Ika Freudenberg Geboren am in Raubach Gestorben am in München

Über Ika Freudenberg

„Es ist so was Lebendiges drum“, soll Ika Freudenberg einmal über die Frauenbewegung gesagt haben. Dazu hat sie selbst viel beigetragen. Mit Humor und diplomatischem Geschick war sie nicht nur für die bayerische Frauenbewegung eine der bedeutendsten Persönlichkeiten ihrer Zeit.

Kindheit, Jugend und Ausbildung

Friederike ‚Ika‘ Freudenberg wurde am 24. März 1858 in Raubach im heutigen Landkreis Neuwied geboren, wo ihr Vater Johann Philipp (1803-1890) eine Eisenhütte betrieb. Die Mutter Caroline (geborene Bernhardt, 1817-1893) hatte bereits fünf Söhne geboren, eine weitere Tochter folgte 1862. Mitte der 1860er-Jahre gab Johann Philipp Freudenberg den Betrieb der Hütte ab und ließ sich mit der Familie in Wiesbaden nieder.

Überlieferte Lebensbilder zu Ika Freudenberg lassen auf eine behütete Jugend schließen.1 Eine Schule scheint sie nicht besucht zu haben, aber sie genoss eine für ein Mädchen ihrer Schicht relativ umfangreiche Bildung. Schon früh soll sie „im Frieden des Elternhauses philosophischen Studien obgelegen“2 haben. Auch ihr musikalisches Talent wurde gefördert: Sie studierte Klavier in Berlin und brachte es an dem Instrument zu offenbar außerordentlichen Fähigkeiten. „Wer einmal es erlebt, wie sie ans Instrument fliegen konnte und in den ausströmenden Melodien sich selbst und alle irdische Schwere vergaß, der mochte ahnen, daß aus diesen mystischen Tiefen ihr ein Quell des Lebens springe.“3

Centralblatt des Bundes deutscher Frauenvereine, 13. Jahrgang, Nummer 21, 1. Februar 1912
Porträt von Ika Freudenberg, ca. 1910

Dennoch haderte Ika Freudenberg zeitlebens damit, dass sie ihr Interesse an Philosophie, Geschichte und Sozialwissenschaft nur im Selbststudium verfolgen konnte. „Ich habe ganze Hefte von ihr gesehen voll von Notizen über Gelesenes und Durchdachtes“, schrieb die mit Freudenberg eng befreundete Gertrud Bäumer, „Zeugnisse der mühsamen und beinahe trotzigen Arbeit des Autodidakten, dem die gebahnten Wege auf die Höhen des Gedankens verschlossen sind und der nun mit ganzer Seele versucht, auf dem steilen und unwegsamen Steig der ‚ungelernten Arbeit‘ trotzdem hinaufzugelangen.“4

Weibliche Vernetzungen und Umzug nach München

Vielleicht war es dieses Hadern, das Ika Freudenberg der Frauenbewegung zuführte: Spätestens 1892 schloss sie sich dem Verein Frauenbildungsreform an, der die Zulassung von Frauen zu höherer Bildung verfolgte. Ebenfalls dort Mitglied war Emmy Preußer – eine „Jugendfreundin“5 Ika Freudenbergs, deren mittlerweile verstorbenen Eltern die Villa in der Kapellenstraße gehört hatte, in deren Obergeschoss die Freudenbergs wohnten. Vermutlich spätestens seit dem Tod ihrer Mutter 1893 lebten Ika Freudenberg und Emmy Preußer zusammen; im selben Jahr verfassten sie ein gemeinsames Testament. Einem bezahlten Beruf ging keine der beiden Frauen nach, sowohl Freudenberg als auch Preußer lebten wohl hauptsächlich von den Erträgen ihres ererbten Vermögens und hatten damit ein komfortables Auskommen.

Sophia Goudstikker: Ika Freudenberg und die Frauenbewegung in München, Berlin 1902

Über den Verein Frauenbildungsreform ergab sich eine weitere Freundschaft, die von biografischer Bedeutung sein sollte: Bei einer Jahrestagung in Wiesbaden waren auch die Münchner Mitglieder Anita Augspurg und Sophia Goudstikker zugegen. Die Sympathie zwischen den beiden Paaren scheint spontan gewesen zu sein: 1894 brachen Ika Freudenberg und Emmy Preußer ihre Wiesbadener Zelte ab und zogen nach München. Martha Haushofer zieht eine direkte Verbindung zu der neuen Freundschaft: „[D]ie nachweisbare Veranlassung zu diesem Umschwung waren zuerst ihre Beziehungen zu dem Verein Frauenbildung-Frauenstudium in Wiesbaden, dann die persönliche Bekanntschaft mit einigen der damals noch vereinzelt arbeitenden Vorkämpferinnen der Bewegung, und schließlich ein Aufenthalt in München, dem […] die endgültige Übersiedelung im Jahre 1894 folgte.“6

