Tanzende Kondome
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HYDRA e.V. Treffpunkt und Beratung für Prostituierte

Über HYDRA e.V. Treffpunkt und Beratung für Prostituierte

Eine autonome Organisation von und für Prostituierte(n) sollte her. Das war der Gedanke einer Gruppe von Sozialarbeiterinnen, Sozialpädagoginnen, Juristinnen, Ärztinnen, Lehrerinnen und Psychologinnen, die 1979 in Berlin zusammenkamen. Nur ein Jahr später gründeten sie den Hydra e.V. und mischten sich kräftig in Debatten um Sexarbeit ein.

Eine Einrichtung frei von Kontrollen und Zwängen

Die Idee für das Projekt Hydra entstand in der Beratungsstelle für Geschlechtskrankheiten im Gesundheitsamt Berlin-Charlottenburg.1 1979 waren Sexarbeitende2 noch gezwungen, sich alle zwei Wochen auf mögliche Geschlechtskrankheiten untersuchen zu lassen. Sie hatten „Pflichten, aber kaum Rechte“3. Die Angestellten der Beratungsstelle hatten daher regen Kontakt mit sexarbeitenden Frauen und wurden auch auf soziale und persönliche Probleme aufmerksam. Im Rahmen der Untersuchungen durch das Gesundheitsamt war allerdings keine umfänglichere Beratung oder Versorgung möglich.4 Um diese dennoch anbieten zu können, taten sich Frauen verschiedenster Berufsgruppen zusammen und gründeten 1980 den Hydra e.V. als Einrichtung „frei von Kontrollfunktionen und behördlichen Zwängen“5 für die Belange von Sexarbeiterinnen. Hydra war damit die erste Organisation dieser Art in Deutschland.6 Seit 1982 beziehen sich die Angebote explizit auch auf Transfrauen, die sexarbeiten.7

Einen ersten Finanzierungsanschub einer Stiftung für das Projekt ermöglichte die Eröffnung des Café Hydra in Berlin-Charlottenburg.8 Doch dem Projekt eilte schon bald ein negativer Ruf voraus – kein Vermieter wollte seine Räumlichkeiten an ein autonomes Hurenprojekt vermieten, aus Angst vor Zuhältern oder Furcht um den eigenen Ruf.9 Der Hydra e.V. verlor in den Folgejahren immer wieder seine Heimat und zog quer durch Westberlin – von Charlottenburg über Schöneberg – nach Friedrichshain und schließlich nach Kreuzberg.10 Auch die Finanzierung blieb ein schwieriges Thema. So sollte das Projekt im Jahr 1983 erstmals vom Berliner Senat Geld für ein Beratungscafé für Sexarbeiterinnen bekommen. Letzten Endes mussten die Mittel jedoch vollständig zurückgezahlt werden, ohne dass auch nur eine einzige Beratung stattgefunden hatte – unter anderem weil Hydra keine Räumlichkeiten fand.11 In diesen Jahren wurde deutlich, dass der Verein sich seinen Namen redlich verdient hatte. Wie die Schlange Hydra in der griechischen Mythologie, der „immer zwei Köpfe nachwuchsen, wenn man ihr einen abschlug“12, war das Projekt trotz aller Rückschläge einfach nicht totzukriegen. Eine erste Entspannung trat ein, als Hydra 1984 als Beratungseinrichtung und später im Rahmen der AIDS-Prävention vom Berliner Senat gefördert wurde13 und ab 1997 eine dauerhafte Bleibe in Berlin-Kreuzberg finden konnte.14 Dort arbeiten die haupt- und ehrenamtlichen Beraterinnen*15  auch heute noch.

Schwerpunkte in der Arbeit von Hydra

Die Arbeit von Hydra in den vergangenen Jahrzehnten lässt drei Schwerpunkte erkennen: niedrigschwellige Beratungs- und Hilfsangebote für Sexarbeiterinnen*, politische Lobbyarbeit für die Interessen von Sexarbeiterinnen* und Öffentlichkeitsarbeit für die Belange von Sexarbeiterinnen*.

