Die Kämpfe für die Legalisierung des Schwangerschafts­abbruchs im italienischen Südtirol

Auch in der mehrsprachigen Grenzregion Südtirol kämpfte die Frauenbewegung für ein selbstbestimmtes Leben und für das Recht auf Abtreibung. Sie bot den Frauen Beratungen an und mobilisierte für Demonstrationen und ein Referendum für die Beibehaltung der Fristenlösung.
Plakat AIED Beratungsstelle Bozen
Bildnachweis
Frauenarchiv Bozen, Bestand AIED Nr. 103
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Das Plakat  stammt aus dem Jahr 1981. Damals erreichten die Debatten rund um die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in Italien, in dessen Hauptstadt auch der Papst seinen Sitz hat, mit zwei Referenden ihren Höhepunkt. Die Radikale Partei forderte eine Ausdehnung der dort 1978 mit dem Gesetz Nr. 194 eingeführten Fristenlösung, die von der katholischen Kirche getragene ‚Bewegung für das Leben‘ eine Einschränkung auf ‚schwerwiegende‘ Fälle. Das Ergebnis war eindeutig: Etwa zwei Drittel der Italiener*innen stimmten für die Beibehaltung des Gesetzes. In der zu Italien gehörenden, mehrsprachigen Grenzregion Südtirol gab es eine andere Tendenz. Dort stimmten über 50 Prozent für die Einschränkung der Möglichkeiten des Schwangerschaftsabbruches. Überhaupt zeigte sich das damals wie heute mehrheitlich deutschsprachige Südtirol in diesem Zusammenhang besonders restriktiv. Seit 1945 regierte dort unangefochten die katholisch-konservative Südtiroler Volkspartei (SVP), welche den Anspruch hatte, diese Minderheit ‚allein‘ zu vertreten. Gestützt wurde diese von der gleichgesinnten deutschsprachigen Tageszeitung Dolomiten, die in der damaligen Medienlandschaft Südtirols das Meinungsmonopol innehatte.

Plakat AIED Beratungsstelle Bozen
Quelle
Frauenarchiv Bozen, Bestand AIED Nr. 103
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Das Kollektiv Alexandra Kollontaj und die Beratungsstelle AIED

Die damals einzige Frauenberatungsstelle Südtirols, das AIED1 Bozen, die dieses Plakat gestaltete, setzte sich im Einklang mit der nationalen Frauenbewegung2 für die Beibehaltung des bestehenden Gesetzes Nr. 194 und damit für die kostenfreie und legale Möglichkeit von Schwangerschaftsabbrüchen in den ersten 90 Tagen ein.

Das AIED Bozen ist eine Außenstelle des nationalen AIED, der einzigen laizistischen Familienberatungsstelle der Republik. Gegründet wurde das AIED Bozen 1973 vom ersten und bis Mitte der 1970er Jahre einzigen autonomen Frauenkollektiv Südtirols, Alexandra Kollontaj. Die in diesem Kollektiv aktiven Frauen gehörten mehrheitlich der italienischen Sprachgruppe an, hatten in italienischen Städten studiert und orientierten sich an den Ideen der neuen Linken.3

Erst nachdem 1979 Südtirol als letzte italienische Provinz die öffentliche Finanzierung von Familienberatungsstellen gesetzlich festlegte, bekam das AIED Bozen Fördermittel.4 In dieser Zeit war das AIED Bozen die einzige Beratungsstelle in Südtirol, welche über Verhütungsmittel und Schwangerschaftsabbruch informierte. Erst 1982 kam die ebenfalls aus der Frauenbewegung hervorgegangene Familienberatungsstelle Lilith in Meran, der zweitgrößten Stadt Südtirols, hinzu.

Die Frauengruppe Kollontaj und ihre Organisation AIED trugen alle Kämpfe der nationalen Frauenbewegung rund um die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen aktiv mit und mobilisierten massiv für das Referendum.

Von der Legalisierung der Information über Verhütungsmittel bis zur Fristenlösung

Bis 1971 standen sowohl die Information über Schwangerschaftsverhütung als auch die Werbung für Verhütungsmittel italienweit unter Strafe. Für Schwangerschaftsabbruch sah das in großen Teilen aus dem italienischen Faschismus stammende Strafgesetzbuch, der Codice Rocco, bis zu vier Jahren Gefängnisstrafe für die Frau vor.5

1975, im internationalen Jahr der Frau, dominierten italienweit Debatten rund um das Thema Schwangerschaftsabbruch. Ausschlaggebend für die Brisanz des Themas waren mehrere Fälle illegal durchgeführter Schwangerschaftsabbrüche, die in die Öffentlichkeit gelangten. Besonderes Aufsehen erregte ein Fall in Trient, in unmittelbarer Nähe zu Südtirol, wo eine illegale Arztpraxis nach einem Todesfall ‚aufflog‘. In der Folge wurden über 250 Frauen, vorwiegend aus dem Trentino und Südtirol, wegen illegalem Schwangerschaftsabbruch angeklagt. Diese Ereignisse führten zu italienweiten Großdemonstrationen: Die Frauenbewegung forderte lautstark die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, die konservativen Parteien und die in Italien besonders starke katholische Kirche stellten sich dagegen. Getragen von der Radikalen Partei, den Sozialisten und verschiedensten feministischen Gruppen, fand 1975/76 eine breit angelegte Unterschriftensammlung für ein Referendum zur Abschaffung der strafrechtlichen Bestimmungen zum Schwangerschaftsabbruch statt. 800.000 Italiener*innen unterstützten diese. In Südtirol gab es Demonstrationen und Flugblattaktionen, auch bot das Kollektiv Kollontaj den im Trientner Fall betroffenen Frauen Rechtshilfe an.6

