Die Zeitschrift Frankfurter Frauenblatt
Wie alles begann ...
„Es begann in einer winzigen Dachkammer in der Germaniastraße 42 in Bornheim. Zehn Frauen zwängten sich dort mit mir [Gisela Leiss] jeden Donnerstag auf improvisierte Sitzgelegenheiten vom Sperrmüll, um das Konzept einer neuen Frauenzeitung zu entwerfen.“1 Ein halbes Jahr später war das Frankfurter Frauenblatt geboren und sollte von 1978 bis 1992 aktuell und kritisch über die Frauenbewegung im Rhein-Main-Gebiet und darüber hinaus berichten.
Wie viele andere regionale und überregionale feministische Zeitschriften entstand das Frankfurter Frauenblatt in den 1970er-Jahren aus der neuen Frauenbewegung heraus.2 Das zuvor erschienene Info-Blatt Frauen wisst ihr schon? (1976–1978) war aufgrund von Differenzen in der Gruppe, vor allem zwischen Heteras und Lesben, eingestellt worden.3
Zwei Frauen aus der Frauen wisst ihr schon?-Redaktion gründeten mit weiteren Frauen ein neues Zeitungskollektiv und brachten 300,- DM des Restvermögens der Frauen wisst ihr schon? mit ein. In einer halbjährigen Konzeptionszeit entstand schließlich das Frankfurter Frauenblatt.4 „Zuvor war heftig über den Namen gestritten worden, ‚Fischgebrüll‘ gab es schon, und da uns sonst nichts Zündendes und Einverständiges eingefallen war, einigten wir uns auf den schlichten Titel ‚Frankfurter Frauenblatt‘.“5
Im Juni 1978 erschien die Nullnummer mit dem Titel „Der unbekannten Hausfrau“. Im Editorial positionierte sich die Redaktionsgruppe als politisch, kritisch und regional: „Wir betrachten diese Zeitung als ein Instrument, die Vereinzelung und den mangelnden Informationsfluß aufzuheben. [...] Unser Interesse ist es, zu zeigen, woran und wie Frauen zusammenarbeiten – hierzu bringen wir Berichte und Interviews über Gruppen und Initiativen. Daneben halten wir es für notwendig, Analysen von immer wieder auftauchenden Schwierigkeiten in Frauenarbeits- und Wohnzusammenhängen zu veröffentlichen [...]. Neben der Bekanntgabe von Terminen (zum Beispiel Walpurgisnacht, 17. Juni-Demo6) soll die Problematisierung und Kommentierung solcher Veranstaltungen erfolgen – nicht nur von uns!!! [...] Übrigens, wir begreifen uns als regional orientierte Zeitung."7
Wie eine regionale feministische Zeitschrift funktioniert
Das Frankfurter Frauenblatt-Kollektiv verfolgte das Konzept einer offenen Redaktionssitzung. Beiträge konnten außerdem über die Briefkästen verschiedener Orte der Frankfurter Frauenbewegung eingereicht werden. Der erhoffte Zufluss an Beiträgen blieb jedoch erstmal aus: „Wir hatten mit einer Flut von Artikeln, Gedichten, Photos und Berichten gerechnet, die wir nur ins Blatt einzurücken brauchten. Tatsache aber war, daß wir vieles selbst schreiben und selbst den Infos und Terminen hinterherjagen mußten.“8 Trotzdem kamen fast immer 36 Seiten zusammen. Eine geregelte Arbeitsteilung gab es in der Redaktion nicht, alle machten nach Lust und Fähigkeiten alles gemeinsam, Bereiche wie etwa Finanzen, Abos etc. rotierten zwischen den Redaktionsmitgliedern. Die Auswahl der Artikel folgte keinem Konzept, es gab „höchstens einen gemeinsamen ,diffusen‘ Konsens“9.
