Über Gerda Weber
Jugend und Leben im Nationalsozialismus
Gerda Weber, geb. Röder, wurde am 15. September 1923 in Perleberg, Brandenburg geboren. Sie wuchs in einer sozialdemokratischen Familie unter ärmlichen Verhältnissen auf und war früh den Werten der Partei verbunden. Ihr Vater starb im Ersten Weltkrieg, ein heftiger Verlust für die Neunjährige, der sie lebenslang in ihrer pazifistischen Überzeugung prägen sollte.1 Sie besuchte eine Haushaltsschule in Berlin und ging anschließend für eine Ausbildung als Köchin zurück nach Perleberg. Diese konnte sie jedoch nie abschließen, da sie um 1942 in den Reichsarbeitsdienst eingezogen wurde. Obwohl der Dienst nur für ein halbes Jahr verpflichtend war, führte ihn Weber bis 1944 weiter, um einer möglichen Zwangsverpflichtung als Flakhelferin zu entgehen. Von 1944 bis Februar 1945 war sie als Wirtschaftsleiterin eines Kinderlandverschickungsheimes angestellt.2
Zwischen ideologischer Schulung und politischen Brüchen
In der Nachkriegszeit lebte sie zunächst in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). 1945 trat sie in die SPD ein. Durch die Vereinigung aller antifaschistischen, linken Parteien in der SBZ, später DDR, wurde ihre SPD-Mitgliedschaft zwangsläufig in eine SED-Parteizugehörigkeit überführt3.
Im Januar 1946 belegte sie einen sogenannten Neulehrerkurs4 in der West-Priegnitz, Brandenburg, und war in der Folge für zwei Jahre als Lehrerin tätig. Außerdem trat sie der Freien Deutschen Jugend5 bei. Sie war Teil der sogenannten Aufbaugeneration der DDR. Die örtliche Parteispitze sah Potenzial in der 24-Jährigen und entsandte sie an die SED-Parteihochschule ‚Karl Marx‘, um ein Geschichtsstudium aufzunehmen. Während des Studiums lernte sie den angehenden Historiker Hermann Weber kennen. Nach Abschluss der Parteihochschule siedelte das Paar 1950 in die Bundesrepublik über und heiratete im Jahr darauf.
„Seit unserem Studium an der Parteihochschule stand für Hermann und mich fest, dass wir zusammengehörten und alles tun wollten, um in Zukunft miteinander zu leben, und zwar in Westdeutschland. Das konnte ich als Parteikader nur mit Genehmigung von SED und KPD. Nachdem der DFD für Westdeutschland im April 1950 in Essen gegründet worden war und politisch geschulte Funktionärinnen gebraucht wurden, sahen wir das als Chance, unser Ziel zu erreichen.“6
Beide folgten einer Funktionär:innenkarierre: Für Gerda war eine Stelle im kaufmännischen Bereich des westdeutschen Demokratischen Frauenbundes Deutschland7 (DFD) vorgesehen, Hermann wurde Chefredakteur der westdeutschen FDJ-Zeitung. Auf der 1. Westdeutschen Delegiertenkonferenz des DFD 1951 wurde Gerda Weber dann zur Ersten Sekretärin gewählt.8 Zu diesem Zeitpunkt war es dem westdeutschen Verband noch möglich, legal zu agieren9. Auch für den DFD-West stand der Kampf für Frieden und damit einhergehend die Ablehnung des Vertrages über die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den drei Mächten England, Frankreich, USA, kurz Deutschlandvertrag oder auch Generalvertrag, der die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik zum Ziel hatte, an oberster Stelle.
Des Weiteren sprachen sich die Frauen gegen den Einsatz von Atomwaffen und für eine Wiedervereinigung Deutschlands aus.10 Als Erste Sekretärin versuchte Weber, diese Ziele parteitreu umzusetzen, dabei nahm sie eine prominente Stellung ein, hielt Reden auf Kongressen und bei Aktionen und schrieb Berichte über ebendiese11. Des Weiteren war sie an der Herausgabe des Publikationsorgans lernen und handeln beteiligt, verfasste das Editorial und beteiligte sich redaktionell an den Inhalten der Zeitschrift.
