Stadtbund Anzeiger 1917
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Stadtbund Hamburgischer Frauenvereine

Über Stadtbund Hamburgischer Frauenvereine

Hamburg war neben Berlin, Leipzig und München eines der Zentren der Frauenbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Hier gründete sich am 15. November 1915 der Stadtbund Hamburgischer Frauenvereine, der sich für die Belange und Verbesserung der Situation von Frauen einsetzte.

Entstehung

Anfang des 20. Jahrhunderts, mitten in einer Zeit des Krieges und des Umbruchs, gründete sich am 15. November 1915 der Stadtbund Hamburgischer Frauenvereine (im Nachfolgenden Stadtbund).1
Im Fokus dieser Vereinigung stand die Zusammenarbeit. Dies wird auch in der Vereinssatzung deutlich, die die Unterstützung der Frauenvereine und ihre Verbindung mit dem Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) betonte.2 Im Stadtbund konnten alle „Vereine und andere Organisationen“ Mitglied werden, eine Mitgliedschaft für einzelne Personen war jedoch nicht vorgesehen.3

Als Gremium des Stadtbundes fungierte ein gewählter Vorstand, dem neun Frauen angehörten, und die Abgeordnetenversammlung, in die jeder Mitgliedsverein eine Delegierte entsenden konnte.4 Die Abgeordnetenversammlung stimmte zum Beispiel über öffentliche Äußerungen des Stadtbundes mit einer Zweidrittelmehrheit ab, interne Fragen wurden mit einer einfachen Mehrheit angenommen.5
Zu den satzungsgemäßen Aufgaben des Stadtbundes gehörten unter anderem die Vertretung der Vereine durch „Eingaben, Gesuche und Kundgebungen“6, die Durchführung von Kursen und Vorträgen, eine aktive Presseinformationspolitik sowie die Herausgabe des Stadtbund-Anzeigers, der den Vortrags-Anzeiger ersetzte, „der im 4. Jahrgang seines Erscheinens mit Nr. 4 seinen Abschluß fand“.7

Im März 1916 erschien die erste Ausgabe des von nun an monatlich erscheinenden vier- bis achtseitigen Mitteilungsblattes Stadtbund-Anzeiger, der eine wichtige Quelle für die Geschichte des Vereins ist. Er war für den Zusammenhalt des Stadtbundes, der aus 46 Frauenvereinen mit ungefähr 15.000 Mitgliedern bestand, enorm wichtig.8
Die Auflage schwankte zwischen 5.500 und 8.000 Exemplaren und wurde von der Verlagsdruckerei F. W. Vogel gedruckt.9 Die Ausgaben umfassten redaktionelle Beiträge, Berichte aus der Arbeit des Stadtbundes und seiner Mitgliedsvereine sowie einen Veranstaltungskalender. Gerade die Rubrik Vereinsnachrichten sollten zu einem Austausch untereinander beitragen und eine Zusammenarbeit der Vereine fördern. „Wir dürfen sagen, daß der Stadtbundanzeiger immer mehr unentbehrlich wird und einen Platz ausfüllt in dem Vereinsleben der Frauen in Hamburg“.10

Titelseite des Stadtbund-Anzeigers im März 1916.

Tätigkeitsfeld und Forderungen

Anzeige im Stadtbund-Anzeiger vom Oktober 1916.

Das Hauptaugenmerk des Stadtbundes lag auf der Beteiligung und Gleichberechtigung von Frauen in der Öffentlichkeit.11 Während der Kriegszeit wurde jedoch auch die Kriegsfürsorge in Form der seit Oktober 1916 stattfindenden Vaterländischen Abende unterstützt.12 Auf diesen wurde einerseits auf Grund der immer größer werdenden Versorgungsschwierigkeiten zum Durchhalten und zur Sparsamkeit aufgefordert und andererseits Spenden im Sinne der Kriegshilfe generiert. „Der Stadtbund hofft durch die patriotischen Abende dem vaterländischen Geist der Frauen neue Nahrung zu geben.“13
Doch vor allem setzte sich der Stadtbund für das Erlangen des Frauenwahlrechts ein.14 Schon im Jahr 1917 forderte der Stadtbund eine Zulassung zum Erwerb des Bürgerrechts. Zu diesem Thema wurden Vorträge und Kundgebungen initiiert.

