Ulrike Rosenbach Geboren 1943 in Bad Salzdetfurth bei Hildesheim

Über Ulrike Rosenbach

Ulrike Rosenbach ist international erfolgreiche Pionierin der Videokunst und Performance. Sie verband früh Kunst und Feminismus, arbeitete in den USA mit feministischen Künstlerinnen zusammen, lehrte in Kalifornien ‚Feministische Kunst‘ und gründete in Köln die Schule für kreativen Feminismus.

Ulrike Rosenbach wurde 1943 in einer Kleinstadt bei Hildesheim geboren. Die Tochter eines Ingenieurs und einer Hausfrau wuchs bei den Großeltern auf und spielte in Garten und Wald „eigentlich wie ein Junge.“1 Die Mutter „hat sich um eine mädchengerechte Erziehung überhaupt nicht gekümmert“, der Vater war als Kriegsrückkehrer „weitgehend abwesend“.2

Noch vor dem Abitur bewarb sich Ulrike – gegen den Willen des Vaters – an der Kunstakademie Düsseldorf, wurde im Fach Freie Bildhauerei angenommen und begann 1964 ihr Studium, das sie mit Jobs in der Gastronomie sowie einer kleinen Unterstützung der Großmutter und einer Tante finanzierte. Sie wurde Meisterschülerin von Joseph Beuys, als eine von nur zwei Frauen.

Als sie schwanger wurde, heiratete sie den Vater des Kindes, war aber nach der Trennung, die wenige Jahre später folgte, allein für Tochter Julia zuständig.

„Hauben für eine verheiratete Frau“

1969 kam Ulrike Rosenbach über eine Gastdozentin aus Los Angeles mit feministischen Künstlerinnen aus den USA und deren Arbeiten in Kontakt. „So dass ich mich dann eigentlich zum allerersten Mal mit den weiblichen Sachen beschäftigt hab, und das auch sehr gerne.“3 Ulrike Rosenbach schuf nun selbst erste Arbeiten, in denen sie sich künstlerisch mit der Frauenfrage befasste. „Und da hab ich dann (…) Objekte für den Körper hergestellt, die an den Kostümen mittelalterlicher Frauen angelehnt waren. Und dann hab’ ich dazu gelesen, dass die verheiratete Frau im Mittelalter ’ne Haube aufhaben musste. Und so hieß das dann ‚Hauben für eine verheiratete Frau‘. Und so kam ganz langsam dieses Bewusstsein von Unterschieden, die da waren. Und das fand ich dann auch ganz schön, mit diesen Objekten weiterzumachen, und dann hab’ ich auch Kontakt aufgenommen mit der Szene in New York.“4

Feministische Kunst in New York

Ulrike Rosenbach wurde Teil eines feministischen Künstlerinnen-Netzwerks, das in den USA entstanden war. Ab Anfang der 1970er-Jahre wendete sie sich verstärkt der Videokunst zu und gehörte bald zur internationalen Avantgarde in diesem neuen Genre. Von 1973 bis 1975 arbeitete sie als Kunstlehrerin, dann bekam sie einen Lehrauftrag für Feministische Kunst und Medienkunst am California Institute of the Arts bei Los Angeles, an dem Judy Chicago „ein großes feministisches Segment aufgebaut (hatte) für Frauen, die ihre Ausbildung machen wollten mit weiblichen Themen“5 .

1975 entstand eines von Rosenbachs bekanntesten Werken, die Video-Aktion Glauben Sie nicht, dass ich eine Amazone bin. Rosenbach schießt mit einem Bogen 15 Pfeile auf ein Madonna-Gemälde und überblendet das Gesicht der Madonna mit ihrem eigenen. „Meine Arbeit ist die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Identität als Frau“, erklärt Rosenbach. „Zu dieser Thematik gehört die künstlerische Auseinandersetzung mit dem historischen Kulturbild der Frau. Der Frau als Mutter in der Familie, als Hausfrau, als Prostituierte des Mannes, als Heilige, als Jungfrau oder als Amazone.“6