Gleichzeitig haderte das Paar mit der fortschreitenden Stalinisierung12 der SED. Dennoch blieben sie dem Regime nach außen zunächst treu – auch wenn der innerliche Bruch Mitte der 1950er-Jahre längst vollzogen war, wie es in der Doppelbiografie ausgeführt wird: „Für Gerda und mich hieß es weiterhin, nicht zu verzagen, wie bisher lesen, den Arbeitsplan einhalten und gesund bleiben. Unsere Situation erschien mir verrückt. Mit dem Stalinismus hatte ich längst gebrochen, saß dennoch bereits über ein halbes Jahr als kommunistischer Rädelsführer im Gefängnis.“13
Von der „Rädelsführerin“ zur politischen Referentin
1953 kamen sowohl Gerda als auch Hermann Weber in Essen in Untersuchungshaft. Gerda Weber wurde für die Jahre 1951 bis 1953 Staatsgefährdung sowie die Position der „Rädelsführerin“14 einer kommunistischen Tarnorganisation, „[…] die den gewaltsamen Umsturz der verfassungsmässigen Ordnung der Bundesrepublik und die Aufrichtung einer Diktatur nach dem Muster der sowjetischen Besatzungszone erstrebt […]“15, vorgeworfen. Dieser Vorwurf wurde verstärkt durch die Annahme des Fluchtverdachts und der Verdunkelungsgefahr. Grundlage für diese Verfolgung bot ein 1951 von der Adenauer-Regierung verabschiedetes Gesetz, das Hochverrat, Landesverrat und Staatsgefährdung als politische Straftaten wiedereinführte – ein Straftatbestand, der 1945 von den Alliierten abgeschafft worden war.16 Dabei hatte Weber bereits im Frühjahr 1953 ihre Ämter im westdeutschen DFD niedergelegt.17 Nichtsdestotrotz blieb sie rund ein halbes Jahr in Untersuchungshaft, bevor sie Weihnachten 1953 entlassen wurde18.
Nicht nur in der Bundesrepublik sorgten die Webers für Aufregung. Als in der DDR die Haftsache bekannt wurde, warf man ihnen „Agententum“ vor und schloss beide 1954 aus der SED aus.19
Gerda Weber suchte daraufhin beruflich eine kaufmännische Position, um der Arbeitslosigkeit zu entfliehen; sie war ab 1955 bei Siemens als Haushaltsgerätevertreterin angestellt, während Hermann Weber erste Schritte in seiner wissenschaftlichen Karriere machte20. In den kommenden Jahren wurde aufgrund ihrer ehemaligen politischen Tätigkeiten weiterhin gegen sie ermittelt – juristische Untersuchungen blieben jedoch erfolglos.
In den 1960er-Jahren schließlich schrieb Gerda Weber Aufsätze und Zeitschriftenartikel über die Situation der Frauen in der DDR, zunächst vor allem für das SBZ-Archiv, das spätere Deutschland-Archiv21, eine Zeitschrift für DDR-Forschung. Sie beschäftigte sich mit diversen Themen, die Titel ihrer Artikel lauteten unter anderem: Anmut sparet nicht noch Mühe. Zum 20. Jahrestag der Gründung des DFD; Forderungen an die Konsumgüterindustrie; Beratungszentren des DFD; Das Familiengesetz der SBZ; Partner gesucht - Staatliche Ehevermittlung?. Ab den 1970er-Jahren wurde sie in der politischen Bildung aktiv und leitete fortan auch Seminare für Schulklassen, um über die Lebensrealitäten der Menschen in der DDR zu informieren. Insbesondere der Politischen Akademie Lohmar im Rheinland war sie stark verbunden, daneben führte sie Seminare im Namen verschiedener Volkshochschulen durch.
1972 trat Gerda Weber in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ein und wurde im Arbeitskreis Sozialdemokratischer Frauen und der Friedrich-Ebert-Stiftung aktiv. Auch hier leitete sie Seminare und war gefragte Referentin. Inhaltliche Schwerpunkte ihrer Arbeit lagen vor allem auf der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dem politischen System der Bundesrepublik sowie der Gleichstellung der Geschlechter.
