Portrait von Alice Prausnitz
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Alice Prausnitz Geboren am in Curepipe auf Mauritius Gestorben 1996 in Plön, Schleswig-Holstein

Über Alice Prausnitz

Die Juristin und erste Landgerichtsdirektorin der Nachkriegszeit in Hamburg engagierte sich ihr Leben lang für die Gleichberechtigung der Frau, vor allem vor dem deutschen Recht. Selbst von den rigiden und unmenschlichen Regelungen im Nationalsozialismus betroffen, blieb sie stets engagiert und voller Mut.

Jugend

Louise Eryphylie Alice Prausnitz1 wurde als ältestes von sechs Kindern am 26. März 1906 in Curepipe auf Mauritius geboren. Ihr Vater war Kaufmann und dort für eine Berliner Firma tätig, ihre Mutter Tochter eines Plantagenverwalters. Ihre Jugend war geprägt durch viele Ortswechsel. In Berlin besuchte sie das Lyzeum und daran anschließend die realgymnasiale städtische Studienanstalt in Dortmund. Dort bestand sie 1926 das Abitur. Sie studierte in Hamburg, Genf, München und Göttingen Rechts- und Staatswissenschaften, darauf folgte ein dreijähriges Referendariat in Bad Oldesloe, Altona und Kiel. Am 15. Juli 1933 bestand sie in Berlin die juristische Staatsprüfung. Als Frau und aufgrund ihrer ‚nichtarischen Abstammung‘ wurde ihr jedoch die Ernennung zur Assessorin verweigert und sie selbst aus dem Justizdienst entlassen.2

NS-Zeit

Nach dreijähriger Arbeitslosigkeit zog Alice Prausnitz 1936 mit ihrer Familie nach Leipzig, da ihr Vater aus seiner Anstellung entlassen worden war und ein Aufenthaltsverbot für die Städte Lübeck, Hamburg und Berlin erhalten hatte. Dort konnte die Familie jedoch nicht Fuß fassen – ihr Vater wurde mehrmals verhaftet und war unter anderem kurzzeitig im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Er ging 1939 aufgrund der Repressalien gegen die Familie – Schikanen durch die Gestapo, Erpressungen, Schulverweise etc. – nach Südafrika. Die Familie folgte ihm 1945 – mit Ausnahme von Alice Prausnitz. 

Alice Prausnitz äußerte sich im privaten Umfeld kritisch zum Nationalsozialismus und wurde 1934 von einer Hausangestellten denunziert. Sie und ihre Schwester waren für 24 Stunden in der Frauenhaftanstalt Lübeck-Lauerhof von der Gestapo inhaftiert und es wurden Ermittlungen wegen Verstoßes gegen das sogenannte ‚Heimtückegesetz‘ eingeleitet. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt.3 Ihre jüngeren Geschwister wurden aufgrund ihrer anti-nationalsozialistischen Haltung von der Schule verwiesen, 1944 wurde ihr Bruder in ein Lager der ‚Organisation Todt‘ (OT) für ‚Mischlinge’ und ‚jüdisch Versippte‘ in Osterode/Niedersachsen gebracht.4 Während des Nationalsozialismus arbeitete Alice Prausnitz ab 1939 als kaufmännische Angestellte zunächst in einer Papiergroßhandlung und später im Insel-Verlag. 1944 wurde sie im sogenannten ‚Mischlingseinsatz‘ in einer Wollspinnerei dienstverpflichtet, wo sie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs arbeiten musste.5

Nachkriegszeit und frauenpolitisches Engagement

1945 wurde Alice Prausnitz von der amerikanischen Besatzung als Rechtsanwältin vereidigt, wurde als ebendiese und ab 1948 auch als Notarin in Leipzig tätig.6 Sie wurde 1946 Mitglied der SPD und nach deren Vereinigung mit der KPD Mitglied der SED. Sie engagierte sich vor allem für das Mitwirken von Frauen im politischen, staatsbürgerlichen und öffentlichen Leben und unterrichtete unter anderem Gegenwarts- und Rechtskunde an der Fachschule für soziale Berufe.7

