Fotografie: Teilnehmer*innen auf dem XII. Bundeskongress des DFD 1987
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FrauenStadtArchiv Dresden / Jutta Tronicke
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Der DFD und die Frage der Gleichstellung

verfasst von: Melanie Pißner
veröffentlicht 10. August 2020
Der Demokratische Frauenbund Deutschland war die einzige offizielle Frauenorganisation in der DDR. Frauen* unabhängiger Frauen*Lesbengruppen der 1980er-Jahre und der ,Wendezeit‘ aus Dresden werfen einen kritischen Rückblick auf diese Massenorganisation und ihr Frauenbild.

Das Frauenstadtarchiv Dresden (FSA) führte im Rahmen des DDF-Projektes ,Geteilter Himmel - geteilte Geschichtsschreibung? Digitalisierung ostdeutscher Frauen*(bewegungs)geschichte‘ im Frühjahr 2019 Audio- und Video-Interviews mit fünf (ehemaligen) Akteurinnen* unterschiedlicher Dresdner Frauen*Lesbengruppen der 1980er-Jahre und ,Wendezeit‘. Diese Frauen sind Ideengeberinnen* und Mitbegründerinnen* unter anderem der Frauen*projekte *sowieso* und des Frauenbildungszentrum Dresden (FBZ), die Anfang der 1990er-Jahre in Dresden entstanden. In den Interviews wurden die Frauen* zu ihren politischen Aktivitäten, ihrem Mitwirken in den Frauen*projekten und ihrer Auseinandersetzung mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen befragt. Sie wurden im Interview auch gefragt, wie sie zum Demokratischen Frauenbund Deutschland (DFD) stehen.

Im Weiteren soll zunächst die Funktion des DFD erläutert und ein Blick auf sein Bestreben für Gleichberechtigung zu kämpfen geworfen werden, um dann anschließend genauer auf die Positionen der Frauen* der Dresdner Frauen*Lesbengruppen zum DFD eingehen zu können.

Die Gründung und Bedeutung des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands

Der Gründungskongress des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD) fand vom 7. bis 9. März 1947 in Berlin statt. Mit der Gründung des DFD wollten „[d]ie Frauen, ungeachtet ihrer Herkunft, sozialen Stellung, ihrer Weltanschauung und Parteizugehörigkeit […] gemeinsam einen neuen Weg in der Frauenbewegung beschreiten.“1 Gleichstellungspolitische Ziele des DFD waren die Verankerung der Gleichberechtigung der Frauen in Verfassung und Gesetzgebung und die Förderung „der staatsbürgerlichen und beruflichen Bildung und der Wirkungsmöglichkeiten für Frauen“2 zu unterstützen.

Der DFD ist in seiner Gründungsphase von emanzipatorischen Momenten gekennzeichnet. So waren Aktivitäten des DFD weitgehend selbstbestimmt und auf die geschlechtsspezifische Interessenvertretung der Frauen* ausgerichtet. Bis Ende der 1950er-Jahre wurde der DFD dem Anspruch gerecht, einheitlich, überparteilich und demokratisch zu wirken. Er bildete eine progressive, verantwortungsbewusste sowie international anerkannte Frauenorganisation.

In den nachfolgenden Jahren wurde der politische Einfluss des DFD systematisch begrenzt und politisch bedeutungslos. Mit dem Ausbau der Machtposition der SED wurde der DFD organisationspolitisch auf diese ausgerichtet. Einerseits wurde der DFD-Bundesvorstand mit SED-Funktionärinnen* besetzt und andererseits verdrängte die Partei den DFD aus zentralen politischen Sphären.3 Die SED mischte sich fortlaufend in Inhalte und die Organisation des DFD ein.4 So wurde er im Sinne der Staatspartei funktionalisiert, betrieb keine Frauenpolitik mehr und ordnete sich stattdessen der marxistisch-leninistischen Ideologie unter. Die inhaltliche Arbeit des DFD wurde auf die Reproduktion traditioneller Weiblichkeit ausgerichtet. So wurden den Frauen* soziale und familiennahe Kompetenzen zugeschrieben und diese gefördert und somit die sozialistisch-patriarchale Struktur aufrechterhalten.5

