Warum Verhütung wichtig ist

Seit nunmehr 15 Jahren dokumentiert und vermittelt das Wiener Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch den Kampf um die selbstbestimmte Reproduktion und Verhütung. Einblick in die Sammlungs- und Forschungsarbeit gibt der Gründer Dr. Christian Fiala im DDF-Interview.
Blick in den Verhütungsraum

DDF: Das MUVS ist in seiner Konzeption einmalig. Vor welchem Hintergrund ist das Museum entstanden?

Christian Fiala: Am Anfang war das eine verrückte Idee ein Museum zu Verhütung und Schwangerschaftsabbruch. Wir haben ein Verein gegründet und ein Konto auf diesen Namen bei der Bank eröffnet und überall gab es unglaubliches Erstaunen, was das für ein komisches Ding sein soll. Heute finde ich es wirklich eigenartig, dass wir nach 15 Jahren weltweit das einzige Museum sind, das den Kampf um die Fruchtbarkeit darstellt. Die ganze Menschheitsgeschichte über bis in die 1960er war das große Hauptproblem der Menschen die natürliche Fruchtbarkeit oder wie es auch die Frauen beschrieben haben: Gebärzwang ist das Problem. 

Die Hauptbotschaft des Museums ist: Die Frauen haben die Wahl. Entweder sie kontrollieren ihre Fruchtbarkeit oder die Fruchtbarkeit kontrolliert ihr Leben. Wir dokumentieren also, wie die Menschen gelernt haben, dieses natürliche Ausmaß von etwa 15 Schwangerschaften in 35 Jahren Fruchtbarkeit im Leben einer Frau auf die individuell gewünschte Anzahl von Kindern zu reduzieren. Und das war eine der wenigen wirklichen Revolutionen in der Menschheitsgeschichte. 

Anovlar, Die erste europäische Pille, 1961 auf den (west)deutschen Markt gekommen
Quelle
Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch
Die erste europäische Pille, 1961 auf den (west)deutschen Markt gekommen.

Was ist dabei der Ansatz als Museum? 

Bis ins Jahr 2000 hat man den Menschen erklären müssen, wie man verhütet, aber sie wussten, warum sie verhüten müssen. Ungefähr seit dem Jahr 2000 hat sich das gedreht. Jetzt müssen wir den Schwerpunkt in der Sexualerziehung darauf legen zu erklären, warum Verhütung wichtig ist.

Wie lässt sich das vermitteln?

Wir haben auf der ganzen Welt Objekte gesucht und das war insofern einfach, weil wir die einzige Sammlung waren und sind. Aber es war auch schwierig, weil es ein Tabuthema war. Man muss sich vorstellen, stirbt die Großmutter, streiten sich alle um den Familienschmuck, aber wenn im Schrank unten noch eine Schachtel mit ihrem Diaphragma lag, dann wird das wahrscheinlich weggeworfen, ohne dass man das je berührt, weil man sich davor graust. Aber für die Großmutter war das Diaphragma für die eigene Lebensplanung wesentlich wichtiger als der Familienschmuck. 

Aufgrund solcher Tabus, ist es nicht einfach gewesen, diese Objekte zu sammeln. Am Anfang hatten wir große Mühe genügend Objekte zu erhalten, um die Geschichte darstellen zu können. Bei uns im Museum ist jedes Objekt der Vorwand, um die dahinterliegende Geschichte zu erzählen. Wer hat es erfunden, wie verkauft und angewendet, was hatten die Menschen für Erfahrungen und war es dann verboten oder gefördert? Diese sehr menschlichen Geschichten aus dem realen Leben, das ist eigentlich das, was wir im Verhütungsmuseum erzählen

Wie weit reichen die Objekte in der Geschichtsschreibung zurück?

Die Dokumentation der Vergangenheit richtet sich nach der Beschaffenheit oder Dauerhaftigkeit der Objekte. Kondome wurden früher aus dem Blinddarm von Schafen hergestellt. Das ist ein tierisches Produkt. Ab dem Moment, wo dieser Schafsdarm zerfällt, ist auch dieses Objekt nicht mehr darstellbar. Die Dokumentation reicht im Wesentlichen 100 Jahre zurück, teilweise etwas mehr. Darüber hinaus fehlt es an Objekten. Erst mit der Erfindung der Vulkanisierung durch den Amerikaner Charles Goodyear konnten ab den 1870er Jahren Gummikondome und -diaphragmen hergestellt werden. Für die Zeit davor sind wir eher auf schriftliche Überlieferungen reduziert. 

Das MUVS verknüpft Medizin-, Rechts-, Technik- und Sozialgeschichte. Welche Rückschlüsse lassen sich aus dieser Perspektive auf die Einführung des Abtreibungsparagraphen ziehen? 