Bis auf einige wenige Jahre, in denen aus finanziellen Gründen keine Hefte erstellt werden konnten, erschien das Frankfurter Frauenblatt sechsmal im Jahr. Die Verbreitung der Zeitschrift erfolgte neben den Abos vor allem über regionale Frauenzentren und Frauenbuchläden, wo die Redaktionsmitglieder die frisch gedruckten Hefte per Fahrrad oder per Auto ablieferten.10 Die Einnahmen durch Verkäufe und Abos deckten bei Weitem nicht die Produktionskosten, noch viel weniger konnten sich die Redaktionsmitglieder für ihre Arbeit, die neben den wöchentlichen Redaktionssitzungen auch viele Stunden Schreiben und Layouten beinhaltete, ein Gehalt auszahlen. Die Produktionskosten wurden meist über eine Mischung aus Spenden, privaten Darlehen und durch vereinzelte finanzielle Unterstützung aus der Frankfurter Frauenbewegung heraus gedeckt.11 1985 gründete das Frankfurter Frauenblatt-Kollektiv den Verein zur Förderung weiblicher Erkenntnisse im Bundesland Hessen (WEIBH e.V.), um öffentliche Förderung beantragen zu können.12 Ende der 1980er-Jahre erhielt der Verein auch tatsächlich mehrere Jahre lang „Zuschüsse aus dem ,Topf‘ für außerinstitutionelle Frauenbildung des Landes Hessen [...]“13 .
Was ist drin im Frankfurter Frauenblatt
Fortlaufende Schwerpunktthemen des Frankfurter Frauenblatts waren die Entwicklung der Frankfurter Frauenbewegung und der Frauenorte wie Frauenzentren und -cafés, Frauen in der regionalen und internationalen Politik, der Kampf gegen den § 218, feministische Mädchenarbeit und allgemeinere Themen wie Sexualität, Gesundheit, Gewalt und Spiritualität. Aktuelle politische Themen hatten stets Vorrang, so wurde im Juni 1986 das geplante Schwerpunktheft Sport spontan aus aktuellem Anlass in einen Schwerpunkt zum Reaktorunfall in Tschernobyl umgestellt.14 Von Anfang an wurden auch Berichte von migrantischen Frankfurter Gruppen, vornehmlich aus der iranischen und kurdischen Community, sowie von Organisationen wie dem Verband bi-nationaler Familien und Partnerschaften veröffentlicht. 1981 und 1992 erschienen Schwerpunkthefte zum Thema Migration.
Auch längere Texte zu feministischen Bewegungen in anderen Ländern wie Nicaragua, Mexiko oder Süd-Afrika wurden abgedruckt. Viele wurden allerdings von weißen Europäerinnen geschrieben und die Artikel sprachen über die Lebenssituation von Frauen in den Ländern, sie sprachen nicht mit ihnen. Vor allem Coverfotos und die Bebilderung solcher Artikel sind aus Perspektive der heutigen postkolonialen Forschung problematisch. Die Bilder reproduzieren die – damals gängigen – kolonialen Stereotypen bezüglich der betreffenden Nationen.15
Lesbische Themen fanden vor allem ab Ende der 1980er-Jahre ihren Weg ins Frankfurter Frauenblatt, vermutlich durch die im Laufe der Zeit zunehmende Zahl an lesbisch lebenden Redaktionsmitgliedern. Im 10-Jahre-Jubiläumsheft von 1988 schreibt Redaktionsmitglied Agnès Bucaille-Eulers: „Unser THEMA fällt durch einen glücklichen Zufall mit unserem Jubiläumsheft zusammen: LESBEN/HETERAS arbeiten seit Jahren gemeinsam an der Herstellung des FRAUENBLATTES in unterschiedlichen ,Kräfteverhältnissen‘. Bald könnte die ,Parität‘ erreicht werden! Das war nicht immer so ...“.16
Themen und Perspektiven zu und von trans wurden im Frankfurter Frauenblatt kaum verhandelt. Im November 1983 erschien ein Schwerpunktheft „Transsexualität“, in dem zwei trans Fauen – dort als „ehemalige Transsexuelle“ bezeichnet – selbst zu Wort kamen und in dem der aktuelle medizinische Forschungsstand wiedergegeben wurde.
