- Wanda von Debschitz-Kunowski (Fotografin)
- AddF – Archiv der deutschen Frauenbewegung; Signatur A-F1-00310
- Gemeinfrei
Kindheit und Ausbildung
Agnes Harnack kam 1884 in Gießen als Tochter des Theologen Adolf Harnack und seiner Frau Amalie, geborene Thiersch, zur Welt. Bald darauf zog die Familie nach Berlin, wo die Harnacks Teil eines engen Freundeskreises aus liberalen, großbürgerlichen Familien wurden. Viele dieser Familien – die Harnacks selbst, die Bonhoeffers, die Delbrücks – sollten später zum bürgerlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus gehören. Adolf Harnack galt als einer der bedeutendsten akademischen Vertreter des preußischen Kulturprotestantismus und wurde für seine Verdienste 1914 in den Adelsstand erhoben. Da das Adelspartikel erblich war, galt es ab dem Zeitpunkt auch für die (mittlerweile erwachsenen) Söhne und Töchter des Ehepaars.
Wie alle ihre Geschwister genoss die junge Agnes eine gute Bildung: Nach der Mädchenschule besuchte sie ein Lehrerinnenseminar und nahm 1903 eine Stelle an einer Privatschule für Mädchen an. Daneben bereitete sie sich auf ein Studium vor. Für eine junge Frau in Preußen war das noch ein ungewöhnlicher Schritt: Zwar konnten Frauen seit etwa 1900 als Gasthörerinnen mit Ausnahmegenehmigung studieren (und mit Erlaubnis der jeweiligen Professoren Prüfungen ablegen), aber die offizielle Zulassung zum Studium kam erst 1908 – nachdem Frauenrechtlerinnen jahrzehntelang darum gekämpft hatten.
Agnes Harnack war die erste Frau, die sich offiziell an einer Berliner Universität einschrieb. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie und schloss ihr Studium 1912 mit der Promotion ab – allerdings in Greifswald, da ihr Berliner Professor Gustav Roethe sich als Gegner des Frauenstudiums trotz neuer Gesetzeslage weigerte, ihr die Prüfung abzunehmen.
In der Frauenbewegung
Wie ihre ältere Schwester Anna und ihre jüngere Schwester Elisabet interessierte sich auch Agnes Harnack schon früh für die „Frauenfrage“.1 Aktiv wurde sie in der Frauenbewegung jedoch erst, als sie 1914 begann, sich im Nationalen Frauendienst (NFD) zu engagieren. Der Nationale Frauendienst war ein landesweit aktiver Frauenhilfsdienst, den der Bund deutscher Frauenvereine (BDF) kurz nach Kriegsausbruch organisiert hatte. Damit wollten die Frauen einerseits die Tatsache kompensieren, dass die Politik die Auswirkung der plötzlichen und massiven Mobilmachung auf Frauen und Kinder nicht bedacht hatte – und andererseits ihre Tauglichkeit als Staatsbürgerinnen beweisen, indem sie sich für die „nationale Sache“ engagierten. Im November 1914 hielt Agnes von Harnack einen Vortrag, in dem sie die Ziele und Motive des NFD beschrieb.
Agnes von Harnack übernahm zunächst die Leitung einer Mädchengruppe in einem Arbeiterviertel.2 Viele Mädchen, die sie dort betreute, gingen einer Lohnarbeit nach. Agnes von Harnack setzte sich dafür ein, dass sie mehr Pausenzeiten und Urlaub bekamen; außerdem befürwortete sie eine längere Pflichtschulzeit. Später wechselte sie in die Frauenarbeitszentrale im Kriegsamt, wo sie als Assistentin und später Nachfolgerin von Marie-Elisabeth Lüders für bessere Arbeitsbedingungen für weibliche Hilfskräfte der Armee (sogenannte ‚Etappenhelferinnen‘) kämpfte.3
Ehe, Familie und politisches Engagement
1919 heiratete sie den Juristen Karl von Zahn. Das Paar bekam drei Kinder: Amalie Gabriele (1920), die kurz nach der Geburt verstarb, Edward (1921) und Margarete (1924).