Perspektiven zum DFD von Akteurinnen* aus Dresdner Frauen*Lesbengruppen

Keine der fünf interviewten Frauen* der Dresdner Frauen*Lesbengruppen war Mitglied im DFD. Ihre Einschätzungen und Beobachtungen beschränken sich demnach auf eine Außenperspektive. Alle Akteurinnen* kennen den DFD und wissen, dass er die offizielle Frauenorganisation der DDR war. Darüber hinaus gaben sie an, sich nicht näher mit den Inhalten des DFD auseinandergesetzt zu haben und nicht sagen zu können, was der DFD im Einzelnen machte. Eine Interviewte bezeichnete dies als „eine gewisse Art Ignoranz“.6 „Ach, ich möchte ja ehrlich sagen, ich wusste, dass es die gibt, aber – ich hatte da nie Kontakt.“7

Ihre Haltung begründen sie zum einen damit, dass der DFD eine SED-nahe Organisation war, die wie alle anderen Massenorganisationen durch die SED funktionalisiert wurde und somit nicht unabhängig Inhalte und Organisation bestimmen konnte.

„Aber was ich damit verbinde ist wirklich dieses, das ist genauso eine Organisation wie - Junge Pioniere, FDJ, Deutsch-Sowjetische Freundschaft, keine Ahnung, es gab ja eine Vielzahl von Organisationen, die aber ALLE letzten Endes gleichgeschaltet waren.“8

Zum anderen wird das Festhalten an einem traditionellen Frauenbild kritisiert, das als gleichberechtigt propagiert wurde, faktisch aber auf rein wirtschaftliche Interessen des Staates ausgerichtet war und eine hierarchisch-patriarchale Ordnung aufrechterhielt. Die Vertreterinnen* der unabhängigen Frauen*Lesbengruppen beklagten eine fehlende kritische Auseinandersetzung des DFD mit den gesellschaftlichen Strukturen der DDR, die fernab aller emanzipatorischen Bestrebungen lagen. Martina K. erzählt: „Also zu DDR-Zeiten also, haben wir insgeheim immer ein bisschen GELACHT über den DFD. Also das war immer so ein bisschen der – der Hausfrauenverein, so. Die ein bisschen basteln miteinander und - so, das sozialistische Frauen- und Mutterbild hochhalten. Das hatte mit uns nichts zu tun, würde ich jetzt mal so pauschal sagen.“9

Die Interviewpartnerinnen* kritisieren den DFD als „HÄKELverein10, dessen sozialistisches Frauen- und Mutterbild mit den Ansätzen der Frauen*Lesbengruppen nicht vereinbar war. Andrea S. stellt für sich fest, dass der DFD in keiner Weise kämpferisch war und keine gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Rolle der Frau in der Gesellschaft stattgefunden hat: „Weil ich die NIE - oder selten als so kämpferisch erlebt habe, wie man sein MUSS in dieser Welt, wenn es um Frauen geht. Habe ich sie eben nicht beachtet, mehr kann ich nicht sagen.“11

Trotz der unterschiedlichen Ansichten der unabhängigen Frauen*Lesbengruppen und des DFD gab es in den 1980er-Jahren einen Versuch der Zusammenarbeit. Gabi S. und Andrea S. erzählen, wie aus den inoffiziellen Frauentreffs der Wunsch entsprang, ein offizielles Frauencafé zu gründen, und wie sie auf der Suche nach Räumen den DFD anfragten: „Und ’87 wurde beschlossen, wir wollen ein Frauencafé GRÜNDEN, in Dresden. Das-, wo wir vielleicht einmal, zweimal im Monat eine Veranstaltung haben können, uns einfach treffen können, einfach nur dasitzen und diskutieren. Das soll es also - geben. Und da gab es wiederum (lacht) eine Vorbereitungsgruppe, die rannte los und versuchte erst beim DFD –, das lag ja irgendwie nahe, weil es musste unter einem Dach sein. Niemand auf dieser [unverständlich] der DDR durfte irgendwas - ohne Dach machen, ohne Anbindung. Und der DFD sagte zunächst ZU und unmittelbar vor der Veranstaltung sagte der ab.“12

„[…] ich weiß nicht mehr genau, wie die hießen, Bezirksparteiamt oder irgendwie so, die hatten jedenfalls dann dem DFD verboten, dass die uns da einmieten lassen.“13

Da aufgrund fehlender Versammlungsfreiheit die Frauen*Lesbengruppen gezwungen waren, eine offizielle Organisation anzufragen, um Räume für ihre Veranstaltung zu bekommen, lag es aus ihrer Sicht nahe, sich mit der einzigen offiziellen Frauenorganisation der DDR in Kontakt zu setzen. So schien es von Seiten des DFD Bestrebungen gegeben zu haben, das Frauencafé zu unterstützen, die jedoch dann in letzter Minute durch ein Verbot von der Politik untersagt wurde. Hier wird sichtbar, dass der DFD nicht als unabhängige Organisation fungieren konnte, sondern sich den Entscheidungen der SED beugen musste.