Zu den Angeboten für Sexarbeiterinnen* gehört etwa aufsuchende Sozialarbeit unter dem Namen „Outreach“16. Außerdem bietet Hydra seit den 1980er-Jahren einen Rechtshilfe- und Sozialfonds für Sexarbeiterinnen* in Notlagen an, der sich aus Spenden speist.17 Die Idee eines autonomen Hurenprojekts beinhaltete von Anfang an aber nicht nur Hilfsangebote. Vielmehr ging es den Mitarbeiterinnen auch darum, Sexarbeiterinnen* zu empowern, also in ihrer Selbstbestimmung zu bestärken. So veranstaltete Hydra im Oktober 1985 den ersten deutschen Hurenkongress, auf dem sich Sexarbeiterinnen* austauschen und vernetzen konnten.18 1988 lud Hydra erstmals zum Hurenball. Der Ball sollte einerseits Sexarbeiterinnen* die Möglichkeit geben, in festlicher Atmosphäre zu feiern. Andererseits wollte das Projekt Hydra auf dem Ball Spendengelder (unter anderem für den Sozialfonds) sammeln.19 Der erste Ball generierte im Westberlin der 1980er-Jahre eine große Öffentlichkeit, nicht zuletzt, weil Künstlerinnen wie Gianna Nannini, Romy Haag und Ingrid van Bergen bei der Veranstaltung auftraten.20

Eintrittskarte zum Hurenball 1988

Die Kernidee des Projekts war es, neben der Arbeit von und mit Sexarbeiterinnen* auch eine politische Ebene zu schaffen. Bereits im Jahr 1986 arbeiteten die Mitfrauen von Hydra mit der Partei Die Grünen an dem Entwurf für ein Antidiskriminierungsgesetz, das auch Sexarbeiterinnen* einschließen sollte.21 Der Gesetzentwurf schaffte es zwar nie in den Bundestag, doch der Wille, politisch zu gestalten, blieb. Die folgende langjährige politische Arbeit in Gremien und Ausschüssen zahlte sich am Ende aus: „Der wohl größte Erfolg von HYDRA und der deutschen Hurenbewegung war die Abschaffung der Sittenwidrigkeit der Prostitution in Deutschland mit dem ‚Prostitutionsgesetz‘ im Jahr 2002.“22 Das Gesetz ermöglichte erstmals auch das Abschließen einer Krankenversicherung mit der Berufsbezeichnung Prostituierte.23 Zuvor war eine Versicherung nur unter falschen Angaben möglich gewesen. Im Vorfeld des Prostituiertenschutzgesetz, das Anfang 2017 in Kraft trat und etwa eine Meldepflicht für Prostituierte beinhaltet, organisierte Hydra Proteste und forderte, Sexarbeiterinnen* in den Gesetzgebungsprozess mit einzubeziehen.24

Im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit veröffentlichte Hydra das Magazin Hydra‘s Nachtexpress von 1980 bis 199525. Die Hefte sollten der Kommunikation mit und unter den Sexarbeitenden dienen und enthielten „Berichte über Konferenzen oder andere Treffen in der Hurenbewegung, Beschreibungen der Arbeitsbedingungen von Prostituierten oder Artikel über verschiedene Formen der Prostitution, Interviews, Gedichte, Buchbesprechungen, Ankündigungen von Veranstaltungen und Kleinanzeigen“.26

Neben der Kommunikation mit den Sexarbeiterinnen* richtete sich die Öffentlichkeitsarbeit von Hydra auch an Freier und die deutsche Öffentlichkeit. 1987 startete etwa im Rahmen der HIV/AIDS-Prävention eine Kampagne, die Freier zur Nutzung von Kondomen aufforderte. In einem offenen Brief riet Hydra den Freiern: „Denkt doch mal nach: auf der einen Seite 1,9 g Latex – auf der anderen Seite das enorme Risiko, das Ihr eingeht, das Ihr uns zumutet, einzugehen und das Ihr auch noch Euren festen Partner(inne)n aufzwingt.“27  Im Rahmen dieser Kampagne hing am Berliner Kurfürstendamm monatelang ein überdimensionales Hydra-Poster mit dem Motto: „Im öffentlichen Nahverkehr geht ohne Gummi gar nichts mehr.“ 28 Gerade auch wegen solcher Kampagnen und der politischen Lobbyarbeit des Vereins gilt Hydra inzwischen als „diskursbestimmend für die Deutsche Hurenbewegung“.29

Hydras Verhältnis zu feministischen Strömungen

Der Hydra e.V. hatte von Anfang an ein ambivalentes Verhältnis zu den verschiedenen feministischen Strömungen in Deutschland und ist auch heute noch umstritten. In ihrem Buch „Prostitution – ein deutscher Skandal“ kritisierte Alice Schwarzer im Jahr 2013 beispielsweise autonome Hurenprojekte wie Hydra scharf. Die Sorge der Projekte gelte „wohl weniger den Prostituierten, sondern vorrangig BordellbetreiberInnen“30; Sexarbeit werde in den Projekten „verharmlost“31, so Schwarzer. Hydra wehrte sich gegen Schwarzers Darstellung in einem offenen Brief: „Diese Kampagne dient nicht den Prostituierten, wie sie es vorgibt, sondern sie entmündigt sie und spricht ihnen die Fähigkeit ab, für sich und ihr Leben selbst Entscheidungen zu treffen.“32 Auch seien fast alle ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen im Verein aktive Sexarbeiterinnen* .33

Sexpositive (queer-)feministische Gruppen begrüßten die Arbeit von Hydra hingegen. So kooperierten in der Vergangenheit sowohl der Blog Mädchenmannschaft, als auch die Zeitschrift Missy Magazine für Artikel und Blogeinträge mit Hydra.3435, Hydra selbst resümiert in einem Beitrag für das Missy Magazine: „[D]er Queer-Feminismus [steht] für die Chance, eingefahrene Denkmuster aufzubrechen und wieder dort anzusetzen, wo feministische Ideen mal ihren Ausgangspunkt hatten: im Blick auf sich selbst und die eigenen Erfahrungen.“36

Verfasst von
Lisa Schug

geb. 1989, Bachelorstudium der Skandinavistik und Medienwissenschaften, Masterstudium in Interkultureller Kommunikation und Gender Studies. Mitarbeiterin beim FFBIZ – das feministische Archiv.

Biografie von HYDRA e.V. Treffpunkt und Beratung für Prostituierte

1979

In der Beratungsstelle für Geschlechtskrankheiten im Gesundheitsamt Berlin-Charlottenburg wird Bedarf für ein autonomes Sexarbeiterinnen-Projekt erkannt.

1980

Gründung in Berlin

Sozialarbeiterinnen, Sozialpädagoginnen, Juristinnen, Ärztinnen, Lehrerinnen und Psychologinnen gründen den Verein Hydra. Das „Café Hydra“ eröffnet in Berlin-Charlottenburg.

1980 - 1995

Die Zeitschrift „Hydra‘s Nachtexpress“ wird veröffentlicht.

1981 - 1997

Zahlreiche Umzüge innerhalb Schönebergs, nach Charlottenburg und Friedrichshain und schließlich nach Kreuzberg in die Köpenicker Straße.

1983

Erstmals stellt der Berliner Senat Gelder zu Verfügung, doch niemand will an Hydra vermieten. Die Gelder müssen zurückgegeben werden.

1984

Ein neues Vereinskonzept wird erarbeitet, das mehr auf Beratung abzielt. Der Berliner Senat bewilligt Mittel für eine Beratungsstelle.

1985

Hydra erhält weitere finanzielle Förderung durch den Berliner Senat im Zusammenhang mit HIV-AIDS-Information und Prävention

27.10.1985

Hydra veranstaltet den ersten nationalen Hurenkongress in Berlin.

06.02.1988

Hydra veranstaltet den ersten Hurenball auf dem Berliner Messegelände am Funkturm

1996

Sexarbeiter_innen können erstmal unter ihrer Berufsbezeichnung eine Krankenversicherung abschließen.

01.01.2002

Das „Prostitutionsgesetz“ tritt in Kraft.

2010

Hydra und das Weiterbildungsprojekt Goldnetz initiieren das DIVA-Projekt für Sexarbeiter_innen, die aussteigen wollen

2011

Bei Hydra läuft das Peer-to-Peer-Projekt für kollegiale Gruppenberatungen und Wissensaustausch an.