Ihre Berufstätigkeit gab Agnes von Zahn-Harnack mit der Hochzeit auf, engagierte sich aber verstärkt politisch: Sie trat der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei und gründete am 11. Mai 1926 gemeinsam mit Marie-Elisabeth Lüders und Margarete von Wrangell den Deutschen Akademikerinnenbund, dessen Vorsitzende sie von 1926 bis 1930 war. Hier engagierte sie sich besonders für die Förderung von Studentinnen und den Aufbau internationaler Beziehungen sowie gegen die ‚Doppelverdiener‘-Kampagne, die verheiratete Akademikerinnen zum Rückzug aus dem Berufsleben drängte.4
1928 publizierte sie unter dem Titel Die Frauenbewegung: Geschichte, Probleme, Ziele einen für die Bewegung wichtigen ersten historischen Überblick über die (bürgerliche) Frauenbewegung in Kaiserreich und Weimarer Republik. Ab 1927 begann sie im Auftrag des Deutschen Akademikerinnenbunds gemeinsam mit dem Bibliothekar und Philosophen Hans Sveistrup die Arbeit an einer umfassenden Bibliografie zur deutschen Frauenbewegung. Nach einigen Problemen insbesondere bei der Finanzierung von Recherche und Druckkosten konnte die Bibliothek zur Frauenfrage in Deutschland 1934 endlich erscheinen – allerdings bereits unter schwierigen Bedingungen, da Werke zur Frauenbewegung zu jener Zeit bei Verlagen nicht mehr gern gesehen waren. Das Werk war mit fast 7.500 Titeln die umfassendste Literatursammlung zur Frauenbewegung von 1790 bis 1930. Eine Fortsetzung konnte erst nach 1945 in Angriff genommen werden: Der zweite Band erschien 1961 – elf Jahre nach Agnes von Zahn-Harnacks Tod. Beide Bände bildeten die Grundlage für die bibliografische Reihe Die Frauenfrage in Deutschland, die bis 1991 vom Deutschen Akademikerinnenbund herausgegeben wurde.5
Schon 1931 war Agnes von Zahn-Harnack Vorsitzende des Bunds deutscher Frauenvereine geworden. Der Kampf um Frauenrechte stand zu jener Zeit bereits im Zeichen des Aufstiegs der NSDAP und des gesellschaftlichen Rechtsrucks. Eine Weile versuchte Agnes von Zahn-Harnack noch, die Arbeit des Bunds so gut wie möglich fortzuführen, priorisierte unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Frauenbund die Bekämpfung des grassierenden Antisemitismus.6 Als im Mai 1933 die Nationalsozialisten jedoch die Gleichschaltung des BDF verlangten – also den Ausschluss jüdischer Mitglieder, die Besetzung der Führungspositionen mit Nationalsozialistinnen und die Unterwerfung des Bunds unter die Ideologie der NSDAP – zögerte sie nicht: Sie kontaktierte ihre Vorstandskolleginnen; am 15. Mai 1933 löste sich der Bund deutscher Frauenvereine auf.
Stiller Widerstand im NS
Während der NS-Zeit verkehrte Agnes von Zahn-Harnack in Kreisen des bürgerlichen Widerstands und veranstaltete, wie viele Frauen ihres Bekanntenkreises, regelmäßig als „Teenachmittage“ getarnte Zusammenkünfte regimekritischer Personen.7 Eine exponierte Rolle übernahm sie jedoch nicht, möglicherweise aus Sorge um ihre minderjährigen Kinder. 1936 veröffentlichte sie eine Biografie ihres Vaters Adolf von Harnack, die zugleich eine umfassende Würdigung des liberalen Kulturprotestantismus war. Agnes von Zahn-Harnacks Biografin Gisa Bauer geht davon aus, dass sie und ihre Schwester, die Pädagogin und Pionierin der Sozialen Arbeit Elisabet von Harnack, auch aktiv daran mitwirkten, Jüdinnen und Juden vor nationalsozialistischer Verfolgung zu bewahren. So unterstützten sie zum Beispiel das Landjugendheim ‚Finkenkrug‘, das von den Frauenrechtlerinnen Anna von Gierke und Isa Gruner betrieben wurde. Hier wurden während der NS-Zeit jüdische Kinder versteckt oder von hier aus ins sichere Ausland gebracht.8
Die Familie Harnack war sich in der Ablehnung des NS-Regimes einig. Agnes’ Cousin Arvid Harnack und dessen Frau Mildred Harnack-Fish waren führende Mitglieder des Widerstandsnetzes Rote Kapelle; ihr Bruder Ernst war im bürgerlichen Widerstand aktiv, ebenso wie Arvids Bruder Falk, der zur Weißen Rose gehörte. Drei Mitglieder der Familie – Arvid, Mildred und Ernst – wurden wegen ihrer Widerstandsaktivitäten von den Nationalsozialisten hingerichtet.
Neubeginn nach 1945
Nach Kriegsende lebte Agnes von Zahn-Harnack mit ihrer Tochter bei ihrer Schwester Elisabet von Harnack in Wilmersdorf.9 Ihr Mann war 1944 verstorben, die Wohnung durch Bomben zerstört. Viele Aktivistinnen der Weimarer Republik – insbesondere jüdische und politisch links stehende Frauen – waren ins Exil gegangen oder hatten den NS-Terror nicht überlebt. Zuverlässige Kommunikationskanäle gab es kaum. Agnes von Zahn-Harnack lag jedoch daran, dass Frauen sich schnell organisierten, um ihre Interessen im neuen System vertreten zu können. Bereits am 21. Juli 1945 lud sie 33 alte Verbündete – so viele sie eben erreichen konnte – zu einer Sitzung ein, um einen Verein zu gründen.
Das Vorhaben gestaltete sich schwierig. Der Plan, den Verein ‚Deutscher Frauenbund 1945‘ zu nennen, scheiterte an den Alliierten, die in Berlin nur Vereine auf Bezirksebene erlaubten. So gründeten die Frauen zunächst den ‚Wilmersdorfer Frauenbund 1945‘. 1947 wurde die Erweiterung auf Berlin genehmigt, und nach einigen Diskussionen mit der alliierten Verwaltung darüber, welches Jahr der nun erweiterte Verein als Gründungsjahr führen durfte, heißt er seit 1950 ‚Berliner Frauenbund 1945 e. V.‘.