Versuche der Zusammenarbeit mit dem Demokratischen Frauenbund e. V.

Anfang der 1990er-Jahre gab es auch Versuche mit der Nachfolgeorganisation des DFD, dem Demokratischen Frauenbund e. V. (dfb), zusammenzuarbeiten: „Wir haben DANN als Beratungsstelle durchaus mit diesen Zentren oder Nachfolgeeinrichtungen dieser Zentren im Land zu tun gehabt, weil in vielen Städten und da haben wir das auch wieder UNTERSTÜTZT, weil in vielen Städten, Kleinstädten, Kreisstädten war das jetzt der einzige Frauenort im - ORT. […] Aber also - vorher - no go. Punkt. Fertig.“14

Hier beschreibt Karin D., dass sie die Zusammenarbeit mit dem dfb insofern als sinnvoll empfand, da es nach der ,Wende‘ kaum andere Orte gab, zu denen Frauen* gehen konnten. Sie macht aber auch noch mal deutlich, dass vor 1989/90 diese Zusammenarbeit nicht für sie infrage gekommen wäre. Auch Martina K. erzählt in ihrem Interview von den Versuchen der Zusammenarbeit Anfang der 1990er-Jahre. Sie erinnert sich, dass sie diese aber letzten Endes als nicht konstruktiv empfand und führt das auf die unterschiedlichen Ansätze von dfb und Frauen*projekten zurück.15

Weitere Forschung ist nötig

Während Überblicksdarstellungen zur Organisationsgeschichte des DFD vorliegen, fehlen Studien über die Aktivitäten des DFD auf regionaler und lokaler Ebene. Das FSA bietet mit seinen Beständen von zahlreichen Dresdner DFD-Ortsgruppen bislang kaum ausgewertetes Material.

So könnte sich weitere Forschung auch auf Generationsunterschiede konzentrieren und fragen, ob die unterschiedlichen Haltungen von Mitgliedern unabhängiger Frauen*Lesbengruppen und DFD-Ortsgruppen (auch) aus einer unterschiedlichen Generationszugehörigkeit resultierten. Hier könnte auch ein Vergleich zu feministischen Gruppen und deren Haltung zu etablierten Frauen*organisationen in der BRD der 1980er-gezogen werden.

Stand: 10. August 2020
Verfasst von
Melanie Pißner

Bachelor of Arts in Soziologie an der TU Dresden, derzeit Masterstudium der Soziologie an der TU Dresden, Schwerpunkte Feministische Theorie und Postkoloniale Theorie, Mitarbeiterin des Frauenstadtarchiv Dresden

Empfohlene Zitierweise
Melanie Pißner (2020): Der DFD und die Frage der Gleichstellung, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/der-dfd-und-die-frage-der-gleichstellung
Zuletzt besucht am: 30.09.2020

Fußnoten

  • 1. Bundesvorstand des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands: Geschichte des DFD, Leipzig 1989, S. 66 f.
  • 2. Ebd., S. 67.
  • 3. Vgl. Bühler, Grit: Mythos Gleichberechtigung in der DDR. Politische Partizipation von Frauen am Beispiel des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands, Frankfurt Main 1997, S. 62.
  • 4. Vgl. ebd., S. 199.
  • 5. Vgl. ebd., S. 93 f.
  • 6. Zit. nach Transkript Audio-Interview Andrea S., Z. 551, FSA Dresden (bisher ohne Signatur).
  • 7. Zit. nach Transkript Audio-Interview Karin F., Z. 574–575, FSA Dresden (bisher ohne Signatur).
  • 8. Zit. nach Transkript Audio-Interview Martina K., Z. 622–624, FSA Dresden (bisher ohne Signatur).
  • 9. Ebenda, Z. 594–597.
  • 10. Zit. Nach Transkript Audio-Interview Karin D., Z. 962, FSA Dresden (bisher ohne Signatur).
  • 11. Zit. nach Transkript Andrea S., Z. 552–554, FSA Dresden (bisher ohne Signatur).
  • 12. Ebenda, Z. 108-114.
  • 13. Zit. nach Transkript Gabi S., Z. 64–69, FSA Dresden (bisher ohne Signatur)
  • 14. Zit. nach Transkript Karin D., Z. 962–969, FSA Dresden (bisher ohne Signatur).
  • 15. Vgl. zit. nach Transkript Martina K., Z. 599–604, FSA Dresden (bisher ohne Signatur).