Die Aktion 218 Dortmund

1971 gründete sich in Dortmund die Aktion 218, die mit Unterschriften und Aktionen gegen den § 218 kämpfte. Später ging aus ihr die Frauenaktion Dortmund hervor, die sich weiterhin für einen legalen Schwangerschaftsabbruch einsetzte und neue Projekte wie das Frauenzentrum und das Frauenhaus initiierte.
Aktion 218 Dortmund, Autokorso am 22. Oktober 1975
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Klaus Rose / picture alliance
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Das Ruhrgebiet war eine zentrale Region der neuen Frauenbewegung in Westdeutschland. Seit Ende der 1960er Jahren gründeten sich vor allem in den größeren Städten des Reviers autonome Frauen- und Lesbengruppen. Ein Zentrum war die Stadt Dortmund. „Der Beginn der zweiten deutschen Frauenbewegung in Dortmund war die Selbstbezichtigungskampagne ‚Ich habe abgetrieben‘ im Jahr 1971“, schreibt Hanne Hieber.1 Alice Schwarzer hatte die Kampagne nach französischem Vorbild gestaltet und am 6. Juni 1971 in der Illustrierten Stern veröffentlicht. Die Kampagne machte den § 218 zu dem zentralen Thema der sich neuformierenden Frauenbewegung. Als Folge gründeten Frauen bundesweit Aktion 218-Gruppen, die sich vernetzten und Proteste gegen den Abtreibungsparagrafen organisieren.

Arbeitspapier der Nürnberger Aktion 218
Kundgebung der Münchner Aktion 218

Aufbruch in Dortmund

In Dortmund formierte sich 1971 ebenfalls solch eine Gruppe. Sie bestand zunächst aus Frauen und einigen wenigen Männern, die sich vor allem über persönliche Kontakte untereinander kannten.2 Die GründerInnen gehörten der Generation der zwischen 1929 und 1945 Geborenen an.3 Sie stammten aus dem Umfeld der SPD, der Gewerkschaften, der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), dem Republikanischen Club und den Kinderläden.4 Im Sommer gleichen Jahres waren bereits etwa 20 Menschen in der Gruppe aktiv.5 Sie bestand mehrheitlich aus Frauen, wobei der Anteil an Studierenden und Berufstätigen in etwa ausgewogen war. Nachdem es innerhalb der Gruppe über das zunehmende dominierende Verhalten mit den dort aktiven Männern zu Konflikten gekommen ist, blieben die Männer der Gruppe fern oder wurden direkt aufgefordert, die Frauen alleine arbeiten zu lassen.6

Aufruf zu einer Kundgebung gegen den § 218, 1971.

Inspiriert durch das Manifest Je me suis fait avorter (Ich habe abgetrieben) im Nouvel Observateur und von Alice Schwarzer, die für ihre Kampagne durch ganz Westdeutschland reiste und Kontakte zwischen den bestehenden Gruppen herstellte, begann die Dortmunder Gruppe Aktion 218 im Juni 1971 in der Innenstadt Unterschriften und Selbstbezichtigungen zu sammeln. „Auch hier bezichtigten sich die Frauen der Abtreibung, die Erklärungen wurden von uns gesammelt und bei einem Rechtsanwalt hinterlegt, so daß jederzeit auf diese Sache zurückgegriffen werden konnte“, erinnert sich Hannelore Weihert, die in der Dortmunder Aktion 218 aktiv war.7 Bis November 1971 haben etwa 5.000 Frauen in Dortmund unterschrieben, dass sie abgetrieben haben. Rund 1.100 Männer bezichtigten sich der Komplizenschaft.8 Während in der Ausgabe des Sterns vom 6. Juni 1971 noch keine Dortmunderinnen auftauchten, waren in den Folgeausgaben zehn Namen von Frauen aus Dortmund veröffentlicht.9

Gemeinsam mit weiteren Aktion 218-Gruppen beteiligten sich die Dortmunderinnen an Demonstrationen und Protestaktionen. So fuhren Vertreterinnen der Aktion 218-Dortmund mit weiteren Vertreterinnen von 22 Gruppen am 19. Juli 1971 nach Bonn, um den Bundesjustizminister Gerhard Jahn die bis dahin gesammelten Unterschriften zu übergeben.10

