Der radikale IHRSINN

geschrieben von: Gitta Büchner
veröffentlicht 13. September 2018
Frau muss nicht lesbisch sein, um Feministin zu werden. Aber es hilft. Frau muss nicht Feministin sein, um lesbisch zu werden. Aber es hilft.

Im folgenden Beitrag versuche ich, nachkommenden Generationen von feministischen Frauen und Lesben Debatten, Anliegen und Ziele einer sich dezidiert radikal-feministisch verstehenden Zeitschrift der 90er-Jahre nachvollziehbar zu machen.
IHRSINN erschien von Januar 1990 bis Dezember 2004 zweimal jährlich in insgesamt 29 Ausgaben, in einer Auflage von durchschnittlich 1.000 Exemplaren. Jedes Heft hatte circa 120 Seiten und ein Schwerpunktthema.

Der Name

IHRSINN – ein Wortspiel, das zwei Dinge zum Ausdruck brachte: das gegen den Strich und jeden Mainstream gerichtete Nachsinnen von Frauen über ihre Situation sowie die Herkunft dieser Frauen aus dem Ruhrgebiet, dessen Sprachduktus das weiche, vokalische R dem harten konsonantischen vorzieht. Auch die Versalien sind ein Statement: Wir schreiben unsere Art zu denken groß.
Der Untertitel: eine radikalfeministische Lesbenzeitschrift – damit setzte sich die Redaktion in einen feministischen Zusammenhang, der mehr wollte als Gleichstellung von Frauen innerhalb des Patriarchats. Oder wie es in einem zur Ankündigung des ersten Heftes erschienenen Faltblatt formuliert wurde: „Wir schöpfen unsere Stärke sowohl aus dem subversiven Potential aller Lesben als auch aus radikalfeministischer Politik, aus einem tätigen Bewusstsein, das darauf ausgerichtet ist, das Heteropatriarchat in seinen verschiedenen Verpackungsformen nicht nur reformfeministisch zu entsorgen, sondern ihm die Wurzeln abzutrennen.“1
Gleichzeitig wandte sich die Redaktion damit auch an nichtlesbische Feministinnen.
Die Form: Die Zeitschrift verstand sich als Forum für lesbenpolitische Auseinandersetzungen und Debatten und kam anfangs absolut schmucklos daher. Später kamen Fotos, Zeichnungen, Comics und Rubriken – Rezension, Glosse, ausgegraben, Aktuelles – hinzu, und die oft als schwer verständlich kritisierten Artikel wurden durch Gedichte und persönlichere Texte ergänzt. Jede Ausgabe wurde von den Macherinnen der Zeitschrift für blinde und sehbehinderte Lesben auf Kassette gesprochen und in Braille beschriftet.

Wie der ganze IHRSINN entstand – eine zeitliche Einordnung

Ende der 80er-Jahre gab es in Bochum fünf Orte für Frauen: das Autonome Frauen/Lesbenreferat und das Frauenarchiv Leihse, später in Lieselle umbenannt, beide an der Ruhruniversität, den Frauenlesbenladen in der Kohlenstraße (eine „feindliche Übernahme“2 einer ursprünglich gemischten Initiative), MONA - Internationale Frauenkontakt- und Beratungsstelle und den Frauenbuchladen Amazonas. Von diesen Frauenorten war der Frauenbuchladen das älteste, aus dem 1974 gegründeten Frauenzentrum hervorgegangene, Projekt.

1989 fanden in der Kohlenstraße und im Frauenbuchladen einige Veranstaltungen zu verschiedenen lesbenpolitischen Themen statt. Aus diesen Diskussionen und der Tatsache, dass sie auf großes Interesse stießen, entstand die Idee, eine Lesbenzeitschrift zu machen, die sich ausgehend von den eigenen Erfahrungen mit lesbisch-feministischer Theorie befasste, ohne die unterschiedlichen Lebensumstände von Frauen und Lesben und die Möglichkeiten politischen Handelns aus den Augen zu verlieren.
1989 war auch das Jahr, in dem die Mauer fiel. Wenige Tage vor diesem Ereignis fand die Berliner Lesbenwoche statt, an der auch einige der Ihrsinnsgründerinnen teilnahmen. Sie nutzten die Gelegenheit, bei einer Veranstaltung in Ostberlin Kontakt zu Bärbel Klässner aufzunehmen. So kam es, dass ab der ersten Ausgabe der Zeitschrift auch die Erfahrungen und Perspektiven ostdeutscher Lesben vertreten waren.

Warum?

Ende der 1980er-Jahre schien eigentlich alles gesagt, was es zum Thema Feminismus zu sagen gab, es gab den akademischen Feminismus auf der einen und die Gleichstellungspolitik auf der anderen Seite. Beide Formen erschienen den Macherinnen der Zeitschrift wie Wellenbrecher, an denen sich die Woge eines basisorientierten radikalen, antipatriarchalen Feminismus‘ erschöpft hatte. Die Theorie zu theoretisch, die Praxis assimilatorisch. In der feministischen Theorie vermissten die Frauen der Redaktionsgruppe zu oft die lesbische Perspektive und in den existierenden Lesbenzeitschriften die radikale Theorie.
1989 gab es in der BRD zwei überregionale Lesbenzeitschriften: UKZ (Unsere kleine Zeitschrift 1975–2001) und Lesbenstich (1980–1993). IHRSINN verstand sich als Ergänzung, nicht als Konkurrenz zu diesen Zeitschriften. „Uns fehlt ergänzend zu den bestehenden Lesbenzeitschriften im deutschsprachigen Raum ein kontinuierlicher öffentlicher Austausch, der unseren Vorstellungen von Lesbenidentität, -kultur und -politik klarere Konturen gibt.“3
Darüber hinaus verstand sich IHRSINN als Verbindung zwischen Theorie/Forschung und Bewegung, ein Anspruch, der sich allenfalls in den ersten Ausgaben verwirklichen ließ.

