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Aktivist*innen der Sexarbeit

verfasst von
  • Claudia Liedtke
  • Linda Unger
veröffentlicht 12. Dezember 2024
Wie wirken sich gesetzliche Regelungen auf Sexarbeitende aus, welche Entwicklungen sind in den vergangenen Jahrzehnten zu beobachten und welche aktivistischen Formen nutzen Sexarbeitende, um sich für ihre Rechte einzusetzen? Diesen Fragen widmet sich das diesjährige DDF-Projekt von Madonna, Archiv und Dokumentationszentrum SEXARBEIT in Bochum.
Schlagworte
  • Feminismus
  • Aktivismus
  • Prostitution
  • Politik

Vielfältig und komplex ist der Aktivismus von Sexarbeitenden. Dies zeigt das diesjährige DDF-Projekt von Madonna, Archiv und Dokumentationszentrum SEXARBEIT in Bochum, mit dem Titel „Aktivist*innen der Sexarbeit“. Thematisiert werden darin neben der internen Reflexion und dem Umgang mit unterschiedlichen Privilegien, Erfahrungen, Interessen und Marginalisierungen von verschiedenen Sexarbeitenden. Genauso geht es auch um die Kämpfe seit 2013 angesichts juristischer Entwicklungen wie dem Prostituierten Schutzgesetz. Wer wird dabei gesehen und gehört, was wurde erkämpft – und wer beziehungsweise was nicht? Welche Strukturen und Erfahrungen fordern die Aktivist*innen besonders und welche überfordern? 

Für das Projekt führt Claudia Liedtke Interviews mit aktiven und ehemaligen Sexarbeitenden aus Berlin, Leipzig und Essen. Eine von ihnen ist Pieke Biermann, Autorin des Standardwerks Wir sind Frauen wie andere auch – Prostituierte und ihre Kämpfe. Archivalien werden zur Nachzeichnung historischer Beispiele und Entwicklungen nutzbar gemacht. Auch können neue Materialien aus den Beständen verschiedener Aktivist*innen ins Archiv aufgenommen werden. Ruth Martini und Dr. Joana Hofstetter beschäftigen sich als Essay-Autorinnen mit historischen Beispielen und recherchieren dafür im Madonna-Archiv: Ruth Martini betrachtet die Geschichte eines geplanten genossenschaftlichen Bordells als Form von Aktivismus, während Joana Hofstetter die Entwicklungen der Sexarbeitenden-Bewegung nach 2013 in den Blick nimmt.  

Das genossenschaftliche Bordell ist ein Projekt, für das sich in Bochum von Mitte der 1990er- bis zu Beginn der 2000er-Jahre Frauen bei Madonna e.V. einsetzen. Zunächst gibt es auch Unterstützung von Kommunalpolitik und Wirtschaft. Sexarbeitende sollten die Möglichkeit erhalten, selbstbestimmter und mit größerem finanziellen Ertrag zu arbeiten, ohne sich nach damaliger Gesetzgebung strafbar zu machen. Obwohl das Projekt letztlich nicht zustande kommt und der Entwurf von einem Bordellbetreiber nach klassischem Modell umgesetzt wird, gibt es bis heute auch erfolgreiche Bestrebungen, Sexarbeit genossenschaftlich zu organisieren. Die Erfahrungen und Ideen der Aktivist*innen in Bochum bieten dafür wichtige Informationsquellen. 

madonna Abschlussveranstaltung ddf-projekt2024
Linda Unger/Madonna-Archiv
Lizenz
Rechte vorbehalten - Freier Zugang
Das Foto zeigt am 8. November 2024 bei der DDF-Projektabschlussveranstaltung die Schauspielerin Hella-Birgit Mascus im Archivraum von Madonna e.V. lesend vor Publikum. Im Hintergrund sind in Form von Bildern und Skulpturen Selbstbildnisse von Sexarbeiterinnen ausgestellt.

Auch bei der Abschlussveranstaltung am 8. November kommen Sexarbeitende selbst zu Wort. Die Schauspielerin Hella-Birgit Mascus hat Ausschnitte aus Wir sind Frauen wie andere auch – Prostituierte und ihre Kämpfe, aus der Zeitschrift Packungsbeilage, die von Sexarbeiterinnen im Rahmen einer EDV-Fortbildung bei Madonna e.V. erstellt wurde, und aus dem Blog der Sexarbeiterin Lillia Rubin gelesen. In einer Diskussionsrunde äußern sich Sexarbeitende mit unterschiedlichen Bezügen zum Aktivismus, aus verschiedenen Altersgruppen, Lebens- und Arbeitssituationen. Außerdem können die Ergebnisse der Essay-Recherchen vorgestellt werden.  Bei der gut besuchten Veranstaltung diskutiert das Publikum mit. Damit bildet diese ein breites, wenn auch nicht umfassendes Spektrum an Erfahrungen, Perspektiven und Bedürfnissen ab, von Motiven und Möglichkeiten zum Aktivismus und – bei aller Vielfalt – gemeinsamen Zielen und Solidaritäten.

Im Jahr 2000 eröffnet der Verein Madonna auch das Madonna-Archiv für eine umfassende Anlaufstelle für Forschende. Durch die direkte Anbindung an den Verein Madonna ist so eine Vernetzung mit Akteur*innen der Sexarbeit möglich. Das Madonna-Archiv enthält unter anderem eine Präsenzbibliothek, eine Mediathek und eine Fotothek und ist für alle Interessierten kostenfrei für die Vorort-Recherche geöffnet.

Das DDF-Projekt vom Madonna-Archiv ist am 1. Januar 2024 gestartet und hat eine Laufzeit von 12 Monaten. Neben den Zeitzeug*inneninterviews mit Sexarbeitenden entstehen Essay zur Geschichte eines geplanten genossenschaftlichen Bordells sowie zur Sexarbeitenden-Bewegung nach 2013. Materialien werden erfasst, digitalisiert, Interviews werden transkribiert und Rechte geklärt – für noch mehr Sichtbarkeit von Sexarbeiter*innen in der feministischen Bewegungsgeschichte.

Ausgewählte Beiträge vom Madonna Archiv im DDF:

  • Madonna e.V. - Verein zur Förderung der beruflichen und kulturellen Bildung von Sexarbeiterinnen
  • Von der Zwangsuntersuchung zum Willkommen in der Gesundheitsversorgung
  • Arbeitsrealitäten in der Sexarbeit
Stand: 12. Dezember 2024
Lizenz (Text)
CC BY-SA 4.0
Verfasst von
Claudia Liedtke
Historikerin, engagiert im Madonna-Archiv Bochum seit 2017. Leiterin des Projekts  „Aktivist*innen der Sexarbeit“
 
Linda Unger
Historikerin, Aktivismus-Coach, Buchhändlerin. Mitarbeiterin im Projekt „Aktivist*innen der Sexarbeit.“
Empfohlene Zitierweise
Liedtke, Claudia/Unger, Linda (2024): Aktivist*innen der Sexarbeit, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/blog/aktivistinnen-der-sexarbeit
Zuletzt besucht am: 11.12.2025
Lizenz: CC BY-SA 4.0
Rechteangabe
  • Liedtke, Claudia
  • Unger, Linda
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
  • CC BY-SA 4.0
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