Rita Süssmuth – eine politische Stimme, die Vorbild bleibt
„Feministin zu sein, ist das Mindeste, was eine Frau tun kann.“ Mit diesem Satz brachte Rita Süssmuth 1999 in Köln auf dem Kongress Man wird nicht als Frau geboren, man wird es eine Haltung auf den Punkt, die ihr politisches Denken über Jahrzehnte getragen hat. Sie sagte dies souverän und voller Selbstverständlichkeit, denn Feminismus war für sie die Konsequenz aus Demokratie und Menschenrechten.
Rita Süssmuth kam aus der Wissenschaft. Die promovierte Erziehungswissenschaftlerin lehrte an Hochschulen, leitete das Forschungsinstitut Frau und Gesellschaft und engagierte sich im Familienbund der Deutschen Katholiken. Bildung, Familie und Geschlechterverhältnisse waren ihre Arbeitsfelder, lange bevor sie politische Verantwortung übernahm.
Gleichstellung als zentrale staatliche Verantwortung
Erst 1981 – mit Anfang vierzig – trat sie der CDU bei. Bereits 1985 wurde sie Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, ab 1986 auch ausdrücklich für Frauen. Mit der neu eingerichteten Abteilung für Frauenpolitik war das Amt inhaltlich geschärft, der politische Spielraum jedoch begrenzt. Rita Süssmuth wusste ihn zu nutzen. Sie sprach die Lebensrealitäten von Frauen konkret aus und trat für körperliche Selbstbestimmung und Schutz vor Gewalt, für Vereinbarkeit, politische Teilhabe und gegen strukturelle Benachteiligung ein. Gleichstellung war für sie ganz deutlich eine staatliche wie fraktionsübergreifende Aufgabe. Auch in der eigenen Partei war sie oft frauenpolitische Pionierin – und von 1986 bis 2001 Bundesvorsitzende der Frauen Union.
Für sie gehörten Aushandlung und Widerspruch zum Kern eines demokratischen Prozesses: „In einer Demokratie brauchen Entscheidungen Zeit. Nur die Diktatur ist schnell.“ Und sie war lange Teil dieser zentralen politischen Debatten: Von 1987 bis 2002 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages. Am 25. November 1988 wurde Rita Süssmuth zur Präsidentin des Deutschen Bundestages gewählt. Zeitgenössische Beobachtungen beschrieben ihre Wahl zur Bundestagspräsidentin auch als ein „Wegloben“, da sie innerparteilich als beliebt, aber unbequem galt. Unabhängig davon zeigte sich, dass Rita Süssmuth auch dieses Amt nicht repräsentativ verstand, sondern es mit eigenem politischem Anspruch ausfüllte.
Stets Aufklärung statt Ausgrenzung
Rita Süssmuth begleitete in ihren Ämtern große politische Umbrüche der Bundesrepublik, etwa den gesellschaftlichen Wandel infolge von 1989/90, wie auch Auseinandersetzungen um Gesundheit, sexuelle Selbstbestimmung und Gleichstellung. Auch in der Aids-Politik der 1980er-Jahre wurde diese Haltung sehr sichtbar und ist ihrem Engagement bis heute viel zu verdanken. Sie setzte sich in einer Zeit in Deutschland unter anderem für queere Menschen ein, in der sich dies viele noch nicht trauten, und machte sich stark für Aufklärung, Prävention und den Schutz der Betroffenen.
Nicht die Erkrankten standen für sie zur Disposition, sondern die Krankheit. Mit der Unterstützung der Deutschen AIDS-Stiftung stellte sie Wissen gegen Stigmatisierung und machte deutlich, dass Gesundheitspolitik immer auch eine Frage des Menschenbildes ist und damit eine demokratische Aufgabe. Dabei machte sie immer wieder sichtbar, dass politische Transformationen Frauen und marginalisierte Gruppen in besonderer Weise betreffen und demokratische Erneuerung ohne die Berücksichtigung ihrer Lebensrealitäten unvollständig bleibt.
Erinnerungsarbeit als Fundament
Auch Erinnerungspolitik und Europa als kollektiver Politik- und Erinnerungsraum hatten für Rita Süssmuth einen hohen Stellenwert. So betonte sie etwa in Reden zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus: „Erinnerung ist anstrengend, aber sie befreit auch. Sie gibt uns Kraft, die Zukunft zu bestehen.“
Gerade eine aktive Erinnerungskultur sei dabei unverzichtbar: „Aus dem Rückblick auf unsere Geschichte in diesem Jahrhundert wissen wir: Erworbene und erkämpfte Freiheit geht verloren, wenn sie nicht bewusst gelebt wird. Das ist eine der zentralen Erfahrungen dieses Jahrhunderts, in dem Nationalsozialismus, Kommunismus, Rassismus, Antisemitismus und andere Extreme ihre tiefen Spuren hinterlassen haben.“
Der feministischen Zukunft verbunden
Die Verbindung von politischer Verantwortung und ihrem Wunsch nach Austausch mit nachfolgenden Generationen zeigte sich auch 2018, als Rita Süssmuth auf Einladung des Digitalen Deutschen Frauenarchivs an der Feministischen Sommeruni in Berlin teilnahm. Auf dem Podium Der Weg der Kompromisse als Weg des Misstrauens gegenüber den Frauen? Die Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs: Rückblick und Ausblick diskutierte sie mit Prof. Dr. Ulrike Lembke und Sarah Diehl über Recht, Politik und die Frage, wann Kompromisse Ungleichheit strukturell fortschreiben.
Körperliche Selbstbestimmung und die damit verbundenen Rechte waren ihr ein zentrales Anliegen. Auch im Prozess der deutschen Einheit, als um die Regelung des § 218 gerungen wurde, warb sie bei konservativen Abgeordneten für einen progressiven Gruppenantrag und benannte offen das ethische Dilemma zwischen dem Schutz ungeborenen Lebens und den existenziellen Notlagen von Frauen, wohl wissend, dass sich diese Spannung rechtlich nie vollständig auflösen lässt.
Rita Süssmuth war über Jahrzehnte eine der prägenden Stimmen der bundesdeutschen Gleichstellungspolitik. Sie war streitbar und bestand dabei auf Klarheit: für Frauenrechte, für progressive Gesundheitspolitik, für Demokratie- und Erinnerungsarbeit. Rita Süssmuth bleibt ein Vorbild.
Zur Meldung des Deutschen Frauenrats zum Tod von Rita Süssmuth: https://www.frauenrat.de/fuer-frauen-viel-bewegt/