Verhütung

Neben ihrem Kampf gegen den § 218 setzte sich die Dortmunder Aktion 218 intensiv mit dem Thema Verhütung auseinander und führte darüber Beratungs- und Informationsangebote durch. Im Oktober 1971 schrieb die Gruppe 500 Praktische ÄrztInnen und 40 GynäkologInnen an und fragte, „ob sie prinzipiell bereit seien, minderjährigen Frauen die Pille zu verschreiben, wenn die biologischen und medizinischen Bedingungen erfüllt sei, ob sie damit einverstanden seien, daß die Aktion 218-Dortmund diese Informationen an minderjährige Frauen und an Pro Familia weitergebe.“11 Von den angeschriebenen ÄrztInnen antworteten lediglich 30, davon 24 positiv. „Die Ärztebefragung war wichtig, weil im Bereich Verhütung etwas getan werden musste. Aber auch, um an einigermaßen aufgeschlossene Ärzte heranzukommen“, erinnert sich Renate Wurms, die in der Aktion 218-Dortmund aktiv war.12

Im Frühjahr 1974 erarbeiteten die Dortmunderinnen ein Verhütungspapier, das verschiedene Methoden des Schwangerschaftsabbruchs und der Verhütung aufzeigt.13 „Es wurde später immer wieder überarbeitet und aktualisiert, vervielfältigt, verteilt und verschickt“, schreibt Hanne Hieber in ihrer Rückschau auf die Dortmunder Frauenbewegung.14

Aktion 218 Dortmund, Autokorso am 22. Oktober 1975
Klaus Rose / picture alliance
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Mit einem Autokorso demonstriert die Frauenaktion Dortmund (FAD) am 22.10.1975 gegen das Bestehen des § 218 und für ein Selbstbestimmungsrecht der Frauen.

Feministisch-sozialistisch

Nach dem Sommer 1971 und der Aktion im Stern war die Aktion 218-Dortmund geschrumpft. Der übrig gebliebene Kern von acht Frauen stellte sich die Frage, wie es mit der Gruppe und der praktischen Arbeit weitergehen sollte. In den Diskussionen stellten sie fest, dass sie für ihre Aktionen einen theoretischen Unterbau benötigen. Folglich bildete die Auseinandersetzung mit linker Theorie zur Frauenemanzipation einen neuen Schwerpunkt neben dem Kampf gegen den § 218.15 Die Dortmunderinnen erarbeiteten eine Literaturliste, die die Schriften von Friedrich Engels und August Bebel umfasste. Ferner lasen und diskutierten sie feministische Grundlagenliteratur wie Simone de Beauvoir, Betty Friedan, Kate Millet und Clara Zetkin.16 „Es gab immer noch den Wunsch: Es muss doch DIE Ursachenerklärung geben“, beschreibt Renate Wurms die theoretischen Auseinandersetzungen in der Gruppe.17 Die Dortmunderinnen standen in Kontakt mit anderen sozialistisch orientierten Frauengruppen wie die efa aus Köln und dem Sozialistischen Frauenbund aus Westberlin und erhielten deren Diskussionspapiere.18 Die intensive Lektüre und die Debatten über Emanzipation, Sozialismus und Autonomie zogen sich bis Anfang November 1974. Zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten die Dortmunderinnen der Aktion 218 ein vierseitiges Positionspapier. Im Unterschied zu zahlreichen anderen feministischen Gruppen sahen sie nicht das Patriarchat als Ursache der Frauenunterdrückung, sondern den Kapitalismus.19 Demzufolge musste für sie der Klassenkampf ein Teil der Frauenarbeit werden. „Damit vertrat die Dortmunder Aktion 218 den eher sozialistischen Flügel der Frauenbewegung“, konstatiert Hanne Hieber.20

Die von der FAD gestaltete Ausgabe der Frauenzeitung, 1976.

Die Frauenaktion Dortmund

Im Zusammenhang mit der politischen Standortbestimmung erfolgte auch der Wandel der bisherigen Gruppe Aktion 218. Sie benannte sich in Frauenaktion Dortmund (FAD) um und öffnete sich für neue Frauen, die aktiv werden wollten.21 Zeitgleich fand eine thematische Diversifizierung statt: Innerhalb der FAD gründeten sich Arbeitsgemeinschaften, die Themen wie Theorie, Gewerkschaft, Frauenzentrum, und Selbsterfahrung aufgriffen. Zwischen 1975 und 1976 erarbeitete die FAD die Nummer 9/10 der Frauenzeitung zum Thema ,Zwischen Kochtopf und Maloche‘. Die Frauenzeitung erschien von 1973 bis 1976 und wurde von verschiedenen Frauengruppen mit jeweils eigenen thematischen Schwerpunkten herausgegeben.

