Die Geschichte des Alice Salomon Archivs in Bildern

verfasst von
  • Prof. Dr. Sabine Toppe
veröffentlicht
Das Alice Salomon Archiv am historischen Standort der Sozialen Frauenschule Alice Salomons verfügt über einen einzigartigen Fotobestand, der die Geschichte des Archivs, der Frauenschule und ihrer bedeutenden Protagonistinnen sowie Zeit-, Frauen- und Bewegungsgeschichte beeindruckend abbildet.

Eine Idee entsteht: Das Alice Salomon Archiv

Als die (ASFH), heute Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH), 1998 vom historischen Standort der Sozialen Frauenschule in Berlin-Schöneberg nach Hellersdorf umzog, machte die stellvertretende Schulleiterin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses (PFH) – an das die Soziale Frauenschule zeitweise institutionell angebunden war – Adriane Feustel, historisch Forschende und Lehrbeauftragte an der Fachhochschule, ein Angebot: „Wollt Ihr nicht Eure Sachen hierlassen?“1 Die benachbarten ‚Sachen‘ waren historische Dokumente, die im Archivkeller der Fachhochschule lagerten und bei genauem Blick von unschätzbarem Wert waren für die Geschichte sozialer Bewegungen und Sozialer Arbeit, ihrer Institutionen und beteiligter Personen. Dazu zählten Programme und Jahresberichte der Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit, Ausbildungsakten und -materialien der Sozialen Frauenschule Alice Salomons seit 1900, Akten der Studierenden der Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit (1925–1933), Unterlagen des von Anna von Gierke geleiteten Vereins Jugendheim Charlottenburg (1898–1934) und ein auf den ersten Blick unscheinbares Fotoalbum Alice Salomons.

Regale mit historischen Akten im Archivkeller der FHSS

Zettel, die Adriane Feustel an die Kellerregale heftete, gaben den Dokumenten einen wegweisenden Namen: ‚Alice Salomon Archiv‘. Über den Namen ließe sich sicher diskutieren, sagte sie selbst rückblickend.2 Heute ist das ‚Alice Salomon Archiv‘ eine Erfolgsgeschichte, am 1. März 2023 wurde Dr. Adriane Feustel als Gründerin des Alice Salomon Archivs für ihr Werk das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Das Alice Salomon Archiv am historischen Ort

Im Jahr 2000, nach Erstellung eines Kooperationsvertrags der Alice-Salomon-Fachhochschule und des PFH, fand in der ehemaligen Verwaltungsetage der Sozialen Frauenschule im Haus 3 des PFH das Alice Salomon Archiv mit seiner umfangreichen Dokumenten- und Fotosammlung einen neuen Ort. Im einstigen Direktorinnenzimmer von Alice Salomon, dem Sekretariat und dem Konferenzzimmer der Sozialen Frauenschule entstand – in Verknüpfung zweier historischer Einrichtungen, die lange zusammengehört haben – das „Archiv- und Dokumentationszentrum für soziale und pädagogische Frauenarbeit“3 des Alice Salomon Archivs der ASH Berlin und des Archivs des Pestalozzi-Fröbel-Hauses. Am 18. Mai 2001 wurde mit einem Colloquium „Sozialpädagogik und Geschlechterverhältnis 1900 und 2000“4 und der Verleihung des ersten Alice Salomon Awards an Alice Shalvi5 das Alice Salomon Archiv am historischen Ort feierlich offiziell eröffnet.

Sekretariat der Sozialen Frauenschule, 1929
Interview mit Alice Shalvi 2020

Ein ganz besonderer Ort: die Soziale Frauenschule Alice Salomons

Das Gebäude, in dem das Alice Salomon Archiv die Unterlagen aus den Verwaltungsmagazinen der Vorgängereinrichtungen der ASH aus den Jahren 1893–1971 bewahrt, ist ein bedeutsamer Ort in der Geschichte der Frauenbewegungen und der Sozialen Arbeit. 1914 zog die 1908 eröffnete Soziale Frauenschule in das von Alice Salomon entworfene, neu errichtete, schlichte und in seiner Zeit moderne Gebäude im Garten des PFH. „Es fügte sich mit seiner Backsteinfassade in das Ensemble der PFH Gebäude gut ein, zu dem außer dem Kindergärtnerinnenseminar noch eine Haushaltungsschule gehörte, und erhielt in den zwanziger Jahren, als die Soziale Frauenschule dem Kuratorium des PFH mitunterstellt wurde, die Bezeichnung Haus 3 des PFH.“6 Hier wurden junge Frauen professionell in der „Technik sozialer Arbeit“7 ausgebildet.

