„Wer ist die Nächste?“

Die Folgen von Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion waren für die Frauen in DDR und Ostdeutschland einschneidend – und doch nicht einheitlich. Die feministische Bibliothek MONAliesA arbeitet die vielschichtigen Erfahrungen auf.
Warnstreik der Sirokko GmbH in Neubrandenburg am 4.7.1990
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Der politische und ökonomische Umbruch 1989/90 stellte das Leben von Frauen auf den Kopf. Sichere Arbeitsverhältnisse wurden aufgekündigt und Kinderbetreuung zur Privatangelegenheit. Das Ringen um Erwerbsarbeit und Plätze in Kindertagesstätten wurde zum zentralen Anliegen der Frauen Anfang der 90er Jahre.

Als größte ostdeutsche Bibliothek zu Frauen- und Genderthemen widmet sich MONAliesA diesem wichtigen wie marginalisierten Aspekt der Frauenbewegungsgeschichte und bereitete einen Teil ihres Archivbestands im Rahmen einer DDF-Projektförderung auf. Entstanden sind zahlreiche Interviews mit Akteurinnen aus der DDR über ihr Erleben dieser spannungsreichen Zeit, eingebunden in eindrückliche Essays. 

Die Historikerinnen Karin Beckmann und Pia Marzell waren 2019 Teil des Projektteams. Im Gespräch mit dem DDF betonen sie die Relevanz von Zeitzeuginnengesprächen und Generationendialogen, die erst eine vielschichtige Geschichtsschreibung und -vermittlung zu 30 Jahren Einheit ermöglichen.

Im Rahmen eines DDF-Projekts hat MONAliesA 2019 intensiv zu Frauen im Umbruch und Transformationsprozess gearbeitet. Welche Themen waren euch wichtig und warum?  

Pia Marzell: Es gibt über die Wendezeit ja ganz starre Narrative von der Frau als ‚Wendeverliererin‘ oder dem Gegennarrativ der ‚Wendegewinnerin‘. Diese Erzählungen lassen kaum Ambivalenzen zu. Uns hat interessiert, wie die Frauen das konkret erlebt haben. Dazu haben wir drei Blöcke erarbeitet: Kinderbetreuung, Erwerbsarbeit und die Verbindung davon, also wie Kindergärtnerinnen und Erzieherinnen mit der Transformation umgegangen sind. Ich habe mich vor allem mit den Arbeitsbiografien beschäftigt und dafür mit Frauen gesprochen, die selbst Erzieherinnen in der DDR waren. Ich war begeistert und gerührt, wie und wie gern die Frauen erzählt haben. Ihre Berichte haben so gar nicht in die starren Narrative gepasst, sondern viele Ambivalenzen offengelegt. 

Karin Beckmann: Ein wichtiger Antrieb ist für uns, eine alternative Geschichtserzählung zu ermöglichen. Einmal als feministische Geschichtsschreibung, die Frauen, Trans*-Personen und Migrant*innen mitdenkt, und um eine andere Erzählung über die DDR und '89/'90 zu eröffnen. Eine gängige Erzählung ist, zugespitzt gesagt, dass die ganze DDR-Bevölkerung den Beitritt zur Bundesrepublik wollte, für Bananen, Geld und Westwaren. Dass es aber auch eine Phase der Utopien gab, in der Frauen von einer feministischen Gesellschaft geträumt haben und kurze Zeit dachten, diese wäre möglich, bleibt häufig unerwähnt. Genau darum geht es uns: Wir wollen Lücken schließen und schauen, was neben der bekannten Geschichtsschreibung passiert ist. Was sind die Erzählungen, die darin keinen Platz finden? Ich habe vor allen Dingen zur massenhaften Arbeitslosigkeit von Frauen aus der DDR nach '89 gearbeitet.  

Soziale Marktwirtschaft [der BRD] : [Was bedeutet das für Frauen?]. Aus Ypsilon : Zeitschrift aus Frauensicht, 1990.
Ein kinderfreundliches Leipzig : [Online Ressource]. Aus Frauenblätter. Informationen der Fraueninitiative Leipzig, 1992.

Ihr habt mehrere Zeitzeuginnen interviewt. Was kam auf die Frauen infolge der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zu? Wovon wurde euch berichtet?  

