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Arbeitsrealitäten in der Sexarbeit

verfasst von: Giovanna Gilges
veröffentlicht 14. August 2019
Ganz gleich, ob der Begriff Prostitution oder Sexarbeit verwendet wird: Es handelt sich um eine unter erwachsenen Menschen einvernehmliche, verabredete sexuelle Dienstleistung gegen Entgelt. Über ihr Angebot entscheidet die in der Sexarbeit arbeitende Person selbst. Das Tätigkeitsfeld ist sehr facettenreich. Die verschiedenen Arbeitsrealitäten in der Sexarbeit werden hier erläutert.

Wir als Sexarbeiter*innen verdienen unseren Lebensunterhalt mit erotischen und sexuellen Dienstleistungen. Wir sind Callgirls*boys, Escorts, Dominas, Tantramasseur*innen, Sexualassistent*innen, Huren, Stricher, Bizarrladys  ...“

Schon diese Vielschichtigkeit der Berufsbezeichnungen, die Sexarbeitende selbst verwenden, macht die Komplexität des Berufs Sexarbeiter*in deutlich. Und sie verdeutlicht: Es handelt sich bei den in der Sexarbeit Tätigen nicht nur um Frauen, auch wenn diese weiterhin in der überwiegenden Mehrheit sind. So vielseitig wie die Bezeichnungen sind auch die Arbeitsrealitäten und der individuelle Arbeitsalltag. Wie Prostituierte ihre Arbeit erfahren, gestalten und ausüben, kann mittlerweile in diversen Blogs (zum Beispiel hier oder hier) und Vlogs (zum Beispiel hier) nachvollzogen werden. Außerdem halten das Madonna – Archiv und Dokumentationszentrum SEXARBEIT und das FFBIZ Interview-Tonaufnahmen und Transkripte in einer einzigartigen Vielfalt vor.

Ausstellung “Einblicke in den Berufsalltag von Sexarbeiterinnen“ 2012, Madonna-Archiv FP-2.3.2-EIN-2012-01

Prostitution ist Arbeit – alles andere ist Gewalt

Die Tätigkeit Prostitution ist das Anbieten und Ausüben einer sexuellen Leistung. Sie wird von einer erwachsenen vertragsmündigen Person gegenüber oder an dem Körper mindestens einer anderen erwachsenen vertragsmündigen Person ausgeführt. Sexarbeit wird finanziell oder materiell entlohnt. Sie dient der Sicherung des eigenen Lebensunterhalts, gegebenenfalls auch des Lebensunterhalts weiterer Personen, beispielsweise des eines Kindes. 
Über ihr Angebot entscheidet die*r Sexarbeiter*in selbst. Liegt zu einem Zeitpunkt keine Einvernehmlichkeit vor oder werden Vereinbarungen seitens der Kundschaft oder Dritter gebrochen, handelt es sich nicht um Prostitution, sondern um einen Straftatbestand – auch dann, wenn ein Entlohnungstransfer stattgefunden hat. 

Segmente der Sexarbeit 

Die Sexarbeit ist ein Arbeitsfeld, das in verschiedene Arbeitssegmente unterteilt werden kann. Der Einfachheit halber kann beispielsweise nach Raum der Prostitutionsausübung kategorisiert werden. Diese Kategorien können weiter in Segmente differenziert werden, die dann entweder den Ort spezifizieren oder ein Leistungsangebot hervorheben: Draußen, also außerhalb von Gebäuden finden sich die/der Straßenprostitution/-strich und die Wohnwagen-/Wohnmobilprostitution. Drinnen (in Gebäuden) wird üblicherweise unterschieden in Bordell-, Lokal- und Wohnungsprostitution, Sauna/FKK/Pauschalclub, in Diskothek/Kneipe, Club und Kino. Darüber hinaus gibt es noch das BDSM-Studio, die Tantra- und Thai-Massage, den Escortservice und die Sexualbegleitung/-assistenz. Letztere Kategorien heben besonders das Leistungsangebot hervor.

Die Abgrenzungen dieser Arbeitsorte und -bereiche sind durchlässig und können auch vielfältig variiert werden. So kann etwa ein BDSM-Angebot mit explizitem Schlagwerkzeug nicht nur in einem ausgewiesenen Domina-Studio vorhanden sein, sondern ebenso in der Tantra-Massage. 

Die Arbeitssegmente haben ihre jeweiligen Charakteristika, die idealerweise mit der eigenen Persönlichkeit, den Erwartungen an die Arbeit und den aktuellen praktischen Kenntnissen der*s Sexarbeiter*in kompatibel sein sollten. Wer kürzeren und eher distanzierten Kundenkontakt bevorzugt, für die oder den kann die Arbeit auf dem Straßenstrich geeignet sein. Für Personen, die sehr intensiv und langfristig auf ihre Kundschaft eingehen können und möchten, bieten BDSM-Sexarbeit, Escort oder Sexualbegleitung/-assistenz diese Aspekte.

