„Feministische Erinnerungskultur ist Demokratiearbeit“
DDF-Redaktion: Wenn du auf deinen bisherigen Weg schaust: Welche Erfahrungen haben deinen Blick auf feministische Geschichte, Erinnerungskultur und gesellschaftliche Veränderung besonders geprägt?
Nicola Lauré al-Samarai: Das waren unterschiedliche, aber ineinandergreifende Zugänge, würde ich sagen. Ich bin seit über 35 Jahren der Schwarzen Frauen*bewegung in Deutschland verbunden. Das hat mich grundsätzlich geprägt und begleitet: meine theoretischen Zugänge, mein bewegungspolitisches Verständnis und meine erinnerungspolitische Praxis. Intersektionalität und Machtkritik sind für mich wichtige gedankliche Ausgangspunkte, eine Art ‚Arbeits-Linse‘ – beim Blick auf historische Auslassungen und Leerstellen ebenso wie beim Sichtbarmachen und Einschreiben von Subjektivität und Handlungsmacht.
Die Beschäftigung mit marginalisierten Bewegungsgeschichten lag deshalb für mich nahe, ebenso wie das Zusammendenken von Kämpfen um gesellschaftliche Veränderung und die Frage nach Solidarität und Widerstandskraft. Nach Resilienzen im Plural.
Was hat dich am DDF besonders gereizt, und was möchtest du in deine neue Aufgabe als Leitung mitbringen?
Ich kannte das DDF schon länger als Nutzerin und konnte im Zuge von Recherchen immer wieder auf den unglaublichen Wissensfundus des Portals zurückgreifen. Gleichzeitig – und das finde ich sehr besonders – wird die relativ ‚junge‘ Struktur des DDF von einem Dachverband getragen, dessen Einrichtungen zum Teil auf mehr als fünf Jahrzehnte Sammlungs- und Archivarbeit zurückblicken. Das ist ein großer, schwer erarbeiteter Erfahrungsschatz. Ich finde es wichtig, dass diese basispolitische Arbeit, die immer aufwändig und fast immer ehrenamtlich oder prekär ist, sichtbar bleibt und wertgeschätzt wird.
Das DDF ist ja ein Ergebnis dieses Engagements und als feministisches Fachportal für mich tatsächlich eine Vision im Entstehen. Ich würde daher gern mit folgenden Arbeitsfragen an meine neuen Aufgaben gehen:
Was bedeutet es, feministisches Bewegungswissen nicht nur zu sichern, sondern auch die Sicherung dieses Wissens zu sichern? Wie können dazugehörige Strukturen und Prozesse langfristig etabliert und geschützt werden? Welche Strategien braucht es dafür nach innen und nach außen?
Welche Rolle kann feministische Erinnerungskultur aus deiner Sicht gerade heute spielen, gesellschaftlich und politisch?
Das kann ich in einem Satz beantworten: Die Arbeit an einer feministischen Erinnerungskultur ist Demokratiearbeit.
Wo siehst du für das DDF in den kommenden Jahren die wichtigsten Aufgaben oder Entwicklungsmöglichkeiten?
Das DDF als Fachportal beschreibt sich als digital, divers, feministisch.
Das sind grundlegende Arbeitsbegriffe, die immer wieder überprüft und gefüllt werden müssen. Eine Aufgabe besteht aus meiner Sicht darin, bereits bestehende Strukturen, Errungenschaften und Wissensbestände zu stärken: Was soll in welcher Weise sichtbarer werden? Und was braucht es dafür?
Eine weitere Aufgabe liegt in der intersektionalen Öffnung und Vernetzung des DDF: Wer ist mit Frauen*bewegungen im deutschsprachigen Raum bisher gemeint und repräsentiert? Wo gibt es Leerstellen, Ungleichgewichte, möglicherweise Barrieren? Wen möchten wir jetzt und zukünftig ansprechen und erreichen, mit wem auf welche Weise zusammenarbeiten?
Im digitalen Bereich stellt sich zudem die Frage, wie sich das Potenzial von KI queer/feministisch und diskriminierungskritisch nutzen lässt und welche Regeln es zugleich für Transparenz, Quellenkritik, Datenschutz und Trainingsdaten braucht. Die Bestände feministischer und anderer marginalisierter Archive sind nach wie vor fragil, müssen erschlossen, vernetzt und geschützt werden. Langzeitarchivierung ist ebenfalls eine große Herausforderung, weil sich Dateiformate, Speichersysteme und technische Standards verändern.
Und eine letzte Überlegung in die politische Richtung: Gleichstellungspolitik, Wissenschaft und Erinnerungskultur werden zunehmend angegriffen. Das betrifft auch feministische Archive. Hier ist gemeinsam zu überlegen, wie sich digitale Infrastrukturen sichern lassen und ihre grundlegende demokratische Bedeutung vermittelt werden kann.
Was möchtest du in deinen ersten Monaten vor allem kennenlernen, im DDF, im i.d.a.-Dachverband und darüber hinaus?
Ich freue mich darauf, die Menschen kennenzulernen, die das DDF und den i.d.a.-Dachverband tragen. Der Dachverband repräsentiert eine große Bandbreite von Einrichtungen – mit verschiedenen Schwerpunkten, Ausrichtungen und Arbeitsweisen. Ich bin auf die vielen Expertisen gespannt, auf konkrete Projekte und Netzwerke und natürlich auch auf aktuelle Diskussionen und Herausforderungen.
Gibt es eine Person, einen Text, einen Ort oder eine Erfahrung, die dich in deinem Denken und Arbeiten besonders begleitet?
Ja, es gibt eine sehr wesentliche Referenz für mich: Kollektivität. Dieses Konzept wurde in der queeren Schwarzen Frauen*bewegung entwickelt als Basis für Gemeinschaftlichkeit, als kritisches Erkenntnisprinzip, als Wissensraum und als politische Praxis.
Zur Person
Nicola Lauré al-Samarai ist Geschichts- und Kulturwissenschaftlerin.
Ihr Forschungs- und Vermittlungsschwerpunkt verbindet intersektionale Bewegungsgeschichten von BIPoC-Communitys mit Archiv-, Erinnerungs- und Wissensarbeit. Sie ist national und international breit vernetzt – mit Bewegungsarchiven und -initiativen ebenso wie mit Akteur*innen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Kultur und Politik. Zuletzt verantwortete sie bei der RAA Berlin, einem unabhängigen Träger für Bildungsgerechtigkeit, den Aufbau des Projektbereichs zur UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft mit den Handlungsfeldern anti-Schwarzer Rassismus und Gleichstellung; außerdem war sie Teil des Teams für Diversitätsorientierte Organisationsentwicklung.
Seit August 2026 ist sie Geschäftsführung des Digitalen Deutschen Frauenarchivs.