Eine Besonderheit des Gebäudes war der Dachgarten, einer der ersten in Berlin, bepflanzt mit Rasenstücken, Kletterrosen und Schwertlilien, den Lieblingsblumen von Alice Salomon. Der Dachgarten war ein wichtiger Ort des Unterrichts – neben anderen klassischen Unterrichtsräumen – und der Kommunikation. Heute ist der Dachgarten zum großen Bedauern von Studierenden und Lehrenden der Alice Salomon Hochschule, die das Archiv besuchen, nicht mehr zugänglich.

Ein Fotoalbum erzählt die Geschichte der Sozialen Frauenschule und der Sozialen Arbeit

Die Geschichte des Alice Salomon Archivs ist eng mit Alice Salomons Biografie, der Geschichte der Sozialen Frauenschule und deren Protagonistinnen sowie historischer Institutionen und Organisationen aus den Bereichen Soziales, Erziehung, Bildung und Politik verbunden. In Folge der Vertreibung Alice Salomons im Nationalsozialismus fehlt ein professionsbezogener wie persönlicher Nachlass, auch wenn durch eine große Schenkung der Familie Alice Salomons im Jahr 20228 hier die Lücke kleiner geworden ist und das Alice Salomon Archiv inzwischen über eine beeindruckende Sammlung von Schriften, Briefen und Fotografien Alice Salomons, inklusive ihrer Biografie, verfügt.

Sammlung von Schriften, Briefen und Fotografien Alice Salomons, inklusive ihrer Biografie

Vor diesem Hintergrund ist das bereits erwähnte, auf den ersten Blick unscheinbare Fotoalbum Alice Salomons ein einzigartiges Dokument zur Geschichte der Sozialen Frauenschule und Sozialer Arbeit. Dieses Album – „Kein gewöhnliches Fotoalbum“9 – wurde kurz vor der Gründung des Alice Salomon Archivs im Müll gefunden bei Umbauarbeiten im Pestalozzi-Fröbel-Haus, es befand sich mit anderen Papieren in einem alten Karton. Im Rahmen eines DDF-Projektes wurde es 2018 vor dem Verfall gerettet und digitalisiert.

Das Album wurde Alice Salomon von Freund_innen und Kolleg_innen zum 30. Jubiläum der Sozialen Frauenschule 1929 geschenkt, in Erinnerung an den ersten Jahreskursus der Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit 1899 in Berlin und maßgeblich verantwortet von Siddy Wronsky10, Dozentin, Sozialreformerin und Pionierin internationaler Sozialer Arbeit. „Das Fotoalbum erzählt die Geschichte der Sozialen Arbeit beginnend mit ihren Anfängen um 1900, als die Soziale Arbeit von Frauen in Verbindung mit der Frauenbewegung entwickelt wurde, und das heißt auch im Zusammenhang der je eigenen individuellen Emanzipation.“11 Die Fotos zeigen die Schule, Lehrkräfte und Schülerinnen und damit auch zentrale Persönlichkeiten der Sozialen Arbeit sowie persönliche Widmungen, Ausbildungsstätten und Darstellungen von konkreten Ausbildungssituationen. Zu sehen sind auch Klientinnen der Sozialen Arbeit, wie auf dem – mittlerweile viel publizierten – Foto des ersten Klubs für junge Arbeiterinnen, der 1898 in Berlin gegründet wurde. Das Fotoalbum – das beim Festakt zum Onlinegang des DDF-Portals 2018 eine zentrale Rolle hatte – ist nicht nur durch die seltenen Fotos aus der Praxis Sozialer Arbeit ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte des Alice Salomon Archivs.