Wie sie zum Kampf um die Frauenrechte gekommen war, schildert sie in einem Dankesbrief für die Glückwünsche zur ihrem 80. Geburtstag an die Münchner Landgerichtsrichterin Gertrud Hofmann: 

„Ihr Brief gibt mir Anlaß, mich des Anfangs meiner Hinwendung zu den Fragen der Gleichberechtigung im weitesten Sinne zu erinnern. Den Anstoß hatte mir Annemarie Pönitz gegeben, die gleichzeitig mit mir Referendarin in der Ausbildungsstation Landgericht in Altona war. Ich holte mir Urlaub, um am Deutschen Juristentag in Lübeck 1931 teilzunehmen. Die Änderung des Familienrechts im Sinne der durch die Verfassung vom 11. August 1919 versprochenen Gleichberechtigung – es war für ihre Gegner ja nur ein Programmsatz – war das Thema. Und bei dem Empfang, den der Lübecker Senat im schönen Rathaus gab, faßte ich mir ein Herz und sprach Camilla Jellinek an, deren Einsatz zugunsten der Frauen mir bekannt war. Es war, auch wenn es übertrieben klingen mag, ein rauschhaftes Erlebnis.“8

In der DDR währte ihre Arbeit für die Frauen nur kurz. Aufgrund verstärkter Überwachung und Repressalien, weil sie dem politischen System der DDR nicht vorbehaltlos zustimmte, siedelte Alice Prausnitz 1951 nach Hamburg in die Bundesrepublik über. Hier wurde sie 1952 zur Landgerichtsrätin ernannt. Die Ernennung erfolgte rückwirkend zum 1. Mai 1945, als Wiedergutmachung für die von ihr erduldeten Schikanen im Nationalsozialismus. 1960 wurde sie zur ersten Landgerichtsdirektorin der Nachkriegszeit ernannt und leitete bis zu ihrem Ruhestand im Jahr 1974 eine Wiedergutmachungskammer.9 Sie selbst hatte 1952 einen Wiedergutmachungsantrag eingereicht und glaubhaft dargelegt, aus politischen Gründen unter dem Nationalsozialismus verfolgt worden zu sein. Ein Jahrzehnt später erhielt sie dafür eine Entschädigung in Höhe von gut 14.000 DM.10

Nach ihrer Übersiedlung in die BRD schloss sie sich der SPD an und engagierte sich im Arbeitskreis sozialdemokratischer Frauen, unter anderem hielt sie im Frauenkulturkreis Vorträge im Rahmen der ‚Anna-Siemsen-Vortragsreihe‘.11 Ebenso arbeitete sie im Deutschen Juristinnenbund (djb), dem Deutschen Frauenring (DFR) und der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Frauenorganisationen (ahf) mit.

Sie war aktiv in der Hamburger Gruppe der 194812 gegründeten Vereinigung weiblicher Juristen und Volkswirte e.V. (später Deutscher Juristinnenbund e.V.) und von 195213 bis 1956 als Beisitzerin im Bundesvorstand.14 Sie engagierte sich hier für die Themen Familienrecht und rechtliche Stellung der Frau im Beamtentum und im Juristenberuf. So berichtete sie zum Beispiel über die beamtenrechtliche Stellung der Frau auf der Mitgliederversammlung vom 9. Februar 1953.15 Ebenso engagierte sie sich im Landesverband Hamburg des Deutschen Frauenrings e.V., wofür ihr 1986 (zu ihrem 80. Geburtstag) die Ehrennadel des Vereins verliehen wurde.16

Dankesurkunde des Deutschen Frauenrings e.V. an Alice Prausnitz, 1986

Ihre Arbeit verband sie mit der Tätigkeit in der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Frauenorganisationen (ahf), in der sie sich ebenfalls für die Gleichberechtigung der Frau stark machte.17 Sie beteiligte sich an verschiedenen Ausschüssen, 1957 zum Beispiel am Ausstellungsausschuss für die Sonderschau auf der Messe DU UND DEINE WELT.18

Brief der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Frauenorganisationen an den Bundesminister der Justiz, 1953