Ende April 1917 wurde eine vom Stadtbund organisierte Veranstaltung von der Politischen Polizei verboten, auf der stattdessen einberufenen Mitgliederversammlung am 14. Mai 1917 sprach als Hauptrednerin Helene Lange zum Thema „ Warum fordern wir Frauen das Bürgerrecht?“.15 Ihr Vortrag wurde im Stadtbund-Anzeiger abgedruckt, sodass auch Frauen, die nicht an der Versammlung teilnahmen, ihren Beitrag lesen konnten. An diesem Abend wurde mit einer Gegenstimme eine Resolution verabschiedet, in der das Bürgerrecht für die Frauen gefordert wurde. Diese erreichte jedoch nicht ihr Ziel, der Senat und die Bürgerschaft verschoben eine Änderung des Wahl- und Bürgerrechtes auf unbestimmte Zeit.
Weitere Bemühungen zum Erhalt des Bürgerrechts wie Veranstaltungen mit Gertrud Bäumer als Hauptrednerin16 und eine Petition17 blieben erfolglos.18

Anzeige im Stadtbund-Anzeiger Öffentliche Frauenversammlung. Warum fordern die Frauen das Bürgerrecht? Mai 1917

Die Umbrüche der Novemberrevolution führten am 18. November 1918 zur Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für Frauen und Männer.
Nachdem der Wahltermin für die Nationalversammlung für den 19. Januar 1919 festgelegt wurde, gründete der Stadtbund im November 1918 den Wahlwerbeausschuß Hamburgischer Frauenvereine, dessen Ziel es war, Frauen auf die Wahl vorzubereiten. Es wurden Veranstaltungen organisiert, in denen die Parteien und ihre Programme vorgestellt wurden.19 Die Mobilisierungsbemühungen waren überaus erfolgreich. In Hamburg nutzten etwa 90 Prozent der weiblichen Wahlberechtigten ihr Stimmrecht.20

Mit der Einführung des Frauenwahlrechts war nun eine der zentralen Forderungen der Frauenbewegung erfüllt worden. Innerhalb des Stadtbundes kam es zu einer Diskussion um eine inhaltliche Neuausrichtung, zu der die erste Vorsitzende Emma Ender im April 1919 im Stadtbund-Anzeiger schrieb:

„Sind nun damit die Aufgabe einer zusammenfassenden Frauenorganisation in Hamburg tatsächlich überholt? Ich verneine diese Frage nicht nur, sondern ich sage sogar: gäbe es heute noch keine Frauenvereine und keine diese zusammenfassende Organisation, so müßten sie jetzt, nachdem die politische Gleichstellung gekommen ist, zur Bewältigung der Aufgaben, die gerade jetzt vorhanden sind, gegründet werden […].“21

Ziel des Stadtbundes war es nun, die staatsbürgerlichen Rechte der Frauen zu wahren und in ihrem Interesse Politik zu betreiben. Dies sollte „durch die weiblichen Abgeordneten in der Bürgerschaft und in den einzelnen Verwaltungszweigen“22 erreicht werden. Maßgeblich dafür sei die „harmonische Zusammenarbeit“23 der Frauen, die verschiedenen Parteien angehörten.

Obwohl sich die thematischen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik verschoben, setzte der Stadtbund seine Aktivitäten fort und erweiterte sie. Vor allem die Sittlichkeitsfrage24 und die Bekämpfung der staatlichen Reglementierung der Prostitution25 waren Themenfelder, die diskutiert wurden.
Der Fachausschuss für Sittlichkeitsfragen, der erkrankte Prostituierte betreute, berichtete zum Beispiel über die unzureichenden Verhältnisse in den Krankenhäusern, in denen Prostituierte mit Geschlechtskrankheiten behandelt wurden. Das Ziel war es, diese Frauen aus den Bordellen zu holen und wieder in Arbeit zu bringen.26

Aber auch die Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege blieben ein wichtiger Bestandteil der Vereinsarbeit. Der Stadtbund baute mit der 1923 gegründeten Hamburgischen Frauenhilfe, die sich um von der Inflation Betroffene mit Kleidung, Lebensmitteln und Beihilfen kümmerte, seine Aktivitäten und seine Zusammenarbeit mit den Sozialdemokratinnen weiter aus.27

Anfang der 1930er-Jahre, angeheizt durch die Weltwirtschaftskrise 1929 mit steigenden Arbeitslosenzahlen, stand das sogenannte Doppelverdienertum in der öffentlichen Diskussion. Nach Ansicht vieler damaliger Zeitgenossen würden die berufstätigen Ehefrauen den erwerbsfähigen Männern die Arbeit wegnehmen. Angesichts der steigenden Arbeitslosenzahlen wurde die Forderung, Frauen zu entlassen, immer lauter. Dies hatte zur Folge, dass die Hamburger Bürgerschaft den Senat aufforderte, Frauen aus der Verwaltung zu entlassen, wenn ihre Ehemänner ebenfalls dort tätig waren oder anderweitige Festanstellungen hatten.28