KB: Es war eine völlig neue Erfahrung für die Menschen in der DDR. Seit den 50er Jahren gehörte Arbeitslosigkeit nicht mehr zu ihrer Lebensrealität. Frauen waren 1989 zu 90 Prozent beschäftigt, ob in Arbeit, Studium oder Ausbildung. Die Gleichberechtigung war im Gesetz verankert. Wie das real aussah, ist nochmal eine andere Sache. Nach '89/'90 waren aber vor allem Frauen von der Arbeitslosigkeit betroffen, allein 1993 betrug ihr Anteil an den Erwerbslosen circa 64 Prozent. Viele Kündigungen und Abwicklungen der Treuhand trafen Bereiche, in denen überwiegend Frauen beschäftigt waren und bei Entlassungen und Einstellungen auch die geschlechtsspezifische Diskriminierung griff. Frauen wurden nicht mehr eingestellt, junge Mütter mit dem Argument „die müssen sich ja um die Kinder kümmern“ entlassen. Älteren Frauen wurde die Frührente angeboten oder aufgedrängt, teilweise bereits mit Anfang/Mitte Fünfzig. Auch die Situation der Kinderbetreuung hatte sich verschlechtert. Alle gesellschaftlichen Bereiche wurden an die Bundesrepublik angepasst, auch die sozialpolitischen. Die Frauen wurden quasi wieder an Heim und Herd gedrängt, weil ihre frauenspezifischen Arbeitsplätze geschlossen wurden oder sie aufgrund von Kindern oder Alter die Arbeit verloren. Das war ein wirklicher Backlash.

Gab es auch hier andere, abweichende, für euch überraschende Erzählungen?

PM: Ja, mich haben die starken Ambivalenzen in den Erzählungen der Erzieherinnen erstaunt. Einige haben berichtet, sie hätten sich gefreut, eine Art Pause zu haben, als die Kindereinrichtungen geschlossen wurden und sie ihren Job verloren. Viele haben das genutzt, um mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, sich auszuruhen und zu orientieren. Und gleichzeitig war diese Arbeitslosigkeit ein Schock. Es war ein totaler Bruch mit der Lebensrealität, die vorher bestand. Und auch ein Schock des schnellen gesellschaftlichen Wandels. Bemerkenswert fand ich Erzählungen zweier Frauen, die von einer Entsolidarisierung der Erzieherinnen, also der Kolleginnen untereinander berichteten. Vorher waren sie eine Einrichtung, haben an einem Strang gezogen. Durch die Schließungen sind die Einrichtungen miteinander in Konkurrenz gekommen, auch die Erzieherinnen. Es war bekannt, dass Frauen ohne Kinder, junge oder ältere Frauen direkt in die Frührente entlassen wurden. Die ganze Zeit herrschte das Gefühl von Unsicherheit. „Wer ist die Nächste?“ „Wie wird sich dann mein Leben ändern?" Gesprochen wurde darüber nicht. Und nur an einigen Stellen gab es etwa Streiks. Eine Frau erzählte von einem wilden Streik in Leipzig. Dazu konnte ich zwar keine anderen Dokumente finden, aber ohne ihren Bericht, hätten wir nie erfahren, dass es diesen Streik gab. Das zeigt, wie wichtig es ist, all diese Frauen zu befragen und ihre Erfahrungen festzuhalten. In den offiziellen Quellen finden sich diese kaum wieder.

KB: Und '89/'90 ist auch ein Aufleben passiert. Viele von Frauen, Lesben getragene Initiativen haben sich gegründet, teilweise mit der Vorstellung vom Dritten Weg, einer anderen Form des Sozialismus. Es sind also auch Freiräume entstanden, die die Frauen für sich genutzt haben. Im Zuge der Transformation erfuhren jedoch auch diese Rückschläge. So fand eine Institutionalisierung durch zum Beispiel Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen statt. Dadurch konnten manche Projekte einzelne Frauen für eine Weile anstellen. Als die Maßnahmen dann abgeschafft wurden, standen viele Projekte vor der Existenzfrage. Diese ABM-Erfahrungen haben die Frauen als prägend beschrieben. 

Wurde in den Interviews von Bezügen zur westdeutschen Frauenbewegung berichtet?

KB: Es gab Treffen '89/'90. Eine Frau, die ich interviewt habe, ist dort auch hingefahren. Und es ging recht kontrovers zu, weil die Systemunterschiede sich auch in dem jeweiligen Feminismus niedergeschlagen haben.

PM: Raymonde Will, die das Mütterzentrum in Leipzig mitbegründet hat, berichtete von einer ganz starken Verbindung zu den westdeutschen Mütterzentren. Da bestand auch gar nicht so große Konkurrenz. Die waren durchaus Vorbild. Ich glaube, bei den Themen Erziehung und Frauenleben verliefen die Streitlinien nicht so stark zwischen Ost und West, sondern auch untereinander. Hier wurde oft die Frage nach unterschiedlichen Privilegien gestellt.

Interview zum Thema Kampf um Kitaplätze 1989/90. : Mitbegründerin des Mütterzentrums Raymonde Will am 13.3.2019

Umfangreich habt ihr auch Archivmaterial gesichtet und digitalisiert. Gab es für euch besondere Fundstücke?