Nach dem Eintritt in den Ruhestand 1974 zog Alice Prausnitz nach Plön, blieb aber weiterhin tatkräftig. Sie engagierte sich in der Plöner Gruppe des Deutschen Frauenrings und vertrat den Hamburger Landesverband weiterhin in der Juristischen Kommission.19 Sie beschäftigte sich mit der Geschichte der Frauen im Rechtsberuf, die zu großen Teilen auch ihre eigene Geschichte war.20 1984 stellte sie für die Broschüre Juristinnen in Deutschland des Deutschen Juristinnenbundes e.V. die Entwicklungen des Juristinnenberufs von 1900 bis in die aktuelle Zeit dar.21

Bis zuletzt war sie auch bei der Plöner Volkshochschule und in der Kirche engagiert. Alice Prausnitz verstarb 1996 im Alter von 90 Jahren in Plön.

Verfasst von
Nicolli Povijač

geb. 1986, Studium der Geschichte und der Soziologie mit den Schwerpunkten Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und Frauengeschichte

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Zitate von Alice Prausnitz

Sehr gerne war ich Richter und habe versucht, aus meinen Erlebnissen ein kleines Stück Gerechtigkeit zu verwirklichen; es bleibt aber alles Stückwerk.
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Quelle
Hamburger frauen*bibliothek, Nachlass Alice Prausnitz, Brief von Alice Prausnitz an die Hamburger Justizsenatorin Eva Leithäuser vom 14.4.1986
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Biografie von Alice Prausnitz

Geburt in Curepipe auf Mauritius

1924 - 1933

Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Hamburg, Genf, München und Göttingen

Juristische Staatsprüfung bestanden, Verweigerung der Ernennung zur Assessorin aufgrund ‚nichtarischer Abstammung‘

1934

24 Stunden Haft in der Frauenhaftanstalt Lübeck-Lauerhof wegen Verdacht auf Verstoß gegen das ‚Heimtückegesetz‘

1936

Umzug nach Leipzig

1944 - 1945

Zwangsarbeit in einer Wollspinnerei in Leipzig (‚Mischlingseinsatz‘)

1945

Vereidigung als Rechtanwältin durch die Amerikanische Besatzung

1946

Eintritt in die SPD

1951

Übersiedlung aus der DDR in die BRD nach Hamburg

1952

Ernennung zur Landgerichtsrätin in Hamburg (Rückwirkend zum 01.05.1945 als Wiedergutmachung)

1952 - 1956

Beisitzerin im Bundesvorstand des Deutschen Juristinnenbundes e.V.

1960

Ernennung zur ersten Landgerichtsdirektorin der Nachkriegszeit, Leiterin der Hamburger Wiedergutmachungskammer

1974

Eintritt in den Ruhestand, Umzug nach Plön

1986

Verleihung der Ehrennadel des Deutschen Frauenrings e.V., Landesverband Hamburg (anlässlich ihres 80. Geburtstags)