Schon kurz nach ihrer Ankunft rief Ika Freudenberg mit Augspurg und Goudstikker den Verein ins Leben, der zum Mittelpunkt der bayerischen Frauenbewegung werden sollte: die Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau.7 Vorsitzende wurde Anita Augspurg; 1896 trat Ika Freudenberg an ihre Stelle und führte das Amt bis zu ihrem Tod.

Die Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau

Der Verein sah zunächst seine „Hauptaufgabe darin, die Ideen der modernen Frauenbewegung in möglichst weite Kreise zu tragen.“8 Das gelang: Das Mitgliederverzeichnis las sich bald wie ein Who is Who der progressiven Münchner Gesellschaft. Auch Männer gehörten dazu – zum Beispiel Satiriker Ernst von Wolzogen, der den Vereinsmitgliedern in seinem Roman Das dritte Geschlecht sogar ein (allerdings wenig schmeichelhaftes) Denkmal setzte.9 Nach zweimaliger Umbenennung hatte der Verein 1899 dann auch einen griffigen Namen und existiert als Verein für Fraueninteressen noch heute.

Der Verein für Fraueninteressen gründete mehrere Sektionen und Ausschüsse: eine Jugendgruppe, eine Stellenvermittlung für weibliche Lehrlinge, Kommissionen für Erziehungswesen, Wirtschaft und Arbeiterinnenfragen, eine kostenlose Rechtsberatung und vieles mehr. Zusammenarbeit mit Arbeiterinnen war Ika Freudenberg dabei wichtig. Selbst tief im bürgerlichen Lager verwurzelt und alles andere als Sozialdemokratin, achtete sie doch stets darauf, nicht in die Rolle der wohltätigen Fürsprecherin zu verfallen, sondern Selbstorganisation zu unterstützen. Der Ansatz schien zu funktionieren und traf bei den Arbeiterinnen auf Anerkennung – was Gertrud Bäumer am Beispiel eines Kellnerinnenvereins bezeugte: „[D]er Verein kam zustande […] und die Münchner Kellnerinnen, denen Ika Freudenberg und ich im Sommer auf Gebirgswanderungen – sie freudig begrüßt – begegneten, versicherten immer wieder, er habe etwas ‚bezweckt‘ […]“.10

Ika Freudenberg: Was die Frauenbewegung erreicht hat
Vorsprung der Arbeiterinnenbewegung

Nach dem Modell des Vereins für Fraueninteressen gründeten sich bald in ganz Bayern weitere Initiativen. Um diese bekannter zu machen, organisierte Ika Freudenberg 1899 den ersten Bayerischen Frauentag, aus dem wiederum der Hauptverband bayerischer Frauenvereine hervorging.11 Auch diesen leitete sie bis zu ihrem Tod.

Im Vorstand des Bunds deutscher Frauenvereine

1896 schloss sich der Verein dem Bund deutscher Frauenvereine (BDF) an; 1898 wurde Ika Freudenberg in den Vorstand gewählt. Dabei blieb sie ihrem Selbstverständnis als Brückenbauerin treu, vermittelte insbesondere zwischen der Vorstandsmehrheit und dem sich formierenden ‚radikalen‘ Flügel um den Berliner Verein Frauenwohl.

Obwohl Freudenbergs eigener politischer Stil und ihre Positionen sie im ‚gemäßigten‘ Lager verorteten, vertrat sie energisch die Auffassung, dass auch radikale Stimmen im Verband Gehör finden sollten. Als 1899 die Gründung einer Verbandspublikation (das spätere Centralblatt) anstand, wandte sie sich strikt dagegen, das Blatt als reines „Vorstandsorgan“ zu konzipieren. Einsendungen der Mitgliedsvereine seien keine bloßen „Stilübungen“, sondern als „selbständige Meinungsäußerungen [zu] respectieren “12 .