Die Frauen in der FAD beschäftigten sich weiterhin mit dem § 218. Im Zuge der sich abzeichnenden neuen juristischen Regelung erarbeitete die Gruppe das 200 Seiten umfassende Handbuch Schwangerschaft und der neue § 218 (1976). Darin informieren sie die Lesenden über Verhütung, Schwangerschaft und Abtreibung. Die Autorinnen nehmen detaillierte Interpretationen des Abtreibungsgesetzes vor und erläutern ausführlich die Indikationen, unter denen ein Schwangerschaftsabbruch straffrei bleiben würde.22 Weiterhin enthält das Handbuch Adressen für Schwangerschaftskonfliktberatung und Humangenetik, von Kliniken in Holland und Richtlinien für Schwangerschaftsvorsorge.23 Mit ihrem Handbuch reiht sich die FAD in die Riege weiterer Frauengruppen wie Brot und Rosen und der Westberliner Frauengruppe ein, die mit dem Frauenhandbuch Nr.1 (1974) und Hexengeflüster (1975) die ersten Frauengesundheitsratgeber veröffentlicht haben.

In den Folge Jahren entwickelte sich die FAD zur zentralen Akteurin der Frauenbewegung in Dortmund, die zahlreiche Aktionen und Projekte initiierte. Deren wechselvolle Geschichte hat Hanne Hieber in zahlreichen Publikationen aufgearbeitet.

Stand: 17. Mai 2021
Lizenz (Text)
Verfasst von
Dr. Jessica Bock

wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Digitalen Deutschen Frauenarchiv

Empfohlene Zitierweise
Dr. Jessica Bock (2021): Die Aktion 218 Dortmund , in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/218-und-die-frauenbewegung/die-aktion-218
Zuletzt besucht am: 14.06.2021

Fußnoten

  • 1. Hieber, Hanne: Der „eine“ und der „andere“ Teil der Frauenbewegung. Dortmunder Entwicklungen zwischen 1971 und 1994, in: Hieber, Hanne (Hg.): Rückblick nach Vorn. 25 Jahre Frauenbewegung in Dortmund, Dortmund 1995, S. 11‒23, hier S. 12.
  • 2. Hieber, Hanne: „Es war einfach eine unglaubliche Energie…“. Vom sozialistischen Feminismus der Aktion 218 zum autonomen Feminismus der FRAUEN-AKTION-DORTMUND, in: Hieber, Hanne (Hg.): Rückblick nach Vorn. 25 Jahre Frauenbewegung in Dortmund, Dortmund 1995, S. 29‒48, hier S. 30.
  • 3. Hieber, Hanne: Sie veränderten die Welt. Dortmunder Feministinnen der 1970er Jahre erinnern sich, in: Hieber, Hanne (Hg.): Wir wollten die Welt verändern. Dortmunder Feministinnen erinnern sich, Dortmund 2011, S. 163‒206, hier S. 169.
  • 4. Hieber: Der „eine“ und der „andere“ Teil der Frauenbewegung, S. 12.
  • 5. Hieber: „Es war eine unglaubliche Energie…“, S. 30.
  • 6. Weihert, Hannelore: Die Anfänge der Aktion 218 in Dortmund, in: Rückblick nach Vorn. 25 Jahre Frauenbewegung in Dortmund, Dortmund 1995, S. 24‒28, hier S. 24.
  • 7. Ebenda, S. 26.
  • 8. Interview mit Renate Wurms, in: Hieber, Hanne (Hg.): Wir wollten die Welt verändern. Dortmunder Feministinnen erinnern sich, Dortmund 2011, S. 63‒86, hier S. 67.
  • 9. Hieber: „Es war eine unglaubliche Energie…“, S. 30.
  • 10. Weihert: Die Anfänge der Aktion 218 in Dortmund. S. 27 f.
  • 11. Hieber: „Es war eine unglaubliche Energie…“, S. 31.
  • 12. Interview mit Renate Wurms, S. 69.
  • 13. Hieber: „Es war eine unglaubliche Energie…“, S. 32.
  • 14. Ebenda.
  • 15. Ebenda, S. 31.
  • 16. Ebenda, S. 32.
  • 17. Interview mit Renate Wurms, S. 70.
  • 18. Ebenda, S. 69.
  • 19. Hieber: „Es war eine unglaubliche Energie…“, S. 32 f.
  • 20. Ebenda, S. 33.
  • 21. Ebenda, S. 34.
  • 22. Trappe, Gisela: Unser Buch und »Lenchen«, in: Hieber, Hanne (Hg.): Wir wollten die Welt verändern. Dortmunder Feministinnen erinnern sich, Dortmund 2011, S. 44‒46, hier S. 45.
  • 23. Ebenda.