Auflösung des Stadtbund-Anzeigers

Im Jahr 1918 erschien der Stadtbund-Anzeiger nur noch sporadisch und musste dann aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten von November 1919 bis November 1920 vorübergehend eingestellt werden, da sich bei steigenden Herstellungskosten kein Verlag finden ließ.29 Anfang 1923 wurde der Stadtbund-Anzeiger ganz eingestellt. Die entstandene Lücke füllte die wöchentlich erscheinende Zeitschrift Frau und Gegenwart, die zwischen 1924 und 1929 vom Verband Norddeutscher Frauenvereine, dem Bund Hamburger Hausfrauen und dem Stadtbund herausgegeben wurde. Aber auch diese Zeitschrift ging ab 1929 in der Zeit der Weltwirtschaftskrise in der Illustrierten Neue Frauenkleidung und Frauenkultur auf. Diese erschien seit 1904 und wurde von der Werbestelle für Deutsche Frauenkultur in Karlsruhe herausgegeben. Ihre Auflage lag bei 16.000 Exemplaren.30
So zeichnete sich zum Ende der Weimarer Republik anhand des Mitteilungsorgans Stadtbund-Anzeiger, der nun kein eigenständiges Mitteilungsblatt mehr war, eine Entpolitisierung der Frauenbewegung ab.31

Widerstand gegen die NSDAP

Mit den ersten Wahlerfolgen der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (NSDAP), die eine antifeministische Politik vertrat, war die Arbeit des Stadtbundes in Gefahr.
In Hamburg initiierte der Stadtbund gemeinsam mit den Sozialdemokratinnen im Juni 1932 den Aufbau einer „Massenfront der Frauen“ zur „Notwehr gegen die Kräfte der gesellschaftlichen Reaktion“.32
Doch aufgrund der politischen Veränderung im Januar 1933, als Adolf Hitler Reichskanzler wurde, beschloss der Stadtbund am 20. Juni 1933 einstimmig seine Auflösung. Von den 48 Frauenvereinen waren nur noch Vertreterinnen von 30 Vereinen anwesend, da die restlichen 18 Verbände bereits verboten waren beziehungsweise sich aufgelöst hatten. Einige Vereine wie der Bund Hamburger Hausfrauen und die Ortsgruppe des Deutschen Evangelischen Frauenbundes (DEF) bestanden als ‚gleichgeschaltete‘ Organisation weiter. Andere wie der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF), versuchten erfolglos, eine unabhängige Existenz zu führen und lösten sich erst im Februar 1934 auf.33 Die beteiligten Funktionärinnen zogen sich aus dem öffentlichen Leben zurück.

Stand: 13. Juli 2020
Verfasst von
Henrike Rehders

studierte Neuere Geschichte mit dem Nebenfach Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg. Ihre Interessenschwerpunkte sind Alltags- und Geschlechtergeschichte sowie Public- und Oral-History. Sie arbeitet als freie Historikerin für verschiedene Projekte.

Empfohlene Zitierweise
Henrike Rehders (2020): Stadtbund Hamburgischer Frauenvereine, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/stadtbund-hamburgischer-frauenvereine
Zuletzt besucht am: 21.09.2020

