kampf um das Selbstbestimmungsrecht und das Recht auf ein gewaltfreies Leben für Frauen*.

Stand: 08. Juni 2022
Lizenz (Text)
Verfasst von
Sabrina Zachanassian,

studierte Erziehungswissenschaften und Gender Studies und ist langjährige Projektmitarbeiterin in der Feministischen Bibliothek MONAliesA in Leipzig. Ihre Forschungsthemen umfassen unter anderem die Funktionsweise des Patriarchats sowie die Entstehung von Geschlechtsidentitäten.

Empfohlene Zitierweise
Sabrina Zachanassian, (2022): „Ein Angriff auf eine* ist ein Angriff auf uns alle!“ – aktuelle feministische Kämpfe gegen den sexistischen Normalzustand, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/ein-angriff-auf-eine-ist-ein-angriff-auf-uns-alle-aktuelle-feministische-kaempfe
Zuletzt besucht am: 13.04.2024
Lizenz: CC BY-SA 4.0
Rechteangabe
  • Sabrina Zachanassian,
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
  • CC BY-SA 4.0

Fußnoten