Es ist analog in allen Ländern so, dass Restriktionen in der reproduktiven Gesundheit historisch immer im Wunsch von Machthabenden nach Bevölkerungswachstum begründet waren. Das war auch 1871 die Ursprungsüberlegung, den § 218 im neu gegründeten Deutschen Kaiserreich einzuführen. Interessanterweise gab es bis 1900 praktisch keine Abtreibungen, weil die Frauen gar keinen Schwangerschaftstest hatten. Das Gesetz war somit eigentlich sinnlos, weil es nicht umsetzbar war. Die Frauen konnten eine Schwangerschaft gar nicht früh diagnostizieren. Die Methoden waren so unglaublich gefährlich, dass es für die Frauen viel sicherer war die Schwangerschaft auszutragen und das Kind wegzugeben. 

‚In Pflege‘ gegeben sind die Kinder häufig verstorben. Der Volksmund hat das dann schönfärbend als ‚die Kinder wurden zu Engeln gemacht‘ bezeichnet, woraus der Begriff der ‚Engelmacherin‘ entstand. Deshalb gab es bis 1920 so eine hohe Kindersterblichkeit. Natürlich war auch die Hygiene schlecht, aber im Wesentlichen, weil die ungewollten Schwangerschaften ausgetragen wurden und bei ‚Engelmacherinnen‘ verstarben. Aufgrund der großen Armut, war es auch nicht bestraf- oder von Staatswegen verhinderbar. Etwa 1900/1920 hat diese ‚Berufsgruppe‘ der ‚Engelmacherin‘ gelernt, Abbrüche vorzunehmen. Geburtenrate und Kindersterblichkeit sanken, weil mehr Abtreibungen durchgeführt wurden.

In der Folge heißt das, das Gesetz von Wilhelm I. und entsprechende Gesetze auch in Österreich von Kaiserin Maria Theresia zum Verbot des Abbruchs waren mehr eine Symbolhandlung. Erst ab Anfang des 20. Jahrhunderts sind die Gesetze plötzlich relevant geworden, denn jetzt gab es Techniken, einen Abbruch durchzuführen und damit gab es sehr viele Verfolgungen. Da wurden Ärzte, die Engelmacherinnen und die Frauen verfolgt, wenn sie einen Abbruch durchgeführt haben.

Gibt es Überlieferungen für den NS-Zeitraum?

Im NS-Staat hat auch Hitler die Verhütung und den Abbruch verschärft und verboten. Kondome waren auch verboten, nur für die Wehrmacht, damit die Soldaten sich nicht bei den Prostituierten mit Gonorrhoe ansteckten und aufgrund des häufigen Harndrangs militärisch insuffizient wurden. Alle Militärs, alle Armeen der Welt haben Programme gegen sexuell übertragbare Infektionen und fürchten sich sehr davor. Deshalb waren die Kondome im NS-Staat für Soldaten quasi vorgeschrieben, aber in der Zivilbevölkerung verboten.

Die Abtreibung wurde auch unter die Todesstrafe gestellt. Die letzte Frau, die in Wien hingerichtet wurde, weil sie Abteibungen durchgeführt hat, ist im Januar 1945 exekutiert worden. Darüber haben wir Dokumente. Diese Todesstrafe der Abtreibung unter Hitler war nicht nur theoretisch, sondern wurde ganz real exekutiert.

Dublosandose
Quelle
Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch
Im Zweiten Weltkrieg sollte Dublosan die deutschen Soldaten vor Geschlechtskrankheiten schützen. Dublosan gab es sowohl als Salbe in Tuben und als Kondome.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war das Verbot der Abtreibung weiterhin in Kraft. Es gab Lockerungen, wenn Frauen vergewaltigt worden sind, aber nur, wenn die Vergewaltigung von einem sowjetischen Soldaten erfolgte oder durch einen schwarz-afrikanischen Soldaten der Amerikaner, der Franzosen oder der Engländer. Nur dann gab es eine Ausnahmeregelung. War der Vergewaltiger ein weißer Europäer, war die Frau gezwungen, die Schwangerschaft auszutragen. Die Verordnungen waren teilweise inoffiziell, aber wir haben entsprechende historische Dokumente. Das ist absolut gesichert. 

Vergewaltigungen durch alliierte Soldaten waren ein Massenphänomen. Aber das war kein Thema in den Medien, die auch von den Alliierten kontrolliert waren. Inzwischen gibt es einige historische Aufarbeitungen über die sehr vielen Kinder, die entstanden sind als Folge dieser Vergewaltigungen. 