Netzwerk von Stadtbund Hamburgischer Frauenvereine

Biografie von Stadtbund Hamburgischer Frauenvereine

Gründung in Hamburg

Mai 1917

Mitgliederversammlung zum Thema „Warum fordern wir Frauen das Bürgerrecht?“

April 1918

Kundgebung zum Thema Bürgerrecht

September 1919

XI. Generalversammlung des Bundes Deutscher Frauenvereine in Hamburg

Auflösung in Hamburg

Fußnoten

  • 1. Ohlert, Annie: Der Stadtbund Hamburgischer Frauenvereine, in: Stadtbund-Anzeiger, Jg. 1, 1916, Nr. 1.
  • 2. Staatsarchiv Hamburg, Politische Polizei S2476: Satzung §2.
  • 3. StaHH PP S2476: Satzung §4.
  • 4. StaHH PP S 2476: Satzung §8 und §9.
  • 5. StaHH PP S 2476: Satzung § 10.2.
  • 6. StaHH PP S 2476: Satzung § 3 und Stadtbund-Anzeiger, Nr. 1. Jahrgang 1, S. 1.
  • 7. StaHH PP S 2476: Satzung § 3 und Stadtbund-Anzeiger, Nr. 1. Jahrgang 1, S. 1.
  • 8. Ohlert, Annie: Der Stadtbund Hamburgischer Frauenvereine, in: Stadtbund-Anzeiger, Jg. 1, 1916, Nr. 1.
  • 9. Ender, Emma: Jahresbericht, in: Stadtbund-Anzeiger, Jg. 1, 1917, Nr. 8 und Jahresbericht, in: Stadtbund-Anzeiger, Jg. 2, 1917, Nr. 16.
  • 10. Ender, Emma: Jahresbericht, in: Stadtbund-Anzeiger, Jg. 1, 1917, Nr. 8.
  • 11. 2. Jahresbericht, in: Stadtbund-Anzeiger, Jg. 2, 1917, Nr. 16.
  • 12. Stadtbund-Anzeiger, Jg.1, 1916, Nr. 6.
  • 13. Stadtbund-Anzeiger, Jg.1, 1916, Nr. 6.
  • 14. Vgl. dazu ausführlicher: Heinsohn, Kirsten: Politik und Geschlecht. Zur politischen Kultur bürgerlicher Frauenvereine in Hamburg, Hamburg 1997, S. 351 f.
  • 15. Stadtbund-Anzeiger, Jg. 2, 1917, Nr. 13.
  • 16. Stadtbund-Anzeiger, Jg. 3, 1918, Nr. 21; vgl. dazu ausführlicher: Hagemann, Karen / Kolossa, Jan: Gleiche Rechte – Gleiche Pflichten? Ein Bilder-Lese-Buch zu Frauenalltag und Frauenbewegung in Hamburg, Hamburg 1990, S. 44 f.
  • 17. Stadtbund-Anzeiger, Jg. 3, 1918, Nr. 22 sowie StaHH PP SA 2476: Hamburger Fremdenblatt 3.11.1918.
  • 18. Vgl. dazu Rita Bake: Stadtbund hamburgischer Frauenvereine, Zugriff am 22.08.2019 unter https://www.hamburg.de/clp/frauenbiografien-suche/clp1/hamburgde/onepage.php?BIOID=3741&qN=stadtbund.
  • 19. Vgl. Stadtbund-Anzeiger, Jg. 3, 1918, Nr. 24.
  • 20. Stadtbund-Anzeiger, Jg. 6, 1920, Nr. 32 sowie Bake, Rita / Heinsohn, Kirsten: „Man meint aber unter Menschenrechten nichts anderes als Männerrechte.“ Zur Geschichte der Hamburger Frauenbewegung und Frauenpolitik vom 19. Jahrhundert bis zur Neuen Hamburger Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre, Hamburg 2012, S. 95 und 176 sowie Hagemann / Kolossa: Gleiche Rechte – Gleiche Pflichten?, S. 101.
  • 21. Ender, Emma: Die Zukunft des Stadtbundes, in: Stadtbund-Anzeiger, Jg. 4, 1919, Nr. 28.
  • 22. Ender, Emma: Die Zukunft des Stadtbundes, in: Stadtbund-Anzeiger, Jg. 4, 1919, Nr. 28.
  • 23. Ender, Emma: Die Zukunft des Stadtbundes, in: Stadtbund-Anzeiger, Jg. 4, 1919, Nr. 28.
  • 24. Vgl. 5. Jahresbericht 1.Oktober bis 30. September 1920, in: Stadtbund-Anzeiger, Jg. 6, 1921, Nr. 33.
  • 25. Stadtbund-Anzeiger, Jg. 6, 1921, Nr. 38.
  • 26. Stadtbund-Anzeiger, Jg. 4, 1919, Nr. 26.
  • 27. Vgl. ausführlicher: Bake / Heinsohn: „Man meint aber unter Menschenrechten“, S. 95 und S. 176 und Hagemann / Kolossa: Gleiche Rechte – Gleiche Pflichten?, S. 135 f.
  • 28. Vgl. Bake / Heinsohn: „Man meint aber unter Menschenrechten“, S. 130 f.
  • 29. Ender, Emma: 5. Jahresbericht 1. Oktober 1919 bis 30. September 1920, in: Stadtbund-Anzeiger, Jg. 6, 1921, Nr. 33.
  • 30. Hagemann / Kolossa: Gleiche Rechte – Gleiche Pflichten?, S. 132.
  • 31. Vgl. Stubbe da Luz, Helmut: Die Stadtmütter. Ida Dehmel, Emma Ender, Margarete Treuge, Hamburg 1994, S. 58.
  • 32. StaHH Staatliche Pressestelle I-IV 4414: Frauenproteste gegen Entrechtung in: Hamburgischer Correspondent Nr. 154 vom 04.07.1932.
  • 33. Hagemann / Kolossa: Gleiche Rechte – Gleiche Pflichten?, S. 171 f.