Die Soziale Frauenschule im Nationalsozialismus, zentraler Anstoß für die Archivgründung

Die Geschichte des Alice Salomon Archivs hat einen zentralen Anker in der kritischen und kontroversen Aufarbeitung der Geschichte der Sozialen Frauenschule im Nationalsozialismus. Dem Beschluss der ASFH (Alice Salomon Fachhochschule)12 1998, den historischen Teil des Verwaltungsarchivs als Alice Salomon Archiv am historischen Ort in Berlin-Schöneberg zu belassen, waren historische Forschungen und Auseinandersetzungen vorausgegangen. Es ging neben der Bedeutung Alice Salomons und der Sozialen Frauenschule für die Soziale Arbeit um Fragen des Verhältnisses der Sozialen Frauenschule zum NS. „Dabei gewannen besonders die Schülerinnenakten der Sozialen Frauenschule Aufmerksamkeit.“13

Schulungsbrief für die Volkspflegerinnen im öffentlichen Dienst 1943

1932 hatte die Soziale Frauenschule den Namen Alice Salomons erhalten, im Frühjahr 1933 war er schon wieder getilgt. „Alice Salomon wurde aus ihren öffentlichen Ämtern und Funktionen vertrieben, ebenso alle anderen jüdischen Dozentinnen und Schülerinnen, 1935 auch die Sekretärin.“14 Die Schule wurde, nach einer Erklärung über die Vereinbarkeit der Ausbildung mit den NS-Richtlinien, „als Schule für Volkspflege vom NS-Staat anerkannt.“15 Alice Salomon schrieb in ihren Lebenserinnerungen im New Yorker Exil: „Ein Abgrund hatte sich aufgetan zwischen denen, die aus dem Rennen waren, und jenen, die weitermachen zu können hofften.“16 Diejenigen, die die Schule weiterführten, insbesondere Charlotte Dietrich, seit 1925 Schulleiterin, stellten sich selbst später als Opfer dar, die im Interesse der Schule zu handeln gezwungen gewesen seien.

Diskussionen um die Rolle der Sozialen Frauenschule bzw. Schule für Volkspflege im Nationalsozialismus waren zentral für die Entstehung des Alice Salomon Archivs. Bodo Hirsch, Leiter des Immatrikulations- und Prüfungsamts der Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (FHSS) kannte die Schülerinnenakten der Sozialen Frauenschule aus Wiedergutmachungsanfragen und initiierte mit den Akten 1986 in den Fluren der FHSS die Ausstellung „Studieren im nationalsozialistischen Berlin“. Zum ersten Mal wurden Dokumente aus dem Verwaltungsarchiv öffentlich gezeigt und „die Teilhabe von Lehrerinnen und Schülerinnen der Sozialen Frauenschule an der Gesundheits- und Rassenpolitik des Dritten Reichs dokumentiert und öffentlich diskutiert“17. Es gab große Proteste unter Sozialarbeiter_innen, dem Veranstalter wurde ‚Nestbeschmutzung‘ vorgeworfen. Eine weitere Ausstellung zum Thema folgte 1988.18 Die Herausforderung, sich der nationalsozialistischen Vergangenheit im eigenen Umfeld zu stellen und diese zu erforschen, wurde zu einem wesentlichen Aspekt in der Gründungsphase des Alice Salomon Archivs.

Das Alice Salomon Archiv heute

Das Alice Salomon Archiv ist heute institutionell verankert durch feste Mitarbeiter_innenstellen, eine Anbindung an die Bibliothek der ASH und eine hohe Anerkennung in nationalen wie internationalen fachlichen Netzwerken. In verschiedenen Projekten wurde ein Großteil der Biografie und des Werkes Alice Salomons erschlossen und zugänglich gemacht. Es sind mit den einzigartigen Dokumenten des Archivs grundlegende Beiträge zu den regionalen und internationalen Verflechtungen der Frauenbewegungen und zur Organisations- und Professionalisierungs­geschichte der Sozialen Arbeit entstanden. Die Projekte heißen zum Beispiel: ‚Jüdische Schülerinnen und Dozentinnen der Sozialen Frauenschule Berlin und der Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit‘, ‚Die Familienforschungen der Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit‘ oder ‚Die Zwillinge und Tante Ly – ein Digitalisierungsprojekt zur Familiengeschichte Alice Salomons‘.

Als Frauenbewegungsarchiv ist das Alice Salomon Archiv Teil des i.d.a. Dachverbands deutschsprachiger Lesben-/ Frauenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen.

