Frauen machen Demokratiegeschichte

veröffentlicht 11. Juni 2019

Leipzig! Here I Am

Ethel Smyth
Komponistin Ethel Smyth (1858-1944). Foto: George Grantham Bain Collection/Restored by Adam Cuerden/Wikimedia Commons/gemeinfrei.

Das Poster zur Feministischen Sommeruni 2019 zeigt Louise Otto-Peters (1819-1895). ,LOP‘ lebte und wirkte in Leipzig und feiert 2019 ihren 200. Geburtstag. 1849 gründete sie die Frauen-Zeitung unter dem Motto ,Dem Reich der Freiheit werb‘ ich Bürgerinnen‘: Die Forderungen der Revolution 1848/49 sollten auch für Frauen gelten. Ein Anfang der Frauenbewegung war gemacht. Ab 1849 brauchte es weitere 70 Jahre, bis Frauen in Deutschland das Wahlrecht erlangten. In einer HÖR-Bar der Louise Otto-Peters-Gesellschaft e.V. erzählen Frauen, was Partizipation heute für sie bedeutet.

Im Kampf für das Wahlrecht hatten Englands Suffragetten mit The March of the Women sogar eine eigene Hymne. Komponiert hat sie 1910 Ethel Smyth (1858-1944), die in der Zeit von 1877 bis 1888 überwiegend in Leipzig lebte und hier auch Musik studierte.  Sie „entsprach mit ihren Ansichten und Wünschen nie den Konventionen ihrer Zeit“, weiß Marleen Hoffmann, die bei der Feministischen Sommeruni 2019 Leben und Werk von Ethel Smyth vorstellt.[1] Die Pianistin Kyra Steckeweh spielt in diesem Rahmen eine Sonate von Smyth, die 1878 am Leipziger Konservatorium uraufgeführt wurde.

Stadt der Revolution

Frauen, die für Demokratie kämpfen, gab es auch vor 30 Jahren in Leipzig. Daran erinnert die Ausstellung Die Revolution ist weiblich. Sie erzählt in acht Portraits Lebenswege von Frauen aus Sachsen, die die Friedliche Revolution gestalteten. Sie ist am 28.6. ganztags zu sehen. Einige der porträtierten Akteurinnen sind auch zu Gast bei den Zeitzeuginnen-Gesprächen, mit denen die Feministische Sommeruni 2019 morgens startet, z.B. Ute Leukert. Sie gründete 1984 mit anderen Frauen die Leipziger Gruppe Frauen für den Frieden, eine der ältesten subversiven Gruppen der Stadt.[2] 1982 sah ein Wehrdienstgesetz erstmals vor, Frauen bei einer Mobilmachung einzuberufen. Gegen dieses Gesetz, gegen die zunehmende Militarisierung von Gesellschaft und insbesondere der Erziehung wurde Ute Leukert aktiv. Die Gruppe traf sich regelmäßig und entwickelte ein DDR-weites Netzwerk engagierter Frauen.[3]

Ebenfalls zu Gast am 28.6. ist Katrin Hattenhauer. Sie begann in Leipzig mit dem Theologiestudium, wurde aber auf staatlichen Druck exmatrikuliert, nachdem sie Anfang 1989 Flugblätter verteilt hatte. Hattenhauer gehörte u.a. zu den Mitinitiator*innen des Leipziger Straßenmusikfestes, das am 10. Juni 1989 stattfand und von Sicherheitskräften aufgelöst wurden. Am 4. September entrollte sie bei einer Aktion ein Transparent Für ein offenes Land mit freien Menschen. Diese Aktion markiert den Auftakt zu den großen Leipziger Montagsdemonstrationen. Am 11. September 1989 wurde sie festgenommen und war über ein Monat in Haft.[4]

#frauenmachengeschichte

Wie Demokratiegeschichte feministisch wird, wird bei der Feministischen Sommeruni 2019 auch ganz praktisch erfahrbar. Ein Werkstattgespräch diskutiert Oral History als Feministische Praxis: Erzählungen von Zeitzeug*innen sind wertvoller Teil feministischer Bewegungsgeschichte. Erzählte Geschichte(n) zu bewahren, ist aber kein einfaches Unterfangen: Welche Chancen ergeben sich aus der Befragung von Zeitzeug*innen zur Geschichte der Frauen*bewegungen?

Einen feministischen Blick in das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig bietet am 28.6. eine Führung. Mit dem Titel Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945 verspricht die neue Dauerausstellung des ZFL eine Zeitreise vom Leben in der DDR bis in die Gegenwart der Bundesrepublik. Gerlinde Kämmerer, Kulturwissenschaftlerin und Gästeführerin aus Leipzig, lädt ein zur Begehung: Sie wählt Objekte mit frauengeschichtlichem Bezug aus und erzählt, was wir über das Leben der Frauen, ihren Anteil am gesellschaftlichen Leben und den politischen Veränderungen erfahren.

Programm und Anmeldung: www.feministische-sommeruni.de

 

[1] Vgl. Hoffmann, Marleen (2012). ,Wie ich Suffragette wurde.‘: künstlerisches und politisches Selbstverständnis der englischen Komponistin Ethel Smyth (1858–1944). GENDER - Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 4(1), 90–107.

 

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