Anna von Gierke
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Helene-Lange-Archiv im Landesarchiv Berlin
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Anna von Gierke Geboren am in Breslau Gestorben am in Berlin

Über Anna von Gierke

Anna von Gierke hat ihr ganzes Leben der Kinder- und Jugendfürsorge gewidmet und war weit über ihr Berliner Arbeitsfeld hinaus sozialpädagogisch und sozialpolitisch tätig – bis die Nationalsozialisten sie 1933 aus allen Ämtern drängten. Sie vertrat dabei ein sehr selbstbewusstes, konservatives Frauenbild.

Anna von Gierke (1874–1943) wuchs in Charlottenburg auf, einer bis 1920 selbstständigen Stadt am Rande Berlins. Ihr Vater Otto von Gierke war Professor an der Berliner Universität, ihre Mutter Lilli, geborene Löning, stammte aus einer Frankfurter jüdischen Verlegerfamilie. In Charlottenburg fand Anna von Gierke einen idealen Wirkungskreis. Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich hier große Industriebetriebe angesiedelt. Die Stadt verfügte über das dritthöchste Steuereinkommen im Reich, eine gut organisierte Armenfürsorge und eine breite Schicht sozial engagierter Bürgerinnen und Bürger.

Kinder- und Jugendfürsorge in Charlottenburg

Nach dem Schulabschluss arbeitete Anna von Gierke zunächst in einem Hort mit, den Hedwig Heyl für die Arbeiterfamilien der Fabrik ihres Mannes eingerichtet hatte. Anna gewann junge Frauen aus ihrem Bekanntenkreis zur Mitarbeit, und Hedwig Heyl übertrug der Achtzehnjährigen die Leitung. Es wurden bald ein Kindergarten für die jüngeren Geschwister angegliedert, Fachkräfte eingestellt und ein zweiter Hort eröffnet. Im Jugendheim, wie der Trägerverein ab 1894 hieß, war Anna von Gierke zuständig für 120 Kindergarten- und Hortkinder, eine Kindergärtnerin, eine Gewerbelehrerin und einen wachsenden Stamm junger Frauen, die von ihr angeleitet wurden.

Um sich selbst weiterzubilden, belegte sie 1896/7 Kurse am Pestalozzi-Fröbel-Haus in Schöneberg und wurde danach als hauptamtliche Leiterin des Vereins angestellt. 1907 fragte der Magistrat von Charlottenburg an, ob Anna von Gierke eine zentrale Schulspeisung für bedürftige Kinder aufbauen könne, damit diese nicht zwischen Schule und Hort unbeaufsichtigt waren. Anna von Gierke sagte zu. Im Gegenzug forderte sie, dass Schulpflegerinnen in den neu entstehenden Gemeindeschulen eingestellt wurden, um die Kinder für die Schulspeisung auszuwählen und den Kontakt zwischen, Schule, Fürsorgeeinrichtungen, Eltern und Hort zu verbessern. Die erforderliche Fortbildung fand im Verein Jugendheim statt.

Nach zähen Verhandlungen stellte der Magistrat außerdem ein Grundstück zur Verfügung, auf dem Anna von Gierke eine Zentrale für die vielen Einrichtungen und Aktivitäten des Vereins bauen konnte. Sie gründete eine Stiftung, um die erforderlichen Eigenmittel einzuwerben. 1910 konnte das Jugendheim eröffnet werden, ein sechsstöckiges Haus mit zwei Treppenhäusern, einem Dachgarten und zwei Quergebäuden um einen Innenhof, mit Zentralküche, Gruppenräumen für Krippen, Kindergärten und Horte, Clubräumen für Lehrlingsmädchen, einem Festsaal, Werkstätten, Seminarräumen für die Ausbildung von Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen, Jugendleiterinnen und Schulpflegerinnen sowie Zimmern für auswärtige Schülerinnen.

Ein neuer Beruf: die Hortnerin

Anna von Gierke systematisierte ihre Kurse, ließ einen Prospekt drucken und eröffnete 1911 im Jugendheim das Sozialpädagogische Seminar, ein Begriff, den andere Kindergärtnerinnenseminare bald übernahmen. Auch die Berufsbezeichnung Hortnerin stammt von ihr. Ihr lag daran, für die Betreuung der Schulkinder einen eigenständigen Beruf parallel zu dem der Kindergärtnerin zu etablieren. 1914 wurde die Ausbildung zur Hortnerin in Preußen staatlich anerkannt. Für die Erholungsfürsorge und die haus- und landwirtschaftliche Ausbildung von jungen Mädchen baute Anna von Gierke in Finkenkrug, nordöstlich von Spandau, ein Landjugendheim auf. Bald besuchten über 600 Schülerinnen das Sozialpädagogische Seminar und trugen Anna von Gierkes Erziehungsideale in die ganze Republik.