KB: Erneut in die Arbeiten von Christian Schenk einzutauchen, die Texte von damals zu lesen, fand ich aufregend und toll. Von ihm stammt das Zitat: „Zum ersten Mal war in der Weltgeschichte vielleicht wirklich so etwas wie eine feministische Gesellschaft möglich.“ Wie progressiv sie damals waren und welche Ideen es gab, ist beeindruckend. Es war klar: Frauen wollten zeigen, wie sie sich Gesellschaft vorstellen und diese als Frauen, Trans, Lesben, Migrant*innen auch mitgestalten.  

Im Interview Christina Schenk (heute Christian Schenk): Spitzenkandidatin des UFV zur Bundestagswahl 1990

Welchen Forschungsbedarf seht ihr weiterhin?  

KB: Uns hat das Thema Migration gefehlt. Es wird zum Beispiel wenig darüber gesprochen, wie es Vertragsarbeiterinnen ‘89/‘90 ging. Unter anderem sollten sie Deutschland verlassen, wenn sie keine Arbeit nachweisen konnten. Das Dresdner FrauenStadtArchiv arbeitet aktuell dazu. Peggy Piesche hat 2019 auch den Band Labor ‘89 herausgegeben, für den Frauen mit Migrationshintergrund aus Ost und West interviewt wurden. Aktuell arbeiten wir daran, die DDR-Zeitschriften Lernen und Handeln, Sybille, Für Dich und Zaunreiterin miteinander zu vergleichen. Dabei schauen wir, wie progressiv die jeweiligen Zeitschriften waren und wie sie die Frauenpolitik der DDR bewerten.

Viele Initiativen wurden im Umbruch gegründet. Welche Rolle spielen heute Institutionengeschichte, Generationenkonflikte und ostdeutsche Identität?

KB: Das ist ein guter Punkt. Auch die MONAliesA ist ‘89/‘90 entstanden und wird jetzt von ganz anderen jungen Feministinnen, die heute in ganz anderen Strömungen unterwegs sind, zur politischen Arbeit genutzt, für Veranstaltungen oder als Bibliothek. In der Gruppe der MONAliesA sind einige mit DDR-Sozialisation, manche ohne. Im Zuge des Projekts hat die MONAliesA gleichsam ihre Geschichte aufgearbeitet.

Wie viele andere Frauenprojekte gründete sich die MONAliesA Leipzig ebenfalls 1990. Die Postkarte wurde im Zuge der Gründung gestaltet.

PM: Ja, die Institutionengeschichten spielen eine wichtige Rolle. Ich finde, Einrichtungen, die aus dieser Zeit kommen, fehlt oft der Bezug zu Umbruchs- und Wendezeit. Ob in Leipzig oder Berlin, eine neue Generation engagiert sich, die diese nicht mitbekommen hat oder nicht aus Ostdeutschland kommt. Da ist es schwierig, diese Erfahrung zu vermitteln und Verknüpfungen durch Quellen und Begegnungen zu Frauen zu schaffen, die damals aktiv waren. Häufig habe ich das Gefühl, ist es unbequem, diese Aktivistinnen von damals auch ernst zu nehmen. Was sie zu sagen haben, wird oft nicht als interessant oder wichtig empfunden. Ich denke, wir müssen noch besser zuhören lernen. 

KB: Ich würde auch eher von Generationendialogen sprechen. Für mich war es total schön, mit den Frauen ins Gespräch zu kommen und zu hören, was sie damals alles gerockt haben, was sie damals dachten, was sie heute denken. Die Akteur*innen haben mich auch auf Begrifflichkeiten aufmerksam gemacht. Eine Person meinte, wenn von ostdeutscher Frauenbewegung gesprochen wird, negiert dies, dass es eine Bewegung der DDR-Frauen war. An solchen Begrifflichkeiten dran zu sein, eigene Überzeugungen und Erzählungen zu hinterfragen und so im Austausch zu bleiben, das ist wichtig für uns und die MONAliesA.

Die Essays zu Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit im Transformationsprozess von MONALiesA sind im DDF sowie im Dossier 30 Jahre geteilter Feminismus unter ‚Hintergrund‘ zu finden:

Stand: 01. Juli 2020
Verfasst von
Steff Urgast

Mitarbeiter*in im Digitalen Deutschen Frauenarchiv

Pia Marzell

studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Geschichte in Erlangen, Halle (Saale) und Jena. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Jena am Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte und aktiv in der feministischen Bibliothek MONAliesA in Leipzig.

Karin Beckmann

studierte Kunstgeschichte und Geschichte. Sie ist Mitarbeiterin der feministischen Bibliothek MONAliesA sowie Redaktionsmitglied der outside the box – Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik.

Empfohlene Zitierweise
Steff Urgast/Pia Marzell/Karin Beckmann (2020): „Wer ist die Nächste?“, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/30-jahre-geteilter-feminismus/wer-ist-die-naechste
Zuletzt besucht am: 01.12.2020