Wohin geht es mit dem Frankfurter Frauenblatt
Ab Ende der 1970er-Jahre zog die Redaktion des Frankfurter Frauenblatts mehrmals um. Erst in ein Zimmer des Frauencafés in der Neuhofstraße 3917, dann in die Räume der Frankfurter Frauenschule in der Hamburger Allee 4518. „Wir hatten nun unser erstes richtiges Büro mit Schreibtisch, Regal und Topfpflanze.“19 Die Arbeit wurde mehr, die Zahl der aktiven Redaktionsmitglieder schwankte. Häufig war es zu viel Arbeit für zu wenige Personen, die das Blatt ehrenamtlich neben Lohn- und Care-Arbeit produzierten. In den Editorials und auch in dem einen oder anderen Artikel spiegeln sich der Frust und die Erschöpfung der ehrenamtlichen Redaktion wider.20 In einigen Heften finden sich auch humorige Comics über den bisweilen sehr chaotischen Redaktionsalltag.21
1987 organisierte das Frankfurter Frauenblatt-Kollektiv eine öffentliche Veranstaltung, um Leser*innen des Frankfurter Frauenblatts und andere nach ihren Wünschen und Anforderungen an eine regionale feministische Zeitschrift zu befragen. Als Reaktion auf die erhaltenen Impulse und die Kritik strukturierten die Redaktionsmitglieder die Zeitschrift und die Redaktionsprozesse komplett um und starteten nach einer halbjährigen Pause im Mai 1988 neu „mit mehr Professionalität, besserer Organisation, schärferem Profil, neuen Vorsätzen und einer um 300% höheren Druckrechnung! Das ,neue‘ Frauenblatt, spannender, lustvoller, kreativer, erscheint seitdem 6mal im Jahr zum Preis von 5,- DM pro Heft“22. Auch das Layout wurde professioneller und frischer, statt der Optik des Selbstgemachten erhielten die Hefte einen modernen, glatteren Look.
Wenn es nicht mehr funktioniert ...
1991 wurde dem Frankfurter Frauenblatt-Kollektiv der Elisabeth-Selbert-Preis23 verliehen.24 Der mit 15.000 DM dotierte Preis wurde im November des Jahres unter Beifall und öffentlichem Interesse verliehen und gefeiert, doch gleichzeitig kam die Ernüchterung: „Wir waren noch im Freudentaumel über die Verleihung des Elisabeth-Selbert-Preises für unser langjähriges frauenpolitisches Engagement, als wir realisieren mußten, daß dies bei der Stadt Frankfurt anscheinend nicht so viel zählt. Von der Leiterin des städtischen Frauenreferats wurde uns mitgeteilt, daß für den Verein WEIBH e.V. in 1992 keine Haushaltsmittel mehr eingestellt sind [...].“25 Trotz der Begründung, es handele sich um allgemeine Mittelkürzungen, war das Frankfurter Frauenblatt das einzige feministische Bildungs- und Kulturprojekt, dem das Geld gestrichen wurde.26 Ohne die städtische Förderung war die Zeitschrift nicht zu halten. Schon im September-/Oktoberheft 1992 hieß es: „Vor euch liegt nun die vorletzte Ausgabe des FRANKFURTER FRAUENBLATTs. Ab Januar 1993 werdet Ihr [...] Euer Frauenblatt-Heft nicht mehr im Briefkasten finden.“ In der Redaktion herrschten gemischte Gefühle: „ein ordentlicher Hauch von Trauer, nüchterne Zahlenbilanz, Ermüdungserscheinungen angesichts des chronischen Up and Down von (Über-) Lebenswunsch und drohendem ‚Untergang’ sowie schließlich die Vergewisserung von Kontinuität, denn der Verein27 bleibt weiter bestehen, die Gruppe auch [...].“
Dörthe Jung28 stellte in ihrer letzten kritischen Würdigung des Frankfurter Frauenblatts verschiedene Überlegungen für das Ende der Frauenzeitung an: sich verschärfende ökonomische Verteilungskämpfe aufgrund Interessenverschiebung innerhalb der Frauenbewegung, veränderte Arbeitsweise in den Frauenprojekten, die veränderte Weltlage, die wachsende Kritik am Ethnozentrismus des westlichen Feminismus und eine Ratlosigkeit der Redaktionsfrauen dem allen gegenüber. „Nicht mehr weiterzumachen wie bislang, erscheint mir unter diesem Gesichtspunkt und zu diesem Zeitpunkt konsequent.“29 Dennoch: „Die Geschichte des Frankfurter Frauenblatts: nur von archivarischem Wert? Nein. Über den langen Zeitraum seiner Existenz hat es wesentlich an der neuen Frankfurter Frauengeschichte mitgeschrieben.“30
Verfasst von:
Empfohlene Zitierweise
- Feil, Franca
- Digitales Deutsches Frauenarchiv
- CC BY-SA 4.0
Fußnoten
-
1
Leiss Gisela: Seit 14 Jahren einzig: Das Frankfurter Frauenblatt, in: Elisabeth Bütfering, Ursula Hillmann, Marie Luise Jung, Susanne Stück, Annegret Wennagel, WEIBH e. V. (Hg.): FrauenStadtbuch Frankfurt, Frankfurt a. M. 1998, S. 217–220, hier S. 217.