Sozialpolitische Arbeit im Ersten Weltkrieg und in der Nationalversammlung

Als das Jugendheim stand, betrieb Anna von Gierke zunächst den Zusammenschluss der Berliner Hortvereine und wurde dann zweite Vorsitzende des reichsweiten Verbands Deutscher Kinderhorte. Ab 1914 reiste sie im Auftrag des Kultusministeriums in die preußischen Regierungsbezirke, um dort die Hortarbeit zu fördern. Um nach der Blockade der deutschen Seehäfen Volksspeisungen zu organisieren und Frauen in sparsamer Haushaltsführung zu beraten, gründete sie den Charlottenburger Hausfrauenverein mit Sitz im Jugendheim. Als ab 1916 fast alle Männer eingezogen wurden und die Frauen deren Arbeitsplätze in den Waffen- und Munitionsfabriken und in der Landwirtschaft übernehmen mussten, wurde auch die Betreuung ihrer Kinder kriegswichtig. Das Kriegsministerium berief Anna von Gierke als Sachverständige für Kinderfürsorge. Sie erarbeitete für alle Horte staatliche Richtlinien und führte ihre Inspektionsreisen jetzt in diesem Rahmen durch.

Nach dem Ende des Kaiserreichs und der Einführung des Wahlrechts für Frauen ergriff Anna von Gierke die Chance, die neuen demokratischen Strukturen für die Förderung der Jugendfürsorge zu nutzen und Einfluss auf die Gesetzgebung zu nehmen. Sie ließ sich für die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) in die Stadtverordnetenversammlung von Charlottenburg wählen und kandidierte 1918 erfolgreich für die Deutsche Nationalversammlung. Dort arbeitete sie im Ausschuss für Soziale Angelegenheit mit und wurde Vorsitzende des Ausschusses für Bevölkerungspolitik – als einzige weibliche Vorsitzende. Sie erwarb sich die Anerkennung ihrer männlichen  Fraktionskollegen für ihre nüchtern und sachkundig vorgetragenen Argumente und hielt wichtige Reden für ihre Partei.

Die parlamentarische Arbeit machte Anna von Gierke Freude und sie knüpfte wichtige Kontakte zu Frauen und Männern aller Parteien. 1920 wurde sie wegen ihrer jüdischen Mutter aber nicht wieder aufgestellt. Ihr Vater Otto von Gierke, Gründungsmitglied der DNVP, trat mit einem Eklat aus der Partei aus, sie selbst legte auch ihr Mandat in Charlottenburg nieder. Bei den ersten Gesamtberliner Wahlen nach der Eingemeindung Charlottenburgs 1920 führte sie eine „Parteilose Frauenliste“ an, die aber viel öffentlichen Spott und nur wenige Stimmen erhielt.

Verbandsarbeit in der Weimarer Republik und das Jahr 1933

Die sozialpolitische Arbeit in Berlin und im Reichstag war ihr nun nicht mehr möglich. Im Deutschen Verband für Schulkinderpflege, wie der Hortverband seit 1924 hieß, beteiligte sich Anna von Gierke aber an der Diskussion über die künftigen Strukturen der Sozial- und Wohlfahrtsarbeit. So reichte sie Vorschläge für die Formulierung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes ein, um die Funktion der freien Träger in den kommunalen Jugendämtern zu stärken. Auf Vortragsreisen und in Artikeln erläuterte sie, wie die freien Verbände die neue Gesetzeslage zu ihrem Vorteil nutzen konnten. Und sie betrieb den Zusammenschluss der Verbände zu einem fünften Wohlfahrtsverband, der ebenso wie die konfessionellen Träger, das Deutsche Rote Kreuz und die Arbeiterwohlfahrt staatliche Förderung erhalten würde. 1925 gründete sie mit sozialpädagogischen Verbänden und freien Trägern im Krankenhausbereich den Paritätischen Wohlfahrtsverband und wurde dessen zweite Vorsitzende sowie Leiterin der Fachgruppe Erziehungsfürsorge. Die Jahre bis 1933 waren von einer rastlosen Verbands- und Gremientätigkeit erfüllt. Eine Liste ihrer Vorstandstätigkeiten und Ämter von 1930 führt 34 Posten auf, darunter auch den Vorsitz der Berliner Frauenverbände und die Mitarbeit im Gesamtvorstand des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF).

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden Anna von Gierke ein SA- Mann als kaufmännischer Leiter und ein Studienassessor in SS-Uniform als pädagogischer Leiter zur Seite gestellt. Am 31. Oktober 1933, drei Monate vor ihrem 60. Geburtstag, wurde sie als Leiterin des Jugendheims ganz abgesetzt. Die ihr zugesagte Pension wurde nicht gezahlt. Von da an war das Landjugendheim in Finkenkrug, das sie auf ihren Namen hatte eintragen lassen, ihre Existenzgrundlage. Gemeinsam mit ihrer Arbeits- und Lebensgefährtin Isa Gruner führte sie es als Tagungszentrum für kirchliche Gruppen und Wohlfahrtsklassen von ehemaligen Schülerinnen. Eines der Häuser war weiterhin ein Kinderheim, in dem elternlose jüdische und andere Kinder das NS-Regime überlebten.

