(Fan-)Zine: Medium zwischen Schutzraum und Öffentlichkeit

geschrieben von Giuseppina Lettieri, Christian Schmidt und Daniel Schneider veröffentlicht 02. August 2018
Schlagworte

Neben diesen häufig als Fan-Magazine gedachten Heften erscheinen seit einigen Jahren immer mehr queere und queer-feministische Zines. Diese sind bei den jährlich stattfindenden Zine-Festen, auf denen sich Zinesters treffen und ihre Zines tauschen oder verkaufen, in großer Zahl und vielfältigen Formen zu finden. Ganz zu schweigen von dem eigenen Mini Queer Zine Fest in Berlin, dass sich bereits seit einigen Jahren diesen Zines und dem Austausch, Empowerment und der Vernetzung der queeren Zinesters widmet. 

Queer-feministische Zines im Archiv der Jugendkulturen
Quelle
Archiv der Jugendkulturen
Lizenz
Queer-feministische Zines aus der Sammlung des Archiv der Jugendkulturen

 

Intersektionales Sammeln und Vermitteln

Als Archiv für subkulturelle Quellen sammelt das Archiv diese Zines bewusst und aktiv, um solchen Zeugnissen marginalisierter Gruppen ihren Platz in der Sammlung zu bieten. Diese Entwicklung wird auch im Bildungsprojekt zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt ,Diversity Box‘ aufgegriffen. Das Projekt arbeitet mit einem intersektionalen Ansatz in der Vermittlungsarbeit mit Jugendlichen. In der Sensibilisierungs- und Empowermentarbeit mit Jugendlichen bieten Zine-Workshops die Möglichkeit, die vielschichtigen Positionen zu bzw. Repräsentationen von Gender, Race, Sexualität und Körperpolitik aus der
queer(-feministischen) Zine-Macher*innen-Szene einzubinden. Die Zines sind ein Element der im Projekt mitverankerten Biografiearbeit, welche Jugendlichen die vielfältigen Lebenswelten und teils verwobenen Diskriminierungserfahrungen von LSBTI*, PoC und Schwarzen Menschen näherbringen soll. Dafür werden aktuelle Themen, Entwicklungen und Praxen der Repräsentationen in der queeren Community angesprochen, um der Mainstreamwahrnehmung von Jugendkulturen etwas entgegenzusetzen.

Intimität vs. Sichtbarkeit

In einem weiteren AdJ-Projekt – ,UnBoxing‘ – geht es um die Digitalisierung von Zines aller Art. Unter Zinesters und Zine Librarians gibt es dazu sehr unterschiedliche Haltungen, insbesondere zur Veröffentlichung von Digitalisaten im Netz. Während einige PoC und/oder queere Zinesters für eine möglichst hohe Sichtbarkeit von marginalisierten und unsichtbaren Identitäten und Erfahrungen plädieren und damit auch für eine möglichst umfassende Digitalisierung und Präsentation ihrer Zine-Digitalisate im Internet sind, gibt es auch solche, die das nicht wollen. Der Grund: Zines können sehr intime Medien sein und erst dadurch den Austausch über und die Auseinandersetzung mit ,schwierigen‘ Themen wie Traumata, Erfahrungen sexualisierter Gewalt, psychischen und physischen Erkrankungen, Essstörungen etc. ermöglichen. Diese Intimität schaffen die Herausgeber*innen dabei aus einer bewusst begrenzten Verbreitung und klein gehaltenen Auflage ihrer Zines, aber auch dadurch, dass sie ihre Zines sehr persönlich  – ähnlich wie  Briefe – gestalten.

Den Herausgeber*innen ist es wichtig, dass Ihre Zines nur einer begrenzten Teilöffentlichkeit zur Verfügung stehen. Diesem Umstand steht die Vorstellung von einer umfassenden Digitalisierung und unbegrenzten Online-Verfügbarkeit entgegen. Zine Librarians, die sich mit Fragen der Digitalisieriung auseinandersetzen, müssen deshalb – unseres Erachtens – nicht nur technische und rechtliche Fragen bei der Digitalisierung von Zines berücksichtigen, sondern auch ethische Aspekte. Im Projekt ,UnBoxing‘ haben wir ein Konzept zur Digitalisierung von Zines als kulturelle Artefakte entwickelt, welches auch ethische Gesichtspunkte bei der Digitalisierung von Zines berücksichtigt.

Queere Zines in der Debatte

Über diese unterschiedlichen Herangehensweisen im Umgang mit queeren Zines soll auf dem Panel am 15.9. gesprochen werden. Als Gast kommt Lisa Schug mit den Mitarbeiter*innen des AdJ ins Gespräch. Sie ist freie Mitarbeiterin beim feministischen Archiv FFBIZ und wirft einen feministisch-historischen, aber auch persönlichen Blick auf das Thema. U. a. berichtet sie von ihren Erfahrungen als Mitbegründerin von Sycamore, einem queer-feministischen Heavy-Metal-Fanzine. Das Heft bietet einerseits Schutzraum für den Austausch marginalisierter Metalfans, andererseits will es auch   Debatten innerhalb der Metal-Subkultur anstoßen. Das Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit und Intimität eines Zines lässt sich an diesem Beispiel gut ablesen. Wir freuen uns auf den Austausch!

Die Blog-Autor*innen Giuseppina Lettieri, Christian Schmidt und Daniel Schneider laden ein zum Podium „Zine: Medium zwischen Schutzraum und Öffentlichkeit“ am 15.9. um 12 Uhr im Rahmen der Feministischen Sommeruni.

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