-
2
Vergleiche Friederike Mehls Beitrag zur Zeitschrift Courage: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/die-zeitschrift-courage sowie Berit Schallners Überblick zu den Zeitschriften der neuen Frauenbewegung: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/zeitschriften-der-neuen-frauenbewegung-der-brd-der-1970er-und-1980er.
-
3
Ebenda.
-
4
o.A. 1987, S. 37–38.
-
5
Leiss 1998, S. 218.
-
6
Eine Demo in Gedenken an den Aufstand am 17. Juni 1953 in der DDR. In der BRD war der 17. Juni bis 1990 ein gesetzlicher Feiertag.
-
7
Editorial Frankfurter Frauenblatt Nullnummer, S. 1.
-
8
Leiss 1998, S. 218.
-
9
Frauenzeitungstreffen in Aachen. In: Frankfurter Frauenblatt Heft April 1982, S. 16.
-
10
Leiss 1998, S. 219.
-
11
Editorial Frankfurter Frauenblatt Heft Mai 1981, S. 1 und Leiss 1998, S. 218–219.
-
12
Leiss 1998, S. 219.
-
13
o.A. 1987, S. 40.
-
14
Vergleiche Editorial Frankfurter Frauenblatt Heft Juni 1986, S. 1.
-
15
Vgl. z.B. Frankfurter Frauenblatt Heft Oktober 1980 und Heft November 1982.
-
16
Editorial Frankfurter Frauenblatt Heft Jul/Aug 1988, S. 4.
-
17
Editorial Frankfurter Frauenblatt Heft Mai 1979, S. 1.
-
18
o.A. 1987, S. 40.
-
19
Leiss 1998, S. 219.
-
20
Siehe z.B. Editorial Frankfurter Frauenblatt Heft Mai 1981, S. 1 und Editorial Frankfurter Frauenblatt Heft Sept/Okt 1989, S. 4.
-
21
z.B. in Frankfurter Frauenblatt Heft März 87, S. 36. Der Comic ist mit „Gisela und Agnès“ unterzeichnet. Es handelt sich hierbei höchstwahrscheinlich um die beiden damaligen Redaktionsmitglieder Gisela Leiss und Agnès Bucaille-Euler.
-
22
Leiss 1998, S. 219.
-
23
Der Elisabeth-Selbert-Preis wird seit 1983 von der Hessischen Landesregierung in Anerkennung hervorragender Leistungen für die Verankerung und Weiterentwicklung von Chancengleichheit von Frauen und Männern vergeben, in: Hessen Soziales, abgerufen am 16.02.2026 unter: https://soziales.hessen.de/Frauen/Elisabeth-Selbert-Preis.
-
24
Siehe Editorial Frankfurter Frauenblatt Heft Sept/Okt 1991, S. 3.
-
25
Editorial Frankfurter Frauenblatt Heft Nov/Dez 1991, S. 3.
-
26
Siehe Editorial Frankfurter Frauenblatt Heft Sept/Okt 1992, S. 3.
-
27
Editorial Frankfurter Frauenblatt Heft Nov/Dez 1992, S. 4.
-
28
Dörthe Jung (*2. April 1949) in Frankfurt am Main ist eine deutsche Autorin und Unternehmensberaterin und Mitgründerin mehrerer Frauenprojekte des Feminismus der sogenannten Zweiten Welle, vgl. in: Dörte Jung, abgerufen am 16.02.2026 unter https://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%B6rthe_Jung.
-
29
Editorial Frankfurter Frauenblatt Heft Nov/Dez 1992, S. 5.
-
30
Ebenda.
Ausgewählte Publikationen
-
Redaktion: Diverse Editorials, in: Frankfurter Frauenblatt, 1978-1992.
-
Redaktion: Frauenzeitungstreffen in Aachen, in: Frankfurter Frauenblatt, April 1982, S. 15–16.
-
Leiss, Gisela: Seit 14 Jahren einzig: Das Frankfurter Frauenblatt, in: Elisabeth Bütfering, Ursula Hillmann, Marie Luise Jung, Susanne Stück, Annegret Wennagel, WEIBH e. V. (Hg.): FrauenStadtbuch Frankfurt, Frankfurt a. M. 1998, S. 217–220.
-
o. A.: Frankfurter Frauenblatt, in: Brinkmann to Broxten, Eva/Fuchs, Claudia/Kiltz, Elke/Schäfer, Brigitte/Sellach, Brigitte in Kooperation mit WEIBH e. V. (Hg.): Ohne Netz und doppelten Boden. Frauenprojekte & Frauenpolitik in Hessen, Frankfurt a. M. 1987, S. 37–41.