Der Verein arbeitete unter anderem am kommunalen Frauenprogramm für Berlin mit und beteiligte sich als Gründungsmitglied des Deutschen Frauenrings am Aufbau der westdeutschen Nachkriegs-Frauenbewegung. Seine erste Satzung, die auf der Gründungsversammlung beschlossen wurde, enthält eine Formulierung, die bezeichnend für Agnes von Zahn-Harnacks Haltung war: „Der Deutsche Frauenbund […] ist antifaschistisch und antimilitaristisch.“10
Agnes von Zahn-Harnack führte den Berliner Frauenbund fünf Jahre lang. Sie starb am 22. Mai 1950 im Alter von 65 Jahren.
Was bleibt?
Agnes von Zahn-Harnack war keine der schillerndsten Figuren der Frauenbewegung. Politisch tendierte sie linksliberal, hatte aber auch Ansichten, die heute als konservativ gelten würden. Dennoch war sie eine wichtige Stimme der bürgerlichen Frauenbewegung. Auch wenn nicht jeder Brückenschlag gelang (so konnte die lesbische Aktivistin Hilde Radusch, in jungen Jahren KPD-Mitglied, mit den „Damen“ des Berliner Frauenbunds während ihrer kurzen Mitgliedschaft wenig anfangen11), suchte sie oft die Vermittlung zwischen Frauen unterschiedlicher Hintergründe, Lebenswelten und Generationen. Ihr wohl größtes Vermächtnis ist die Konsequenz, mit der sie immer wieder Stellung gegen Faschismus und Antisemitismus bezog. Ihr schnelles Handeln war maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Bund deutscher Frauenvereine – anders als so mancher Mitgliedsverein – der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten entging.
Netzwerk von Agnes von Zahn-Harnack
Zitate von Agnes von Zahn-Harnack
Biografie von Agnes von Zahn-Harnack
Fußnoten
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1
Bauer, Gisa: Kulturprotestantismus und frühe bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland. Agnes von Zahn-Harnack (1884-1950), Leipzig 2006, S. 117.
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2
Ebenda, S. 129.
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3
Ebenda, S. 125 f.
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4
Stoehr, Irene: Agnes von Zahn-Harnack, in: Genth, Renate et al.: Frauenpolitik und politisches Wirken von Frauen im Berlin der Nachkriegszeit 1945-1949, Berlin 1996, S. 348–358, hier S. 352.
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5
Bauer: Kulturprotestantismus, S. 236.
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6
Ebenda, S. 247.
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7
Bauer, Gisa: Agnes von Zahn-Harnack und Elisabet von Harnack. Liberale Protestantinnen im Widerstand, in: Gailus, Manfred / Vollnhals, Clemens (Hg.): Mit Herz und Verstand. Protestantische Frauen im Widerstand gegen die NS-Rassenpolitik, Göttingen 2013, S. 21–48, hier S. 41.
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8
Ebenda, S. 42 f.
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9
Stoehr: Agnes von Zahn-Harnack, S. 353.
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10
Gründungsprotokoll des Deutschen Frauenbunds 1945 e. V., Nachlass Isa Gruner, LAB B Rep 236-10 Nr. 2; MF 236.
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11
Kommentare von Radusch finden sich handschriftlich auf diverser Korrespondenz in ihrem Nachlass. Vgl. FFBIZ Berlin, Nachlass Hildegard Radusch, B. Rep. 500 Acc. 300 - 40.
Ausgewählte Publikationen
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Zahn-Harnack, Agnes von: Die arbeitende Frau, Breslau 1924.
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Zahn-Harnack, Agnes von: Die Frauenbewegung. Geschichte, Probleme, Ziele, Berlin 1928.
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Zahn-Harnack, Agnes von / Sveistrup, Hans (Hg.): Die Frauenfrage in Deutschland. Strömungen und Gegenströmungen 1790 – 1930. Sachlich geordnete und erläuterte Quellenkunde, Burg b. M. 1936.
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Zahn-Harnack, Agnes von: Adolf von Harnack, Berlin 1936.
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Bauer, Gisa: Kulturprotestantismus und frühe bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland: Agnes von Zahn-Harnack (1884-1950), Leipzig 2006.
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Bauer, Gisa: Agnes von Zahn-Harnack und Elisabet von Harnack: Liberale Protestantinnen im Widerstand, in: Manfred Gailus und Clemens Vollnhals: Mit Herz und Verstand: Protestantische Frauen im Widerstand gegen die NS-Rassenpolitik, Göttingen 2013, S. 21–48.
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Stoehr, Irene: Agnes von Zahn-Harnack, in: Renate Genth u. a., Frauenpolitik und politisches Wirken von Frauen im Berlin der Nachkriegszeit 1945 – 1949, Berlin 1996, S. 348–358.