50 Jahre „Der ,kleine Unterschied‘ und seine großen Folgen“ – ein Meilenstein der Frauenbewegung
Alice Schwarzer hat mit ihrem 1975 erschienenen Buch Der ,kleine Unterschied‘ ein prägendes Werk der westdeutschen Frauenbewegung geschaffen. Der folgende Beitrag von DDF-Historikerin Dr. Jessica Bock würdigt die historische Wirkung des Buches aus feministischer Perspektive – heutige kontroverse Positionen der Autorin werden hier nicht behandelt.
Es waren Stimmen und Erzählungen wie diese, die beim Erscheinen des Buches Der ,kleine Unterschied‘ 1975 die damalige Öffentlichkeit erschütterten – und auch empörten:
„Sexuell habe ich dabei gar nichts gar nichts empfunden. Die Sache war mir nur unangenehm, und ich dachte, hoffentlich hast du es bald hinter dir!“ (S. 65)
„Na, und wenn der zu Hause war, dann hatte ich mit allem fertig zu sein, hatte ihm zur Verfügung zu stehen.“ (S. 130)
„Diese Demütigung. Diese Identitätslosigkeit. Dieses Verstummen. Diese Unterdrückung. (…) [W]enn ich mein Leben so höre, dann war es immer dasselbe.“ (S. 161)
Mit ihrem Buch zertrümmerte Alice Schwarzer gleich mehrere Gewissheiten der bundesdeutschen Gesellschaft: die der glücklichen Hausfrau und die der sexuell befreiten Frau.
Feministischer Zeitgeist der 1970er-Jahre
Schwarzer war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung 32 Jahre alt und hatte als Autorin bereits öffentliche Bekanntheit erreicht. Als Journalistin schrieb sie für verschiedene Tageszeitungen und Magazine. 1971 initiierte sie nach französischem Vorbild die Kampagne „Ich habe abgetrieben“, die zu einer starken Mobilisierung der neuen Frauenbewegung führte. Zwei Jahre später veröffentlichte sie mit Frauenarbeit-Frauenbefreiung eine feministisch-kritische Analyse über die Bedeutung der von Frauen (un-)bezahlt geleisteten Arbeit. 1975 führte sie mit der Schriftstellerin Esther Vilar ein medienwirksames Streitgespräch im Fernsehen. Der ,kleine Unterschied‘ machte Schwarzer zu einer der bekanntesten und umstrittensten Feminist*innen der Bundesrepublik Deutschland.
Während der S. Fischer Verlag die Startauflage von ca. 10.000 Exemplaren druckte, erlebte die neue Frauenbewegung nach einem ersten Höhepunkt eine große Niederlage: Im Februar 1975 hatte das Bundesverfassungsgericht die erkämpfte Fristenlösung für verfassungswidrig erklärt. Ein Jahr später trat die Indikationslösung in Kraft.
Trotz dieses Misserfolgs setzte sich Mitte der 1970er-Jahre die Mobilisierung und Ausdifferenzierung der neuen Frauenbewegung fort. Die UN erklärte das Jahr 1975 zum Internationalen Jahr der Frau. Vom 19. bis 22. Juli 1975 fand in Mexiko-Stadt zum ersten Mal eine UN-Weltfrauenkonferenz statt. Feministische Debatten erhielten mit dem Erscheinen von Verena Stefans Häutungen oder Susan Brownmillers Gegen unseren Willen neue Impulse. Und Alice Schwarzer formulierte kämpferisch und optimistisch im Untertitel von Der ,kleine Unterschied‘: „Frauen über sich. Beginn einer Befreiung“.
Spiegel weiblicher Realitäten als Bestseller
In ihrem Buch versammelt sie insgesamt 17 Protokolle. Die von ihr interviewten Frauen sind hauptsächlich weiß und heterosexuell sowie bis auf eine Ausnahme zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig Jahre alt. Der überwiegende Teil hat im Durchschnitt zwei bis drei Kinder. Soweit ersichtlich haben weniger als die Hälfte einen Universitätsabschluss. Fünf Personen sind Hausfrauen, eine ist Prostituierte. Sofern die Frauen einen Beruf ausüben, handelt es sich um Tätigkeiten, die damals überwiegend von Frauen ausgeübt werden: Putzkraft, Sekretärin oder Stenotypistin.
In den Protokollen erzählen die Frauen sehr persönlich über ihr Leben, über ihre Herkunft und Sozialisation. Den Schwerpunkt ihrer Erzählungen bildet ihre Sexualität, denn sie bildet nach Ansicht Schwarzers den „Angelpunkt in der Frauenfrage“. So meint sie im Buch: „Sexualität ist zugleich Spiegel und Instrument der Unterdrückung der Frauen in allen Lebensbereichen.“ (S. 10) Ihre Grundthese lautet: „Biologie ist nicht Schicksal, sondern wird erst dazu gemacht. Männlichkeit und Weiblichkeit sind nicht Natur, sondern Kultur.“ (S. 179) Damit knüpft Alice Schwarzer an das Diktum von Simone de Beauvoir an und legte den Akzent auf die gesellschaftliche Unterdrückung („Geschlechterdrill“) der Frauen.
Das offene Sprechen über das als trostlos erlebte Hausfrauendasein, die Brutalität und Ignoranz der (Ehe-) Männer im Bett und die multiplen Abhängigkeiten der Frauen war ein damals unerhörter Tabubruch und löste ein heftiges Beben in der bundesdeutschen Gesellschaft aus. Schwarzer gelang es, ohne einen verkopften theoretischen Überbau oder akademisierte Sprache das Geschlechterverhältnis als ein patriarchales Gewaltverhältnis zu entlarven – und damit erreichte sie ein Millionenpublikum.
Die erste Auflage war rasch vergriffen. Der ,kleine Unterschied‘ avancierte zum Beststeller und wurde in 13 Sprachen übersetzt. Mit den Bucheinnahmen finanzierte Schwarzer die Zeitschrift EMMA und schlug damit ein neues Kapitel ihres frauenbewegten Engagements auf.
Das Buch hat zweifellos zu der Entstehung eines feministischen Bewusstseins der Frauen – und auch einiger Männern – beigetragen. Die Berichte gaben den Leser*innen eine Sprache zur Hand, die ihnen half, eigene Worte für ihre persönliche Situation zu finden. Zwar hat sich in dem letzten halben Jahrhundert viel für die Emanzipation und Gleichberechtigung der Frauen getan – doch gerade jetzt, durch das Erstarken politisch rechter Positionen, erleben wir momentan eine Rückkehr in alte Geschlechterklischees und sind somit weiter denn je von Schwarzers hoffnungsvoll attestierten Befreiung entfernt.