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„Solidarisch in Verbindung bleiben“

veröffentlicht 01. Oktober 2026
Welche Verbindungen kann feministische Erinnerungsarbeit schaffen – und welche brauchen wir gerade jetzt? Beim DDF-Sommerfest am 9. September im silent green Kulturquartier in Berlin standen feministische Bewegungsgeschichte, Bildung und Netzwerke im Mittelpunkt.

Es war ein spätsommerlicher Abend im Berliner silent green. Und ein Abend, an dem der Wunsch nach Austausch besonders spürbar war: Nur drei Tage nach dem Wahlabend in Sachsen-Anhalt kamen beim DDF-Sommerfest Menschen aus feministischen Archiven, Politik, Wissenschaft, Kultur, Zivilgesellschaft und Community zusammen.

Auch der Ort war mit der Kuppelhalle des silent green besonders: Das ehemalige Krematorium Wedding, das heute als Kulturquartier mit dem Restaurant MARS neu genutzt wird, bringt seine ganz eigene, auch wechselhafte Geschichte mit sich. In dieser Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und kultureller Praxis fand sich das Motto des Abends „Verbindungen schaffen“ auch räumlich wieder.

Feministische Erinnerungsarbeit als Verbindung 

Für Nicola Lauré al-Samarai, seit August 2026 neue Geschäftsführerin des DDF, war der Abend zugleich der erste öffentliche Auftritt in dieser neuen Rolle. Sie begrüßte das Publikum, führte durch das Programm und rahmte den Abend mit der Frage: Welche Verbindungen kann feministische Erinnerungsarbeit gerade jetzt schaffen, um eine demokratische Gesellschaft zu stärken und mitzugestalten? „Lassen Sie, lasst uns den gemeinsamen Abend nutzen, um Verbindungen zu knüpfen, sie zu bekräftigen, zu erinnern und neu aufleben zu lassen“, eröffnete Nicola Lauré al-Samarai. 

Auch das Motto schloss bewegungsgeschichtlich an, so Lauré al-Samarai: Entfernte Verbindungen. Rassismus, Antisemitismus, Klassenunterdrückung, herausgegeben von Ika Hügel-Marshall, Chris Lange, May Ayim, Ilona Bubeck, Gülşen Aktaş und Dagmar Schultz, ist der Titel eines 1993 im Orlanda-Frauenverlag (heute Orlanda Verlag) erschienenen Sammelbandes – bis heute eine wichtige Dokumentation gesellschaftspolitischer, intersektionaler Auseinandersetzungen innerhalb feministischer Bewegungen. 

Nicola Lauré al-Samarai erinnerte auch an die Anfänge des DDF sowie an Sabine Balke Estremadoyro (1960–2026), die das DDF als Geschäftsführerin über viele Jahre mit aufgebaut und geprägt hat. Dass die mittlerweile zehnjährige Struktur des DDF von einem Dachverband getragen wird, dessen Einrichtungen zum Teil selbst auf mehr als fünf Jahrzehnte feministischer Sammlungs- und Archivarbeit zurückblicken, sei „ein riesiger Erfahrungsschatz und eine enorme bewegungsgeschichtliche Wissensbasis“. Dabei waren und sind die i.d.a.-Einrichtungen stets auch selbst Akteur*innen feministischer Bewegungen.

Feministische Erinnerungsarbeit fragt nach Leerstellen und Ausschlüssen, wie auch nach den Bedingungen, unter denen Geschichte sichtbar sein und wirken kann. Nicola Lauré al-Samarai lud dazu ein, Sammlung, Sicherung und Vermittlung feministischen Wissens als wichtigen Teil von Demokratiearbeit zu verstehen und nicht zuletzt starke Bündnisse zu gestalten, „um gemeinsam Möglichkeiten der Weitergabe, Dokumentation und Verankerung zu entwickeln (…) und solidarisch in Verbindung zu bleiben. Eben dafür sind Bewegungs- und Community-Archive absolut unverzichtbar.“ 

"Verbindungen schaffen": DDF-Sommerfest, 09.09.2026
Tina Eichner / Digitales Deutsches Frauenarchiv
Blick in die Kuppelhalle des silent green in Berlin zum DDF-Sommerfest am 9. September 2026

„Das DDF hält Geschichte lebendig“

In ihrem Grußwort würdigte Mareike Lotte Wulf, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Arbeit des DDF und der feministischen Archive und Bibliotheken. Das DDF mache Frauenbewegungsgeschichte sichtbar, gebe Zugriff auf Originale als verlässliche Quellen und sei zugleich ein digitales Schaufenster für analoge Archive und Einrichtungen.