Brief von Ika Freudenberg an die BDF-Vorsitzende Auguste Schmidt vom 27. Februar 1899
LAB-HLA B Rep. 235-01 MF-Nr. 2603-2604

Private Umbrüche

Brief von Ika Freudenberg an Auguste Schmidt vom 8. November [1898]
LAB-HLA B Rep. 235-01 MF-Nr. 2603-2604

Während Ika Freudenbergs Aufgabengebiete in der Frauenbewegung wuchsen, hatte sich Emmy Preußers Gesundheitszustand stetig verschlechtert. Spätestens im Herbst 1898 wurde sie bettlägerig. Aus einem Brief an die Vorsitzende des BDF, Auguste Schmidt, geht hervor, dass Freudenberg die Pflege selbst übernahm, was sie „vier Fünftel des Tages “ in Anspruch nahm.13 Sechs Wochen später,am 1. Februar 1899, starb die Lebensgefährtin.

Ika Freudenberg zog daraufhin zu Sophia Goudstikker. Jene hatte sich mit Anita Augspurg ein Haus bauen lassen; die Beziehung war jedoch noch vor dessen Fertigstellung auseinandergegangen. Was zunächst wie ein reines Wohnarrangement anmutet, wurde bald eine Lebensgemeinschaft: Freudenberg und Goudstikker wurden in der Bewegung als Paar wahrgenommen; auch in der Familie Freudenberg war Goudstikker als Bezugsperson anerkannt.14

1905 folgte dann ein erneuter Umbruch: Nach einer Italienreise mit Gertrud Bäumer wurde bei Ika Freudenberg Brustkrebs diagnostiziert. Mehrere Operationen verschafften einige Jahre Aufschub, bevor die Krankheit 1911 in ihr Endstadium eintrat.

Letzte Jahre

Ihre letzten Jahre nutzte Ika Freudenberg unter anderem dazu, ein Buch zu schreiben. In Die Frau und die Kultur des öffentlichen Lebens fließen ihre praktischen Erfahrungen sowie ihre historischen, philosophischen, volkswirtschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Studien in einen Entwurf für eine Gesellschaft zusammen, in der Frauen ihren vollen Anteil am Staatsleben haben. Wie so viele bürgerliche Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit forderte sie Frauenrechte nicht nur um ihrer selbst willen, sondern verband die Forderung mit dem Anspruch, diese Rechte in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen. Dabei vertrat sie die in der bürgerlichen Frauenbewegung nicht unübliche Auffassung, dass Frauen (vorerst) für bestimmte Berufs- und Politikfelder prädestiniert seien. Gleichwohl ließ sie keinen Zweifel daran, dass das endgültige Ziel die staatsbürgerliche Gleichstellung mit der Öffnung aller Berufsfelder und der vollen Anerkennung weiblicher Arbeit war.

Am 9. Januar 1912 starb Ika Freudenberg. Zahlreiche Nachrufe zeichnen das Bild einer Frau, die nicht nur respektiert und bewundert, sondern tatsächlich geliebt wurde. Immer wieder wurde ihr menschliches Feingefühl betont. Dass sie auch Humor hatte, belegt nicht zuletzt ihre Korrespondenz mit befreundeten Frauenrechtlerinnen. Wo Ika Freudenberg war, war es nach übereinstimmenden Berichten immer auch eins: lebendig. „Es ging nichts Lebendiges durch unsere Bewegung, das sie nicht berührt, kein neuer Anstoß, dessen Kraft sie nicht auch auf ihre Arbeit und in ihren Kreis zu leiten verstanden hätte,“ schrieb Gertrud Bäumer. „Die verschiedenen Seiten der Bewegung: die Bildungsfragen, die Gestaltung der Frauenberufe, die sozialen und politischen Forderungen hat sie mit gleich sicherer Beherrschung und mit gleich lebhafter Anteilnahme in ihrem Verein ausgebaut und dabei immer verstanden, auch in dem trockensten und sprödesten Stoff das Lebendige […] zum Klingen zu bringen.“15

In der Geschichtsschreibung zur deutschen Frauenbewegung geriet Ika Freudenberg lange in Vergessenheit. Erst nach und nach erhalten ihre Schriften, ihre Arbeit und ihr Humor wieder Aufmerksamkeit. Eine späte Würdigung erfuhr sie durch die Stadt Wiesbaden: Im Juli 2021 wurde Ika Freudenbergs Grabstätte auf dem dortigen Nordfriedhof in ein Ehrengrab umgewandelt.

Veröffentlicht: 24. April 2017
Lizenz (Text)
Verfasst von
Bianca Walther

Konferenzdolmetscherin (aiic) und freie Historikerin mit den Forschungsschwerpunkten bürgerliche Frauenbewegung 1871-1933 und weibliche Liebesbeziehungen um 1900. Sie betreibt den Podcast Frauen von damals sowie die gleichnamigen Twitter- und Instagram-Präsenzen.