1996

Tod in Plön, Schleswig-Holstein

Fußnoten

  • 1. Staatsarchiv Hamburg (im Folgenden StaHH): 351-11/31247 Prausnitz, Alice Louise Eryphile, „Wiedergutmachungsakte“, Bl. Nr.4 v. Bestätigung für das Einwohnermeldeamt.
  • 2. hamburger frauen*bibliothek (im Folgenden hfb): Nachlass Alice Prausnitz, Lebenslauf, Hamburg 1952, S. 1.
  • 3. hfb, Nachlass Alice Prausnitz, Lebenslauf, Hamburg 1952, S. 2; StaHH, 351-11/31247 Prausnitz, Alice Louise Eryphile, Bl. 21–24, hier, Bl. 21.
  • 4. hfb, Nachlass Alice Prausnitz, Lebenslauf, Hamburg 1952, S. 2; StaHH, 351-11/31247 Prausnitz, Alice Louise Eryphile, Bl. 21–24, hier, Bl. 21ff.
  • 5. hfb, Nachlass Alice Prausnitz, Lebenslauf, Hamburg 1952, S. 1.
  • 6. StaHH, 351-11/31247 Prausnitz, Alice Louise Eryphile, Bl. 17 f, Schreiben Rechtsanwältin Helga Jönsson an das Amt für Wedergutmachung Hamburg vom 30.1.1961.
  • 7. hfb, Nachlass Prausnitz, Dienstvertrag nebenberufliche Lehrkraft in Rechts- u. Gegenwartskunde, Leipzig 16. Mai 1947.
  • 8. hfb, Nachlass Prausnitz, Brief von Alice Prausnitz an die Richterin am Landgericht München, Gertrud Hofmann vom, Plön 10.4.1986.
  • 9. StaHH, 351-11/31247 Prausnitz, Alice Louise Eryphile, Bl. 21–24, hier, Bl. 24; Wild, Gisela: Frauen in der Rechtspflege, in: Albers, Jan et al. (Hg.): Recht und Juristen in Hamburg, Köln u.a. 1994, S. 267–281, hier S. 274.
  • 10. StaHH, 351-11/31247 Prausnitz, Alice Louise Eryphile, passim. 
  • 11. z.B. zum Thema „Die bürgerliche Frauenemanzipation“, hfb, Nachlass Prausnitz, Frauenkulturkreis der SPD: Ein interessanter Themenkreis, o.O., o.J.
  • 12. hfb, Nachlass Pausnitz, Deutscher Juristinnenbund e.V.: Rundschreiben Nr. 32, Dortmund 19.4.1958.
  • 13. hfb, Nachlass Prausnitz, Schreiben an Dr. Ruscheweyen, Hamburg 30.12.1952.
  • 14. Nachlass Prausnitz, Mappe 3/3, Vereinigung weiblicher Juristen und Volkswirte e. V., Rundschreiben Nr. 13, S. 5f, Dortmund 15. Juli 1952.; Deutscher Juristinnenbund e. V. (Hg.): Der djb von 1948 bis 2003. 55 Jahre (=djb aktuelle informationen, Sondrausgabe 2003), Berlin 2003, S. 117.
  • 15. hfb, Nachlass Prausnitz, Vereinigung weiblicher Juristen und Volkswirte e.V.: Protokoll über die Zusammenkunft vom 9. Februar 1953, Hamburg.
  • 16. hfb, Nachlass Prausnitz, Dankesurkunde für Alice Prausnitz im Namen des Deutschen Frauenrings e. V., Kiel April 1986.
  • 17. hfb, Nachlass Prausnitz, Schreiben von Alice Prausnitz an Frau Steinkampf (Deutscher Frauenring e. V.), Plön 11. Mai 1986.
  • 18. hfb, Nachlass Prausnitz, Auflistung Sonderschauen „DU UND DEINE WELT“, Hamburg 1979, S. 1.
  • 19. hfb, Nachlass Prausnitz, Schreiben von Alice Prausnitz an Frau Steinkampf (Deutscher Frauenring e. V.), Plön 11. Mai 1986.
  • 20. hfb, Nachlass Prausnitz, handschriftliche Notizen zu Frau im Richteramt u.a., hier auch Notizen mit dem Anfang „Als 1933 die NSDAP die Macht in Deutschl…“, o.J.
  • 21. Deutscher Juristinnenbund (Hg.): Juristinnen in Deutschland. Eine Dokumentation (1900-1984), München 1984, Vorwort; s.a.: hfb, Nachlass Prausnitz, Brief von Alice Prausnitz an Ralph Giordano (WDR), Plön 23. April 1986.
Ausgewählte Publikationen
Nachlass von Alice Prausnitz in der hamburger frauen*bibliothek
Staatsarchiv Hamburg, 351-11/31247 Prausnitz, Alice Louise Eryphile, „Wiedergutmachungsakte“.
Deutscher Juristinnenbund (Hg.): Juristinnen in Deutschland. Eine Dokumentation (1900-1984), München 1984.
Deutscher Juristinnenbund e. V. (Hg.): Der djb von 1948 bis 2003. 55 Jahre (djb aktuelle informationen, Sonderausgabe 2003), Berlin 2003.
Wild, Gisela: Frauen in der Rechtspflege, in: Albers, Jan et al. (Hg.): Recht und Juristen in Hamburg, Köln u.a. 1994, S. 267–281.