„Frauenbewegung und ihre Geschichte sind elementar“

veröffentlicht 23. Februar 2021

 

Wie bist du auf das DDF aufmerksam geworden? 

Ich begleite das Werden des Digitalen Deutschen Frauenarchivs schon seit dem Onlinegang des META-Katalogs aus einer aktivistischen und wissenschaftlichen Perspektive. Es ist gerade der Dreiklang von Wissenschaft, Politik und Bewegung, der mich besonders am DDF interessiert. Diese Schnittstelle macht das Projekt so spannend und ist ein Alleinstellungsmerkmal im Feld der Frauenbewegungsforschung und ihrer Politisierung. Hier können zahlreiche Synergieeffekte entstehen. Diese möchte ich gerne nutzen, um darüber nachzudenken, wie die digitale Zukunft von Frauenbewegungsgeschichte aussehen kann, und wie diese progressiv zu gestalten ist. 

Franziska Rauchut
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Franziska Rauchut, wissenschaftliche Koordinatorin des DDF

Du bist mitten in der Pandemie eingestiegen. Wie war dein erster Monat beim DDF? 

Schon das Bewerbungsgespräch stand unter besonderen Vorzeichen. Dass auf dem Tisch der Bewerberin neben den Getränken noch Desinfektionsmittel stand, habe ich so noch nicht erlebt (lacht). Und insgesamt war es auch eine herausfordernde Situation, meine neuen Kolleg*innen fast ausschließlich per E-Mail, Skype oder Telefon kennenzulernen. Tatsächlich gab es bis jetzt unter den Bedingungen von Covid-19 noch keine Gelegenheit für ein persönliches Teamtreffen. Dennoch sind wir hier digital sehr gut aufgestellt und haben immerhin die Möglichkeit, uns auf diese Art und Weise zu begegnen. Ansonsten hatte ich einen sehr guten Start und habe gleich viele spannende Akteur*innen und Netzwerke des DDF kennengelernt. Dennoch fehlt der persönliche Kontakt und ich hoffe, dass wir diesen in den kommenden Wochen und Monaten nachholen können. 

Du bringst eine große Expertise als Politik- und Medienwissenschaftlerin mit. Was waren deine Stationen vor dem DDF? 

Ich komme aus Berlin-Marzahn und ich lebe in Berlin-Schöneberg. An der Freien Universität habe ich Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaften und Englische Philologie studiert. Bereits im Studium lag mein Schwerpunkt auf queer-feministischen Theorien, auf Wissenschaftstheorie und sozialer Bewegungsforschung. Diese Themen begleiten mich seit jeher. Ich habe dann an verschiedenen Hochschulen gearbeitet, u.a. an der Alice Salomon Hochschule Berlin und die letzten vier Jahre an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Auf einer Postdoc-Forschungsstelle habe ich im Bereich der Medienwissenschaften zwei große Projekte durchgeführt, beide beschäftigten sich mit medialen Interventionen in Antifeminismus- und Rechtspopulismusdiskurse aus einer feministischen Perspektive. Neben Lehre und Forschung habe ich zudem an meiner Doktorarbeit gearbeitet. Diese betrachtet die wissenschaftstheoretischen und -politischen Interdependenzen von Gender-, Queer- und Cultural Studies im deutschsprachigen Raum und befindet sich in der Abschlussphase. Welche De- und Repolitisierungsprozesse finden aktuell in diesen Feldern statt, welche Rolle spielen dabei sogenannte Public Intellectuals? Diese Verbindung von Politik, Medien und Theorie interessiert mich – wissenschaftlich wie politisch. Auch auf parlamentarischer Ebene habe ich dazu bereits Erfahrungen gesammelt, vier Jahre war ich Referentin für Gleichstellungs- und Queerpolitik im deutschen Bundestag. 

Neben der Politik und Wissenschaft spielt die Bewegung für dich eine große Rolle. Was heißt dies konkret mit Blick auf die Frauenbewegung und ihre Geschichte?

Seit mehr als 20 Jahren bin ich selbst in queer-feministischen und lesbenpolitischen Bezügen aktiv und verankert. Diese begleite ich auch nach wie vor – Frauenbewegung und ihre Geschichte sind elementar für alles, was ich denke, schreibe und mache. Wir können unsere Gegenwart und Zukunft nicht ohne die Vergangenheit denken. Als Publizistin habe ich zum Thema auch inhaltlich gearbeitet und u.a. den Band In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben (2007) mitherausgegeben. Es gibt so vieles an Bewegungserfahrung und feministischer Mobilisierung, von denen die Öffentlichkeit nichts weiß. Diese sichtbar zu machen, ist mir ein großes Anliegen. 

Und hier schließt sich der Kreis natürlich auch zum DDF. Als eine wichtige Säule stellen wir Akteur*innen und Gruppen der Frauenbewegungen vor. Hast du bestimmte Vorbilder? 

Tatsächlich gibt es viele Public Intellectuals, die uns etwas zu sagen haben. Aber ich hänge nicht so sehr an der Figur der Expert*in. Ich glaube nicht daran, dass eine Einzelperson uns inspirieren oder in unserem Denken und Aktivismus anleiten kann. Ich glaube grundsätzlich mehr an die Kraft von Netzwerken und nomadischen Wissenspraktiken. Mich faszinieren dabei auch queer-feministische Science-Fiction, Utopien und überzeitige Gedankengebäude. Meine All-time-Klassikerin ist hier Ursula K. Le Guin. Wenn ich ihre Werke lese, frage ich mich, wie sich dies bereits in den 1970er Jahren schreiben ließ, wenn es heute noch so hochaktuell ist – und in 50 oder 100 Jahren wahrscheinlich auch noch sein wird. 

Im DDF arbeitest du an der Schnittstelle von Politik, Wissenschaft und Bewegung: Was ist deine Aufgabe als Koordinatorin?

Als wissenschaftliche Koordinatorin erarbeite ich inhaltliche Konzepte für das DDF und gebe Strategieimpulse. Ich sorge für das Prozess- und Projektmanagement und für eine gute Kommunikation und Vernetzung sowohl im DDF als auch im i.d.a.-Dachverband. Ich setze mich dafür ein, das DDF noch stärker in Wissenschafts- und Bildungsbezüge einzubinden und auch marginalisierte Stimmen in der Frauen- und Lesbenbewegungsgeschichte gleichberechtigt hör- und sichtbar zu machen. Dabei freue ich mich, auf alles was kommt, darauf, das DDF weiter zu vernetzen, neue Angebote zu entwickeln und viele Akteur*innen der Frauenbewegung zusammenzuführen. Gemeinsam mit meinen Kolleg*innen möchte ich einen lebhaften Erinnerungsort feministischen Denkens und Handelns für die Gegenwart und Zukunft etablieren. 

Franziska Rauchut ist die wissenschaftliche Koordinatorin des DDF. Sie gestaltet die Vernetzung und unterstützt die Geschäftsführung mit inhaltlichen Impulsen in Strategiefragen sowie im Prozess- und Projektmanagement. In Berlin studierte sie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Politologie und Anglistik. Seither arbeitet sie mit feministischem Schwerpunkt in Politik und Wissenschaft. Ihre Dissertation widmet sich der Schnittschnelle beider Felder am Beispiel der Genealogien von Gender, Cultural und Queer Studies.

Stand: 23. Februar 2021

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