„Das DDF ist aber noch viel mehr als ein Ort, um Geschichte zu bewahren. Es hält Geschichte lebendig, liefert verlässliche Fakten und trägt so dazu bei, Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen“, sagte Wulf. „Ja, das DDF sorgt dafür, dass Menschen sich mithilfe klarer Grundlagen ihre Meinung bilden können und stützt so unsere Demokratie.“

Besonders in Zeiten, in denen gesellschaftliche Errungenschaften erneut unter Druck geraten, brauche es sachliche Informationen und einen klaren Fokus auf Gleichstellungspolitik. Wulf erinnerte daran, dass Rückschläge in der Geschichte immer wieder vorkamen und es gerade dann geholfen habe, Frauen und ihre Netzwerke zu stärken und Verbindungen zu schaffen.

Die i.d.a.-Einrichtungen als tragendes Netzwerk

Die Einrichtungen des i.d.a.-Dachverbands bilden die Grundlage des DDF. Viele von ihnen sammeln und vermitteln seit Jahrzehnten feministische Bewegungsgeschichte, oft unter schwierigen Bedingungen, mit viel ehrenamtlichem Engagement und langem Atem.

Giuseppina Lettieri sprach als Vertreterin des Spinnboden Lesbenarchiv & Bibliothek und damit als Stimme einer i.d.a.-Einrichtung. Der Spinnboden ist eine der ältesten und größten Einrichtungen seiner Art. Hinter dem Musical Burning Berlin, das kurz zuvor Weltpremiere im SO 36 feierte und in Ausschnitten beim Sommerfest präsentiert wurde – steht auch ein Archiv. Lettieri erinnerte daran, wie wichtig es ist, „widerständige Geschichten zu erzählen, die auch von Eigenständigkeit und Selbstwirksamkeit berichten“. Gerade diese Geschichten schaffen Bezüge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Queere Geschichte auf der Bühne 

Mit Ausschnitten aus dem Dyke*-Musical Burning Berlin führte der Abend von der queeren Geschichte der Weimarer Republik bis in die Nachkriegszeit: in lesbisch-queere Lebenswelten, in Geschichten von Verfolgung, Exil, Überleben und Selbstbehauptung.

Der Blick richtete sich auf Käthe Fleischmann (1899–1967) und Charlotte Charlaque (1892–1963), die eng mit Lotte Hahm (1890–1967) verbunden waren. Das Musical, beim DDF-Sommerfest vertreten durch Kiara Brunken und Moritz Sauer mit Schauspiel und Gesang sowie Wolle am Piano, zeigte, wie Archive dazu beitragen können, verdrängte oder nur bruchstückhaft überlieferte Biografien wieder zugänglich zu machen – auch mit künstlerischen Mitteln.

Musical Burning Berlin
Musical Burning Berlin
Silent green
Podium
Noa K. Ha
Marina Weisband
Publikum
Publikum
Mareike Lotte Wulf
Bühne
Blumengesteck und Programm
Verbindungen Schaffen - Eingang Restaurant MARS
Anmeldung DDF Sommerfest
Eingang Restaurant MARS
Giuseppina Lettieri und Nicola Lauré al-Samarai im Gespräch
Publikum
Musical Burning Berlin
DJ Kakao Katzê
Garten MARS
Teilnehmer*in
Teilnehmer*innen beim Buttons erstellen
Teilnehmer*innen beim Buttons erstellen
Ausstellung Who Cares
Teilnehmer*innen beim Netzwerken
Teilnehmer*innen beim Buttons erstellen
Teilnehmer*innen beim Netzwerken
Teilnehmer*innen beim Netzwerken
Team des Digitalen Deutschen Frauenarchivs