Wer und wie?

Die Zeitschrift entstand, abgesehen von Satz und Druck, in unbezahlter Arbeit. Die Zusammensetzung der Redaktion wechselte, von Anfang bis Ende dabei waren: Ulrike Janz, Rita Kronauer, Lena Laps und Gitta Büchner, die Autorin dieses Aufsatzes. Die Redaktion traf sich einmal in der Woche reihum in Küche oder Wohnzimmer und jede Sitzung begann mit einem gemeinsamen Abendessen. Unterschiede zeigten sich vor allem im Grad der Kochkünste, gemeinsam war allen: weiß, deutsch, akademisch gebildet, alle in unterschiedlichen Bereichen frauen- und lesbenpolitisch engagiert, einige seit 20 Jahren in der Frauenbewegung. Die Ergebnisse und Erfahrungen dieser reichen Bewegungsgeschichte – vor allem auch der Bewegung gegen Reproduktions- und Gentechnologien – fanden sich denn auch in der ersten Ausgabe der Zeitschrift wieder und lösten schon in der zweiten Ausgabe heftige Diskussionen aus. Leserinnenbriefe nahmen zum Teil Form und Umfang von Artikeln an.

Die Themen

In der Redaktion wurde ein Satz von Rita Kronauer zum geflügelten Wort: Das Artikelschreiben ist doch kein Problem. Hintergrund dieser Äußerung war die Tatsache, dass die IHRSINNigen sich in bundesweiten frauen- und lesbenpolitischen Zusammenhängen bewegten und aktiv an ihnen teilnahmen: Berliner Lesbenwochen, Lesbenfrühlingstreffen (vormals Lesbenpfingsttreffen), Hamburger und Bremer Frauenwochen, Kongresse wie zum Beispiel ‚Frauen gegen Gen- und Reproduktionstechnologien‘ 1988 in Frankfurt oder ‚Frauen gegen Nationalismus – Rassismus/ Antisemitismus – Sexismus‘ 1990 in Köln, Lesbenforschungssymposien in der Schweiz und in mehreren deutschen Städten (Berlin, Hamburg, Bielefeld). Die IHRSINNIGEN kannten die Konflikte, die Diskussionen um Antisemitismus, Rassismus, Klassismus, Gesundheit/Krankheit, Behinderung.  Zu diesen Themen schrieben sie selbst und/oder sprachen Autorinnen an, von denen sie aus eben diesen Zusammenhängen wussten, dass sie sie einbringen konnten. Dabei waren sie sich eines grundlegenden Dilemmas durchaus bewusst: „Sollen wir Lesben verschiedener Gruppenzugehörigkeit ansprechen, zu diesem Thema zu schreiben? […] machen wir dann nicht den Fehler, ein Thema von den sogenannten Betroffenen abhandeln zu lassen, als wäre es nicht genauso unseres? Muss eine jüdische Lesbe immer über ihr Jüdisch-Sein, über Antisemitismus schreiben? Eine Behinderte über die Ausgrenzungen, die sie erfährt? Eine afro-deutsche oder türkische Lesbe über Rassismus?“4 
Immer wieder setzten sich Autorinnen in IHRSINN auch mit Postfeminismus und Queer Theory auseinander. Frühe kritische Reflexionen finden sich in den Ausgaben 18/98 ‚Ab die Post‘ und 20/99 ‚Körper‘.

Beim Durchblättern der 29 Ausgaben liest frau sich unweigerlich fest, so vielfältig, durchdacht und immer noch aktuell lesen sich Beiträge zu diesen und anderen Themen wie: Armut, Globalisierung, Lebensbedingungen von Lesben in anderen Ländern, zu Schönheitsnormen, zur allmählichen Institutionalisierung von Lesben- und Schwulenpolitik, zum lesbischen Kinderwunsch, zu den Auswirkungen der Agenda 2010 (vulgo: Hartz IV) auf die Situation von Frauen und Lesben – und das ist nur ein Ausschnitt. Es ist unmöglich, im Rahmen dieses zur Kürze verpflichteten Beitrags auf alles einzugehen, ohne dass er die Form einer reinen Aufzählung annimmt.

Am besten lesen Sie selbst.

Autor*in
Gitta Büchner

geb. 1953, Kind der ArbeiterInnenklasse, Studium der
Sozialwissenschaften, Autorin, Ihrsinnsredakteurin, bewegter und
bewegender Teil der Frauen- und Lesbenbewegung

Fußnoten

  • 1. Faltblatt S. 3, Nachlass IHRSINN, Frauenarchiv ausZeiten.
  • 2. Die Frauen besetzten die Räume und reklamierten sie fortan für sich.
  • 3. Was uns wichtig ist, IHRSINN 1990, Nr. 1, S. 5.
  • 4. Was uns wichtig ist, IHRSINN 1990, Nr. 2, S. 5.