Portrait von Barbelies Wiegmann
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Fotografin: Bettina Flitner
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Über Barbelies Wiegmann

Barbelies Wiegmann setzte sich als feministische Anwältin für Familienrecht für die Abschaffung und Veränderung frauendiskriminierender Gesetze ein. Sie war Mitgründerin der Frauenband Bonner Blaustrümpfe, die auf Frauen-Demos und -Veranstaltungen auftraten.

Barbelies Wiegmann wurde 1933 in Bonn als Tochter eines Juristen und einer Hausfrau geboren. Ihre „starke Mutter“, die darunter litt, selbst keinen Beruf auszuüben, „war ganz intensiv daran interessiert, dass ich was lernen sollte. Und dass ich studieren sollte“1 . Auch der Vater bestärkte die Tochter. 1952 begann Barbelies Wiegmann mit ihrem Jurastudium.

Sie war eine der ganz wenigen Frauen im ‚Männerfach‘ Jura und erlitt heftige Diskriminierung durch Professoren, aber auch Kommilitonen. „Wir waren damals fünf Prozent Frauen im Studium. Und da weiß ich noch: Als der Professor was fragte und ich sagte was – ich glaube, es war sogar was Lateinisches –, da drehte sich so ein Kollege um und sagte: ‚Wenn die Mädchen doch lieber kochen lernen würden!‘“2

„Unerhörte Gesetze“

Zu diesem Zeitpunkt wurden Frauen noch gesetzlich, vor allem im Familienrecht, massiv benachteiligt. Der Ehemann durfte zum Beispiel über das Vermögen seiner Frau verfügen (bis 1958) und ihr die Berufstätigkeit verbieten (bis 1977). Das Scheidungsrecht funktionierte nach dem Schuldprinzip, eine ‚schuldig‘ geschiedene Frau hatte kein Recht auf Unterhalt und stand in der Regel mittellos da. Die Jurastudentin besuchte Versammlungen des Juristinnenbundes, der gegen die Ungleichbehandlung der Frauen und für eine Reform des Familienrechts kämpfte. Doch noch engagierte sich Barbelies Wiegmann nicht selbst gegen die „unerhörten Gesetze. (…) Aber die Empörung ist langsam gewachsen“.3

„Die Empörung ist langsam gewachsen!“

Endgültig radikalisiert wurde Barbelies Wiegmann durch ihre eigene familiäre Situation. „Ich glaube, ich bin zum ersten Mal wach geworden, als ich Kinder hatte und merkte: Kinder und Beruf – das geht offenbar gar nicht.“4 Wiegmann, die nach Abschluss ihres Studiums begann, als Rechtsanwältin zu arbeiten, tat dies selbstverständlich von zu Hause aus und war gleichzeitig für die beiden Kinder zuständig. Ehemann Werner war ebenfalls Jurist und arbeitete als Beamter im Ministerium für Entwicklung. Er fand es selbstverständlich, dass er nicht für die Familienarbeit zuständig war. „Dass Männer im Beruf zurückstecken, das war überhaupt noch kein Gedanke.“5

Die Bonner Blaustrümpfe legen los

Die Anwältin haderte immer stärker mit den Einschränkungen, die die traditionelle Frauenrolle ihr auferlegten. „Die wurmte immer mehr und ich dachte: Wie komm’ ich da eigentlich raus?“6

Anfang der 1970er-Jahre wurde Barbelies Wiegmann Mitglied im Bonner Frauen-Forum, das sich im Zuge der aufkeimenden Frauenbewegung gegründet hatte. Dort gründete sie, gemeinsam mit der Schriftstellerin Caroline Muhr und der Musikerin Inge Latz, 1973 die Bonner Blaustrümpfe: eine achtköpfige Musikgruppe, die Muhrs feministische und von Latz vertonte Texte aufführte. Barbelies Wiegmann spielte in der Band Gitarre.

„Wir waren sehr begehrt!“

Die Gruppe gab eigene Konzerte oder trat bei Frauenaktionen auf und begleitete auf der Straße die Demonstrationen gegen den §218. „Ja, wir sind getingelt und waren sehr begehrt. Wirklich, das war ganz wunderbar. Weil da wirklich sehr freche Texte waren.“7 Die Lieder der Bonner Blaustrümpfe, die auch auf einer LP erschienen, heißen Der Patriarchen-Song, Das Lied vom Frauenhaus oder Wir fahren nach Holland nicht der Tulpen wegen. „Bei den Bonner Blaustrümpfen, kann ich sagen, da bin ich als Feministin erwacht.“8

Barbelies Wiegmann war auch Mitorganisatorin von Protestaktionen, so zum Beispiel eine Aktion anlässlich des UNO-Jahres der Frau 1975: Weil im offiziellen Bundesgremium, das das ‚Jahr der Frau‘ für Deutschland organisieren soll, „zu 90 Prozent Männer waren“9 , verkleideten sich die Aktivistinnen als Putzfrauen und flankierten skandierend den Einmarsch zum Festakt in der Bonner Beethovenhalle. „Und abends (...) haben die Medien nur darüber berichtet. Das fanden wir natürlich ganz toll. (...) Und da merkten wir schon, dass (...) überall im Land sich was tat in Sachen Frauen.“10

Frauen standen bei Scheidung ganz schlimm da

Als Anwältin spezialisierte sich die Juristin Wiegmann auf das Familienrecht. „Ich hab gemerkt, wie eigentlich die Rechtslandschaft aussah für Frauen. (...) Vor allen Dingen bei Trennung und Scheidung, wo ich sah, dass die Frauen, die (...) den Kindern zuliebe zu Hause geblieben waren, keinen Beruf ausgeübt oder den Beruf aufgegeben hatten, bei einer Scheidung ganz schlimm dastanden. (...) Oft waren sie auf Sozialhilfe angewiesen. Ich habe mich da wirklich sehr für Frauen eingesetzt, und zwar aus vollem Herzen, weil ich das so ungerecht fand.“11

