Die Kasseler FrauenLesben Zeitschrift Krampfader
Ab Mitte der 1970er-Jahre und insbesondere in den 1980er-Jahren entstanden in der Bundesrepublik im Kontext der Frauenbewegungen eine Vielzahl an autonomen Publikationen. Die Zeitschriften erschienen im Selbstverlag. Die Mitarbeit in der Redaktion stand grundsätzlich jeder Interessierten – unabhängig ihrer Schreibfertigkeiten oder journalistischen Vorerfahrung – offen. Mit der Tollkirsche (1979–1981) war ein erster Versuch der Etablierung einer solchen Zeitschrift in Kassel gescheitert. Warum aber sollte eine Frauenzeitschrift nicht auch in Kassel möglich sein? Diese Frage stellte sich Kathi, eine Akteurin der Kasseler Frauenbewegung, 1985, als sie von einer Freundin aus Göttingen erfuhr, dass sich dort kurz zuvor die Zeitschrift Arzade gegründet hatte.
Auf der Suche nach weiteren Mitstreiterinnen für dieses Projekt schaltete sie gemeinsam mit einer Mistreiterin eine Anzeige im Kasseler Alternativmagazin Stattzeitung.1 Die Idee einer Kasseler Frauenzeitschrift sprach sich zügig herum. Fünfzehn Frauen erschienen zu einem ersten Treffen, zehn von ihnen im Alter von 18 bis 40 Jahren blieben übrig.2 Einige dieser Frauen hatten durch ihre Arbeit in anderen lokalen Projekten der Kasseler Frauenbewegung, wie dem Frauenhaus, bereits Fuß gefasst in der Szene, andere suchten durch dieses Projekt einen Einstieg. Zentrum des Geschehens war der Stadtteil Vorderer Westen, wo sich das FrauenLesbenZentrum noch heute befindet.
„einprägsam, verständlich und ungewöhnlich“
Das vielfältige Repertoire an Zeitschriftentiteln damaliger Szenepublikationen diente ihnen bei der Namenssuche als „Phantasiestimulans“3. Sie identifizierten vier Kategorien der bestehenden Namen: Es gab Zeitschriften, die nach einem Gifttier (wie die Bielefelder Tarantel) oder einer Giftpflanze (wie die ehemalige Kasseler Frauenzeitung Tollkirsche) benannt waren, einen weiblichen Vornamen trugen (wie die Bonner Frauenzeitung Lila Lotte), oder Namen führten, die vor allem das Interesse von Bildungsbürgerinnen weckten (wie die ehemalige Berliner Frauenzeitung Anagan). Von dieser Namens-Systematik wollten sich die Kasseler Frauen absetzen. „Fakt ist, nur wenige können mit diesen Namen etwas anfangen, können ihn einordnen und verstehen und schon gar nicht sich merken.“4 Vielmehr wollten sie einen Namen, der „einprägsam, verständlich und ungewöhnlich“5 war. Spontan fiel der Name Krampfader. War ein Teil der Redaktion unmittelbar begeistert von dem Namensvorschlag, sorgten sich andere darum, das schmerzhafte Leiden, das vor allem Frauen betrifft, ins Lächerliche zu ziehen.6 Eine Kasseler „Frauenkunstgruppe“7 fand den Namen derart provokativ, dass sie sich weigerte, in einer Zeitschrift mit diesem Namen zu publizieren. Skeptikerinnen konnte allerdings mit der Erklärung begegnet werden, dass sich Krampfader mit eingeklammertem „r“ als „Kampfader“8 lesen ließe. Der Name sorgte für Gesprächsstoff – also wurde er beibehalten. Die Zeitschrift erschien unter dem Titel Krampfader – Kasseler Frauenmagazin.
Eine Plattform für Kasseler Frauenprojekte
Die ‚Krampfies‘, wie sich die Redakteurinnen zumeist bis heute nennen, waren eng in die Netzwerke der Kasseler Frauenbewegung eingebunden.9 Ihre Anschrift hatte die Redaktion noch bis 2012 im Frauenbuchladen ARADIA. Im FrauenLesbenzentrum hielt die Redaktion auch ihre Treffen ab, nutzte aber auch Räumlichkeiten der Stattzeitung. Der Verkauf der Zeitschrift erfolgte in bewegungsnahen Räumen wie diesen.
Die Krampfader lebte von dieser Nähe zur Bewegung. Dementsprechend war es ein wesentliches Ziel der Redakteurinnen, ein „Sprachrohr für die verschiedenen Frauenanliegen, -aktionen, -projekte“10 zu schaffen. Dieses Versprechen lösten die Frauen mit einer eigenen ‚Projektbericht-Rubrik‘ ein. In dieser stellten sich etwa das Frauenzentrum, der Notruf, die § 218 Gruppe, das Frauenhaus, FIF (Frauen informieren Frauen), das Archiv der deutschen Frauenbewegung und die Frauenforschungs-Geschichtsgruppe vor. Vielerorts entstanden derartige feministische Zeitschriften, die lokalen Frauenprojekten eine Bühne boten, etwa die Lila Distel in Saarbrücken oder die Hamburger Frauenzeitung – kaum eine überdauerte so lange wie die Krampfader. Ein wesentlicher Teil jeder Ausgabe war für deren Texte vorgesehen. Die LeserInnen konnten auf diese Weise die Entwicklung und spezifischen Herausforderungen der diversen Kasseler Projekte mitverfolgen. In besonderem Maße gilt dies für das Kasseler Frauenhaus, das bis heute noch in der Krampfader regelmäßig über aktuelle Entwicklungen informiert.
