Vertontes Tabu

In ihrer Komposition At all, at all… verwendet Vivienne Olive 1971 Zitate aus einem Abtreibungsgedicht der US-amerikanischen Dichterin Anne Sexton (1926–1974).
Anne Sexton
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Mit der sich Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre etablierenden Neuen Frauenbewegung und ihrem Kampf um die Gleichberechtigung der Frau rückte auch das Thema Legalisierung von Abtreibungen in den Fokus der öffentlichen Diskussionen – und natürlich begannen auch Künstlerinnen, sich damit auseinanderzusetzen.

Die damals noch sehr junge, an der Universität York studierende englische Komponistin Vivienne Olive (*1950), die wenige Jahre später nach Deutschland übersiedelte, entdeckte in einer Anthologie das Gedicht The Abortion (Die Abtreibung) der US-amerikanischen Dichterin und Pulitzer-Preisträgerin Anne Sexton (1928–1974), einer Vertreterin der ‚Confessional Poetry‘. Diese literarische Richtung beschwört die unmittelbare Darstellung eigener Lebenserfahrungen. Mit dem Vers „I changed my shoes, and then drove south”1 beginnt Sexton die erdrückende Beschreibung der Reise zum Abtreibungstermin und die Rückkehr durch die Landschaft Pennsylvaniens danach.2

Etwa zur gleichen Zeit entschied sich eine enge Freundin Olives zu einer Abtreibung. Olive spürte die Verzweiflung, die Unsicherheit und den Schmerz ihrer Freundin hinsichtlich dieser Entscheidung, die dieser nicht leichtfiel. Da in den 1960er Jahren Abtreibung ein Tabu-Thema war, wurde nicht oder nur sehr wenig darüber gesprochen.

Auf die Frage, was sie an dem Gedicht Anne Sextons besonders berührte bzw. welche Passagen und warum, antwortet die Komponistin heute:

„Ich glaube, es waren die Worte ,Somebody who should have been born is gone‘. Es hat etwas Rhythmisches, kehrt immer wieder zurück, wie ein Refrain, wie ein ständiger Vorwurf. Auch die Reise, durch eine schöne, blühende, aber doch irgendwie gleichgültige Landschaft – wohl zum Abtreibungsort – und der Vergleich mit dieser sprießenden, fragilen Natur und dem Kind, das gleich getötet wird.“3

Olive vertont die Zitate aus dem Gedicht 1971 für drei Frauenstimmen und lässt diese von drei Bratschen begleiten. Während ihres Studiums in York bei Bernard Rands, einem Schüler Luciano Berios, wurde sie mit der experimentellen Musik des 20. Jahrhunderts vertraut gemacht. Diese Einflüsse sind in der musikalischen Umsetzung des Sexton-Gedichtes deutlich spürbar. Besonders faszinierte sie Berios Umgang mit der menschlichen Stimme:

„Er hat gemeint, die menschliche Stimme könne nicht nur singen und sprechen, sondern allerlei Geräusche von sich geben. Die Stimme kann stöhnen und zittern, kreischen und jaulen. Von Berio beeinflusst, habe ich wohl die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen in dieses Stück gelegt. Weil ich immer, egal in welcher Tonsprache ich gerade arbeite, die Tonalität nie ablehne, habe ich ein englisches Wiegenlied in diesem Werk zitiert – eine groteske Gegenüberstellung zwischen Horror und Schmerz, Hoffnung und Trost.“4

„At all, at all…“ von Vivienne Olive, S9
Rechteinhaberin: Furore Verlag
Quelle
Furore Verlag, Furore Edition 520, 1989
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„At all, at all…“ von Vivienne Olive erschien 1989 beim Furore Verlag, Furore Edition 520
„At all, at all…“ von Vivienne Olive, S11
Rechteinhaberin: Furore Verlag
Quelle
Furore Verlag, Furore Edition 520, 1989
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Die Notation des Werkes ist größtenteils experimentell, Anmerkungen zur Aufführung sind vorangestellt. Das komplette Lautstärkespektrum wird bis zum jeweils Äußersten ausgereizt, um die entsprechenden extremsten Gefühlslagen musikalisch auszudrücken. 

Vivienne Olive  erinnert sich 50 Jahre nach dem Kompositionsprozess:

„(…) dass ich die im Gedicht beschriebene Autofahrt darstellen wollte – die schmerzhafte Aufregung … auf der Hinfahrt – alles scheint voller Leben zu sein – und dann die monotone Rückfahrt – öde, leer und tot.“ Weiter schreibt sie: „Das Stück handelt … von Leben und Tod, aber auch von Schuldgefühlen, Zweifeln und Vorwürfen, mit denen man nicht klarkommt.“5

At all, at all… wurde damals von StudentInnen der Universität in York uraufgeführt und vom englischen Publikum positiv aufgenommen. Es folgte eine weitere Aufführung in London. In Deutschland wurde das Werk 1980 beim Festival Frau und Musik in Bonn sowie in Nürnberg von StudentInnen des Meistersinger-Konservatoriums Nürnberg gespielt. 

Da die Thematik nach wie vor aktuell ist, würde sich die Komponistin sehr freuen, wenn ihr Stück wieder einmal zu erleben wäre: „Wirklich gerne! Auch wenn das Werk eindeutig ein ‚Frühwerk‘ ist, stehe ich dazu, weil die Dramatik das Publikum mitnimmt. Es ist technisch auch absolut machbar.“6

Dieser Essay basiert auf einem schriftlich geführten Interview mit der Komponistin Vivienne Olive. Die Fragen stellten Julian Fischer vom Archiv Frau und Musik sowie Birgit Kiupel.

Das Archiv Frau und Musik (AFM) wurde als internationales Musikarchiv 1979 in Köln durch eine Initiative der Dirigentin Elke Mascha Blankenburg gegründet. Es ist das weltweit größte und bedeutendste Archiv zur Musik von Komponistinnen. Das AFM ist Mitglied des i.d.a.-Dachverbandes.

Stand: 17. Mai 2021
Lizenz (Text)
Verfasst von
Uta Walther

ist Lehrbeauftragte für Klavier an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sowie Klavierpädagogin am musischen Zweig der Johann-Pachelbel-Realschule in Nürnberg. Als Pianistin liegt einer ihrer Repertoireschwerpunkte bei Werken von Komponistinnen. Sie arbeitet häufig mit Chören zusammen und ist Mitglied des erweiterten Vorstands des Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik.

Empfohlene Zitierweise
Uta Walther (2021): Vertontes Tabu, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/218-und-die-frauenbewegung/vertontes-tabu
Zuletzt besucht am: 12.06.2021

Fußnoten