Dirigiert und gespielt von Frauen: Neue Perspektiven auf Frauenorchester
In einem der Räume des Frankfurter Archivs Frau und Musik (AFM) gibt es eine Wand voller Regale, die allein den Nachlass der Dirigentin und Gründerin des Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik Elke Mascha Blankenburg fassen. Neben Ordnern stehen hier Videokassetten und Tonbandaufnahmen, liegen große Mappen voller Partituren sowie eine Vielzahl zusammengerollter Plakate. Und in diesen Regalen verbergen sich Schätze, wie beispielsweise ein Ordner voller Korrespondenzen von verstorbenen Komponistinnen.
Manches davon ist schon erfasst und digitalisiert, auch dank vorheriger DDF-Projektförderungen wie 2018 oder 2022. Doch vieles wartet noch darauf, entdeckt zu werden.
Elke Mascha Blankenburg war Dirigentin, setzte sich – auch aufgrund eigener Erfahrungen von Widrigkeiten als Frau im klassischen Musikbetrieb – für eine Verbesserung der Situation von Musikerinnen und Komponistinnen ein. 1977 verfasste sie in der Emma den Artikel Vergessene Komponistinnen und gab damit auch einen Anstoß zur Gründung des Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik, aus dem später das Archiv Frau und Musik hervorgeht. Und sie gründete cirka ein Jahrzehnt später das, wie sie es nennt, „einzige professionelle Frauensymphonieorchester in Deutschland “.
Teile des noch zu erfassenden Nachlasses Blankenburgs sind ebendiesem Unterfangen gewidmet: Materialien aus Gründungs- und Entwicklungsjahren des Clara-Schumann-Orchesters. Mithilfe von Korrespondenzen, Programmheften, einer großen Anzahl von Presseartikeln und Audio- sowie Videoaufnahmen setzt sich schon seit Januar für die Projektmitarbeiterinnen Stück für Stück ein Puzzle des Orchesters zusammen.
Neben dem Clara-Schumann-Orchester steht im diesjährigen Projekt noch ein zweiter Klangkörper im Zentrum, der sich schon fast der dritten Welle der Frauenbewegung zuordnen lässt: das 2007 gegründete Frauenorchesterprojekt Berlin. Vorlässe von Gründerinnen, Musikerinnen sowie der Dirigentin des Orchesters und AFM-Vorstandsmitglied Mary Ellen Kitchens bilden somit einen weiteren Schwerpunkt des aktuellen DDF-Projekts.
„Insgesamt möchte ich gern wissen, was für Musik es von Frauen gibt, und mich nicht mit dem weithin gepflegten Vorurteil hinsichtlich deren Zweitklassigkeit aufhalten “, so Gründerin und Kontrabassistin des Frauenorchesterprojekts Gudrun Schnellbacher auf der Website des Orchesters. Gemeinsam mit anderen Musikerinnen des schwul-lesbisch-queeren Sinfonieorchesters concentus alius realisierte sie nach einem „Damenwahl-Konzert“ mit einem Programm, das ausschließlich Komponistinnen abbildete, ein eigenes Projekt. Dieses verschrieb sich fortan vollumfänglich dieser Idee: Das Frauenorchesterprojekt Berlin war geboren und geht 2026 schon in seine 19. Iteration.
Innerhalb dieser Zeit sammelten sich eine Vielzahl von Materialien, die den Projektmitarbeiter*innen eine fundierte Grundlage geben, um auch dieses Orchester, seine Musikerinnen sowie Geschichte besser zu verstehen.
1979 entstand das AFM in Frankfurt am Main. Es ist mit rund 31.000 Medieneinheiten das umfangreichste internationale Archiv für Werke von Komponistinnen und andere Zeugnisse des kulturellen Handelns von Frauen in der Musik. Zu seinem Bestand zählen neben Noten, Publikationen und Handschriften auch Archivalien und Instrumente.
Das DDF-Projekt vom AFM ist am 1. Januar 2025 gestartet und hat eine Laufzeit von 12 Monaten. Innerhalb des Projekts werden neben Erfassung und Digitalisierung der Materialien, Interviews mit ehemaligen und aktiven Musikerinnen angefertigt. Zusammen sollen sie inhaltliche Grundlage für zwei Essays darstellen, die neben Kurzclips der Interviews zum Projektende veröffentlicht werden – für mehr Frauenmusikgeschichte im DDF.
Ausgewählte Beiträge vom AFM im DDF:
