Käthe Windscheid
Bildnachweis
Archiv der deutschen Frauenbewegung Kassel, NL-K-08 39
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Katharina (Käthe) Windscheid Geboren am in München Gestorben am in Leipzig

Über Katharina (Käthe) Windscheid

Käthe Windscheid (1859–1943) war eine Pionierin des Frauenstudiums und der Gymnasialbildung für Mädchen. Sie wurde 1894 als erste deutsche Frau zum Dr. phil. in Heidelberg promoviert und leitete von 1894 bis 1914 die Mädchengymnasialkurse des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) in Leipzig.

Elternhaus, Kindheit, Ausbildung

Käthe Windscheid war die Erstgeborene des Ehepaares Prof. Bernhard Windscheid (1817–1892) und seiner Frau Charlotte, geb. Pochhammer (1830–1918). Ihr folgten der Bruder Franz (1862–1910) sowie die Zwillingsschwestern Charlotte (1864–1938) und Margarethe (1864–1936). 1857 erhielt der Vater als angesehener Jurist an der Universität München eine Professur. Die Kinder wuchsen in einem intellektuell geprägten und kunstliebenden Elternhaus auf. Alle Kinder begannen in München ihre Schulzeit, die dann in Heidelberg fortgesetzt wurde. Grund dafür war die Berufung des Vaters 1871 an die Heidelberger Universität. Käthe Windscheid besuchte hier die ersten Semester der Höheren Töchterschule. Doch schon 1874 folgte Bernhard Windscheid dem Ruf nach Leipzig an die Alma Mater als ordentlicher Professor der Rechte, was einen erneuten Umzug bedeutete. Leipzig wurde zum Lebensmittelpunkt der Familie. Nach weiteren eineinhalb Jahren Unterricht an der I. Städtischen Höheren Mädchenschule, an die Käthe Windscheid viele Jahre später als Lehrerin zurückkehren sollte, beendete sie mit dem Abschluss der 10. Klasse die Schulzeit. Es folgten Sprach- und Studienreisen nach Frankreich und England1, ehe sie am Berliner Victoria-Lyzeum Ende 1882 das Sprachlehrerinnenexamen für Französisch und Englisch ablegte.2 Damit war sie in der Lage, einer eigenen Erwerbstätigkeit nachzugehen. Nach einem kurzen Intermezzo als Aushilfslehrerin fand sie Ostern 1886 eine Anstellung an der privaten Teichmann‘schen Lehr- und Erziehungsanstalt mit höherer Töchterschule. Ein Jahr später legte Käthe Windscheid am Dresdner Lehrerinnenseminar das Staatsexamen mit Erfolg ab. In den sieben Berufsjahren am Teichmann‘schen Institut sammelte sie wertvolle pädagogische Erfahrungen im Umgang mit Schülerinnen und stieß oft an die Bildungsgrenzen für Mädchen, denn für sie gab es laut Gesetzgebung keinen zum Abitur führenden Weg.     

Streben nach einem akademischen Abschluss

Angeregt durch die erste Reise nach England Anfang der 1880er-Jahre folgte 1885 ein zweiter mehrmonatiger Studienaufenthalt in London, um sich intensiv mit englischer Sprache und Literatur zu beschäftigen sowie Quellenstudien für eine Dissertation zu betreiben. Nach der Rückkehr und neben ihrer Lehrtätigkeit bemühte sich Käthe Windscheid darum, als Gasthörerin und mit Zustimmung des jeweiligen Dozenten an der Universität Leipzig zugelassen zu werden. Ab 1890 besuchte sie philologische Vorlesungen und Seminare. Ganz anders verlief der Bildungsweg ihres Bruders Franz, der bereits 1887 mit der Promotion zum Dr. med. sein Studium abschloss und ein angesehener Neurologe in Leipzig wurde. In der Vereinszeitschrift des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) Neue Bahnen von 1893 findet sich folgende Mitteilung: „Die philosophische Fakultät der Universität Heidelberg hat das Gesuch des Frl. Käthe Windscheid um Zulassung zur Promotion nicht abschläglich beschieden.“3  Am 16. Februar 1894 fand die mündliche Prüfung nach der zuvor befürworteten Dissertation mit dem Thema Die englische Hirtendichtung von 1579–1625 statt. Käthe Windscheid bestand und wurde als erste deutsche Frau an einer philosophischen Fakultät zum Dr. phil. promoviert.4 Gedruckt erschien die Dissertation 1895 in Halle an der Saale.5

Direktorin der Gymnasialkurse in Leipzig

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde heftig diskutiert, Mädchen ebenso wie Knaben den Weg zu Studium beziehungsweise Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Auf den Generalversammlungen des ADF wurde das Thema immer wieder auf die Tagesordnung gesetzt und Petitionen bei Bund- und Ländervertretungen wurden eingereicht, denn laut Gesetz waren für Mädchen lediglich acht Jahre Volksschulbildung vorgesehen. Dank einer großzügigen, zweckgebundenen Spende im Jahr 1888 war der ADF in der Lage, finanzielle Mittel für ein eigenes Mädchengymnasium bereitzustellen. Zur Eröffnungsfeier Ostern 1894 erklärte Auguste Schmidt (1833–1902), dass nun die Kurse unter weiblicher Leitung eines promovierten Vorstandsmitgliedes beginnen können, wiege die etwas verspätete Eröffnung auf6. Bereits im Herbst 1893 waren in Karlsruhe und in Berlin unter der Leitung von Helene Lange (1848–1930) zwei Mädchengymnasien eröffnet worden. Die Leipziger Kurse leitete Käthe Windscheid 20 Jahre mit großem Erfolg. Neben der Organisation des gesamten Schulbetriebs unterrichtete sie Deutsch, Englisch, Französisch und verfasste kommentiertes Lehrmaterial für den Literaturunterricht. In die Rolle der Gesellschafterin schlüpfte die Direktorin bei den beliebten Teestunden. Ganzjährig wurde viel Wert auf Bewegungs- und Turnübungen gelegt. Der Lehrstoff richtete sich exakt nach den Plänen an den Knabengymnasien, woher auch die Lehrer kamen. 1902 wurden die humanistischen Kurse in Realgymnasialkurse mit verstärktem Unterricht in Mathematik, Physik und neueren Sprachen umgewandelt sowie Frida Hanßmann (1873–?), die in der Schweiz Physik studiert und promoviert hatte, in das Kollegium aufgenommen. Von den insgesamt circa 300 Schülerinnen7 legten 1868 in all den Jahren das Abitur ab, denn auch Schülerinnen ohne Abiturwunsch konnten an den Kursen teilnehmen. Die ersten fünf Prüflinge bestanden im Herbst 1898 das Abitur am Königlichen. Knabengymnasium in Dresden und die letzten 32 am Petrigymnasium in Leipzig 1914. Damit wurden die Kurse eingestellt. Der Grund dafür war das Gesetz über das höhere Mädchenschulwesen im Königreich. Sachsen von 1910. Danach sollten Studieneinrichtungen an den höheren Mädchenschulen eingerichtet werden, die bis zur Reifeprüfung an einer öffentlichen Schule führen und unter männlicher Leitung stehen sollten. Unter diesen Bedingungen entschied sich der ADF, trotz eines Angebots der Stadt Leipzig zur Übernahme der Lehranstalt, nur noch die laufenden Kurse zu beenden. Käthe Windscheid sagte von sich selbst, dass diese Jahre Inhalt und Schwerpunkt ihres Lebens gewesen seien und dass sie ihre Schülerinnen in die Selbstbestimmung entlassen konnte.

Käthe Windscheid kehrte als Lehrerin an die I. Höhere Mädchenschule mit Studienanstalt zurück und unterrichtete hier bis zu ihrer Pensionierung 1924. In Anerkennung ihrer pädagogischen und wissensvermittelnden Leistung sowie ihres Einsatzes für eine Mädchenbildung bis zum Abitur wurde ihr 1914 der Maria-Anna-Orden 3. Klasse, 1915 der Titel Oberlehrerin und kurz vor der Pensionierung der Titel Studienrätin verliehen.9

Engagement in Vereinen und Vortragstätigkeit  

Anfang Januar 1888 saßen Leipziger Lehrerinnen, unter ihnen Rosalie Büttner (1846–1913), Josefine Friederici († 1904), Hedwig Dan und Käthe Windscheid, an einem Tisch, um über ihre Anerkennung als vollwertige Lehrkräfte auch gegenüber ihren männlichen Kollegen sowie über Aus- und Weiterbildungskonzepte zu diskutieren. Auf der konstituierenden Sitzung des Lehrerinnen-Vereins am 23. Januar 1888 wurden dann Vertreterinnen aller Schulformen in den Vorstand gewählt. Käthe Windscheid von der Teichmann‘schen Schule war unter ihnen – zunächst als Schriftführerin und Ansprechpartnerin für die Stellenvermittlung, später als stellvertretende Vorsitzende. Der Verein kümmerte sich auch um die materiellen Belange seiner Mitglieder und eröffnete 1894 ein Lehrerinnenheim mit Bibliothek und Mittagstisch, an dessen Einrichtung und Verwaltung sie ebenfalls maßgeblich beteiligt war. Aus beruflichen Gründen schied Käthe Windscheid 1903 aus dem Vorstand, der sie zu seinem Ehrenmitglied ernannte, aus.
Erstmals im Oktober 1892 war in den Neuen Bahnen zu lesen, dass Frl. Katharina Windscheid, Leipzig, als Beisitzerin in den Vorstand des ADF gewählt worden war. In der Vereinszeitschrift und auf den Generalversammlungen äußerte sie sich mehrfach zur Reformierung der Mädchenschulbildung und zur Entwicklung der Gymnasialkurse. Ihre ausdrucksstarken mündlichen wie schriftlichen Äußerungen waren sehr geschätzt, sodass der Vorstand 1899 Käthe Windscheid zur Schriftführerin benannte. Nach dem Tod von Auguste Schmidt übernahm 1902 Helene Lange (1848–1930) die Leitung des ADF. Da sie in Berlin ansässig war, musste laut Vereinsstatuten die zweite Vorsitzende in Leipzig wohnen.10 Auf der Generalversammlung 1911 fiel die Wahl auf Käthe Windscheid, die die Wahl auch annahm. Erst 1919 fehlt ihr Name unter den Vorstandsdamen.11

Außerdem engagierte sie sich in der Ortsgruppe Leipzig des ADF und zusammen mit ihrer Mutter im 1902 gegründeten Verein der Kinderfreunde (Kinderschutz) e.V.  Dem Leipziger Bürgerbund war sie bis Anfang 1933 verbunden und veröffentlichte regelmäßig in dessen Monatsschrift Beiträge zur Mädchenbildung, Stellung der Lehrerinnen sowie zu verdienstvollen Frauen und Männern aus Vergangenheit und Gegenwart.    
Eine Vielzahl von Vorträgen und Artikeln zu unterschiedlichen Themen sind von Käthe Windscheid nachweislich bekannt. Stellvertretend seien hier nur Schiller`s  Bedeutung für die deutsche Nation, George Sand. Gedenkblatt zum 100. Geburtstag, Dem Gedächtnis Henrik Ibsens, Die Frauenbewegung und ihre Bedeutung für die Gegenwart, Wandlungen im Frauenleben genannt. 

Mit Fug und Recht gebührt Käthe Windscheid größte Anerkennung als Wegbereiterin für das Frauenstudium an deutschen Universitäten und die Frauenemanzipation.

Stand: 01. März 2019
Verfasst von
Hannelore Rothenburg

Pädagogikstudium in Leipzig, jetzt Rentnerin, Mitglied der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. Leipzig.

Empfohlene Zitierweise
Hannelore Rothenburg (2019): Katharina (Käthe) Windscheid, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/katharina-kaethe-windscheid
Zuletzt besucht am: 12.12.2019

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Zitate von Katharina (Käthe) Windscheid

Die Frage der rein intellektuellen Begabung ist überhaupt nicht als eine im Geschlecht begründete, sondern als eine individuelle aufzufassen […]
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Quelle
Windscheid, Käthe: Das Gymnasialwesen für Mädchen, in: Wychgram. J. (Hg.): Handbuch des höheren Mädchenschulwesens, Leipzig 1897, S. 401 ff.
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Die Stellung der Frau im geistigen und sozialen Leben der Völker hat sich […] im Laufe der Zeiten mehrfach und grundlegend gewandelt. Ja, man darf sogar sagen, daß die Auffassung von den Pflichten und Aufgaben der Frau im Staate als ein Spiegel des Zeitgeistes zu betrachten ist.
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Quelle
Windscheid, Käthe: Wandlungen im Frauenleben, in: Leipziger Bürgerbund. Monatsschrift, hrsg. vom Leipziger Bürgerbund e. V., 2. Jg., 1925/26, Nr. 9, S. 214.
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Ich darf wohl sagen, daß mir mein Beruf als Lehrerin stets das höchste und wertvollste im Leben gewesen ist und daß es mir vergönnt war, […] jungen Menschenkindern den Weg zu geistigen Werten zu zeigen und ihnen die bestimmende Richtung für das Leben zu geben.
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Quelle
Stadtarchiv Leipzig, SchuA Kap. II W Nr. 171, Bl. 54r.
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Biografie von Katharina (Käthe) Windscheid

