Bewegte Geschichte

veröffentlicht 13. September 2019

100 + 50 + DDF

Der Onlinegang des DDF kam gerade rechtzeitig: In den darauffolgenden Monaten jährte sich das Jubiläum 100 Jahre Frauenwahlrecht. Zu diesem Festjahr ging die neue Adresse für Frauen- und Lesbengeschichte ins Netz.

Weibliche Geschichtsschreibung war und ist ein Politikum: In der allgemeinen Geschichtsschreibung waren und sind Dokumente von Lesben- und Frauenbewegungen nicht archivwürdig. Das Motto des i.d.a.-Dachverbandes lautet deshalb: Frauen machen Geschichte. Dafür streitet der i.d.a.-Dachverband seit Jahrzehnten. Zur Expertise von i.d.a. gehört mit dem DDF nun auch die digitale Sicherung und Präsentation von Geschichte, #frauenmachengeschichte wurde zur Klammer für feministische Geschichte im Netz.

Der Festakt mit Onlinegang am 13. September 2018 fand auf den Tag genau 50 Jahre nach dem legendären Tomatenwurf statt. Der Protest richtete sich dagegen, dass Männer die politische Rede halten und Frauen allein für die Kinderbetreuung zuständig sind. Die Verteilung von politischer Rede und Macht und die Verteilung von Sorgearbeit – das sind Themen von Frauenbewegung und -politik bis heute, daran erinnert das DDF.

Von Null auf Hundert

Nur gut zwei Jahre vor dem Onlinegang war das DDF-Projekt im Juli 2016 gestartet: In Berlin wurde die DDF-Geschäftsstelle mit derzeit 12 (Teilzeit)Mitarbeiter*innen aufgebaut. Die ersten Projekte begannen mit der Digitalisierung: Über den DDF-Projektfonds erhalten i.d.a.-Einrichtungen Förderung für Digitalisierungen und liefern so das Material, das im DDF präsentiert wird. Bücher und Zeitschriften, teils unveröffentlichte Originaldokumente wie Briefe, Fotos und persönliche Gegenstände aus z.B. privaten Nachlässen von feministischen Wegbereiterinnen machen die vielfältigen Perspektiven der Frauenbewegung erfahrbar.

Einfach blättern: z.B. in über 140 Ausgaben der Zeitschrift Liebende Frauen, die das Archiv Spinnboden für das DDF digitalisiert hat.

So kann im DDF etwa im Tagebuch der Aktivistin und Politikerin Minna Cauer, die sich als Vertreterin des radikalen Flügels der Frauenbewegung für das Frauenwahlrecht eingesetzt hat, geblättert werden, oder in über 140 Ausgaben (!) der Zeitschrift Liebende Frauen, die ab 1927 in Berlin erschienen ist. Mit dem direkten digitalen Zugriff auf Archivobjekte, die analog nicht jede*r in die Hand nehmen kann, will das DDF Interesse am Original wecken und die Bedeutung feministischer Archivarbeit vor Augen führen: Nur was erfasst und archiviert ist, kann wiederentdeckt werden und Geschichtsschreibung verändern.

Meilensteine

Das erste Jahr seit dem Onlinegang war ereignisreich: Zwei Tage nach dem Festakt lud der i.d.a.-Dachverband mit seinem DDF zur Feministischen Sommeruni 2018, 1.000 Teilnehmende waren dabei. Im Oktober 2018 veröffentlichte das DDF seine Rechtebroschüre: Das geballte Wissen aus der Digitalisierung in den i.d.a.-Einrichtungen gibt es kostenfrei zum Download. Im Januar 2019 starteten die (für den Projektzeitraum bis Ende 2019) letzten Digitalisierungsprojekte in i.d.a.-Einrichtungen. Auf Initiative und mit Unterstützung seines Wissenschaftlichen Beirats lud das DDF im März die Wissenschaft zum Vernetzungsworkshop. Ende Juni eröffnete die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. in Leipzig in Kooperation mit dem DDF das Doppeljubiläum von Friedlicher Revolution und ,Wiedervereinigung‘ mit der Feministischen Sommeruni 2019.

Das interaktive Akteurinnen-Netz im DDF zeigt Verbindungen und bietet sich an zu Navigation.

Was vor einem Jahr im DDF-Portal zu sehen war, war eine erste Auswahl aus den Beständen von i.d.a.-Einrichtungen. Seit dem Onlinegang wurden sowohl die Texte über Themen und Akteurinnen als auch die digitalen Daten verdoppelt. Im DDF werden diese Daten zu Akteurinnen zu einem interaktiven Navigationsnetzwerk, dass sich bewegt.

Das DDF ist ein großer Meilenstein der Frauenbewegung und ihrer Erinnerungsarbeit – doch die Digitalisierung feministischer Geschichte steht erst am Anfang. Es gibt noch sehr viel mehr Schätze in den feministischen Bibliotheken und Archiven. Und: es werden immer mehr. Denn Lesben- und Frauenbewegungen sind lebendig, vielfältig – und ihr Wissen, ihre Errungenschaften sind unverzichtbar für die Gesellschaft.

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