01.07.2017

Das „Prostituiertenschutzgesetz“ tritt in Kraft

Fußnoten

  • 1. Prostituiertenprojekt Hydra: Beruf: Hure, Hamburg 1988, S. 155.
  • 2. In diesem Essay verwende ich den Begriff „Sexarbeit“ so, wie er heute auch vom Hydra e.V. verwendet wird.
  • 3. Ebenda, S. 157.
  • 4. Ebenda, S. 155 ff.
  • 5. Ebenda, S. 157.
  • 6. Drechsel, Diana: Die Berliner Hurenbewegung: Eine diskursanalytische Untersuchung am Beispiel von Hydra e.V. ab 1980, in: FFBIZ e.V: Spurensicherung. Feminismus in Aktion und Dokument, Berlin 2013, S. 8.
  • 7. Prostituiertenprojekt Hydra, Beruf: Hure, S. 164.
  • 8. Ebenda, S. 159 f.
  • 9. Ebenda, S.165.
  • 10. Hydra e.V.: Hydra e.V. – Geschichte einer Hurenorganisation, Zugriff am 17.11.2017 unter http://www.hydra-berlin.de/verein/geschichte/.
  • 11. Prostituiertenprojekt Hydra, Beruf: Hure, S.165.
  • 12. FFBIZ, A Rep. 500 Berlin 20.2.14, 1 „Hydra e.V. Treffpunkt und Beratung für Prostituierte“.
  • 13. Prostituiertenprojekt Hydra, Beruf: Hure, S. 166 ff.
  • 14. Hydra e.V.: Hydra e.V. – Geschichte einer Hurenorganisation.
  • 15. Ich setze den Stern hier und auch bei „Sexarbeiterinnen*“ bewusst hinter das Wort, um sichtbar zu machen, dass ich mich hier auf cis- und trans-Frauen, nicht aber auf cis- und trans-Männer beziehe.
  • 16. Hydra e.V.: Aufsuchende Sozialarbeit, Zugriff am 17.11.2017 unter http://www.hydra-berlin.de/beratungsstelle/outreach/.
  • 17. Hydra e.V.: Rechtshilfe- und Sozialfonds, Zugriff am 17.11.2017 unter http://www.hydra-berlin.de/verein/hilfsfonds/.
  • 18. Hoffmann, Ariane / Schulte, Hildegard, 27.10.2015: 27.10.1985 – Erster nationaler Hurenkongress in Berlin, Zugriff am 27.11.2017 unter http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/hurenkongress-prostitution-berlin-104.html.
  • 19. FFBIZ, A Rep. 500 Berlin 20.2.14, 1.
  • 20. Prostituiertenprojekt Hydra: Beruf: Hure, S. 180.
  • 21. Ebenda, S. 173.
  • 22. Hydra e.V.: Hydra e.V. – Geschichte einer Hurenorganisation, Zugriff am 17.11.2017 unter http://www.hydra-berlin.de/verein/geschichte/.
  • 23. Ebenda.
  • 24. Hydra e.V.: Stellungnahme zum Referentenentwurf des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eines Gesetzes zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen (ProstSchG-RefE), Berlin 2015.
  • 25. Drechsel: Die Berliner Hurenbewegung, S. 11.
  • 26. Ebenda.
  • 27. FFBIZ, A Rep. 500 Berlin 20.2.14, 1
  • 28. Hydra e.V.: Hydra e.V. – Geschichte einer Hurenorganisation, Zugriff am 17.11.2017 unter http://www.hydra-berlin.de/verein/geschichte/.
  • 29. Drechsel: Die Berliner Hurenbewegung, S. 9.
  • 30. Schwarzer, Alice: Prostitution – ein deutscher Skandal, Köln 2013, S. 91.
  • 31. Ebenda, S. 92.
  • 32. Hydra e.V.: Für eine sachliche Analyse anstelle moralischer Kampagnen. Antwort von Hydra e.V. auf die diffamierende Darstellung unserer Arbeit in dem Buch „Prostitution – ein deutscher Skandal“ (Köln 2013) sowie in Emma 1/2014, Zugriff am 24.11.2017 unter http://www.hydra-berlin.de/fileadmin/users/main/pdf/Verein/Hydra_Dezember_2013.pdf.
  • 33. Ebenda.
  • 34. Hydra e.V.: „Wir schaffen alle Nächte, wir wollen gleiche Rechte!“ – Protest gegen das Prostituiertenschutzgesetz und Sexarbeiter_innen-Aktivismus weltweit“, Zugriff am 24.7.2017 unter https://maedchenmannschaft.net/wir-schaffen-alle-naechte-wir-wollen-gleiche-rechte-protest-gegen-das-prostituiertenschutzgesetz-und-sexarbeiter_innen-aktivismus-weltweit/.
  • 35. Hydra e.V.: Hydra e.V. Die SexarbeiterInnen in Berlin wollen keine altfeministische Bevormundung, sondern gesellschaftliche Akzeptanz…, Zugriff am 24.11.2017 unter http://missy-magazine.de/blog/2013/11/07/hydra-e-v/.
  • 36. Ebenda.
Ausgewählte Publikationen
Hydra’s Nachtexpress. Zeitung für Bar, Bordell und Bordstein. 1980-1995.
Prostituiertenprojekt Hydra: Beruf: Hure, Hamburg 1988.
Prostituiertenprojekt Hydra: Freier: das heimliche Treiben der Männer, Hamburg 1991.
Deutsche Aidshilfe e.V (Hrsg.) & Hydra e.V. Treffpunkt und Beratung für Prostituierte (Produktion): Fit im Schritt. Handfeste Tipps und praktische Informationen zur sexuellen Gesundheit für Huren von Huren (DVD), Berlin 2016.