Geburt in München

1882

Sprachlehrerinnenexamen für Französisch und Englisch in Berlin

1886 - 1893

Lehrerin an der Teichmann´schen Lehr- und Erziehungsanstalt mit höherer Töchterschule in Leipzig

1887

Staatsexamen für Lehrerinnen in Dresden

1892 - 1918

Vorstandsmitglied im Allgemeinen Deutschen Frauenverein

1894

Promotion zum Dr. phil. an der Universität Heidelberg

1894 - 1914

Direktorin der Gymnasialkurse des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins in Leipzig

1914 - 1924

Lehrerin, Oberlehrerin, Studienrätin an der I. Städtischen Höheren Mädchenschule mit Studieneinrichtung in Leipzig

Tod in Leipzig

Fußnoten

  • 1. Otto, Louise / Schmidt, Auguste: Ein bedeutsamer Schritt nach vorwärts, in: Neue Bahnen. Organ des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (im Folgenden: NB), 28. Bd., 1893, Nr. 23, S.177.
  • 2. Stadtarchiv Leipzig (im Folgenden: StadtAL), SchuA Kap. II W Nr. 171, Bl. 1v.
  • 3. Otto / Schmidt: Ein bedeutsamer Schritt, S. 177.
  • 4. o. A.: Blicke in die Runde, in: NB, 29. Bd., 1894, Nr. 6, S. 44; Universitätsarchiv Heidelberg, Doktordiplome 1838-1924, K-1a, 058, 23.
  • 5. Universitätsbibliothek Leipzig, Lit. brit. A 3030; sorgfältig bearbeiteter Nachdruck, Lindau: Unikum Verlag 2012.
  • 6. L. O. [Otto, Louise]: [Bericht von der Eröffnungsfeier], in: NB, 29. Bd., 1894, Nr.8, S. 62.
  • 7. o. A.: Zur Feier von Käthe Windscheids 70. Geburtstag (28. August 1929) im Tunnel, Leipzig, Roßstr. 8 am 12. Oktober 1929, o. O. o. J., S. 7 (Deutsche Nationalbibliothek Leipzig, 1947 A 4721).
  • 8. [Lange, Helene]: Die Schlussfeier der „Realgymnasialkurse des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins zu Leipzig, in: NB, 49. Jg., 1914, Beilage zu Nr. 7, S. 7. Die Zahl wurde später auf 197 korrigiert. Siehe dazu den Geschäftsbericht der Vorsitzenden [Lange, Helene] über die Tätigkeit des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, in: Ebenda, 50. Jg., 1915, Nr. 20, S. 164.
  • 9. StadtAL, SchuA Kap. II W Nr.171, Bl. 34, 34v, 51v.
  • 10. Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, Amtsgericht Leipzig Nr.16398, ADF 1865-1904, Satzungsänderung 1902 (verfilmt).
  • 11. Ebenda, ADF 1905-1933, NB, 1919, Nr. 19 (verfilmt).
Ausgewählte Publikationen
Windscheid, Katharina: Die englische Hirtendichtung von 1579-1625, Halle/S. 1895; sorgfältig bearbeiteter Nachdruck: Lindau 2012.
Windscheid, Käthe: Das Gymnasialwesen für Mädchen, in: Wychgram, J. (Hg.): Handbuch des Höheren Mädchenschulwesens, Leipzig 1897, S. 401-422.
Windscheid, Käthe: Schiller´s Bedeutung für die deutsche Nation. Vortrag, gehalten in der Goethe-Gesellschaft zu Leipzig am 15. März 1905, Leipzig 1905.
Windscheid, Käthe: Dem Gedächtnis Henrik Ibsens. Vortrag, gehalten im Frauenklub – Leipzig, Leipzig 1907.
Windscheid, Käthe (Hg.): Wordsworth Shelley/Keats. Mit Einleitung und Anmerkungen zum Schulgebrauch, Bielefeld/Leipzig 1925.
Windscheid, Käthe (Hg.): Poems of Lord Byron, Braunschweig 1929 (= Westermann Texte, engl. Reihe, Nr. 65).
Rothenburg, Hannelore: Dr. phil. Käthe Windscheid – Wegbereiterin für das Frauenstudium, in: Ludwig, Johanna/Nagelschmidt, Ilse/Schötz, Susanne (Hg.): Leben ist Streben. Das erste Auguste-Schmidt-Buch, Leipzig 2003, S. 209-223 (= Leipziger Studien zur Frauen- und Geschlechterforschung, Reihe C, Bd. 3).