Die Schule für kreativen Feminismus

Die Erfahrungen in den USA prägten Ulrike Rosenbach stark. „Vorher war ich vielleicht eher so Mitglied der linken Studentenbewegung. Und jetzt, nach USA, hatte ich mehr das Gefühl, ich will was für die Frauen und ihre politischen Lebensverhältnisse und auch für ihre Kunst tun. Denn was man natürlich bedenken muss, ist, dass die Kunstszene auch zu der Zeit noch sehr autoritär auf männliche Künstler ausgelegt war. Es gab so gut wie keine weiblichen Künstlerinnen als Professorinnen – das ist in Amerika damals schon ganz anders gewesen.“7

Als Rosenbach 1976 zurück nach Deutschland kam und nun in Köln lebte, „hab’ ich sofort angefangen, eine Frauengruppe zu bilden, außer dem, was da in der Frauenbewegung um mich herum ablief. Die hab ich Schule für kreativen Feminismus genannt, und da hab ich dann mit Frauen, die ich im Frauenzentrum oder im Buchladen geworben hatte, eine Gruppe gebildet, die so arbeitete, wie wir in Los Angeles gearbeitet haben: mit Selbsterfahrungstraining und dann vor allen Dingen zur Arbeit und Kunstgeschichte der Frauen“.8

Die Schule für kreativen Feminismus sei notwendig, weil „uns Frauen durch die Geschichte unserer Unterdrückung das Gespenst schöpferischer Unfähigkeit begleitet“9 , erklärte Ulrike Rosenbach in der EMMA, für die sie auch als Autorin oder Künstlerin arbeitete, zum Beispiel beim Gestalten von Covern. „Die von Männern geschriebene Kunstgeschichte hat nicht nur die Namen der wenigen Künstlerinnen, die es gab, gerne verschwiegen, sie hat auch eine Definition von Kunst hervorgebracht, die einem männlichen Schöpfungsbegriff folgt und Frauen ausschließlich eine reproduktive Stelle zuweist.“10

In ihrer Schule für kreativen Feminismus verband Rosenbach feministische Aktionen und deren künstlerische Umsetzung. Ein zentrales Thema war dabei die (Sexual)Gewalt gegen Frauen und die Pornografie . „Damals machte die Frauenbewegung in New York Protestmärsche (...) durch die Pornoläden, und das haben wir in Köln quasi zum gleichen Zeitpunkt nachorganisiert oder mitorganisiert, so dass das parallel ablief. Dazu hab’ ich auch später noch Arbeiten gemacht: (...) Wenn man ein Thema aus der Frauenbewegung nimmt, dann ist es für mich Gewalt gegen Frauen.“11

Logo der EMMA-Kampagne gegen Pornografie
Gewalt und Pornografie, 1989

Ausstellung Künstlerinnen international 1877–1977

1977 organisierten Künstlerinnen in West-Berlin, darunter Sarah Schumann, die Ausstellung Künstlerinnen international 1877-1977 im Charlottenburger Schloss. Es war die erste Ausstellung in Deutschland, die ausschließlich Werke weiblicher Künstler zeigte und dabei sowohl frühere, einst bekannte und inzwischen vergessene Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker oder Hannah Höch ins Bewusstsein holte als auch zeitgenössische Künstlerinnen präsentierte, darunter auch Ulrike Rosenbach. Die Ausstellung war ein Meilenstein und wurde medial und im Kunstbetrieb breit wahrgenommen.