Demokratie heißt gestalten

Im Gespräch mit Marina Weisband, Diplom-Psychologin, Beteiligungspädagogin und Publizistin sowie Initiatorin des Schulbildungsprojekts aula, ging es um Demokratiepraxis und Selbstwirksamkeit. „Wir sind nicht Opfer, wir sind nicht Kund*innen, nicht Konsument*innen unserer Gesellschaft“, betonte Weisband. „Wir sind ihre Gestalter*innen.“ Dieser Gedanke prägte das Gespräch. Menschen müssen erfahren können, dass ihr Handeln Bedeutung hat, dass sie gebraucht werden und dass sie Gesellschaft mitprägen können. „Selbstwirksamkeit beginnt dort, wo Menschen erleben: Was ich tue, verändert etwas.“

Auch hier wurde die Verbindung zur Archivarbeit deutlich: Geschichten entstehen nicht aus dem Nichts. Sie werden bewahrt, erzählt, weitergegeben und immer wieder neu gelesen. Archive machen erfahrbar, dass frühere Generationen bereits um Rechte und Teilhabe gerungen haben und dass aus ihren Kämpfen, Strategien und Bündnissen für die Gegenwart gelernt werden kann.

Wessen Geschichten werden erinnert?

Noa K. Ha, wissenschaftliche Geschäftsführerin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), lenkte den Blick auf Erinnerungskultur im öffentlichen Raum. An wen wird wo und wie erinnert? Im Gespräch ging es um Denkmäler, Straßennamen, Museen, Stadtgesellschaften und die Frage, wie Erinnerungskultur in einer postmigrantischen Gesellschaft aussehen kann. Deutlich wurde: Erinnerung ist nie neutral. Sie ist geprägt von Machtverhältnissen, institutionellen Entscheidungen und gesellschaftlichen Aushandlungen.

„Wenn wir die Archive nicht haben, dann wird es auch schwierig, später wieder zu berichten“, sagte Noa K. Ha. Feministische Archive und Community-Archive schaffen hier wichtige Erinnerungsräume: Sie sichern Materialien, die sonst verloren gehen könnten, stellen dominante Erzählungen infrage und eröffnen Zugänge zu Geschichte, die lokal, digital und transnational weiterwirken.

„Was nicht im Netz steht, gibt es sehr wohl“

Nicola Lauré al-Samarai führte zum Ausklang noch einmal zusammen: „Aktive Erinnerungsarbeit verändert, wie wir Gegenwart verstehen und Zukunft gestalten.“ Und, so hob sie hervor: „Was nicht im Netz steht, gibt es sehr wohl.“ Umso wichtiger bleibt es, die Vielfalt von Bewegungsgeschichten und die Geschichten, die verdrängt und marginalisiert werden, sichtbar und zugänglich zu machen und sie zusammenzudenken. Sie erweitern nicht nur unser Verständnis von Geschichte, sondern stärken eine vielfältige demokratische Gesellschaft.

Zum Abschluss kehrte Burning Berlin noch einmal auf die Bühne zurück. Gemeinsam wurde „Lass die Korken knallen“ gesungen, eine bittersüße Hommage an das Berlin der Weimarer Republik, an Freund*innenschaft, Verlust, Überleben und die Kraft gemeinsamer Erinnerung.

Gespräche, Generationen und gemeinsame Räume

Dass an diesem Abend tatsächlich Verbindungen entstanden, zeigte sich nicht nur auf der Bühne. Auch im Raum wurde gesprochen, zugehört und weitergedacht. In spätsommerlicher Atmosphäre kamen Menschen an den Tischen und im Garten des MARS miteinander ins Gespräch, alte Kontakte wurden aufgegriffen und neue geknüpft. 

Buttons wurden gepresst, die DDF-Pop-up-Ausstellung Who cares? betrachtet und Eindrücke geteilt. Verschiedene Generationen waren zu Gast: von Pionier*innen und langjährigen Wegbegleiter*innen feministischer Archivarbeit bis zu jungen Besucher*innen. Der Abend klang bei Gesprächen, Snacks, Getränken und einem DJ-Set von Kakao Katzê aus.

Wie nunmehr zehn Jahre DDF zeigen: Feministisches Erinnern entsteht nicht an einem einzelnen Ort. Es entsteht durch viele Menschen, Archive, Projekte und Beziehungen und bleibt eine gemeinsame Aufgabe. 

Das DDF dankt allen Mitwirkenden, Besucher*innen, Unterstützer*innen, dem BMBFSFJ, dem i.d.a.-Dachverband, den i.d.a.-Einrichtungen und allen Menschen, die diesen Abend möglich gemacht haben.

Stand: 01. Oktober 2026
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