Jubiläum – das Internationale Jahr der Frau 1975
Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Internationalen Jahrs der Frau (IJdF) veranstalteten das Archiv der deutschen Frauenbewegung Kassel (AddF), der Lehrstuhl für Neueste Geschichte an der Universität Bayreuth und das LWL-Institut für Regionalgeschichte (IfR) Münster am 13. November 2025 in Kassel eine Tagung. Unter dem Titel Frauenpolitik’ im geteilten Deutschland 1975. Das Internationale Jahr der Frau und seine Folgen wurden neue Erkenntnisse und Fragestellungen diskutiert.
DDF: Im Jahr 2025 jähren sich zahlreiche Ereignisse, die für die Geschichte der Frauenbewegungen bedeutsam sind. Was gab den Ausschlag, gerade dem 50. Jahrestag des Internationalen Jahrs der Frau eine eigene Tagung zu widmen?
Julia Paulus (Münster) / Kerstin Wolff (Kassel): Wir haben den Eindruck gewonnen, dass an dieses wichtige Ereignis überhaupt nicht erinnert wird und wollen versuchen, dem entgegenzuarbeiten. Das Ereignis war für die Entwicklung der staatlichen Frauenpolitik sowohl in der BRD als auch in der DDR von entscheidender Bedeutung; zugleich stellte es für die autonome Frauenbewegung in der BRD ein Irritationsmoment dar.
Anhand der Aktivitäten in beiden deutschen Staaten ist es aber auch möglich, die Verflechtung der Vorstellungen zu Emanzipation und Selbstbestimmung von Frauen in BRD und DDR zu analysieren. Zudem wollen wir darauf aufmerksam machen, dass zu diesem Ereignis wichtige Quellen im AddF [und anderen i.d.a.-Einrichtungen] vorliegen, die es wert sind, ausgewertet zu werden.
Wie kam es zur Ausrufung des Internationalen Jahrs der Frau durch die Vereinten Nationen (UN) – und welche politischen sowie gesellschaftlichen Impulse gingen weltweit von dieser Initiative aus?
Bereits seit ihrer Gründung 1946 setzte sich die UN durch ihre Frauenrechtskommission für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ein. So verabschiedete die UN-Generalversammlung 1967 einstimmig die Declaration on the Elimination of Discrimination against Women (DEDAW), die als Vorläufer für das spätere Internationale Jahr diente.
Angesichts der anhaltenden Ungleichheit von Frauen und des Aufkommens zahlreicher Initiativen der Frauenbewegungen weltweit schlug die Kommission 1972 vor, ein Internationales Jahr und eine Weltkonferenz zu veranstalten. Schließich wurde auf der 29. Generalversammlung der Vereinten Nationen 1972 für 1975 ein Jahr der Frau beschlossen. Es sollte unter dem Motto „Gleichheit, Entwicklung, Frieden“ stehen. Ausgangspunkt war die unbefriedigende Lage von Frauen in allen Ländern der Welt und die Bedrohung des Weltfriedens.
Die dann 1975 in Mexiko erstmals stattfindende UN-Weltfrauenkonferenz mit Delegierten aus 133 Ländern, die vom 19. Juni bis 2. Juli 1975 stattfand, sollte dazu dienen, die globale Gemeinschaft auf das weltweite Problem der Diskriminierung von Frauen aufmerksam zu machen und erste Forderungen, zur Beseitigung dieser Ungleichheit zu stellen wie die volle Gleichstellung der Geschlechter und Beseitigung von Diskriminierung, die Integration und volle Beteiligung von Frauen an der politischen, kulturellen und sozialen Entwicklung ihrer Staaten.
In diesem Sinne verabschiedete die Kommission einen Weltaktionsplan mit Leitlinien für Regierungen, um Möglichkeiten der Umsetzung dieser Forderungen zu verdeutlichen und die Staaten aufzurufen, ihrerseits nationale Strategien, Ziele und Prioritäten zu formulieren. Parallel zur Regierungskonferenz fand 1975 ein Forum für Nichtregierungsorganisationen (NGOs) statt, das zur Vernetzung von Aktivistinnen aus aller Welt beitrug.
Wie wurde die Kampagne 1975 in der BRD und in der DDR aufgegriffen? Welche Akteurinnen prägten die jeweiligen Umsetzungen, und welche thematischen Schwerpunkte standen dabei im Vordergrund?
In der DDR beschloss der Ministerrat am 15. Mai 1975 die Teilnahme der DDR an der UNO-Konferenz, nicht zuletzt um die Konferenz dafür zu nutzen, am Beispiel der gesellschaftlichen Stellung der Frau in der DDR die Vorzüge des real existierenden Sozialismus darzustellen. Zugleich wurde die Abhaltung eines Weltkongress der Frau beschlossen, der vom 19. bis 24. Oktober 1975 in Ost-Berlin stattfand und auf dem eine gemeinsame Erklärung der teilnehmenden Delegationen verabschiedet wurde, die die juristische Gleichstellung der Geschlechter einschließlich politischer Teilhabe, Fragen des Wahlrechts sowie den Zugang zu geschlechterunabhängiger Bildung forderte.