Bis ins hohe Alter blieb das Ehepaar der politischen Bildung und Wissenschaft treu, gründete eine Stiftung, die sich mit der Geschichte des nationalen und internationalen Kommunismus beschäftigt, nahm an zahlreichen Konferenzen und Tagungen teil und publizierte eine gemeinsame Autobiografie, die ihr bewegtes Leben widerspiegelt. „Memoiren zu Zweit? Die gemeinsame Autorenschaft beruht auf der Gemeinsamkeit eines politischen Lebens“22 – diese Interpretation legt gleichfalls die Frage nach dem akademischen Output offen: Welchen Anteil hatte Gerda Weber darüber hinaus auch an den Werken ihres Mannes, wie stark war sie an seiner Forschung über den Kommunismus beteiligt? Diese Frage muss an dieser Stelle ein Desiderat bleiben, dem anhand beider Nachlässe nachgegangen werden könnte.23 Um ihr akademisches Erbe zu überführen, richtete das Ehepaar 2003 die unselbstständige Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung24 ein, die in der Treuhänderschaft der Bundesstiftung Aufarbeitung liegt. Sie soll „als Alleinerbin das Lebenswerk von Gerda und Hermann bewahren und die Auseinandersetzung mit der Kommunismusgeschichte dauerhaft fördern“25, jährlich wird die Hermann-Weber-Konferenz zur Historischen Kommunismusforschung ausgerichtet.
Am 2. Januar 2021, im Alter von 97 Jahren, starb Gerda Weber in einem Pflegeheim in Mannheim. Sieben Jahre nach ihrem Mann Hermann.
Der Nachlass im AddF
Der Nachlass wurde stückweise zwischen 2011 und 2019 von der Nachlassgeberin selbst dem Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF) überlassen. Nach der Bearbeitung umfasst er rund zwei Regalmeter und hat eine Laufzeit von circa 1928 bis 2011. Im Nachlass finden sich vornehmlich Unterlagen zu Webers Tätigkeit als Autorin und Referentin für politische Bildung. Darüber hinaus lassen sich mehrere thematische Sammlungen zu Frauenleben und Frauenorganisationen in der DDR – etwa dem DFD oder seinem Vorgänger, den Frauenausschüssen – finden. Private Schriftstücke sind, ausgenommen von ein wenig Korrespondenz und den Unterlagen zu ihrer Haft, kaum vorhanden. Solche Dokumente werden hingegen im Archiv der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur verwahrt. Sie ist im Besitz des Nachlasses von Hermann Weber, in dem aufgrund ihrer Beziehung auch Dokumente von Gerda Weber zu finden sind.26
Zwischen Schnappschüssen und Urlaubsfotos, Korrespondenz der Eheleute und Reisepässen findet man aber auch offizielle Pressefotos aus ihrer Zeit als Funktionärin des westdeutschen DFD sowie Dokumente zur Strafsache gegen Gerda Weber. Insgesamt können sowohl in der Bundesstiftung Aufarbeitung als auch im AddF spannende Dokumente eines bewegten Lebens eingesehen werden.
Netzwerk von Gerda Weber
Zitate von Gerda Weber
Biografie von Gerda Weber
Fußnoten
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1
Vgl. Abschrift des Protokolls der Vernehmung von Gerda Weber in der Untersuchungshaft, 1953, in: AddF, Kassel, Sign.: NL-P-68; 25-5.
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2
Ebenda.
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3
Vgl. Weber, Gerda / Weber, Hermann: Leben nach dem „Prinzip links“. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006, S. 24. Zur Einordnung vgl. Jens Hüttmann, Rezension zu: Weber, Hermann; Weber, Gerda: Leben nach dem „Prinzip Links“. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten. Berlin 2006, ISBN 3-86153-405-3, in: H-Soz-Kult, 16.04.2007, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-9074, Zugriff am 11.02.2025.
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4
Gruner, Petra: Die Neulehrer: Schlüsselsymbol der DDR-Gesellschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 1999, H. 38, S. 25–31.
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5
Freie Deutsche Jugend, Lexikoneintrag, Zugriff am 11.02.2025 unter: https://www.jugendopposition.de/lexikon/sachbegriffe/148659/freie-deutsche-jugend-fdj.
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6
Weber, Gerda / Weber, Hermann: Leben nach dem „Prinzip links“, S. 78.
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7
Zur Einordnung der Entstehungsgeschichte und frühen Phase des DFD siehe auch Bühler, Grit: Eigenmächtig, frauenbewegt, ausgebremst. Der Demokratische Frauenbund Deutschlands und seine Gründerinnen (1945-1949). Frankfurt a. M. 2022.