 

Veröffentlicht: 12. Januar 2026; Zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2025
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Verfasst von
Prof. Dr. Sabine Toppe

Sabine Toppe, Pädagogik-Studium, Schwerpunkt Sozialpädagogik/Sozialarbeit, Promotion zum obrigkeitsstaatlichen Mutterschaftsdiskurs im 18. Jahrhundert, Professorin für Geschichte der Sozialen Arbeit an der ASH Berlin. Forschungsschwerpunkte: Frauenbewegung und Soziale Arbeit, Historische Geschlechterdiskurse, Sozialpädagogische Bildungsforschung.

Empfohlene Zitierweise
Toppe, Sabine (2026): Die Geschichte des Alice Salomon Archivs in Bildern, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/die-geschichte-des-alice-salomon-archivs-bildern
Zuletzt besucht am: 12.02.2026
Lizenz: CC BY-SA 4.0
Rechteangabe

Fußnoten

  1. 1

    Adriane Feustel im Interview mit Dayana Lau und Friederike Mehl (Februar 2020), https://meta-katalog.eu/Record/11378ash#?showDigitalObject=&c=&m=&cv=&xywh=&s=&r=.

  2. 2

    Ebenda. Vgl. auch die DDF-Podcastfolge vom 03.Mai 2022: „Bilder sozialer Arbeit-150 Jahre Alice Salomon.“ https://listentothearchive-derddfpodcast.podigee.io/1-neue-episode.

  3. 3

    Feustel, Adriane / Sander, Sabine: Das Archiv- und Dokumentationszentrum für soziale und pädagogische Frauenarbeit – Archiv des PFH und Alice-Salomon-Archiv der ASFH, in: Mitteilungen & Materialien. Zeitschrift für Museum und Bildung, 2001, H. 56, S. 67–71.

  4. 4

    Feustel, Adriane (Hg.): Sozialpädagogik und Geschlechterverhältnis 1900 und 2000. Dokumentation des Colloquiums zur Eröffnung des Archiv- und Dokumentationszentrums für Soziale und Pädagogische Frauenarbeit am 18. Mai 2001, Berlin 2003.

  5. 5

    Feustel, Adriane: Alice Shalvi (*1926) – israelische Feministin und Friedensaktivistin, 2024, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/blog/alice-shalvi-1926-israelische-feministin-und-friedensaktivistin.

  6. 6

    Feustel, Adriane: Raum 111. Das Alice-Salomon-Archiv, in: Quer denken, lesen, schreiben: Gender-/ Geschlechterfragen update 08/2003, S. 4–8.

  7. 7

    Salomon, Alice: Zur Eröffnung der sozialen Frauenschule, in: Die Frau, 16. Jg., Nov. 1908, Nr. 2, S. 103–107, hier S. 107.

  8. 8

    Vgl. das DDF-Essay „Alice, Leonie, Mieze … Der Familiennachlass Alice Salomons“.

  9. 9

    Feustel, Adriane: Ein Fotoalbum erzählt die Geschichte der Sozialen Arbeit. Zur Reflexion Sozialer Arbeit in der Anfangszeit, Berlin 2006.

  10. 10

    Wronsky, S[idonie]: Alice Salomon. Erinnerungsbuch im Auftrage einer Reihe von Mitarbeitern und Freunden [kommentiertes Fotoalbum], Alice Salomon Archiv der ASFH, Berlin 1929.

  11. 11

    Feustel, Adriane: Ein Fotoalbum erzählt.

  12. 12

    ASFH (Alice Salomon Fachhochschule) und ASH (Alice Salomon Hochschule) sind unterschiedliche Abkürzungen für unterschiedliche Namen der Hochschule und nicht zu vereinheitlichen.

  13. 13

    Das Alice Salomon Archiv der ASFH Berlin: Fünfjahresbericht März 2000 - März 2005, Berlin 2005.

  14. 14

    Feustel, Adriane: Das Alice-Salomon-Archiv, in: Dies. (Hg.): Sozialpädagogik und Geschlechterverhältnis 1900 und 2000, Berlin 2003, S. 13–16, hier S. 13.

  15. 15

    Ebenda.

  16. 16

    Salomon, Alice: Lebenserinnerungen: Jugendjahre, Sozialreform, Frauenbewegung, Exil, Frankfurt a. M. 2008, S. 318.

  17. 17

    Feustel, Adriane: Das Alice Salomon Archiv, S. 14.

  18. 18

    Tramsen, Eckhard: Schriftstücke, Berlin 1991.

Ausgewählte Publikationen