Mehr als nur die Beine breit 

Ausstellung “Einblicke in den Berufsalltag von Sexarbeiterinnen“ 2012, Madonna-Archiv FP-2.3.2-EIN-2012-06

Eine bloße Tätigkeitsbeschreibung und Segmentierung der Sexarbeit wird den vielschichtigen Realitäten jedoch nicht gerecht. Außerdem ist die Sexarbeit eine sehr persönliche Dienstleistung. Sie ist eine anspruchsvolle und anstrengende Arbeit – eine emotionale, körperbelastende, intellektuelle Arbeit, die Konzentration, Empathie und Flexibilität abverlangt. Der Leistungsanspruch in der Sexarbeit ist analog zu setzen mit gesellschaftlich anerkannten Berufsfeldern des Pflegepersonals, der Psycholog*innen oder Sozialarbeiter*innen, in denen Körpereinsatz und/oder ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen im Berufsbild gefordert sind.

Besonders wichtig ist die Fähigkeit zu kommunizieren. Außerdem braucht es eine gewisse Verhandlungskompetenz. Wer diese Kompetenzen nicht hat oder nicht erwerben kann, wird für diese Arbeit weniger geeignet sein oder ist von Unsicherheiten und Ängsten betroffen. 

Über ihre Rolle mit dem Kunden sagt die im Bereich Bordell/Laufhaus arbeitende Nina: „Wenn ich will etwas nicht, dann ich wollte das nicht und das ist nicht passiert. Ich bin die Boss […] in meinem Zimmer. […] Mann kann mir nicht sagen, was ich mache.“1 

Über den zentralen Stellenwert der Kommunikation erklären Christina und Nadine, die beide im Laufhaus arbeiten: „Einige wollen auch einfach nur reden. Wenn ein Mann reinkommt und 1.000 Euro für eine Stunde bezahlt, der bezahlt nicht für Sex. Wie soll ich denn bitte für 1.000 Euro blasen? So gut kann doch keine blasen!“2

„Du musst wissen, wie Du redest, und wenn Du das kannst, ist das der größte Vorteil, den Du haben kannst in dem Milieu. Wir arbeiten mit unserem Mund und nicht mit unserer Vagina.“3  

Das Zwischenmenschliche spielt eine zentrale Rolle im Umgang mit den Kund*innen. Dabei entwickelt jede*r Sexarbeiter*in für sich einen zielorientierten Weg im Umgang mit der Kundschaft, bei dem ein Arbeitsverhältnis zum Kunden gewahrt bleiben kann. Mareike, die im Escort, Laufhaus und in der Sexualbegleitung arbeitet, sagt über ihre Strategie: „Die Kunden lieben es, wenn ich ihnen was aus meinem Leben erzähle. Aber weil ich mich ja abgrenzen will, möchte ich ihnen nicht aus meinem wirklichen privaten Leben erzählen und dafür habe ich so ein gefaktes Leben erfunden. […] Am Anfang habe ich mich sehr stark abgegrenzt und hab auch zu Kunden, die mich irgendwas gefragt haben, immer sofort Nein gesagt; das geht dich nichts an. Aber irgendwann hab ich mir mal überlegt, das ist so unfreundlich und ich will ja nicht unfreundlich sein, aber ich will auch nicht, dass sie was von mir wissen und daraus hat sich dann halt diese Lösung irgendwie entsponnen.“4 

Eine Sexarbeiterin ist eine Frau ist ein Mensch

Die Arbeit bringt zumeist einen engen Kontakt zur*m Kund*in mit sich – ob körperlich, emotional und/oder geistig. Dennoch sind das Anbieten und die Ausübung sexueller Dienstleistung kein Merkmal, das die gesamte Persönlichkeit definiert: Die Person arbeitet als Sexarbeiterin, die Person ist nicht Sexarbeiterin.
„Prostitution ist ein Beruf, definitiv. Das was wir mit dem Gast machen, das ist nicht dasselbe, was wir zuhause machen. Aber man muss klar unterscheiden zwischen Privatleben und Beruf. Und wer das nicht kann, hat ein Problem.“5

Ausstellung “Einblicke in den Berufsalltag von Sexarbeiterinnen“ 2012, Madonna-Archiv FP-2.3.2-EIN-2012-07

 

Professionalisierung, Netzwerk, Supervision 

Wie in anderen Berufen können sich Theorie und Praxis, Erwartung und Erfahrung, Vorhaben und Realität voneinander unterscheiden. Um berufsspezifische Bewältigungsstrategien und Arbeitsbedingungen zu diskutieren, zu reflektieren und sie zu verändern, sind in vielen Berufszweigen Gewerkschaften und Betriebsräte erkämpft und Maßnahmen wie Gruppenbesprechung, Fachkräfteaustausch und Supervisionen mittlerweile etabliert. Dies alles ist für den Berufszweig der Sexarbeit nicht selbstverständlich. Soziale Abwertung, Kriminalisierung und Diskriminierung haben jahrzehntelang eine Entwicklung von gewerkschaftlichen oder berufsverbandlichen Zusammenschlüssen der Sexarbeiter*innen verhindert. Noch heute sind das Risiko der Vereinzelung und despektierliches Konkurrenzverhalten überaus hoch. Um diesem Defizit entgegenzuwirken, haben in Deutschland Selbsthilfeorganisationen wie Hydra oder Madonna seit den 1980er-Jahren peer-to-peer-Räume geschaffen, in denen Sexarbeiterinnen zusammenkommen können, sich kennenlernen, austauschen und unterstützen. Darüber hinaus bestärkt der Verein move seit 2008 über die Teilnahme am profiS-Seminar  Sexarbeiterinnen, als Multiplikatorinnen rechtliches Know-how in die Arbeitsorte zu tragen. 