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8
Vgl. Nödinger, Ingeborg: Frauen gegen Wiederaufrüstung. Der Demokratische Frauenbund Deutschland im antimilitaristischen Widerstand (1950 bis 1957), Frankfurt a. M. 1983, S. 63.
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9
Erst im Jahre 1957 wurde der Westdeutsche DFD verboten, vgl. dazu: Schröter, Ursula (29.09.2020): Demokratischer Frauenbund Deutschlands (DFD), in: Digitales Deutsches Frauenarchiv; URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/demokratischer-frauenbund-deutschlands-dfd, Zugriff am 01.07.2024.
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10
Vgl. Nödinger, Ingeborg: Für Frieden und Gleichberechtigung. Einige Streiflichter zur Arbeit des Demokratischen Frauenbundes Deutschland für Westdeutschland (DFD), in: Hervé, Florence (Hg.): Brot & Rosen. Geschichte und Perspektive der demokratischen Frauenbewegung, Frankfurt a. M. 1979, S. 158.
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11
Vgl. Bericht von Gerda Weber über den Völkerkongress in Wien, in: AddF, Kassel, Sign.: NL-P-68; 2-11.
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12
Lemke, Michael: Die Sowjetisierung der SBZ/DDR im ost-westlichen Spannungsfeld, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 1997, H. 6, S. 41–53, bes. S. 42 ff., abgerufen am 07.02.2025 unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/537994/die-sowjetisierung-der-sbz-ddr-im-ost-westlichen-spannungsfeld.
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13
Weber, Gerda / Weber, Hermann: Leben nach dem „Prinzip links“, S. 52.
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14
Vgl. Abschrift des Haftbefehls gegen Gerda Weber, 17.03.1953, in: AddF, Kassel, Sign.: NL-P-68; 25-5.
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15
Ebenda.
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16
Vgl. hierzu: Nödinger: Frauen gegen Wiederaufrüstung, S. 74.
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17
Vgl. Fragen des Oberstaatsanwaltes aus Düsseldorf an Gerda Weber, 1958, in: AddF, Kassel, Sign.: NL-P-68; 1-1.
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18
Hermann Weber wurde bereits im Oktober 1953 entlassen. Vgl. Weber, Gerda / Weber, Hermann: Leben nach dem „Prinzip links“, S. 100–107.
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19
Vgl. Fragen des Oberstaatsanwaltes aus Düsseldorf an Gerda Weber, 1958, in: AddF, Kassel, Sign.: NL-P-68; 1-1.
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20
Vgl. Weber, Gerda / Weber, Hermann: Leben nach dem „Prinzip links“, S. 117 f.
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22
Fricke, Wilhelm (04.12.2006): Memoiren zu zweit, URL: https://www.deutschlandfunk.de/memoiren-zu-zweit-100.html, Zugriff am 07.02.2025.
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23
Vgl. dazu auch die Beispiele im Nachruf von Wilde, Florian (07.01.2021): Gerda Weber (1923-2021). Wichtige Exponentin der Linken der 1950er Jahre und bedeutende Kommunismusforscherin, Zugriff am 07.02.2025: https://www.rosalux.de/news/id/43598/gerda-weber-1923-2021.
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24
https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/stiftung/gerda-und-hermann-weber-stiftung, Zugriff am 07.02.2025.
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25
Vgl. Mählert, Ulrich (04.01.2021): In memoriam Gerda Weber (1923 – 2021), URL: https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/stiftung/aktuelles/memoriam-gerda-weber-1923-2021, Zugriff am 27.01.2025.
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26
Vgl. https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/archiv/aktenbestaende/hermann-weber, Zugriff am 07.02.2025.
Ausgewählte Publikationen
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Nödinger, Ingeborg: Frauen gegen Wiederaufrüstung. Der Demokratische Frauenbund Deutschland im antimilitaristischen Widerstand (1950 bis 1957), Frankfurt a. M. 1983.
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Weber, Gerda / Weber, Hermann: Leben nach dem "Prinzip links". Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006.
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Weber, Hermann: Damals, als ich Wunderlich hieß: Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SED-Parteihochschule "Karl Marx" bis 1949, Berlin 2002.