Mit dem Tabu brechen

Mit ihrem Film „Der lange Arm der Kaiserin“ (2012) schuf die Regisseurin Susanne Riegler ein wichtiges Zeitdokument zur Geschichte des Schwangerschaftsabbruchs in Österreich. Ein Interview über gesellschaftliche Scham und persönliche Verantwortung.
Der lange Arm der Kaiserin_Filmstill
Bildnachweis
Susanne Riegler, Der lange Arm der Kaiserin (Filmstill)
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Was hat Sie dazu bewogen, eine Dokumentation über die Geschichte des Schwangerschaftsabbruchs in Österreich zu drehen?

Es war Johanna Dohnal, sie war Österreichs erste Frauenministerin und zu dem Zeitpunkt schon längst in Pension, die mich auf die Idee gebracht hat. Ihre Sorge war nämlich, dass Frauen, die vor 1975 eine Abtreibung hatten, irgendwann sterben würden und dann nicht mehr über ihre Erlebnisse berichten könnten. Das Wissen darüber, wie gefährlich das Leben von Frauen einst war, könnte für jüngere Generationen „einmal entscheidend sein", so Dohnal damals. Im Nachhinein war klar, dass Johanna Dohnal eine Vorahnung gehabt haben muss: Denn sie starb wenige Monate nach unserem Gespräch, im Februar 2010. Ich fand Johanna Dohnals Argumente bestechend und begann sehr bald mit den Recherchen zum Film. Da mein Antrag auf öffentliche Filmförderung abgelehnt wurde, habe ich die Dokumentation mit Hilfe von privaten SponsorInnen und auf eigene Kosten produziert. 

In Ihrem Film kommen auch Frauen zu Wort, die über ihre Schwangerschaftsabbrüche berichten. War es schwierig, Frauen zu finden, die vor der Kamera sprechen wollten?

Interessanterweise war es gar nicht so schwierig. Vor allem unter den ‚Älteren‘ fand ich sehr rasch Zeitzeuginnen, die bereit waren zu erzählen. Elisabeth Haidler  zum Beispiel, die im Film von einem ‚illegalen‘ Abbruch daheim am Küchentisch berichtet, hat mir noch Johanna Dohnal vermittelt. Haidler kam aus armen Verhältnissen, sie ist stolze Sozialdemokratin, weshalb es ihr besonders wichtig war, an diesem Film mitzuwirken.

Elisabeth Haidler
Riegler, Filmstill der Lange Arm der Kaiserin
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Die SPÖ-Bezirksrätin in Wien, Elisabeth Haidler, geb. 1941, war politische Weggefährtin der verstorbenen Johanna Dohnal – selbst hatte sie 1959 einen Abbruch am Küchentisch.
Freda Meissner-Blau
Riegler, Filmstill der Lange Arm der Kaiserin
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Freda Meissner-Blau (1927-2015) war ehemalige Bundespräsidentschaftskandidatin,
und Abgeordnete zum NR sowie Mitbegründerin der Grünen in Österreich. Auch sie berichtet von ihrer Abtreibung.

Von Freda Meissner-Blau , jener Frau die im Film die von einer blutigen Tortur – ebenfalls auf einem Küchentisch – in Rom erzählt, wusste ich schon vorher, dass sie eine Abtreibung hatte. Als ich sie um ein Interview bat, war sie sofort dabei. Sie war übrigens – was ich im Film nicht erwähnte – eine Gallionsfigur der Ökologiebewegung und die erste Vorsitzende der Grünen in Österreich. Sie ist 2015 verstorben. Ihr war es ein Anliegen aufzuzeigen, dass alle Frauen unter dem Abtreibungsverbot litten – ob aus bürgerlichen oder proletarischen Verhältnissen kommend.

Auch hatten die älteren Frauen keine Scham, über diese intimen, teils traumatischen Eingriffe zu sprechen. Im Gegensatz zu den jungen. Ich habe nämlich auch fünf 25- bis 35-jährige Frauen angesprochen, weil ich aufzeigen wollte, wie es 40 Jahre nach der Legalisierung sei, einen Abbruch zu machen. Doch keine einzige wollte vor die Kamera – aus Angst, das Öffentlichmachen könnte ihr schaden. Das sagt wohl einiges über die gesellschaftliche Tabuisierung aus, die es nach wie vor gibt. 

Welche Reaktionen gab es  auf Ihren Film?

Da es noch keinen solchen Film davor gegeben hat, war das Interesse groß. Es gab mit Sicherheit weit über hundert große und kleinere Aufführungen in Kinos, in Theater-, Gemeinde-, ja sogar Pfarrsälen. Kinobetreibende aus Deutschland wie Österreich fragten ebenso an wie Frauen- oder andere Organisationen wie pro familia, medizinische Universitäten und politische Parteien etc. Es wurden Veranstaltungsräume angemietet, um den Film zu zeigen. Und fast immer gab es im Anschluss eine Diskussion, oft auch mit Politiker_innen, Historiker_innen oder Zeitzeug_innen. Der Film ist als Zeit-Dokument aufgenommen worden. Ich habe ja auch eine DVD produziert und die wird noch immer nachgefragt. Erst vor ein paar Tagen habe ich wieder sieben Stück verschickt. Das große Interesse war schon schön, denn der Film musste ohne Fördermittel auskommen und war so ein Erfolg! Jetzt könnte man die Doku in der Art gar nicht mehr machen, da es viele Protagonist_innen nicht mehr gibt. Es ist nicht nur Freda Meissner-Blau gestorben, sondern auch der legendäre Alfred Rockenschaub, jener Gynäkologe, der auf Seiten der Frauen für die Fristenlösung eingetreten war. Auch die pensionierte Lehrerin aus dem Salzburger Lungau, die im Film über das Schweigen am Land erzählte, dass Frauen oft das Leben kostete, ist bereits verstorben.

