„Wie kann man einfach den Horizont verändern?“

verfasst von Katja Koblitz, Friederike Mehl veröffentlicht 13. August 2019

Das feministische Archiv FFBIZ und der Spinnboden Lesbenarchiv & Bibliothek haben den 30. Jahrestag der Maueröffnung zum Anlass genommen, den streitbaren Erinnerungsort1 1989 zu ergründen.

Im Rahmen des Projekts ,Friedliche Revolution‘? Lesbisch-feministische Perspektiven auf 1989 haben wir sechs Akteur*innen der Frauen/Lesbenbewegungen in Ost- und West-Berlin eingeladen, uns von ihren Erfahrungen zu erzählen:

Akteur*innen im Interview von FFBIZ und Spinnboden
Quelle
FFBIZ und Spinnboden
Lizenz
V.l.n.r.: Christina Karstädt, Katharina Oguntoye, Bettina Dziggel, Samirah Kenawi, Ben Baader, Sevim Çelebi-Gottschlich.
  • Ben Baader, der in den 1980ern im lesbisch-feministischen Schabbeskreis in West-Berlin war;
  • Bettina Dziggel, die 1982 die Gruppe Lesben in der Kirche in Ost-Berlin mitbegründete;
  • Christina Karstädt, die den Film ...viel zuviel verschwiegen über ostdeutsche lesbische Aktivist*innen drehte;
  • Katharina Oguntoye, die in West-Berlin 1986 die Gruppe Schwarze Frauen in Deutschland ADEFRA mitgründete;
  • Samirah Kenawi, die seit den 1980ern das Archiv GrauZone zu den DDR-Frauen/Lesbengruppen aufbaute und
  • Sevim Çelebi-Gottschlich, die bis 1989 Berliner Abgeordnete war und zahlreiche Frauenprojekte in West-Berlin initiierte.

Wir fragten die sechs Aktivist*innen nach ihren Erinnerungen an die Zeit vor, während und nach 1989, nach politischen Bündnissen, Diskriminierung und nach ihrer Sicht auf den heutigen Diskurs um 1989.

Die Gespräche stehen vor allem für sich selbst. So bringt Katharina Oguntoye ihre Irritation über den Mauerfall einprägsam zum Ausdruck: „Innerhalb von drei Wochen war die Mauer weg. Und muss ich sagen, das war für mich ja ein absoluter Schock. [...] [Sie lacht] Wie kann man einfach den Horizont verändern, ja? [...] dass man sich in der eigenen Stadt nicht auskennt, das fand ich empörend. Ich bin auch noch ganz lange immer drum herumgefahren und nicht durch Mitte durch, sondern den alten Weg in den Wedding.“2

Die Erzählungen der sechs Aktivist*innen machen deutlich, wie zentral die Bewahrung lesbisch-feministischer Geschichte(n) ist, um vorgeblich kollektive Erfahrungen zu problematisieren, auseinanderzunehmen und zu korrigieren.3 Damit veranschaulichen die Interviews, warum 1989 bisher nur wenig Potenzial zu einem einenden Erinnerungsort hat.

Wo könnt ihr die Interviews ansehen?

Die gefilmten Interviews sind in vollständiger Fassung in den beiden Archiven Spinnboden und FFBIZ einsehbar. Online präsentieren wir Interviewclips zuerst im META-Katalog, der Suchmaschine des DDF-Portals.

Wer steht hinter dem Projekt?

,Friedliche Revolution‘? Lesbisch-feministische Perspektiven auf 1989, ein Kooperationsprojekt vom FFBIZ – das feministische Archiv e. V. und Spinnboden Lesbenarchiv & Bibliothek e.V. (Laufzeit: 1. Januar 2019 – 30. Juli 2019) mit Almut Wetzstein (Kamera), Cordula Jurczyk (Erfassung, Rechteklärung), Friederike Mehl (Digitalisierung, Text), Judith Fehlau (Postproduktion), Katharina Voß (Schnitt, Postproduktion), Katja Koblitz (Interviews, Text), Lena Kühn (Projektleitung, Interviews, Rechteklärung), Mireia Guzmán Sanjaume (Kamera), Roman Klarfeld (Koordination, Interviews).

Stand: 13. August 2019
Empfohlene Zitierweise
Katja Koblitz/Friederike Mehl (2019): „Wie kann man einfach den Horizont verändern?“, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/blog/wie-kann-man-einfach-den-horizont-veraendern
Zuletzt besucht am: 13.12.2019

Fußnoten

  • 1. Vgl. Etienne Francois/Hagen Schulze (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte, Lizenzausgabe Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2005.
  • 2. Interview mit Katharina Oguntoye, 20.03.2019 in Berlin für das Projekt ‚Friedliche Revolution‘? Lesbisch-feministische Perspektiven auf 1989, im Besitz des FFBIZ – das feministische Archiv e. V. (Signatur: M Rep. Berlin 20.1 Perspektiven auf 1989 - 3) und im Besitz des Spinnboden Lesbenarchiv und Bibliothek e. V. (Signatur: I/Ogu).
  • 3. Archive, Bibliotheken, Dokumentationsstellen und andere Gedächtniseinrichtungen – vor allem solche, die aus emanzipatorischen Selbstorganisierungen hervorgehen – helfen, diese Geschichte(n) zu bewahren. Im deutschen Sprachraum sammeln die i.d.a.-Archive zu lesben/frauen*politischem und feministischem Engagement. Der Aktivismus von Sintezza*Sinti und Romnja*Roma bildet sich in Archiven wie dem Archiv RomaniPhen und dem RomArchive ab. Die mobile antirassistische Bibliothek Audream, die Bibliothek von Each One Teach One mit dem Sankofa BRD/SankofaDDR-Archiv dokumentieren die Geschichte Schwarzer Menschen und Menschen of Colour. Das TRIQ-Archiv und das Lili Elbe Archiv sammeln zur Geschichte von Trans*Inter. Das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland widmet sich der Geschichte von Migrant*innen.

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