Die erste Ausgabe des Kasseler Frauenmagazin, so lautete der Untertitel der Krampfader, erschien im Januar 1986 (und seitdem vierteljährlich). Mit einer Auflage von 1.000 Exemplaren zählte das Magazin zu den größeren Zeitungen, andere regionale Frauenzeitschriften rangierten zwischen 300 und 1.500 Exemplaren.11 Für ein Heft zahlten LeserInnen zu Beginn 4 DM, Anfang der 1990er-Jahre stieg der Stückpreis auf 5 DM. Heute kostet ein Exemplar 5 Euro. Von der Redaktionsarbeit konnten die Frauen indes zu keinem Zeitpunkt leben.
„Krisen, Krisen, Krisen“
Die Projektbericht-Rubrik verschwand Anfang der 1990er-Jahre in ihrem ursprünglichen Umfang fast gänzlich. Das Verschwinden ist gleichzeitig Ausdruck einer Umbruchphase der Frauenbewegungen insgesamt und wurde in einer Ausgabe kommentiert mit „Krisen, Krisen, Krisen“12. Denn viele der in den 1970er- und 1980er-Jahren entstandenen Projekte waren, trotz zum Teil anhaltender Finanzierungssorgen, fest verankerter Teil der lokalen Infrastruktur oder hatten inzwischen ihre Arbeit eingestellt.13
Dieser Umbruch äußerte sich im Kasseler Frauenmagazin konkret in einer „Erscheinungskrise“14. Dazu zählte zum einen die „technische Seite von Produktion und Vertrieb“15. Der Redaktionsraum war ihnen vonseiten der Stattzeitung wegen Eigenbedarf gekündigt worden und „die Verkaufszahlen [stimmten] genauso wenig wie die Finanzen“.16 Zum anderen stellten die ‚Krampfies‘ fest, dass es „viel ungeklärtes im gemeinsamen Selbstverständnis und Miteinander in unserer Zeitungsredaktion“17 gab, das unmittelbar mit dem Umbruch der Bewegungen selbst zusammenhing. Sie vernahmen einen „Frauenbewegungsfrust“ und vermissten auch unter den einst in Projekten engagierten Frauen ein „gemeinsames politisches Handeln“, „sich einzumischen und unbequem zu sein“.18
Mitte der 1990er-Jahre folgte ein Versuch, dieser Krise zu begegnen. Er bestand darin, eine LeserInnen-Befragung über Wünsche und Erwartungen an die Krampfader durchzuführen. Dieses Vorgehen entsprach auch ihrem ursprünglichen Anspruch, ein „Sprachrohr“19 der Bewegung zu sein, und aktiv mit anderen Frauen und LeserInnen in einen Austausch zu treten. Während dies auf institutioneller Ebene gut funktionierte, war die Resonanz auf Beiträge und Aufrufe zur Diskussion von Beginn an ernüchternd für die ‚Krampfies‘ – so auch nun bei der Erhebung.20 Neue Anregungen – und vor allem repräsentative Ergebnisse – kamen nicht zustande.
Kontinuität und Wandel
Offen thematisierten die ‚Krampfies‘, dass sie nicht sicher waren, ob und wie es für das Magazin weitergehen würde.21 Auch zogen sich einige Frauen von der Mitarbeit zurück. Ein darauffolgender Aufruf zur Mitarbeit war indes erfolgreich, vier neue Frauen schlossen sich der Redaktion an.22 Es zeigte sich, dass ein solches Projekt maßgeblich vom Engagement einzelner Akteurinnen abhing, die ein Projekt gestalten und voranbringen und Themen setzen. Anfang 1995 gab sich die Krampfader mit dem neuen Untertitel Kasseler FrauenLesben Zeitschrift ein neues Image. Dieses lösten sie auch dadurch ein, dass sie sich mit dem Alltag von Lesben auseinandersetzten, unter anderem mit Gewalterfahrungen.
Mit der Diversifizierung der Lesbenbewegung erfuhr auch die Krampfader in den 1990er-Jahren eine spürbare Ausweitung ihrer Themen.23 So gab es 2003 Überlegungen, die Zeitschrift auch bundesweit zu vertreiben, „weil wir festgestellt haben, dass die meisten unserer Themen bundesweit gültig sind und wir die politische Landschaft bundesweit beleben wollen“24. Dieser Schritt hatte sich bereits zuvor im Inhalt angedeutet, da der Lokalbezug zugunsten bundesdeutscher Themen stetig abnahm. Beispielsweise befassten sich zahlreiche Beiträge mit gesellschaftlichem Rassismus und der Asyldebatte in den 1990ern. Gleichzeitig berichtete die Krampfader ab der Jahrtausendwende verstärkt über Internationales, etwa den Irakkrieg und die Frauenbewegung in der Türkei.