Das Ende der Hausfrauenehe

Barbelies Wiegmann setzte sich aber nicht nur individuell für ihre Klientinnen ein, sondern versuchte, mit ihrer Teilnahme an Hearings oder Stellungnahmen zu Gesetzesvorhaben Einfluss auf das diskriminierende Familienrecht zu nehmen. Wiegmann wurde eine gefragte Expertin, die in Talkshows und anderen Medien, so auch in der EMMA, ihren feministischen Standpunkt im Hinblick auf die diskriminierende Rechtslage öffentlichkeitswirksam vertrat. 1980 erschien von ihr das Buch Ende der Hausfrauenehe. Plädoyer gegen eine trügerische Existenzgrundlage.12

Im gleichen Jahr wurde sie Mitgründerin der Fraueninitiative 6. Oktober. In der von Hannelore Fuchs initiierten Gruppe waren überwiegend SPD-Frauen aktiv. Die waren nach der Bundestagswahl am 5. Oktober 1980 enttäuscht, dass wieder einmal kaum Frauen in die Regierung kamen und die Frauenfrage in der Schmidt-SPD eine untergeordnete Rolle spielte. Die Fraueninitiative 6. Oktober  veranstaltete von nun an jährlich Kongresse zu feministischen Themen.

Fraueninitiative 6. Oktober, Bonn 1982
Plakat Fraueninitiative 6. Oktober, Bonn 1985
 

Barbelies Wiegmann setzte sich als Anwältin und später als Mediatorin weiter dafür ein, dass Frauen in Scheidungs- und Sorgerechtsverfahren ihr Recht bekommen .

 

Stand: 12. November 2021
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Verfasst von
Chantal Louis

studierte Journalistik und Politikwissenschaften in Dortmund. Seit 1994 ist sie Autorin und Redakteurin bei der Zeitschrift EMMA. Sie schrieb mehrere Bücher und arbeitete als freie Journalistin u.a. für WDR und Deutschlandfunk.

Empfohlene Zitierweise
Chantal Louis (2021): Barbelies Wiegmann, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/barbelies-wiegmann
Zuletzt besucht am: 27.11.2021
Lizenz: CC BY 4.0
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  • Chantal Louis
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
  • CC BY 4.0

Netzwerk von Barbelies Wiegmann

Zitate von Barbelies Wiegmann

"Diese Frauen hatten einst das große Los "Familie" gezogen; Berufsaufgabe, Kindererziehung - doch das Los war eine Niete."
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Wiegmann, Barbelies: Frauenrecht- Eheverträge, in: EMMA, 1977, H. 5, S. 14.
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"Also, wenn er schon sein muß, erst der Kampf und dann die Scheidung. Das ist die richtige Reihenfolge und nicht umgekehrt. Nur so bringt eine Ehescheidung Ruhe und Klarheit und vielleicht einen neuen Lebensbeginn."
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Wiegmann, Barbelies: Frauenrecht- Die neue Scheidung, in: EMMA, 1977, H. 8, S. 42.
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"Ich plädiere für das Ende der Hausfrauenehe."
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Wiegmann, Barbelies: Die Hausfrau ist tot . es lebe der Hausmann?, in: EMMA, 1980, H. 10, S. 8-11.
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Biografie von Barbelies Wiegmann

1933

Geburt

Frühe 1960er Jahre

Heirat und Kinder, Tätigkeit als Anwältin von zu Hause aus

1972

Mitgründerin des Frauenforum Bonn

1973

Gründung der Bonner Blaustrümpfe

Ab Mitte der 1970er Jahre

Einsatz für Gesetzesänderungen (z.B. zur Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe)

1975

Protestaktion zur Eröffnungsfeier des Jahres der Frau (oder der Beethovenhalle) 1975 in Bonn

1980

Gründung der Fraueninitiative 6. Oktober, ab 1981 jedes Jahr Bundeskongress

Fußnoten

  • 1FMT, P20-Wieg-01, Barbelies Wiegmann, Transkript, S. 1.
  • 2Ebenda.
  • 3Ebenda.
  • 4Ebenda.
  • 5Ebenda, S. 2.
  • 6Ebenda, S. 3.
  • 7Ebenda.
  • 8Ebenda.
  • 9Ebenda, S. 4.
  • 10Ebenda.
  • 11Ebenda, S. 5.
  • 12Wiegmann, Barbelies: Ende der Hausfrauenehe: Plädoyer gegen eine trügerische Existenzgrundlage, Hamburg 1981.
Ausgewählte Publikationen
Wiegmann, Barbelies: Ende der Hausfrauenehe. Plädoyer gegen eine trügerische Existenzgrundlage, Hamburg 1981.
Wiegmann, Barbelies: Rechte mit Pflichten. Anwältin Barbelies Wiegmann plädiert für das gemeinsame Sorgerecht, in: EMMA, 1995 , H. 6, S. 47‒48.
n.n.: "Wir kommen nur weiter, wenn wir auch viele sind ..." Ein Interview mit Barbelies Wiegmann, in: Weg, Marianne/Stein, Otti (Hg.): MACHT macht Frauen stark : Frauenpolitik für die 90er Jahre, Hamburg 1988, S. 27‒28.
Wiegmann, Barbelies: Neues Scheidungs-Unrecht für Frauen. Diskussion nach Vortrag von Barbelies Wiegmann in der Vortragsreihe "Frauen im Recht" am 30.1.1986, o. O. 1986.