Scheidenspüler
Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch
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Der Film beginnt in einem in der Welt einmaligen Museum, dem Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch. Gezeigt werden hier teils gefährliche Versuche der Menschen um ihre Fruchtbarkeit zu bändigen, bevor es die Pille gab: Frauen spülten sich die Scheide mit Säuren und Seifenwasser aus, sie verwendeten Cervikalkappen aus Metall oder die ausgehöhlte Hälfte einer Zitrone.

Sie sind Jahrgang 1958. Wie haben Sie selbst den Kampf der neuen österreichischen Frauenbewegung gegen die Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs erlebt?

Portrait Susanne Riegler
Fotografin: Bettina Frenzel
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Susanne Riegler, Journalistin und Dokumentarfilmerin

Ich habe 1977 maturiert – in einer katholischen Klosterschule, die war noch dazu in der Provinz und ich war dort neun Jahre im Internat. Ich glaube, wir wussten nicht einmal, dass es eine Frauenbewegung gab, geschweige denn einen Schwangerschaftsabbruch. Nach der Matura, dem österreichischen Abitur, bin ich eineinhalb Jahre als Au Pair ins Ausland gegangen, und daher erst 1980 nach Wien gekommen und somit spät (an der Uni und durch meine journalistische Arbeit) politisiert worden. Anfang der 1980er Jahre gab es seitens der Abtreibungsgegner_innen, im Wesentlichen die katholische Kirche und die ÖVP sowie Vorfeldorganisationen der ÖVP, immer wieder Versuche, die 1973 von der SPÖ-Alleinregierung beschlossene und 1975 in Kraft getretene Fristenregelung aufzuweichen. Zum Beispiel wollten die Konservativen eine Trennung zwischen beratenden und behandelnden Ärzt_innen einführen und liefen gegen ein bekanntes niederschwelliges Ambulatorium in Wien Sturm. Ich erinnere mich auch an eine skurrile Massenveranstaltung, bei der Otto Habsburg, der Sohn von Österreichs letztem Kaiser auftrat und in der Fristenregelung eine ähnliche Bedrohung sah, wie das einst habsburgische Österreich in den Türken. Damals gab es immer wieder Gegendemonstrationen der autonomen Frauen, an denen ich hin und wieder teilnahm.

Was die Teilhabe der Neuen Frauenbewegung an der Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs anbelangt, war es in Österreich etwas anders als in Deutschland, wo die Liberalisierung ja fast ausschließlich von der autonomen Frauenbewegung angetrieben wurde. Als die Sozialdemokratische Partei in Österreich auf ihrem legendären Parteitag in Villach im April 1972 (!) die Einführung der Fristenregelung beschloss, war die österreichische Neue Frauenbewegung noch sehr in den traditionellen Institutionen, vor allem der SPÖ, verankert. Kurz nach dem erwähnten Parteitag kam es dann zur Spaltung in eine Gruppe junger linker Frauen die als Aktionskomitee zur Abschaffung des § 144 in der SPÖ verblieb und in eine Gruppe, die eine Bewegung außerhalb unter dem Namen Aktion Unabhängiger Frauen – AUF gründete. Miteinander machten sie gehörigen Druck auf der Straße. Schließlich ging es ja darum, dass die SPÖ nicht umfiel. Denn gegen sie hatte eine „Katholische Kampfgemeinschaft“, bestehend aus konservativen Landeshauptleuten, der gesamten Katholischen Kirche und der ÖVP eine schwere Offensive gestartet. Um den Gegendruck zu vergrößern, forderten die Autonomen nicht bloß eine Fristenregelung, sondern die gänzliche Abschaffung des Abtreibungsparagrafen, plus gratis Verhütungsmittel. Dies konnte allerdings nicht umgesetzt werden. Als dann die Fristenreglung im November 1973 mit den Stimmen der SPÖ im Parlament beschlossen wurde – in Kraft trat sie erst ab 1. Januar 1975 – mobilisierten die Konservativen erneut alle Kräfte, um mittels einer Volksabstimmung den Paragrafen zu kippen und den Schutz des Lebens von der Empfängnis an in der Verfassung zu verankern. Auch gegen diese Bedrohung liefen die autonomen Frauen erfolgreich Sturm.

Warum ist das Wissen über die Geschichte des Schwangerschaftsabbruchs für Sie wichtig? 

Wenn man die Geschichte kennt, weiß man, welche politischen Kräfte mit welchen Argumenten die Selbstbestimmung der Frauen verhindern wollten. Und diese Kräfte sind immer noch aktiv. Deshalb ist es wichtig, die Hintergründe zu kennen. Außerdem zeigt das Thema Schwangerschaftsabbruch wie kein anderes, wie es über all die Jahrhunderte um die sexuelle und reproduktive Freiheit in einer Gesellschaft bestellt war und ist. Es ist ein Gradmesser dafür, wie sehr ein Staat die körperliche Integrität der Bürger_innen achtet bzw. missachtet. Und es gibt die Notwendigkeit weiterzukämpfen, denn allein die Tatsache, dass die menschliche Fortpflanzung strafrechtlich reglementiert wird, sollte bedenklich stimmen. Die Umsetzung der Forderung nach „Schwangerschaftsabbruch raus aus dem Strafrecht“ steht an.

Der Lange Arm der Kaiserin - Trailer

Film: Der lange Arm der Kaiserin. Die Geschichte des Schwangerschaftsabbruchs in Österreich, Dokumentarfilm von Susanne Riegler, Österreich, 2012.
www.derlangearmderkaiserin.at

Stand: 17. Mai 2021
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