Empfohlene Zitierweise
Bianca Walther (2023): Ika Freudenberg , in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/ika-freudenberg
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Rechteangabe
  • Bianca Walther
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
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Zitate von Ika Freudenberg

Biografie von Ika Freudenberg

Geburt in Raubach

um 1892

Eintritt in den Wiesbadener Verein Frauenbildungsreform

Anfang 1894

Umzug nach München

Gründung der Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau

1896

Übernahme des Vorsitzes der Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau; Angliederung an den Bund deutscher Frauenvereine

1898

Ika Freudenberg wird in den Vorstand des Bunds deutscher Frauenvereine gewählt

1899

Umbenennung des Vereins für geistige Interessen der Frau (wie er zwischenzeitlich hieß) in Verein für Fraueninteressen

Sommer 1899

Beginnende Lebensgemeinschaft mit Sophia Goudstikker

Oktober 1899

Erster Bayerischer Frauentag

1905

Ika Freudenberg erkrankt an Brustkrebs.

1911

Veröffentlichung von ‚Die Frau und die Kultur des öffentlichen Lebens‘

Ika Freudenberg leitet ihre letzte Versammlung.

Tod in München

Juli 2021

Ika Freudenbergs Grab in Wiesbaden wird in ein Ehrengrab umgewandelt.

Fußnoten

  • 1Freund, Anna: Gedächtnisrede gehalten bei der Trauerfeier für Ika Freudenberg im großen Saale des Künstlerhauses zu München am 31. Januar 1912, in: Frauenstreben. Veröffentlichungsorgan des Hauptverbandes bayerischer Frauenvereine, 9. Jg., 17.2.1912, H. 4, S. 19; Haushofer, Martha: Ika Freudenberg, in: Centralblatt des Bundes deutscher Frauenvereine, 13. Jg., 1.2.1912, H. 21, S. 162-164. Zitat aus Teaser: Freund, Gedächtnisrede, S. 20.
  • 2Reuter, Gabriele: Ika Freudenberg, in: Der Tag, 20.1.1912, o. S.
  • 3Freund: Gedächtnisrede, S. 21.
  • 4Bäumer, Gertrud: Studien über Frauen, Berlin 1928, S. 145.
  • 5Nachruf auf Ika Freudenberg, in: Frauenstreben, 9. Jg., 27.1.1912, Nr. 2, S. 7.
  • 6Haushofer: Ika Freudenberg, S. 162.
  • 7Stadtarchiv München: Polizeiliche Meldebögen Friederike Freudenberg und Emmy Preußer; Verein für Fraueninteressen e. V.: 100 Jahre Verein für Fraueninteressen, München 1994, S. 3.
  • 8Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau: Bericht über die zweite Generalversammlung, München 1896, S. 1.
  • 9Wolzogen, Ernst von: Das dritte Geschlecht, Berlin 1899. Nach Ika Freudenberg ist die Figur der Vorsitzenden des „Agitationskomitees für die Evolution der femininen Psyche“, Agathe Echteler, modelliert (S. 23).
  • 10Bäumer, Gertrud: Gestalt und Wandel. Frauenbildnisse, Berlin 1950 [Erstveröffentlichung 1939], S. 425.
  • 11Verein für Fraueninteressen: Vereinsgeschichte 1894-2019, Zugriff am 17.2.2023 unter https://www.fraueninteressen.de/der-verein/zur-geschichte-des-vereins.
  • 12Ika Freudenberg an Auguste Schmidt, 27.2.1899, LAB-HLA B Rep. 235-01 MF-Nr. 2603-2604 (https://www.meta-katalog.eu/Record/BRep2350152MFNr26032604BriefevonIkaFreuhla).
  • 13Ika Freudenberg an Auguste Schmidt, 8.11.[1898], LAB-HLA B Rep. 235-01 MF-Nr. 2603-2604 (https://www.meta-katalog.eu/Record/BRep2350152MFNr26032604BriefevonIkaFreuhla).
  • 14Aus dem Nachlassakt Ika Freudenberg (StAM, Amtsgericht München 1912/80) geht hervor, dass die Familie Freudenberg Sophia Goudstikker, die als einzige Hinterbliebene in München lebte, mit umfassenden Vollmachten im Geschäftsverkehr bezüglich der Testamentsvollstreckung betrauten; auch die Todesanzeige wurde gemeinsam gezeichnet.
  • 15Bäumer: Studien über Frauen, S. 140.

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