„Jugendwohlfahrtsarbeit führt zur Frauenbewegung. Jugendwohlfahrtsarbeit braucht Frauenbewegung“1

Anna von Gierke stand der organisierten Frauenbewegung zunächst fern. Als Vorsitzende der Berliner Hausfrauenvereine gehörte sie zwar ab 1918 dem Gesamtvorstand des Bundes Deutscher Frauenvereine an, wurde aber erst 1931 in den engeren Vorstand gewählt. Ihr sozialpädagogisches Engagement galt den Müttern und Familien und in diesem Rahmen auch den berufstätigen Frauen in der Kinder- und Jugendfürsorge. Dabei verfolgte sie aber von Anfang an das Ziel, „dass die gesamte Wohlfahrtspflege in Frauenhände kommt, dass in vollem Ausmaß der Staat hier die mütterliche, frauliche Arbeit durch Frauen bestimmend leiten und ausführen lässt, von der obersten Spitze bis zu den letzten Organen.“

Zunächst hatte sie deshalb gehofft, dass der von ihr angestrebte fünfte Wohlfahrtsverband ein reiner Frauenverband in der Trägerschaft des BDF werden würde. Dies gelang ihr nicht. Auf einer der letzten Kundgebungen des BDF, die sich 1933 gegen den Abbau der Jugendfürsorge richtete, betonte sie aber noch einmal: „Jugendwohlfahrtsarbeit führt zur Frauenbewegung. Jugendwohlfahrtsarbeit braucht Frauenbewegung.“  
Anna von Gierkes arbeitete zeitlebens mit Frauen zusammen und Frauen waren die primäre Zielgruppe ihrer Arbeit. Sie war Teil der Frauenbewegung, vertrat aber ein äußerst konservatives Frauen- und Familienbild. So hat sie sich bis zuletzt mit ihrer Lebensgefährtin Isa Gruner gesiezt. Sie verstand sich ausdrücklich nicht als Frauenrechtlerin, sondern als Sozialpolitikerin. Bei ihrem Einsatz für die Kinder von Arbeiterfamilien hatte sie nicht die Frauen im Blick, sondern den Schutz der traditionellen Familie und die Stabilisierung der gesellschaftlichen Ordnung. Aber damit hat sie auf ihre Weise die berufliche und politische Emanzipation von Frauen vorangetrieben. Sie hat Frauen befähigt, Leitungsfunktionen auf Augenhöhe mit Männern zu übernehmen, so wie sie es selbstbewusst in der Charlottenburger Vereinsszene, im Kriegsministerium, in der Nationalversammlung und in den Wohlfahrtsverbänden der Weimarer Zeit tat.

Autor*in
Dr. theol. Hildburg Wegener

studierte evangelische Theologie und Anglistik. Sie war in der kirchlichen Frauenbildungs- und Verbandsarbeit tätig und arbeitete zur Geschichte der evangelischen Frauenbewegung, zur ersten Frauenbewegung und zur feministischen Theologie. Über ihre Großtante Anna von Gierke schrieb sie die Monographie „Anna von Gierke. Sozialpädagogin zwischen konservativer Politik und freier Wohlfahrtspflege“, Sulzbach/Taunus 2009.

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Zitate von Anna von Gierke

Jugendwohlfahrtsarbeit führt zur Frauenbewegung. Jugendwohlfahrtsarbeit braucht Frauenbewegung
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Gierke, Anna von: Jugendwohlfahrt und Frauenbewegung, in: Die Frau, 45. Jg., 1932/33, S. 738–740, hier S. 738.
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Biografie von Anna von Gierke

Geburt in Breslau

1892

übernahm die Leitung des Mädchenhortes im von Hedwig Heyl gegründeten ‚Jugendheim‘ in BerlinCharlottenburg

1921

Gründung des Landjugendheims Finkenkrug

1924

Mitbegründerin des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtverbandes

1933

wurde sie wegen ihrer jüdischen Abstammung aller Ämter enthoben

Tod in Berlin

Fußnoten

  • 1. Gierke, Anna von: Jugendwohlfahrt und Frauenbewegung, in: Die Frau, 45. Jg., 1932/33, S. 738–740, hier S. 738.
Ausgewählte Publikationen
Wegener, Hildburg: Anna von Gierke, Sulzbach/Taunus 2009.
Baum, Marie: Anna von Gierke, Weinheim [u.a.] 1954.
o. A.: Anna von Gierke. Zum 100. Geburtstag 14. März 1974. Charlottenburg.
Gierke, Anna von: 25 Jahre Verein Jugendheim, Charlottenburg: Verein Jugendheim 1924.
Anders, Marga et. al. (Hg): Agnes von Zahn-Harnack, Tübingen 1964.