Der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen bietet seit 2014 eine Reihe von Fortbildungen zu diversen Arbeitspraktiken und -techniken, Verhandlungsstrategien und weiteren Themen an und unterstützt bundesweit die Organisation von Stammtischen für Sexarbeiter*innen und Angehörige. 

Ausstellung “Einblicke in den Berufsalltag von Sexarbeiterinnen“ 2012, Madonna-Archiv FP-2.3.2-EIN-2012-10
Verfasst von
Giovanna Gilges

geb. 1985, Promotionsstudentin der Gender Studies, Ruhr-Universität Bochum. Nach ihrer Untersuchung zu innerfamiliären Bewältigungsprozessen von sexarbeitenden Müttern, die ihren Kindern ihre Arbeit offenbart haben, promoviert sie zum schwangeren Körper im Diskurs der Sexarbeit.

Fußnoten

  • 1. Madonna - Archiv und Dokumentationszentrum SEXARBEIT (Madonna-Archiv), AG-2.2.2-INT1-2016, Transkript „Interview mit Paula und Nina“, 2016.
  • 2. Madonna-Archiv, AG-2.3.2-EIN-2012, Ausstellung „Einblicke in den Berufsalltag von Sexarbeiterinnen“, 2012.
  • 3. Ebenda.
  • 4. Madonna-Archiv, HS-4.2.3-GIL-2016, Gilges, Giovanna: „Sex-Arbeit von Mama. Eine qualitative Untersuchung zur innerfamiliären Auseinandersetzung von sexarbeitenden Müttern, Masterarbeit Gender Studies Ruhr-Universität Bochum, 2016“; unveröffentlicht.
  • 5. Madonna-Archiv, AG-2.3.2-EIN-2012, Ausstellung „Einblicke in den Berufsalltag von Sexarbeiterinnen“, 2012.
Ausgewählte Publikationen
Coninck, Barbara / Coninck, Christine de: Die geteilte Frau, Berlin 1980.
Biermann, Pieke: Wir sind Frauen wie andere auch! Prostituierte und ihre Kämpfe, Reinbek bei Hamburg 1982.
Brüker, Daniela: Das „älteste“ Gewerbe der Welt. Eine Untersuchung über die Lebenslage älterer Prostituierter, Berlin 2011.
Drössler, Christine / Kratz, Jasmin: Prostitution: Ein Handbuch, Marburg 1994.
Dücker von, Elisabeth / Museum der Arbeit (Hg.): Sexarbeit. Prostitution – Lebenswelten und Mythen, Bremen 2005.
Dücker von, Elisabeth et al.: Sexarbeit – Eine Welt für sich. Erzählstücke aus erster Hand, Berlin 2008.
Eichhorst, Sabine / Marchewka, Petra: Am Ende des Strichs. Frauen berichten von ihrem Ausstieg aus der Prostitution, Köln 1995.
Giesen, Rose-Marie / Schumann, Gunda: An der Front des Patriarchats: Bericht vom langen Marsch durch das Prostitutionsmilieu, Bensheim 1980.
Langer, Antje: Klandestine Welten. Mit Goffman auf dem Drogenstrich, Königstein 2003.
Macioti, P.G.: Liberal zu sein reicht nicht aus. Eine progressive Prostitutionspolitik muss das <<Hurenstigma>> ebenso bekämpfen wie die Kriminalisierung von Sexarbeit, in: Standpunkte 07/2014 der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin 2014.
Mitrovic, Emilija et al.: Arbeitsplatz Prostitution. Ein Beruf wie jeder andere?, Hamburg 2007.
Manifest der SexarbeiterInnen in Europa; verabschiedet auf der Europäischen Konferenz zu Sexarbeit, Menschenrechten, Arbeit und Migration vom 15.-17.10.2005 in Brüssel, Belgien. Zugriff am 21.10.2018 unter https://menschenhandelheute.net/2013/10/01/manifest-der-sexarbeiterinnen-in-europa-2005/.
Pheterson, Gail: Huren-Stigma. Wie man aus Frauen Huren macht, Hamburg 1990.
Réal, Grisélidis: Le Noir est une couleur, Paris 1974.
Schuster, Martina: Kampf um Respekt. Eine ethnografische Studie über Sexarbeiterinnen, Tübingen 2003.