Sichtbar feministisch

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Spanien galt gleichstellungpolitisch unter der linken Koalitionsregierung des sozialdemokratischen Pedro Sánchez in den vergangenen Jahren als sehr hoffnungsvoll: Gesetze zur Sexual- und Reproduktionsgesundheit erleichtern den Zugang zu Abtreibungen, die Änderung des Geschlechtseintrages oder geben Frauen die Möglichkeit, sich bei Menstruationsbeschwerden arbeitsunfähig zu melden. Das – leider korrekturbedürftige – ,Nur Ja heißt Ja‘-Gesetz sollte das Sexualstrafrecht novellieren. Auch eine Gesetzesänderung zur paritätischen Postenbesetzung in Politik und Wirtschaft stand in Aussicht.

Nun zeichnet sich durch die vorgezogenen Parlamentswahlen ein Erfolg der konservativen und rechtsnationalistischen Kräfte ab. Zwar werden gleichstellungspolitische Positionen in Spanien von einem breiten Bündnis getragen, feministische wie queerpolitische Errungenschaften, Rechte und nötige Forderungen, zum Beispiel zum Schutz gegen Gewalt gegen Frauen, werden bereits im Wahlkampf thematisiert und teils – wie von der rechtspopulistischen Partei VOX – abgesprochen. Feministische Akteur*innen erwarten hier einen einschneidenden Rückschritt, sollte sich mit der Wahl am 23. Juli 2023 der Rechtsruck im spanischen Parlament verankern. 

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Auf dem CIMA-Kongress (Plakat, li.) erscheint auch der jährliche CIMA-Report (Cover, re.)zur Darstellung von Frauen im spanischen Spielfilmsektor.

Mediale Diversität stärken – und schützen

Für Gleichberechtigung, Vielfalt und feministische Repräsentation in den audiovisuellen Medien macht sich auch der spanische Verband CIMA – Asociación de Mujeres Cineastas y de Medios Audiovisuales (dt.: Verband der Filmemacherinnen und Frauen in den audiovisuellen Medien) stark. In diesem organisieren sich circa 1.000 Frauen aus allen Bereichen audiovisueller Medienarbeit, von Filmschaffenden bis zu Expert*innen digitaler Plattformen, mit dem Ziel, in Spanien in all diesen Gewerken für Parität zu sorgen und bestehende Diskriminierungen abzubauen.

Der diesjährige Verbandskongress fand vom 6. bis 8. Juli 2023 in Alcalá de Henares statt, fiel damit mitten in die Wahlkampfzeit in Spanien – und blieb von dieser inhaltlich nicht unberührt. Welche gleichstellungspolitischen Maßnahmen sind akut nötig und langfristig zu fordern, damit feministische Perspektiven und Akteur*innen in den Medien wie auch der Medienarbeit vorkommen und sichtbar sind? Welche internationalen Netzwerke bestehen und inwieweit ist hier auch ein Geschichtsbewusstsein einzubeziehen?

Feministische Netzwerke nutzen – und ausbauen

So waren die Debatten vor Ort stark europäisch geprägt: Wie können gerade feministische Institutionen voneinander lernen und Allianzen bilden? Hier diskutierten Vertreter*innen aus unterschiedlichen europäischen Ländern und teilen ihre Erfahrungen aus ihrer Arbeitspraxis und gleichstellungspolitischem Engagement. Mit dem feministischen Think Tank Power to Transform, initiiert von Yvonne de Andrés (unter anderem Deutscher Frauenrat) und Barbara Rohm (unter anderem ehemals Pro Quote Film, Mitbegründerin) war auch eine feministische Initiative aus Deutschland vertreten.

„Wir kämpfen, aber überall auf der Welt haben wir das gleiche Problem“, sagte Barbara Rohm in Bezug auf die nötige Aufklärungsarbeit. In Deutschland und Österreich „bekommen Frauen für ihre Produktionen nur halb so viel Geld wie ihre männlichen Kollegen, sind aber auf Festivals erfolgreicher als Männer“, betonte Rohm. In der Film- und Medienbranche herrscht noch immer ein enormer Gender-Pay-Gap. Yvonne de Andrés betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung von Statistiken und Daten und der Interaktion mit anderen Filmverbänden. 

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Statement aus dem CIMA-Report 2022 zur Darstellung von Frauen im spanischen Spielfilmsektor.
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Statement von ProQuote Film (Webseite) zur Situation von Frauen im deutschen Kinobetrieb.

Auch die Rolle feministischer Archive, Dokumentationszentren und Filmbibliotheken wurde in diesem Zusammenhang debattiert: Wie lässt sich einer historischen Ungleichheit begegnen und die eigene Geschichte bzw. die Frauenbewegung als Teil des audiovisuellen Gedächtnisses herstellen, bewahren und sichtbar machen? Welche Maßnahmen für mehr Gleichstellung in diesem Bereich können und sollten feministische (Film-) Archive und Bildungseinrichtungen umsetzen? Sabine Balke Estremadoyro, Teil des Vorstands des i.d.a.-Dachverbands und Geschäftsführerin des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (DDF), betonte in diesem Zusammenhang die Relevanz der Digitalisierung feministischer Materialien. Sie stellte auf dem Panel zum Thema das DDF und den META-Katalog vor und berichtete vom Prozess, die historischen Materialien der feministischen i.d.a.-Einrichtungen online und nachhaltig verfügbar zu machen. Denn es braucht die Sichtbarkeit feministischer Geschichte, um vielfältige Bildungs- und Forschungsangebote zu schaffen und darüber auch aktuelle demokratische Bewegungen und Akteur*innen zu stärken.  

Der CIMA-Kongress 2023 ist online dokumentiert.

Im Rahmen des Kongresses wird auch der jährliche CIMA-Report zur Darstellung von Frauen im spanischen Spielfilmsektor veröffentlich: Auch der CIMA-Report 2022 ist online abrufbar.

Klicktipp: Im deutschsprachigen Raum vernetzen sich zahlreiche Film- und Medienschaffende in den feministischen Initiativen ProQuote Medien sowie ProQuote Film, die jeweils in verschiedenen Regional- und Arbeitsgruppen organisiert sind.

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