Im selben Jahr nahm Rosenbach an der documenta 6 in Kassel teil. Ihre Arbeit Herakles – Herkules – King Kong. Das Klischee „Mann“ zeigt eine mehrere Meter große Fotoreproduktion des griechischen Gottes, unter dessen Arm Rosenbach einen Monitor platziert hat. Auf diesem spricht sie selbst in einer Art Ein- und Ausatembewegung in Endlosschleife das Wort „Frau“.12

Ulrike Rosenbach: Performance "Das Mädchen wächst weiter", 1985

Rosenbach ist bei der Stern-Klage dabei

Als EMMA im August 1978 den Stern wegen seiner sexistischen Titelbilder verklagte, war Ulrike Rosenbach neben Margarete Mitscherlich, Margarete von Trotta, Inge Meysel und anderen eine der Mitklägerinnen.13

Die Schule für kreativen Feminismus beendete im Jahr 1983 ihre Arbeit mit einer letzten Werkschau. „Wir haben zum Schluss eine schöne Ausstellung gemacht, Anfang der 80er-Jahre. Die hieß: Frauenkultur – der uferlose Weg und ging durch die ganze Frauenszene in Köln. Die haben wir organisiert mit Lesungen und Veranstaltungen aller Art. Und das (…) war eine sehr schöne abschließende Veranstaltung.“14

1989 wurde Ulrike Rosenbach, die schon vorher Gastprofessuren und Lehraufträge an verschiedenen Universitäten hatte, Professorin für neue Künstlerische Medien an der Hochschule der Bildenden Künste Saarbrücken. Ulrike Rosenbach beschäftigt sich in ihren Arbeiten bis heute mit der Geschlechterfrage.

Veröffentlicht: 03. August 2021
Lizenz (Text)
Verfasst von
Chantal Louis

studierte Journalistik und Politikwissenschaften in Dortmund. Seit 1994 ist sie Autorin und Redakteurin bei der Zeitschrift EMMA. Sie schrieb mehrere Bücher und arbeitete als freie Journalistin u.a. für WDR und Deutschlandfunk.

Empfohlene Zitierweise
Chantal Louis (2024): Ulrike Rosenbach, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/ulrike-rosenbach
Zuletzt besucht am: 17.07.2024
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  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
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Biografie von Ulrike Rosenbach

1943

Geburt in Bad Salzdetfurth bei Hildesheim

1960er Jahre

Geburt einer Tochter, Heirat und Trennung

1964

Studium Freie Bildhauerei, Meisterschülerin bei Joseph Beuys (eine von nur zwei Frauen)

1969

Gründung einer ersten Künstlerinnengruppe, die Verbindungen zur US-amerikanischen feministischen Kunstszene in New York aufbaut

1970

Erstes Staatsexamen im Fach Kunsterziehung

ab 1971

Erste Schritte in die Öffentlichkeit mit Videoarbeiten, Performances und Kunstaktionen

1972

Zweites Staatsexamen, dann Studienrätin im Schuldienst, gelichzeitig nimmt sie die Arbeit als freischaffende Künstlerin auf

1973

Teilnahme an der historischen Ausstellung „1000 miles from here“, der ersten feministischen Kunstausstellung in den USA

1974 - 1975

Performance „Isolation is transparent“ in New York City

1975

Entstehung eines ihrer bekanntesten Werke: „Glauben Sie nicht, dass ich eine Amazone bin“

1975 - 1976

Lehrauftrag für Feministische Kunst und Medienkunst am California Institute of the Arts

1976

Gründung der „Schule für kreativen Feminismus“

1977

Ausstellung Künstlerinnen international 1877-1977

1977

Teilnahme an der documenta in Kassel

1978

beteiligt sich gemeinsam mit Alice Schwarzer, Margarete Mitscherlich, Margarethe von Trotta, Inge Meysel und weiteren Frauen an der Sexismus-Klage gegen den Stern

Anfang 1980er Jahre

Abschließende Werkschau der Schule für kreativen Feminismus: „Frauenkultur – der uferlose Weg“

1987

Teilnahme an der documenta in Kassel

ab 1987

Verschiedene Lehraufträge und Gastprofessuren sowie Arbeitsaufenthalte im In- und Ausland

1989

Professur für neue künstlerische Medien an der Hochschule für Bildende Künste Saar

1990 - 1993

Rektorin der Hochschule für bildende Künste Saar

2012 - 2018

Präsidentin des deutschen Künstlerinnenverbandes GEDOK

seit 2016

Mitglied der Akademie der Künste

Fußnoten

Ausgewählte Publikationen