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„Madame sein ist ein ellendes Handwerck“

verfasst von
  • Gesa Trojan
veröffentlicht 16. Juli 2018
Was haben eine Perücke, eine Metallöse und ein Schnupftuch gemeinsam? Sie sind Artefakte einer Frauen- und Geschlechtergeschichte in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM).
Schlagworte
  • Frauengeschichte
  • Geschichte

Was haben eine Perücke, eine Metallöse und ein Schnupftuch gemeinsam? Sie sind Artefakte einer Frauen- und Geschlechtergeschichte in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM). In historischen Ausstellungen ist der hegemoniale Blick auf Exponate noch immer oft ein männlicher. In der Dauerausstellung des DHM finden sich aber auch zahlreiche Objekte, die andere Lesarten zulassen und  queer-feministisch gelesen werden können. Sie künden von Kämpfen um gesellschaftliche Teilhabe und politische Gleichstellung und schließen Aushandlungsprozesse von Geschlechterrollen im Alltag ein.

Wenn Frauen Männerkleidung tragen

Eines dieser Objekte ist ein Portrait von Elisabeth Charlotte, Prinzessin von der Pfalz und Herzogin von Orléans. Auf den ersten Blick scheint sich das Kunstwerk nahtlos in Adelsdarstellungen der frühen Neuzeit einzureihen. Doch wer genauer hinschaut, erkennt, dass die Portraitierte mit der ihr zugewiesenen Rolle als Frau am Hof von Versailles haderte. „Madame sein ist ein ellendes Handwerck“, ließ sie einst verlauten (Van der Cruysse 1997). Lieber wäre Liselotte, wie sie genannt wurde, Kurfürst geworden wie ihr Vater. Entgegen der Konventionen des französischen Hofes ließ sie sich um 1678 auch nicht im modischen Damenkleid der Saison portraitieren, sondern saß für Maler Louis Elle im Jagdkostüm Modell. Die Perücke, die sie dazu trug, forderte die Sehgewohnheiten der Zeitgenoss*innen ebenfalls heraus. Die sogenannte Allongeperücke war eigentlich männlichen Adligen, wie ihrem Ehemann, dem Herzog von Orléans, oder dem König Louis XIV vorbehalten.

Aufbrüche und Einschnürungen

Korsett und Reifrock waren hingegen Kleidungsstücke, die über Generationen hinweg vorwiegend Frauen trugen (Barbe 2012). In der Dauerausstellung des DHM begegnen sie uns implizit und explizit in vielen Epochenbereichen. Ihre Allgegenwart zeugt davon, wie tief gesellschaftliche Normen in weibliche Erfahrungen eingeschrieben waren. Die Omnipräsenz angezogener weiblicher Unbeweglichkeit in Form von Schnürvorrichtungen fällt aber vor allem dort ins Auge, wo sie fehlt: zum Beispiel bei der Mode der französischen Revolution, nach der Frauen sich in Anlehnung an die Antike in Hemdkleidern mit hoher Taille à la grecque kleideten. Im 19. Jahrhundert kehrte die Schnürbrust zurück – und zwar stärker als je zuvor. Mit der Industrialisierung kamen neue Produkte auf den Markt, die es ermöglichten, den weiblichen Körper noch extremer zu (ver-)formen. Dank der Metallöse, erfunden 1828, konnte das Korsett enger geschnürt werden, ohne dass der Stoff riss (Chrisman-Campell 2012). Das einengende Kleidungsstück blieb aber trotz seiner Beharrlichkeit nicht unumstritten. „Wenn zukünftige Generationen zum Verstande kommen, “ heißt es in einer Zeitung für Frauen 1857, „mit welchem Schrecken werden sie die Marterinstrumente betrachten: Corsette, Fischbeine, Unterröcke“ (z.n. Barbe 2012).