„Eminenz: Illegaler oder legaler Schwangerschaftsabbruch?“, Mailand 2006
Quelle
Frauenarchiv Bozen, Bestand AIED Nr. 140
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„Eminenz: Illegaler oder legaler Schwangerschaftsabbruch?“, Mailand 2006
„Eminenz: Beratungsstelle oder Beichtstuhl???“, Mailand 2006
Quelle
Frauenarchiv Bozen, Bestand AIED Nr. 141
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„Eminenz: Beratungsstelle oder Beichtstuhl???“, Mailand 2006

Die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und der Boykott durch Verweigerung aus Gewissensgründen

Unter dem starken Druck der Frauenbewegung wurde im Mai 1978 vom italienischen Parlament das Gesetz Nr. 194 Bestimmungen über den Schutz der Mutterschaft und über den freiwilligen Abbruch der Schwangerschaft erlassen. Dieses ermöglichte nun theoretisch straffreien Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten 90 Tage in öffentlichen Krankenhäusern. Doch die Praxis sah anders aus: Ärzte und Krankenhauspersonal konnten die Durchführung aus ‚Gewissensgründen‘ verweigern, der Großteil tat dies auch und boykottierte dadurch das Gesetz. In Südtirol erklärten sich nur drei Ärzte bereit, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Die Südtiroler Ärztekammer stellte sich sogar geschlossen gegen das Gesetz.7

Die Debatten rund um die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen waren trotz der Einführung der Fristenlösung nicht beendet, sondern erreichten erst drei Jahre später mit den eingangs genannten Referenden 1981 ihren Höhepunkt und ihr vorläufiges Ende.

Abgeschlossen sind die Diskussionen bis heute nicht, denn immer wieder wurde das Gesetz von konservativer und rechter Seite angegriffen. Die hier veröffentlichten italienischsprachigen Plakate sind von 2006. Sie wurden von feministischen Südtirolerinnen bei einer Großdemonstration in Mailand getragen, weil unter der Regierung Berlusconi das Gesetz infrage gestellt worden war.

Das Frauenarchiv in Bozen besteht seit 2003. Dort findet sich umfangreiches Material rund um das Kollektiv Kollontaj und die Beratungsstelle AIED. Mit diesem können die damaligen Debatten und Kämpfe der Neuen Frauenbewegung in Südtirol um die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen nachvollzogen werden. Das Frauenarchiv Bozen ist Mitglied des i.d.a.-Dachverbandes.

Stand: 17. Mai 2021
Lizenz (Text)
Verfasst von
Andrea Urthaler

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Innsbruck und promoviert über Die Neue Frauenbewegung in Südtirol. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Zeithistorische Frauen- und Geschlechterforschung, Frauenbewegung(en), Soziale Bewegungsforschung, Transnationale Perspektiven und Raum Südtirol.

Empfohlene Zitierweise
Andrea Urthaler (2021): Die Kämpfe für die Legalisierung des Schwangerschafts­abbruchs im italienischen Südtirol, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/218-und-die-frauenbewegung/schwangerschaftsabbruch-im-italienischen-suedtirol
Zuletzt besucht am: 14.06.2021

Fußnoten

  • 1. Associazione Italiana per l´Educazione Demografica – Italienische Vereinigung zur Heranbildung eines demographischen Bewusstseins, d. h. Vereinigung zur Erziehung zum bewussten Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen Sexualität.
  • 2. Um der Vielfalt und der Bandbreite der Frauenbewegung Ausdruck zu verleihen, wird dieser Begriff hier kursiv dargestellt.
  • 3. Spada, Alessandra (Hg.): Katalog zur Ausstellung: „Vote for women“. Frauengeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, Trient 2008, S. 130.
  • 4. Clementi, Siglinde: Die sanfte Revolution. Von gleichen Rechten und Differenzen, in: Solderer, Gottfried (Hg.): Das 20. Jahrhundert in Südtirol, Band 4: 1960 – 1980. Autonomie und Aufbruch, Bozen 2002, S. 109 u. 115.
  • 5. Spada (Hg.): Katalog zur Ausstellung: „Vote for women“, S. 130 u. 135.
  • 6. Clementi: Die sanfte Revolution, S. 118 – 123; Facchinelli, Ingrid: Fr80er Jahre: Umriss der Frauenbewegung, in: Facchinelli, Ingrid/Rabini, Edi (Hg.): Andreina Emeri. 1936–1985, Scritti e ricordi – Schriften und Erinnerungen, Nachdruck der Erstauflage von 2005, Bozen 2008, S. 72–77. 
  • 7. Clementi: Die sanfte Revolution, S. 118–123.