Fast 2.000 Delegierte aus über 200 nationalen und internationalen Organisationen waren nach Ost-Berlin gekommen. Auch aus vielen westlichen Ländern waren Teilnehmerinnen zum Weltkongress angereist, wenngleich zahlenmäßig ungleich weniger. So umfassten 52 Frauen die Delegation der DDR gegenüber nur 17 Delegierte aus der BRD, die sich zuvor in der Initiative Internationales Jahr der Frau ’75 zusammengeschlossen hatten. Überhaupt ignorierten westdeutsche staatliche Stellen der damaligen sozialliberalen Bundesregierung den Kongress, während es vornehmlich Frauen aus den westdeutschen Frauenfriedensbewegungen waren, die sich an dem Weltkongress beteiligten.
In der Bundesrepublik wurde das Internationale Jahr der Frau von staatlicher Seite vom Deutschen Frauenrat organisiert mit Unterstützung der damaligen Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, Katharina Focke. Focke stellte dazu ein Kuratorium zusammen, in welches unter anderem auch Vertretungen von Institutionen berufen wurden, an denen Schritte zur Gleichberechtigung bislang gescheitert waren, wie ein katholischer Bischof, der Präsident der Arbeitgeberverbände und der Intendant der Deutschen Welle. Diese Ausrichtung des Jahres wurde sowohl von den Frauenverbänden wie von der autonomen Frauenbewegung kritisiert.
Zum Eklat kam es dann bei der Eröffnungsveranstaltung zum sogenannten Jahr der Frau am 9. Januar 1975 in der Beethovenhalle in Bonn. Vertreterinnen der autonomen Frauenbewegung, die nicht eingeladen worden waren, wie Mitglieder des Frauenforums Bonn und andere Frauengruppen, haben sich als Putzfrauen verkleideten, mit Eimern, Kochtöpfen und Kochlöffeln ausstatteten, sich an ein Geländer vor der Beethovenhalle angekettet und Parolen gesungen wie: „Schöne Reden sprengen unsere Ketten nicht!“, „Kinder, Küche und Fabrik, wir scheißen auf dies Frauenglück!“ sowie „Wir sind die Mehrheit, aber wir haben sie nicht!“. Zudem übergaben sie dem Kuratorium einen offenen Brief, in dem sie unter anderem darauf hinwiesen, dass die Gleichberechtigung in der BRD „nur ein Recht auf Papier“ sei und die Regierung endlich Konzepte vorlegen solle, die das Recht auf Gleichberechtigung endlich Alltagswirklichkeit werden lassen sollten.
Das Internationale Jahr der Frau 1975 bildete mit der ersten UN-Weltfrauenkonferenz in Mexiko den Auftakt zu einer Reihe von UN-Weltfrauenkonferenzen bis 1995 – 1980 folgte eine in Dänemark, 1985 in Kenia, 1995 in China. Welche Forschungspotenziale eröffnen diese für die historische Auseinandersetzung mit den neuen Frauenbewegungen?
Unserer Meinung nach stehen wir hier noch völlig am Anfang. Das Potenzial dieses Themas ist unserer Ansicht nach noch nicht ausreichend beachtet worden. Dabei zeigt sich hier exemplarisch, wie durch Impulse einer internationalen Organisation Staaten, Regierungen und zivilgesellschaftliche Bewegungen dazu veranlasst wurden, über ihre Frauenpolitiken nachzudenken und diese zu verändern.
Insbesondere die jeweiligen zivilgesellschaftlichen Frauenbewegungen konnten hierbei die Chancen nutzen, die in der Aufmerksamkeitssteigerung für Geschlechterungleichheiten durch die UN lag. Darüber hinaus wird aber auch die Verschränkung mit nationalen Politiken deutlich, wenngleich das IJdF in jedem Land unterschiedliche Auswirkungen erfuhr. Sichtbar wird hierbei insbesondere der weltweite Einfluss der Ost-West-Konkurrenz – und dies insbesondere im Bereich der Forderungen nach Gleichberechtigung.
Die Schwerpunkte der Tagung ‚Frauenpolitik‘ im geteilten Deutschland 1975 – das Internationalen Jahr der Frau und seine Folgen von Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Bayreuth und dem LWL-Institut für Regionalgeschichte (IfR) Münster können hier nachgelesen werden: zum Tagungsprogramm.
In den i.d.a.-Archiven (unter anderem FrauenMediaTurm) und im META-Katalog finden sich zahlreiche Materialien, die die vielfältigen Aktionen aus dem Jahr der Frau dokumentieren.