Erzählstoff Zukunft

Wie stellten sich Zeitgenoss*innen zukünftige Generationen ihrer Geschlechtsgenossinnen vor? Nicht nur befreit von Korsett und Unterrock, sondern auch als emanzipierte Bürgerinnen – eindrucksvoll zu sehen auf einem Schnupftuch, das im Umfeld der britischen Frauenbewegung Ende des 19. Jahrhunderts entstand und gegenwärtig im DHM zu sehen ist. Das Tuch trägt den Titel „Women’s Rights 1981 and What Came of It“. Karikierend stellt das Schnupftuch 1881 die zukünftige Rollenverteilung 100 Jahre später im Jahr 1981 dar. Während Frauen in zeitgenössischer Männerkleidung Recht sprechen, Soldaten befehligen und Sport treiben, beschäftigen sich Männer in Schürzen und Häubchen gekleidet mit Hausarbeit, Kinderbetreuung und Müßiggang. „Dem Reich der Freiheit werb‘ ich Bürgerinnen“, nahm sich die deutsche Frauenrechtlerin und Publizistin Louise Otto Peters 1849 vor (Gerhard et. al. 1980). Auch in der Schnupftuchvision ihrer englischen Zeitgenoss*innen bestimmen Frauen das gesellschaftliche und politische Leben. Doch was davon war hundert Jahre später tatsächlich eingelöst?

Alle Visionen jedenfalls nicht. Noch heute werden Kämpfe um gesellschaftliche Gleichstellung unterschiedlicher Geschlechter geführt, auch im Museum. Wissenschaftler*innen und Museolog*innen debattieren seit den 1980er Jahren darüber, wie Stimmen marginalisierter Gruppen wie Frauen, aber auch LGBTQ und POC Personen, in historischen Ausstellungen hörbar werden können und sollen (Hinterberger et. al. 2008; Muttenthaler/Wonisch 2010). In der Dauerausstellung des DHM lassen sich mit antihegemonialen Perspektiven auf zahlreiche Objekten, die bislang nicht queer-feministische gelesen wurden, neue und andere Geschichte(n) erzählen. Ein neuer Blick auf Altbekanntes kann helfen, marginalisierte Perspektiven als „Normalfälle“ der Geschichte in das Narrativ einer Ausstellung zu integrieren.

In thematischen Rundgängen durch die Dauerausstellung überprüfen Referent*innen und Besucher*innen Originalobjekte auf ihre Lesbarkeiten und entwickeln neue Lesarten. Im Rahmen der Feministischen Sommeruni des Digitalen Deutschen Frauenarchivs am 15.9. sind Sommeruni-Teilnehmer*innen herzlich eingeladen, Herstory in der Dauerausstellung des DHM kennenzulernen.

Quellen

Cruysse, Dirk van der (1997): „Madame sein ist ein ellendes Handwerck.“ Liselotte von der Pfalz - eine deutsche Prinzessin am Hof des Sonnenkönigs, München: Piper Verlag.

Barbe, Josephine (2012): Figur in Form. Geschichte des Korsetts, Bern: Haupt Verlag, S. 41-51.

Chrisman-Campbell, Kimberly (2012): „Europäische Moden“, in: Takedo, Sharon Sadako; Durland Spilker Kaye: Fashioning fashion. Europäische Moden 1700-1915, Los Angeles: County Museum of Art, S.21.

Frauen-Zeiten für Hauswesen, weibliche Arbeiten und Moden (1857), S. 119, z.n. Barbe (2012), S. 186)

Gerhard, Ute; Hannover-Drück, Elisabeth; Schmitter, Romina (Hrsg.) (1980): Louise Otto Peters, "Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen". Die Frauen-Zeitung von Louise Otto., Frankfurt a.M.: Syndikat.

Hinterberger, Monika; Flecken-Büttner, Susanne; Kuhn, Annette (Hrsg.) (2008): "Da wir alle Bürgerinnen sind..." Frauen- und Geschlechtergeschichte in historischen Museen. Leverkusen: Barbara Budrich Verlag.

Muttenthaler, Roswitha; Wonisch, Regina (2010): Rollenbilder im Museum. Was erzählen Museen über Frauen und Männer? Schwalbach im Taunus: Wochenschau-Verlag.

Stand: 16. Juli 2018
Verfasst von
Gesa Trojan

Gesa Trojan ist Referentin im Fachbereich Bildung und Vermittlung am Deutschen Historischen Museum. Sie promoviert im internationalen Graduiertenkolleg Berlin – New York – Toronto – The World in the City: Metropolitanism and Globalization from the 19th Century to the Present am Center for Metropolitan Studies der Technischen Universität Berlin zur Rolle von Alltagspraktiken und Genderfragen in Prozessen von urbaner Vergemeinschaftung.

Empfohlene Zitierweise
Gesa Trojan (2019): „Madame sein ist ein ellendes Handwerck“, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/blog/madame-sein-ist-ein-ellendes-handwerck
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