Sehr viele Frauen wollten die Schwangerschaft nicht austragen. Zum Beispiel haben wir in Tübingen eine Doktorarbeit gefunden von 1946. Der damalige angehende Arzt hatte die Aufgabe, die Berechnungsmethode von Knaus und Ogino über den Eisprung anhand dieser Fälle zu überprüfen und zu klären, ob die Schwangerschaftsdauer mit dem Vergewaltigungszeitraum zusammenpassen würde. Es gab damals ja noch keinen Ultraschall. Aus der Situation der vergewaltigten Frauen, wurde zynischerweise rückwirkend versucht, eine wissenschaftliche Arbeit zu machen. 

Durch hartnäckige Recherche haben wir inzwischen auch Schriftstücke gefunden, in denen Ärzte in den Krankenhäusern angewiesen wurden, Abtreibungen nach Vergewaltigungen durchzuführen. Um zu überprüfen ob tatsächlich eine Vergewaltigung stattgefunden hat, gab es schriftliche Anweisungen, dass die Erzählungen der Frauen ‚glaubhaft sein mussten‘. Entweder es waren zu dem beschriebenen Zeitpunkt in der Gegend bekanntermaßen russische Soldaten vor Ort oder die Bürgermeister bestätigten per Vollmacht, dass bei der Frau eine Vergewaltigung durch einen russischen Soldaten stattgefunden hatte. 

Die Frauen befanden sich damit in großer Abhängigkeit. Damit Frauen das Schreiben erhielten, mussten sie sich offenbaren, ihre Geschichte x-mal erzählen, wurden sozial geächtet und waren letzten Endes auch erpressbar damit. Das zeigen sehr viele Gerichtsakten aus diesen 30 Jahren, die wir aufgearbeitet haben. Auch das ist eine widerliche Folge des Verbotes der Abtreibung.

Das MUVS betreibt auch historische Forschung. Was sind Ihre aktuellen Projekte?

Der österreichische Gynäkologe Hermann Knaus und der japanische Gynäkologe Ogino hatten in den 1920er Jahren das erste Mal richtigerweise festgestellt, wann Frauen einen Eisprung haben. Wir haben aufgrund historisch erstmaliger Recherchen die erste Biografie über Hermann Knaus verfasst. Und wir führen ein Dokumentationsarchiv darüber, wie die Menschheit entdeckt hat, wann Frauen einen Eisprung haben. Das scheint heute selbstverständlich, wurde aber erst vor 90 Jahren wirklich zuverlässig entdeckt.

Jetzt arbeiten wir daran, die Nachkriegszeit aufzuarbeiten. 1945 bis zur Legalisierung des Abbruchs in den 1970er Jahren. Sehr viele Frauen haben schwerwiegende Komplikationen von den verbotenen Abbrüchen erlebt. Überhaupt gab es viele Neugeborene, die von den Frauen in ihrer unglaublichen Verzweiflung ,entsorgt‘ wurden. Und diese Zeit wird interessanterweise total vergessen. Wir sind bei sehr vielen historischen Dokumenten die ersten, die sich das überhaupt ansehen. Es ist aber so wichtig, dass man versteht, warum der Schwangerschaftsabbruch in den 1970-er Jahren legalisiert gehört, primär aus Sorge um die Gesundheit und das Überleben von Frauen. Und das versuchen wir historisch herauszuarbeiten. 

Eine zweite Forschung, die wir derzeit machen, ist zu einem ganz aktuellen Thema: Das ist die Hormonskepsis, die recht weit verbreitet ist und dazu führt, dass viele Frauen sich nicht wirksam vor ungewollten Schwangerschaften schützen. Wir wollen herausarbeiten, worum es den Frauen dabei geht. Worüber sind sie besorgt, wie können wir Frauen eine wirksame Verhütungsmethode nahebringen oder sexualpädagogische Projekte entwickeln, um Frauen wieder in die Lage zu versetzen, dass sie sich wirksam vor ungewollten Schwangerschaften zu schützen?

Das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch bietet vielfältige digitale Angebote, darunter Online-Führungen für Jugendliche. Alle Infos unter: www.muvs.org

Stand: 17. Mai 2021
Lizenz (Text)
Verfasst von
Dr. Christian Fiala

geb. 1959, ist Arzt für Allgemeinmedizin und Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit Berufserfahrung in Frankreich, Thailand, Uganda, Tansania, Malawi und Österreich. 2007 gründete er das MUVS . Bereits seit seinem Medizinstudium in Innsbruck engagierte er sich in der Familienplanung, sowohl in Österreich als auch international. Weitere Schwerpunkte sind die Betreuung von Frauen mit einer ungewollten Schwangerschaft, die anonyme Geburt sowie gegen die Müttersterblichkeit.

Empfohlene Zitierweise
Dr. Christian Fiala (2021): Warum Verhütung wichtig ist, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/218-und-die-frauenbewegung/warum-verhuetung-wichtig-ist
Zuletzt besucht am: 18.09.2021
Lizenz: CC BY 4.0
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