Als Tschernobyl Mütter politisierte
Die feministische Kritik an der atomaren Bedrohung spielte bereits bei den Protesten gegen den Nato-Doppelbeschluss ab 1979 eine zentrale Rolle. Mit dem Reaktorunfall vom 26. April 1986 gelangte das Thema Atomenergie und die von ihr ausgehende Gefahr erneut ganz oben auf die feministisch-ökologische Agenda in den Frauenbewegungen der Bundesrepublik und der DDR.
Mütter mobilisieren
In Folge der Reaktorkatastrophe gründeten sich bundesweit zahlreiche neue Frauengruppen, die sich für den Ausstieg aus der Atomkraft einsetzten. Dazu zählten unter anderem Aktion stillender Mütter, Gruppe Frauenfrühstück Berlin, Fraueninitiative gegen Atom- und Gentechnologie und Mütter gegen Atomkraft. In der DDR widmeten sich vor allem die Frauen für den Frieden in Ost-Berlin, Eisenach und Magdeburg dem Super-GAU.
„Es waren die Mütter, die nach Tschernobyl am radikalsten realisiert haben, was passiert ist“, konstatierte die Philosophin Annegret Stopczyk. Tatsächlich erfolgte die Auseinandersetzung in beiden deutschen Staaten aus der Position der Mutter. Sie ist das Resultat einer strukturell und symbolisch zugeschriebenen Zuständigkeit für Sorgearbeit innerhalb der Familie, einschließlich Ernährung und Erziehung der Kinder.
Aus dieser Rolle bezogen die Frauen eine Position der Stärke, wie das Schreiben der Hallenser Frauen für den Frieden an Erich Honecker zeigt: „Täglicher Umgang mit Menschen in Verantwortung und Fürsorge […] führt wahrscheinlich zu einem anderen Schwerpunktdenken, als es politischen und wirtschaftlichen Verantwortlichen eigen ist.“
Frauen mit Kindern traten aus der Vereinzelung, sammelten und teilten Informationen über die Auswirkungen der Verstrahlung und unterstützten sich bei der alltäglichen Bewältigung der Krise. Vor allem Mütter waren mit einer verstärkten Arbeitsbelastung im Haushalt konfrontiert: mehrmaliges Duschen der Kinder, zusätzliche Wäsche, die Suche nach nicht kontaminierten Lebensmitteln.
Schwangere Frauen waren aufgrund der mangelhaften Informationspolitik besonders verunsichert. Bereits hier zeigte sich der Gender Health Gap: Grenzwerte orientierten sich am idealtypischen Durchschnittsmenschen – männlich, gesund, nicht schwanger. Die Journalistin Ingrid Strobel verwies zudem auf die Bedeutung von Klasse und Herkunft beim Zugang zu Schutzmaßnahmen.
„Latentes Mißtrauen gegen Mütter“
Unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe flammten Debatten über die Ursachen auf. Westliche Ökofeministinnen wie Maria Mies und Claudia von Werlhof kritisierten die „Maschinen-Männer“ und den von ihnen praktizierten Machbarkeitswahn. Die differenzfeministische Kritik verband Technikkritik mit Patriarchatskritik, während radikalfeministische Positionen das patriarchale Machtverhältnis als zentrale Ursache sahen.
Die starke Positionierung von Müttern als politische Subjekte rief innerhalb der Bewegung auch Polemik („Tschernobyle Muttertier“) und Ablehnung hervor. Waltraud Schoppe beklagte das „latente Mißtrauen gegenüber Müttern“. Vor allem bei autonomen Feminist*innen standen sie unter Verdacht, ein essentialistisches Frauenbild zu vertreten.
Verstrahlte Blumensträuße und Eingaben
Über den Sommer 1986 fanden in der Bundesrepublik zahlreiche öffentlichkeitswirksame Protestaktionen statt. Am Muttertag legten mehrere hundert Frauen auf dem Marienplatz ‚verstrahlte‘ Blumensträuße nieder. Auch im Folgejahr mobilisierten Gruppen zu Demonstrationen und Streikaktionen.
Solche Aktionen und öffentliche Debatten waren in der DDR nicht möglich. Lediglich die Literatur bot einen Raum, das Thema kritisch aufzugreifen. 1987 verarbeitete Christa Wolf Tschnernobyl in ihrem Roman Störfall. Den Frauen für den Frieden Eisenach gelang es, über eine Eingabe einen Gesprächstermin im Oktober 1986 beim Institut für Atomsicherheit und Strahlenschutz zu erhalten. Die Institutsmitarbeiter versuchten, die Folgen der Havarie herunterzuspielen und die Sicherheit der DDR-Kernkraftwerke zu betonen. Ursachen wie „Verantwortungslosigkeit“ oder „Unwissen“ seien dort undenkbar.
Krise ist weiblich
Tschernobyl wirkte in Ost und West als Katalysator für feministische Kritik an Atomenergie und Fortschrittsgläubigkeit. Vor allem Mütter traten als politische Kraft hervor: Sie waren es, die mobilisierten, sich organisierten, Wissen teilten und die unmittelbaren Folgen der Katastrophe im Alltag bewältigten.
Die Auseinandersetzung mit der Reaktorkatastrophe machte nicht nur Risiken von Technologie sichtbar, sondern auch strukturelle Ungleichheiten – etwa entlang von Geschlecht, Klasse und Zugang zu Wissen. Zugleich zeigt aktuell der Blick auf die Corona-Pandemie, dass diese Fragen geblieben sind: Auch hier wurde Care-Arbeit zur zentralen, oft unsichtbaren Ressource gesellschaftlicher Krisenbewältigung.
Die damaligen Erfahrungen verweisen damit auf eine Kontinuität – und auf die politische Dimension von Fürsorgearbeit, die bis heute nicht eingelöst ist.