Die Krampfader zeichnete von Beginn an ihre Nähe zur lokalen Kasseler Frauenbewegung aus. Die Verbindung von Kontinuität und Anpassungsfähigkeit der Redaktionen begründete den Erfolg der Kasseler FrauenLesben Zeitschrift. So bedient die Zeitschrift bis heute vermeintlich alte, aber noch immer aktuelle Themen wie Gewalt gegen Frauen. Gleichzeitig nahm sie stets neue Themen in ihr Repertoire mit auf, etwa Frauen mit Behinderungen und die Folgen der Hartz-Reform für Frauen. Mit diesem Profil hat sich die Krampfader im unübersichtlichen Feld der FrauenLesben-Zeitschriften als einzige autonome Publikation erhalten können, die seit den 1980er-Jahren bis heute erscheint.25
Verfasst von:
Empfohlene Zitierweise
- Menges, Julia
- Digitales Deutsches Frauenarchiv
- CC BY-SA 4.0
Im Rahmen eines DDF-geförderten Projektes mit
Weitere Informationen zum DDF-Projekt:
Fußnoten
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1
Vgl. Krampfader – Herstory. 10 Jahre im Rückblick, in: Krampfader, 11. Jg., 1996, H. 1, S. 4.
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2
Ebenda.
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3
Vorstellung, in: Krampfader, 1. Jg., 1986, H. 1, S. 2.
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4
Ebenda.
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5
Ebenda.
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6
Vgl. ebenda.
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7
Ebenda.
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8
Vgl. Krampfader – Herstory. 10 Jahre im Rückblick, in: Krampfader, 11. Jg., 1996, H. 1, S. 5.
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9
Zu diesem Befund auch: Röttger, Ulrike / Werner, Petra: Tatbestand schreiblich. Regionale feministische Zeitungen in der Bundesrepublik, in: Gruppe Feministische Öffentlichkeit (Hg.): Femina Publica. Frauen – Öffentlichkeit – Feminismus, Köln 1992, S. 35.
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10
Vorstellung, in: Krampfader, 1. Jg., 1986, H. 1, S. 2.
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11
Vgl. Röttger, Ulrike / Werner, Petra: Tatbestand schreiblich. Regionale feministische Zeitungen in der Bundesrepublik, in: Gruppe Feministische Öffentlichkeit (Hg.): Femina Publica. Frauen – Öffentlichkeit – Feminismus, Köln 1992, S. 26.
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12
Wir über uns, in: Krampfader, 9. Jg., 1994, H. 1, S. 6.
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13
Zur Entstehung und Entwicklung der Neuen Frauenbewegung: Ilse Lenz, Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung, Wiesbaden 2010, S. 19–42.
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14
Wir über uns, in: Krampfader, 9. Jg., 1994, H. 1, S. 6.
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15
Ebenda.
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16
Ebenda, S. 7.
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17
Ebenda, S. 6.
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18
Ebenda, S. 7.
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19
Vorstellung, in: Krampfader, 1. Jg., 1986, H. 1, S. 2.
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20
Vgl. Fragebogenauswertung, in: Krampfader, 9. Jg., 1994, H. 2, S. 15.
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21
Vgl. Liebe Leserinnen, in: Krampfader, 9. Jg., 1994, H. 1, S. 3.
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22
Ebenda.
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23
Vgl. Ilse Lenz, Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung, Wiesbaden 2010, S. 1015–1018.
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24
In eigener Sache, in: Krampfader, 18. Jg., 2003, H. 3, S. 3.
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25
Vgl. Dennert, Gabriele / Leidinger, Christiane / Rauchut, Franziska: Kämpfe und Konflikte um Macht und Herrschaft. Lesbenbewegung in der BRD der 80er Jahre, in: Dies. (Hg.): In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben, Berlin 2007, S. 153.
Ausgewählte Publikationen
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Gruppe Feministische Öffentlichkeit (Hg.): Femina Publica. Frauen – Öffentlichkeit – Feminismus, Köln 1992.
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Dennert, Gabriele / Leidinger, Christiane / Rauchut, Franziska: Kämpfe und Konflikte um Macht und Herrschaft. Lesbenbewegung in der BRD der 80er Jahre, in: Dies. (Hg.): In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben, Berlin 2007, S. 126–159.
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Franka Fieseler: Vernetzte Netze – vielfältige Foren. Zur Geschichte lesbisch-feministischer Zeitschriften in Deutschland, in: Susemichel, Lea / Rudigier, Saskya / Horak, Gabi (Hg.): Feministische Medien. Öffentlichkeiten jenseits des Malestream, Königstein/Taunus 2008, S. 134–150.
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Katharina Lux, Von der Produktivität des Streits – Die Kontroverse der Zeitschriften Courage, Die Schwarze Botin und Emma. Überlegungen zur Konfliktgeschichte der Frauenbewegung, in: feministische Studien, 2017, H. 1, S. 31–50.
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Beins, Agatha: Liberation in Print. Feminist Periodicals and Social Movement Identity, Athens 2017.